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Interview: Noah Fürbringer

Blickt man auf die verschiedensten Lebensbereiche, scheint es, als würde jede neue Generation die alte überbieten. Insbesondere durch immer schneller werdende technische Neuerungen scheint der Fortschritt unglaublich rasant. Das macht natürlich auch nicht vor MusikerInnen halt, die, begründet durch den viel umfassenderen, multimedialen Zugang zu Musik, stets mit neuen Höchstleistungen auftrumpfen. Nicht selten bleibt aber dadurch das auf der Strecke, worum es eigentlich geht – die Musikalität. Paart sich jedoch technische Versiertheit mit künstlerischem Empfinden, sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. 

Foto von Lea Bräuer.
Foto von Lea Bräuer.


Der 1995 in München geborene Noah Fürbringer ist eine dieser wertvollen Kombinationen aus handwerklicher Fähigkeit und künstlerischem Sendungsbewusstsein. So schafft er es, aus der Masse herauszustechen und bereits in jungen Jahren von sich reden zu machen. Höchste Zeit also, mit ihm persönlich zu sprechen. Wir trafen ihn im Frühsommer in seiner neuen Wahlheimat Berlin und sprachen mit ihm über seinen Werdegang, aktuelle Projekte und warum Disziplin und künstlerische Freiheit kein Widerspruch sind.

Hallo Noah! Viele Drummer kennen dich durch dein abgefahrenes Drumming auf Social Media Videos. Erzähl mal ein bisschen von dir. Wie kamst du zur Musik und zum Schlagzeug und wie war dein Werdegang bis heute?
Meine Eltern arbeiten beide als Regisseure und sind sehr kunstaffin. Mein Vater hat viele Musikfilme gemacht, weshalb ich seit meiner Geburt immer von Musik umgeben war und immer die Unterstützung meiner Eltern hatte. Das war natürlich extrem viel wert. Mein Vater hat auch immer schon Schlagzeug gespielt, deshalb konnte ich schon ganz früh auf unserem Pearl Fiberglass Set spielen. Ich bin in München aufgewachsen, habe dort Unterricht genommen und nach der Schule dann schon viel in Bands und Projekten gespielt. Zusätzlich habe ich dann den Popkurs in Hamburg gemacht, bei dem ich Jost Nickel kennengelernt habe. Wir haben uns da angefreundet und von ihm habe ich auch von der Popakademie in Mannheim erfahren. Dort habe ich dann studiert. Das war echt ein cooles Studium, vor allem hatte ich sehr viel Zeit zu üben und habe von allen Seiten Input bekommen, weil auch sehr viele unterschiedliche Drummer in meinem Jahrgang waren. Im ersten Jahr lag im Studium viel Fokus auf Musikbusiness, weshalb ich dann oft noch bis tief in die Nacht die Zeit zum Üben genutzt habe. Im zweiten Jahr war ich dann schon viel unterwegs und häufig in Berlin und habe hier Kontakte knüpfen können.
Viele junge MusikerInnen fragen sich, wie man im Profibereich Fuß fassen kann. Du bist in München aufgewachsen und hast in Mannheim studiert. Wie bist du schlussendlich in Berlin gelandet und glaubst du, dass ein Umzug nach Berlin notwendig ist, damit man die eigene Karriere voranbringen kann?
Ich denke schon, dass in Berlin musikalisch in Deutschland immer noch am meisten passiert. Natürlich gibt es auch in Köln eine gute Jazz-Szene, aber Berlin ist schon die Musikmetropole. Irgendwann zieht es alle hier her. Ich war häufig mit dem aus Neuseeland stammenden Noah Slee hier. Über ihn habe ich dann viele Leute aus Berlin kennengelernt und auch hin und wieder mit Produzenten gearbeitet. Ich glaube, ich habe irgendwie auch zur richtigen Zeit die richtigen Leute getroffen. Leider war dann 2019 ein schlimmes Jahr für mich, weil ich da Pfeiffersches Drüsenfieber bekommen habe. Bei mir war das so schlimm, dass ich fast ein ganzes Jahr Pause machen musste. Danach wollte ich etwas verändern und bin aus Mannheim nach Berlin gezogen.
Wie hast du das letzte Jahr verbracht?
In einer Pandemie in Berlin anzukommen, ist natürlich nicht optimal. Aber mir fehlt es nicht an Leidenschaft und Hoffnung. Außerdem sind meine Projekte den Umständen entsprechend gut weiter gelaufen, auch wenn man nicht live spielen konnte. Das nervt natürlich schon, aber ich habe die Zeit auch genutzt, um meine Soloplatte aufzunehmen, die jetzt fertig wird. Ich hatte viele unterschiedliche Combos im Bereich Jazz und Fusion in Mannheim, mit denen ich wahrscheinlich nicht wirklich weiter spielen kann, wenn ich hier wohne. Ich wollte diese Projekte würdig abschließen und die Songs aufnehmen. Da ist jetzt eine richtig bunte Platte mit 12 Tracks entstanden. Ansonsten nutze ich die freie Zeit aktuell und bin oft im Proberaum am Drumset.

Stilistisch bewegt sich Noah auf unterschiedlichen Pfaden, jedoch ist ihm immer die Kultur dahinter wichtig. (Foto von Mandy Mellenthin.)
Stilistisch bewegt sich Noah auf unterschiedlichen Pfaden, jedoch ist ihm immer die Kultur dahinter wichtig. (Foto von Mandy Mellenthin.)

Wieviel übst du aktuell?
Och, das sind schon so vier bis fünf mal die Woche für fünf Stunden, denke ich. Wieviel ich dann wirklich konkret übe, kann ich dir nicht sagen. Ich habe da keinen konkreten Plan oder irgendwelche Routinen. Vieles kommt vom Hören oder aus dem Bauch. Ich treffe mich auch häufiger mit Felix Lehrmann und Christian Lillinger und wir spielen einfach. Gerade Felix ist echt ein guter Freund und zu einer Art Mentor geworden. Felix und Christian spielen beide unfassbar geil und sind auch Drummer, die nicht nach einem Übungsplan oder sowas agieren. Das hat mir sehr geholfen. Mittlerweile übe ich auch weniger, um ein Sticking zu erlernen, sondern um die Ideen in meinem Kopf umsetzen zu können. Ich habe über die Zeit des Lockdowns gemerkt, dass ich nach wie vor die Begeisterung und die Disziplin habe, mich wirklich intensiv mit meinem Instrument auseinanderzusetzen. Ich denke auch, dass ein Instrument spielen weniger mit Talent, sondern viel mit Disziplin zu tun hat. Natürlich kommt es ein bisschen darauf an, wann man mit Musik in Berührung kommt, aber ohne Disziplin beim Erlernen hilft einem das auch nicht. Natürlich ist es auch mal gut, ein Stück vom Instrument wegzugehen, um vielleicht wieder einen anderen Zugang zu finden. Eine Pause im Lernzyklus ist ja genauso wichtig wie das Üben. Das Gehirn muss die ganzen Informationen ja erst verarbeiten und auch „Muscle Memory“ kann nur durch eine Pause entstehen. Aber mittlerweile merke ich es schon, wenn ich zwei Tage nicht am Instrument saß. Das kann als Schlagzeuger auch schon echt nerven, weshalb ich dann zumindest versuche, eine Stunde am Tag am Pad zu üben.

Seit 2019 macht Noah in der Berliner Musikszene von sich reden. (Foto von Simon Stöckl.)
Seit 2019 macht Noah in der Berliner Musikszene von sich reden. (Foto von Simon Stöckl.)

Wenn man Videos von dir guckt, sieht man, dass du dich sehr komplex und trotzdem immer musikalisch durch verschiedene Stilistiken bewegst. Wie hat sich das bei dir entwickelt?
Ich glaube, das hat tatsächlich viel mit der Art und Weise zu tun, wie ich an Musik herangeführt wurde und sie auch heute höre. Ich habe durch meine Eltern schon früh Musik gehört, die eher komplexer war, weshalb sich das aber für mich nicht unbedingt unnatürlich angefühlt hat. Natürlich war das eine oder andere Avantgarde-Konzert echt anstrengend, aber dadurch habe ich angefangen, mich noch intensiver mit dem Fundament dieser Musik zu beschäftigen. Natürlich hatte ich auch eine Metal-Phase und habe Licks geübt, aber ich wollte mich schon immer sehr intensiv mit der Kultur hinter der Musik auseinandersetzen, was viel zum Verständnis beigetragen hat und sicherlich auch meinen Sound geprägt hat.
Wo zieht es dich musikalisch gerade am meisten hin?
Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Ich habe gerade ein Projekt mit Vincent von Schlippenbach vom Produzententeam „The Krauts“. Bei denen finde ich vor allem den Spagat zwischen modernen, poppigen Produktionen zum einen, und dann wiederum den Verwirklichungen der eigenen Projekte in kleinen Jazzclubs toll. Die Balance zwischen Dienstleistung im besten Sinne und Herzensprojekt ist mir sehr wichtig.

Sind Drum-Workshops für dich auch ein Thema?
Ja, das kommt gerade immer mehr. Auch da spielt die Balance wieder eine große Rolle. Ich muss auch sagen, dass ich krassen Respekt vor Workshop-DrummerInnen habe. Ich mag auch die große Community in der Drummerwelt und den gegenseitigen Austausch sehr. In einer Band ist der Fokus der ZuschauerInnen ja auf dem Gesamtklang, während bei einem Workshop dir echt alle auf die Finger gucken. Das ist schon eine große Herausforderung, die mir aber echt Spaß macht.
Kommen wir mal zum Equipment. In deinen Videos sieht man häufig speziell gedämpfte Trommeln und Becken, die dadurch teilweise einen sehr „produzierten“ Sound ergeben. Welchen Stellenwert hat Equipment für dich und deinen Sound?
Natürlich tragen sowohl Klang, als auch Spielgefühl sehr zu meinem Sound bei. Ich bin kein großer Nerd, was Instrumente betrifft, sondern benutze, was mir gefällt. Da geht es mir weniger um die Marke, technische Spezifikationen oder das jeweilige Material. Grundsätzlich hat das Drumset, an dem ich spiele, einen großen Einfluss auf mein Wohlbefinden und meinen Sound. Ich klinge auf einem Drumset nicht besonders gut, das ich nicht gut finde oder gar nicht kenne. Das heißt aber auch nicht, dass es unbedingt ein teures Set sein muss. Ich habe schon auf so vielen Schrottkisten gespielt, die ich aber irgendwie trotzdem geil fand. Durch mein Endorsement habe ich jetzt ein unglaubliches DW Set bekommen, das ich wirklich liebe, aber das Produkt darf für mich nicht über der Musik oder dem eigenen Sound stehen.

„Ich denke, dass ein Instrument spielen weniger mit Talent, sondern viel mit Disziplin zu tun hat.“ (Foto von Simon Stöckl.)
„Ich denke, dass ein Instrument spielen weniger mit Talent, sondern viel mit Disziplin zu tun hat.“ (Foto von Simon Stöckl.)

Wechselst du in deinem Setup viel aus?
Bei meinem Album, das ich jetzt gerade aufgenommen habe, war es schon ein Sound, der auf das Projekt abgestimmt war. Ich hatte zwei Snares dabei und habe hin und wieder mal ein Becken gewechselt, aber sonst nicht großartig viel verändert. Wir haben auch an zwei Tagen 12 Songs aufgenommen, weshalb es da alleine zeitlich keine große Möglichkeit gab, für jeden Song viel zu wechseln oder gar komplett andere Drums aufzubauen. Grundsätzlich variiert mein Setup aber sehr. Natürlich spielt persönlicher Geschmack eine Rolle, aber er sollte nicht gegen den Sound der Produktion gehen. Bei der Indieband „Fibel“ musste ich mich beispielsweise richtig umgewöhnen und spiele da auch eine typische tiefe Snare. Vor allem im Studio kann man ja mit den Instrumenten wahnsinnig viel zum Sound der Produktion beitragen. Da arbeite ich mich gerade auch sehr rein, damit ich mich anständig aufnehmen kann.
Gibt es für dich konkrete Ziele für die Zukunft?
In erster Linie hoffe ich, dass wir alle möglichst bald und gesund aus diesem ganzen Schlamassel rauskommen. Ich warte es gerade einfach ab und genieße die Projekte sehr, in denen ich spiele. Ich hoffe natürlich, dass das alles bald wieder Schwung aufnimmt und man mal wieder spielen kann. Das wird unglaublich, wenn wir dann endlich wieder auf die Bühne können! 
Vielen Dank für’s Gespräch!

Noah kombiniert sein DW Set mit Paiste Becken und Remo Fellen. (Bild von Capadol.)
Noah kombiniert sein DW Set mit Paiste Becken und Remo Fellen. (Bild von Capadol.)
Noahs Equipment:
  • Drums:
  • DW Jazz Series Cherry/Gum
  • 22“x16“ Bassdrum
  • 10“x8“ Tom
  • 12“x9“ Tom
  • 14“x16“ Floortom
  • 16“x16“ Floortom
  • DW 9000 Pedal
  • Becken: Paiste
  • 15“ Paiste Masters Dark Hi-Hat
  • 19“ Paiste 602 Paperthin Crash
  • 22“ Paiste Masters Dark Ride
  • 14“ Paiste PSTX Hats
  • 20“ Paiste Masters Crash/Ride
  • Felle: Remo
  • Bassdrum: Remo PS3 Coated
  • Toms: Remo Emperor Coated
  • Toms Reso: Remo Diplomat Coated
  • Snare: Ambassador Coated

Instagram: https://www.instagram.com/noah_fuerbringer_

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von Alex Höffken

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