Kaum eine deutsche Plattenfirma hat den Sound der musikalischen Welt so nachhaltig geprägt wie ECM. Seit der Gründung im Jahr 1969 verkörpert die “Edition of Contemporary Music” kreative Freiheit und präzise Klangqualität im Jazz und der zeitgenössischen Musik. Besonders in den 1970ern schuf das Label einen Sound, der völlig neue Genres prägte und großartige Musik-Ikonen hervorbrachte. Hier ist die Geschichte, wie ein kleines Independent-Label aus München einen Klang schuf, der bis heute MusikerInnen, ProduzentInnen und HörerInnen gleichermaßen beeinflusst.

Wie entstand ECM?
Die Geschichte von ECM beginnt in den späten 60ern in München. Nachdem Kontrabassist und Produzent Manfred Eicher, geboren 1943 in Lindau, in Berlin Musik studierte und sich intensiv mit Jazz beschäftigte, arbeitete er hier als Musiker und Produzent. Zudem sammelte er als Produktionsassistent bei der Deutschen Grammophon wichtige Erfahrungen mit den hohen technischen Ansprüchen für klassische Konzert- und Studioaufnahmen.
Eicher wünschte sich, diese beiden Klangwelten, die intuitive Freiheit des improvisierten Jazz und die klangliche Tiefe und Präzision der Klassik, miteinander zu verbinden. Jazz sollte nicht nur nach beiläufig aufgenommenem Zusammenspiel klingen, sondern mit derselben technischen Präzision und Aufmerksamkeit wie Klassik behandelt werden. Mit diesem Ansatz gründete Eicher 1969 offiziell das neue ECM-Records-Label.
Im selben Jahr erschien das erste Album des Labels namens Free at Last von dem amerikanischen Pianisten Mal Waldron. Das Ziel war klar: ECM konzentrierte sich vor allem auf modernen, experimentellen und avantgardistischen Jazz, welcher bei den großen Labels und Plattenfirmen nicht unbedingt im Mittelpunkt stand. Hiermit entwickelte sich ECM bereits in den folgenden Jahren zu einer wichtigen Plattform für verschiedene Musiker und Musikerinnen aus Europa und den USA. Mit Künstlern wie Keith Jarrett, Jan Gabarek, Chick Corea, Gary Burton, Pat Metheny, Eberhard Weber und weiteren wurde ECM zu einem weltweiten Phänomen.
Was zeichnet den ECM-Sound aus?
In Bezug auf das Label wird oft von dem “ECM-Sound” beziehungsweise dem ECM-Style-Jazz als Genre gesprochen. Dabei ist eben jenes Klangbild gemeint, welches von klanglicher Tiefe, Transparenz und Detailgenauigkeit geprägt ist. Eicher betrachtete hier die Aufnahmetechnik nicht als Selbstzweck, sondern nutzte Mikrofone, Bühnen und den Raum gezielt, um die musikalische Idee zu unterstützen.
Viele ECM-Aufnahmen wirken daher außergewöhnlich ruhig, offen und atmosphärisch, teils sogar minimalistisch. Zwischen den einzelnen Instrumenten und Soli wird oft viel Raum gelassen, in welchem sich die Ideen und Motive entfalten können. Dabei spielen der Nachhall und manchmal sogar völlige Stille eine wichtige Rolle für die Aufnahme. Insbesondere bei ruhigen und kammermusikalischen Aufnahmen entsteht hierdurch eine einzigartige Intimität und Nähe.

Mit dieser technischen Überschneidung von Elementen aus Jazz, Klassik und Rock schuf ECM eine neue Herangehensweise an den modernen Jazz. Aus dem daraus entstandenem Stil entwickelte sich eine europäische Jazz-Spielart, die sich von der dominierenden amerikanischen Jazztradition unterschied. Während der Jazz in den USA tief in afroamerikanischer Kulturgeschichte verwurzelt war und sich zunehmend in Richtung Hard Bop und Free Jazz bewegte, suchte Eicher nach einer eigenständigen europäischen Klangsprache, woraus der Bezug zur westlichen Klassik entstand.
Dennoch gibt es, laut ECM, trotzdem keinen universellen “ECM-Sound”. Jede Aufnahme sei auf die jeweilige Musik angepasst, die von Jazz-Fusion und Jazz-Rock über Big-Band bis zu Minimalismus und Ambient reichen kann. Genau hier liegt die Stärke des Labels. Die Aufnahmen richten sich voll nach dem Klang der einzelnen Künstler, wobei diesen eine kreative Fläche geboten wurde auf der sie ihre Ideen ohne große Vorgaben, frei entwickeln konnten.
Die großen ECM-Aufnahmen
Für die meisten ist ein Name besonders eng mit dem ECM-Label verbunden: Keith Jarrett. Über Jahrzehnte hinweg nahm der amerikanische Pianist zahlreiche Alben unter ECM auf. Die wohl wichtigste Aufnahme von Keith Jarrett bildet The Köln Concert aus dem Jahr 1975. Es ist ein vollständig improvisierter Soloauftritt des Pianisten, der zudem unter prekären Umständen und ohne jegliche Vorbereitung entstand. Doch durch diese rohe Energie und Emotionalität wurde die Aufnahme zu einem riesigen Hit für das Label und gilt bis heute als meistverkaufte Platte der Jazzgeschichte.

Doch Jarrett ist nur ein Teil der ganzen Geschichte. So prägte der US-amerikanische Gitarrist Ralph Towner das Label vor allem mit der Gruppe Oregon und seinen präzisen, stark von klassischer Musik und Folk beeinflussten Kompositionen. Auch der US-amerikanische Gitarrist Pat Metheny gehörte zu den prägenden Künstlern des Labels. Durch sein virtuoses, zugleich aber weiches Gitarrenspiel verhalf auch er dem Label zu internationalen Erfolgen. Der norwegische Saxofonist Jan Gabarek wiederum entwickelte einen einzigartig ruhigen, fast schon asketischen Sound, und wurde damit zu einer der wichtigsten Stimmen des europäischen Jazz.
ECM verhalf neben Jan Gabarek noch zahlreichen anderen europäischen Musikern und Musikerinnen zum internationalen Erfolg. Unter ihnen Kontrabassisten Dave Holland und Eberhard Weber, Gitarrist Terje Rypdal, Trompeter Tomasz Stańko und noch viele weitere.
Minimalismus und Klassik

In den 70er Jahren erweiterte sich das Programm des Labels zunehmend, wobei sich ECM zunehmend zeitgenössischen Kompositionen und moderner Klassik zuwandte. Hierbei entstand das legendäre Music for 18 Musicians von Steve Reich in den Jahren 1974–76 – ein minimalistisches Werk aus elf Abschnitten, die jeweils auf einen einzigen Akkord beruhen und durch rhythmische Überlagerungen eine fast meditative Atmosphäre schaffen. Das Album war sogar so erfolgreich, dass es in die Pop-Charts gelangte, was ein wichtiger Meilenstein für den Minimalismus darstellt. Besonders in den 80ern fanden auch andere klassische Komponisten wie Arvo Pärt, György Kurtág und Heinz Holliger ein Zuhause im ECM-Katalog.
Einfluss in der Musikwelt
ECMs Einfluss blieb aber nicht nur auf die Jazzwelt beschränkt. Selbst große Stars aus Rock und Pop waren von den atmosphärischen ECM-Aufnahmen begeistert. So erklärte beispielsweise Kate Bush, dass sie ein großer Fan sei und besonders die Arbeit von Eberhard Weber schätze. Tatsächlich arbeitete Weber später mit Kate Bush zusammen und steuerte unter anderem auf dem Album The Dreaming, Hounds of Love und The Sensual World mit seinem charakteristischen E-Kontrabasssound bei.

Auch David Bowie schien viel von den ECM-Aufnahmen gehalten zu haben. Er arbeitete mit wichtigen ECM-Musikern wie Pat Metheny zusammen, mit welchem er den gesellschaftskritischen 1985-Hit “This is not America” veröffentlichte. Pat Metheny begleitete übrigens auch Folk-Legende Joni Mitchell auf Tour und bei einigen Studioaufnahmen. Trompeter Jon Hassell, welcher ebenfalls Alben bei ECM veröffentlichte, kooperierte unter anderem sogar mit David Sylvian, Brian Eno, Tears for Fears und Lloyd Cole.
Fun Fact: Auch Apple-Gründer Steve Jobs war ein bekennender Liebhaber des Labels. Die minimalistische Ästhetik und klangliche Perfektion gefiel ihm so sehr, dass er Keith Jarretts Musik regelmäßig bei Apple-Präsentationen im Hintergrund laufen ließ, um die Audioqualität der Computer oder iPods zu demonstrieren.
Es lässt sich kaum leugnen, dass die Wellen des Plattenlabels weit über den Jazz hinausreichten. Die ECM-Ästhetik lässt sich dabei perfekt mit der aufkommenden Pop-, Rock- und Folk-Musik verbinden, die einen großen Wert auf die kreative Freiheit legte.
Die Kunst der ECM-Cover
Ein kleines, aber dennoch sehr wichtiges Detail der Identität des ECM-Labels liegt in der besonderen Gestaltung der Albencover. Ähnlich wie die Musik sind die Cover hier häufig minimalistisch, ruhig und atmosphärisch. Anstelle von Künstlerporträts setzen die Cover auf Landschaften, Fotografien oder Gemälde, um einen ersten Eindruck über die Musik zu vermitteln.



Dazu kommt meist eine freie, leere Fläche, die quasi als Rahmen der eigentlichen Bilder dient. Genau wie bei der Musik zählt bei den Covern nicht nur das Gezeigte, sondern viel mehr das Nicht-Gezeigte. Übrigens bestand Eicher darauf, dass erklärende Begleittexte nicht auf den Sleeves abgedruckt werden sollten. Die Musik solle für sich selbst sprechen.
Mit dieser Herangehensweise entwickelte ECM eine eigene visuelle Sprache, die als wiedererkennbares Markenzeichen des Labels fungiert. Über die Jahre wurde Albumkunst von ECM daher vielfach gesammelt, ausgestellt und in Büchern festgehalten.



Warum ist ECM so besonders?
Die Bedeutung von ECM liegt schließlich in der künstlerischen Identität der Plattenfirma. Für sie ist ein Album keine einfache Sammlung von Musikstücken, sondern ein Gesamtkunstwerk, wobei Mikrofonierung, Aufnahmeort, Klangbearbeitung und die Cover zu dieser Kunst beitragen. ECM zeigt, wie ein Label die Künstler als Partner und Assistent unterstützen kann und nicht nur auf Profit abzielt.
Seit 1969 hat ECM mehr als 1.800 Alben veröffentlicht. Das Label hat dabei vielen Musikern eine langfristige Heimat gegeben, in der sie über Jahrzehnte experimentieren und musizieren konnten. Dadurch entstanden nicht nur erfolgreiche Alben, sondern ganze künstlerische Entwicklungen, die durch die Aufnahmen dokumentiert wurden. Es war ein Ort des kreativen Diskurses, der die Grenzen der Genres und musikalischen Konventionen oft überschritt.
Heute lässt sich ECM-Records kaum noch anhand bestimmter Musikstile definieren. Vielmehr verbindet das Label eine klare Haltung zur Musik: aufmerksam, detailorientiert und experimentierfreudig. Entscheidend ist hierbei die kreative Zusammenarbeit zwischen Künstler, Produktion und der Plattenfirma. Nur so konnten die technischen Meisterwerke entstehen, die die Musikgeschichte beeinflussten und sich millionenfach verkauften. Somit wurde schließlich ein kleines Münchner Label zu einem der prägendsten Elemente der modernen Jazz- und Klassikgeschichte, dessen Auswirkung wir noch heute spüren können.
