Anzeige

Spitfire Audio Solo Strings Test

Praxis

Instrumente und Artikulationen

Ich beginne mit den drei Violinen und der Frage: Werde ich einen Unterschied hören? Ja, ich höre tatsächlich einen. Während Virtuoso warm und singend klingt, kommt 1st Desk etwas nüchterner um die Ecke. Progressive liegt in meinen Ohren dazwischen, weniger nüchtern als 1st Desk und mit solistischem Einschlag, aber weniger singend und vibrierend als Virtuoso. Unterm Strich bleibt anzumerken, dass sich die drei Violinen um Nuancen unterscheiden, was bei vielen Produktionen in der Praxis vermutlich kaum eine Rolle spielen dürfte, aber ein weiterer Beleg für den sympathischen Wahnsinn von Spitfire Audio ist und einem allerhand Möglichkeiten eröffnet, falls es Violinen-technisch doch einmal ums Ganze geht. 
Ich spiele mit den Artikulationen herum, die grafisch erfreulich griffig dargestellt sind und alles abdecken, was man im Tagesgeschäft so braucht. Neben dem ganz Üblichen gibt es ein paar schöne Sachen zu entdecken, zum Beispiel Flautando, eine Bogentechnik, die für einen weichen, flötenartigen Ton sorgt. Außerdem kurze Col Legnos (mit der Holzseite des Bogens auf die Saite) und eine Artikulation, von der ich noch nie gehört habe und die sich „brush c. s.“ nennt. C. s. steht für „con sordino“, klar, aber brush? Ein Blick ins Handbuch offenbart, dass es sich um eine Art weiches Staccato handelt, besonders gut geeignet für Barockmusik. Ah ja. Die kurzen Artikulationen (Staccato, Pizzicato, Spiccato, etc.) empfinde ich als wesentlich befriedigender als die langen. Nicht nur weil sie im Gegensatz zu den langen anschlagsdynamisch funktionieren, sondern auch weil bei den langen Artikulationen seltsame chorus- und reverbartige Artefakte entstehen, wenn man den Dynamik-Regler benutzt. Und ohne den kommt man nicht weit. 
Auch die leiseren Samples klingen für mich dort nicht überzeugend. Dass es sich um Samples handelt, die piano eingespielt wurden, höre ich in erster Linie am Bogenwechsel. Es fühlt sich irgendwie an, als hätte man bei forte Samples die Volume runtergedreht. Ich habe keinen Weg gefunden, ein zufriedenstellendes Pianissimo herzustellen. Und damit werde ich diese Library entweder nur für die kurzen Artikulationen nutzen oder in ihrer Gesamtheit verwenden, wenn im Playback ansonsten eine Menge passiert. Solistische Verwendungen im Sinne eines Streichquartettsatzes oder Ähnlichem sehe ich nicht kommen.

Audio Samples
0:00
Spitfire_01_Solo_Strings.wav Spitfire_02_Solo_Strings.wav Spitfire_03_Solo_Strings.wav Spitfire_04_Solo_Strings.wav Spitfire_05_Solo_Strings.wav Spitfire_06_Solo_Strings.wav Spitfire_07_Solo_Strings.wav Spitfire_08_Solo_Strings.wav Spitfire_09_Solo_Strings.wav Spitfire_10_Solo_Strings.wav Spitfire_11_Solo_Strings.wav Spitfire_12_Solo_Strings.wav

Mikropositionen und Dynamik-Regler

Die Mikroposition im Artikulationsfenster lassen sich per Fader und mit close und far am jeweiligen Ende der Skala regeln. Als ich den Fader das erste Mal bewege, fängt es an zu ruckeln, denn die entsprechenden Samples müssen erst geladen werden. Leider gibt es keinen Weg, alle Samples kontinuierlich im RAM zu halten und per CC Switch stufenlos zwischen den Positionen far und close zu wechseln. An irgendeiner Position hakt es immer, da Samples nachgeladen werden müssen. Ich finde schließlich eine Mikroposition, die mir gefällt, und würde diese gerne auf andere Instrumente übertragen. Aber hier kommt mir die wahnsinnig kleine grafische Darstellung in die Quere – kombiniert mit der Tatsache, dass der Fader ohne jegliche Skalen und Raster auskommt. Die Regler Dynamics, Expression, Release und Vibrato sind selbsterklärend, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass gerade Dynamics überlebenswichtig ist, denn wie bereits angedeutet funktionieren die langen Artikulationen nicht anschlagsdynamisch, sondern müssen komplett gefahren werden. Ich finde das eher ‚geht so‘; es widerspricht meiner Intuition, dass Instrumente nicht auf Anschlagsstärke reagieren. Aber gut, so ist es halt und ich muss mir angewöhnen, die Dynamik in diesem Fall zu fahren während ich aufnehme. 

Tiefer in den Kaninchenbau; Stereoweite und Round Robins

Diese beiden Parameter sind wirklich ganz feines Feintuning im Sinne von Klangcharakter. Die sich ändernde Stereoweite höre ich noch recht deutlich, bei den vier Presets für das Round Robin Verhalten wird es diffizil. Audiobeispiel 13 fährt im ersten Ton durch die verschiedenen Einstellungen der Stereoweite, die nächsten vier Töne widmen sich den vier Round Robin Layern. Die Einstellungen machen zwar einen Unterschied, aber während ich mich durch die subtilen Differenzen höre, bin ich doch verwundert, dass man sich bei Spitfire um solch klangliche Feinheiten kümmert, während klangliche Grobheiten, wie die weiter oben beschriebenen Artefakte, offensichtlich nickend durchgewunken werden.

Total Performance

Das für die Violine Virtuoso verfügbare Instrument „Total Performance“ ist natürlich der Traum aller faulen Komponisten: ein Instrument, das die Intentionen des Interpreten erkennt und automatisch die entsprechenden Artikulationen triggert. So weit die schöne Theorie. Zugegeben, es funktioniert ganz gut und es ist ja erstaunlich genug, dass es überhaupt ad hoc funktioniert. Aber in meinen Ohren klingt das Ergebnis nicht so gut, als dass ich das Instrument im Arbeitsalltag verwenden könnte. Auch hier entstehen wieder die seltsamen Chorus- und Reverbartefakte, als würde die Violine in ihrer Distanz zum Mikro in einem 20-Meter-Radius bedrohlich schwanken. Ich sehe ein, dass das mit dem Ad-hoc-triggern von Samples nicht einfach ist. Aber warum überlegt man dann nicht eine Record-Lösung à la Melodyne? Einspielen im „Total Performance“ Modus, der schon mal alles grob hinstellt, dann rendern, anschließend ein vernünftiges klangliches Ergebnis haben. Es gibt auf der Spitfire Audio Website ein Video, in dem dieses Instrument anhand einer hauseigenen Komposition vorgestellt wird. Und es klingt atemberaubend. Aber das, was bei mir rauskommt, ist alles andere als atemberaubend. Was den Verdacht nahelegt, dass der Fehler auf meiner Seite zu suchen ist. Nur: Wenn das Instrument nicht so intuitiv und selbsterklärend funktioniert, dass man schnell die gewünschten Ergebnisse erhält, verliere ich schnell die Lust. Zumindest wenn ich zu einem Hersteller gehe, von dem ich schnell gut klingende Ergebnisse erwarte. Wenn ich stundenlang an Feinheiten basteln will, gehe ich zu VSL. 

Legato

In schwächerer Form gelten meine Anmerkungen über „Total Performance“ auch für die „Legato“-Instrumente. Die Velocity triggert hier drei verschiedene, default miteinander verknüpfte Legato-Spielweisen, Finger-Legato, Bogen-Legato und Portamento. Dass es überhaupt Finger- und Bogen-Legato gibt, finde ich super. Der hörbare Unterschied liegt zwar wieder im Detail, aber er ist vorhanden. Natürlich lassen sich die drei Artikulationen auch unabhängig voneinander steuern. Ansonsten gilt hier leider auch: seltsame Artefakte und Phasing-Effekte bei wechselnder Dynamik.

Time Machine

Die Time Machine Instrumente dienen der zeitlichen Feinabstimmung der kurzen Artikulationen, und das ist wirklich ein einziger Spaß. Wie bereits erwähnt sind die kurzen Artikulationen super und die beiden Regler Stretch und Tightness machen sie noch mal superer. Stretch dehnt oder staucht die Länge der Töne beträchtlich – und klingt dabei hervorragend. Für das, was dieser Regler macht, brauchen andere Libraries individuelle Sample-Sets.  Tightness ist dem Phänomen geschuldet, dass der eigentliche Anfang eines Tones nicht unbedingt auch der hörbare Anfang eines Tones ist (Stichwort Einschwingphase). Die sich von Ton zu Ton ergebenden kleinen Schwankungen lassen sich mit dem Tightness-Regler ausgleichen. Ich schiebe das Ding ganz nach rechts und erhalte ein sensationell artifizielles Ergebnis, das überhaupt nicht klargeht. Dann schiebe ich den Regler wieder nach links, bis ich zufrieden bin. Positionsungenauigkeiten, die durch dieses Prozedere im Gesamtzusammenhang entstehen, gleiche ich per Spur-Minusdelay der DAW aus. So lassen sich aus demselben Sample-Material stilistische Ergebnisse von artifiziell-seltsam bis sehr natürlich herstellen.

Ostinatum

Um die Freuden des Ostinatum zu entdecken, habe ich etwas länger gebraucht. Am Anfang sah mir das sehr nach einem Arpeggiator aus, der lediglich nicht so intuitiv und benutzerfreundlich funktioniert wie die meisten anderen Arpeggiatoren. Es geht schon damit los, dass man eine kurze Artikulation auswählen muss, um Ostinatum überhaupt anwählen zu können. Danach wird es allerdings interessant; sechzehn Notenwerte (von ganzer Note bis Vierundsechzigstel, inklusive Achtel- und Sechszehntel-Triolen) lassen sich manuell pro Pattern maximal eingeben. Der Clou ist, dass die zur Verfügung stehenden Notenwerte sich frei kombinieren lassen und stoisch nacheinander abgefeuert werden. Das heißt nach einer Achtel kann eine einzelne Sechszehntel-Triole kommen, danach eine Zweiunddreißigstel, gefolgt von einer Viertel, gefolgt von einer Achtel-Triole usw. Daraus ergeben sich Rhythmen, die sich in der realen Welt kaum spielen und notieren lassen, da so etwas wie eine einzelnstehende Achtel-Triole nicht vorkommt, sondern sie immer nur im Verbund mit zwei weiteren Achtel-Triolen auftaucht. Auf diese Weise können Rhythmen kreiert werden, die sich so nicht anders realisieren lassen, jedenfalls auf keine mir bekannte Art (von aufnehmen und manuell zusammenschneiden mal abgesehen). Durch sukzessive Tonverschiebung kommt Bewegung in die Sache und unter Einbeziehung der drei verschiedenen Optionen zur Reihenfolge der Tonwiedergabe (wie angeschlagen, aufwärts, abwärts) kann man bereits ein einzelnes Pattern gleichzeitig vertraut und doch immer wieder anders klingen lassen.

Audio Samples
0:00
Spitfire_13_Solo_Strings.wav Spitfire_14_Solo_Strings.wav Spitfire_15_Solo_Strings.wav Spitfire_16_Solo_Strings.wav Spitfire_17_Solo_Strings.wav
Kommentieren
Kommentare vorhanden
Schreibe den ersten Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.