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Test
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06.02.2020

Waldorf Kyra Test

VA-Synthesizer mit Multimode und 128 Stimmen

Vielseitiger Digital-Synthesizer mit inspirierendem Sound

Es erscheint in diesen Tagen, in denen aktuelle Synthesizer-Veröffentlichungen eher wie Zeitreisen in die 1970er und 1980er Jahre wirken; fast schon mutig einen volldigitalen Synthesizer auf den Markt zu bringen. Die Rede ist von Waldorfs multitimbralen VA-Synthesizer „Kyra“. Seine Besonderheit ist, dass die Klangberechnung hier durch einen FPGA-Chip erfolgt (Field Programmable Gate Array) – einem Mikroprozessor der - anders als klassische CPUs, die Prinzip-bedingt Alleskönner sind - hoch optimiert auf eine feste Aufgabe programmiert werden kann und sie entsprechend schnell und vor allen Dingen parallel erledigt. Im Fall des Kyra berechnet der FPGA-Chip satte 128 Stimmen, die auf acht eigenständige Parts verteilt werden können von denen jeder mit 9 Effekten gleichzeitig belegt werden kann. In der Summe warten im Geräte also 72 (!) Effekte auf ihren Einsatz.

Details

Es gibt – neben der Leistung - noch einen zweiten Aspekt der den Einsatz von FPGAs im Gegensatz zu DSPs im Design Virtueller Synthesizer hervorhebt. Der geistige Vater des Kyra, Manuel Caballero beschreibt das so: Bei einem DSP-Synth werde das Verhalten eines Filters durch Algorithmen berechnet – man nähert sich also mit einer Formel einer elektronischen Wirkung an. Bei einem FPGA-Chip dagegen definiere man virtuell eine Signalverschaltung, die dann innerhalb des Chips einer physischen Hardware entspricht, so der Entwickler. Überhaupt ist die Geschichte von Manuel Caballero und Kyra recht bemerkenswert, denn schon im Jahr 2018 hatte er ihn in Eigenregie unter dem Namen „Exodus Valkyrie“ auf der Musikmesse vorgestellt und verstand ihn als gedankliche Fortführung des „Access Virus“-Konzept. Wie es auf Messen nun mal so ist, war der Kontakt mit Waldorf schnell gemacht und man einigte sich schnell auf eine Kooperation, die nun als Kyra erhältlich ist.

Auspacken

Aus dem unscheinbaren Karton aus dem Hause Waldorf entnehme ich Kyra selbst, ein 12-Volt-Netzteil, sowie eine Kurzanleitung. Die vollständige Bedienungsanleitung steht auf der Herstellerseite in Deutsch und Englisch zum Download bereit. Zudem finden sich dort auch die Windows-USB-Audio-Treiber, die aktuelle Firmware und eine Firmware-Manager-Software (Win/MacOS).

Erster Eindruck

Kyra ist in einem cremeweißen Metallgehäuse untergebracht, das sich mit seiner Pult-artigen Form dem Anwender freundlich entgegen neigt. Für das Design zeichnet – in bewährter Waldorf-Tradition -  der sympathische Routinier Axel Hartmann verantwortlich. Funktionsgruppen werden durch eine graue Lackierung optisch zusammengefasst, während die hintergrundbeleuchteten Taster in schwarz und die Potiköpfe in matt-silber gehalten sind (bis auf zwei Ausnahmen – nämlich Filterfrequenz und Gesamtlautstärke in schwarz). Die Seitenteile sind aus hellem Holz gefertigt, was dem Synthesizer eine charmante technologisch-organische Anmutung verleiht. LEDs strahlen in weiß aus dem Gehäuse und das regelbare OLED-Display bietet ausreichend Helligkeit, um es auch bei starkem Umgebungslicht gut ablesen zu können. Allein die Schärfe, respektive der Kontrast wirken ein bisschen „verwaschen“, was meinem Eindruck nach mit der Kantenglättung in Zusammenhang steht. Das ist allerdings eher eine ästhetische Frage und tut der Ablesbarkeit keinen Abbruch. Ebenfalls im Bereich der Geschmacksfragen angesiedelt ist der Umstand, dass die grauen Bereiche und deren Beschriftung, ein bisschen wie vom Tintenstrahler „gedruckt“ und nicht wie lackiert/geätzt wirken. Man kann nur spekulieren, ob Hartmann hier vielleicht bewusst eine granular-organische Anmutung schaffen wollte.

Anschlüsse

Der Blick auf die Rückseite zeigt ein vollausgestattetes Bild: Neben der Strombuchse sitzt ein Stereo-Kopfhörerausgang (der das Signal des Output A spiegelt), gefolgt von vier Einzelausgängen, die als Stereo-Pärchen ausgelegt sind (Out A – D). In der Mitte befindet sich dann das bekannte MIDI-Trio (In, Out, Thru), rechts daneben eine USB 2.0 Buchse zur Kommunikation mit dem Rechner. Eine ganz rechts ins Gehäuse gefräste Kensington-Aussparung soll Langfingern die Arbeit erschweren. Verbindet man Kyra mit einem Rechner, präsentiert sich der Synth als vollwertiges 16 In/2 Out-Audiointerface. Es lassen sich also alle acht möglichen Parts (in Stereo) direkt in Einzelspuren der DAW adressieren – sehr gut.

Klangarchitektur

Entsprechend seiner mächtigen FPGA-Ausstattung, schöpft die Klangarchitektur aus dem Vollen: Bis zu zehn Oszillatoren in zwei Gruppen liefern wahlweise die Elementarwellenformen Sägezahn und Puls oder bedienen sich zusätzlich aus den insgesamt 4096 Waves (18-Bit-PCM-Single-Cycle-Wavetables mit 32-fachem Oversampling, die eine Vielzahl von synthetischen und emulierten Klangquellen abdecken). Winfried Schuld von Waldorf betont im Gespräch, dass es sich um einzelne Wellenform-Durchläufe handelt und nicht um „Wavetables“ (für die Waldorf ja bekannt ist). Entsprechend können diese auch nicht „durchfahren“ oder interpoliert werden. Kyra (Waldorf verwenden in ihrer Dokumentation keinen Artikel für „Kyra“) sei nämlich als VA-Synthesizer (Virtuell Analog) und nicht als Wavetable-Synth konzipiert.

Flankierend steht jeder Gruppe noch ein unabhängig einstellbarer Sub- (oder Sekundär-) Oszillator mit vier Elementarwellenformen zur Seite. Zwischen den Oszillatorgruppen ist die Modulation via Hard Sync, Ringmodulation und FM möglich. Der Klangrohling trifft dann auf mehrfach overgesampelte 12/24-dB Multimode Filtermodelle, die wahlweise im Single- oder Dual-Modus (inklusive True Stereo) arbeiten. Für Bewegung im Klang sorgen 3 LFOs, die aus einem Arsenal von 128 Wavetable-Wellenformen bestückt werden können und in verschiedenen Modi laufen können: Monophon, polyphon, zufällig, gegenphasig und quadratur-stereo-phasig und das auf Wunsch auch noch zur MIDI-Clock synchronisiert. Das alles kann über eine mächtige Modulationsmatrix dynamisiert werden, die über insgesamt 6 Kanäle mit bis zu 3 Modulationszielen verfügt, was in der Summe ganze 18 Routings ermöglicht.

Das alles landet schlussendlich in der Effektsektion an, die für jeden einzelnen Part zur Verfügung steht und insgesamt 9 Module bietet: 3-Band-Shelving-EQ, Formant-Filter, 5-Mode-Distortion-Modul, zwei Limiter, Stereo-Delay-Modul, 6-Stage-Phaser mit speziellem Stereo-Multishape-LFO, Chorus-/Flanger und Reverb. Die so erzeugten Klangkreationen können in insgesamt 3328 Speicherplätzen (26 Bänke á 128 Sounds) abgelegt werden. Neben Audio-über-USB können die Klänge der acht Parts über insgesamt vier symmetrische Stereoausgänge ausgegeben werden – dabei ist auch der Mischbetrieb mit USB-Audio möglich. Zum Einsatz kommen hier 32-Bit-Koverter, die mit 96 kHz Abtastrate arbeiten. Das macht Sinn, denn bereits intern werden die Klänge mit 32-Bit, 32-fachem Oversampling und 96 kHz berechnet.

Oszillatoren

Grundsätzlich gilt es im Bereich der Oszillator-Sektion zwischen Wave- und Hypersaw-Modus zu unterscheiden. Im Wave-Betrieb lassen sich Sägezahn-, Puls- und Wavetable-Oszillator frei zusammen mischen und durch einen separaten Suboszillator (in wählbarer) Oktavierung und mit den Elementarwellenformen Sägezahn, Rechteck, Puls und Dreieck unterfüttern. Über einen so genannten Aux-Oszillator lassen sich zudem wahlweise Rauschen oder Ringmodulation beimischen.

Aktiviert man die Funktion „Hypersaw“, fasst Kyra automatisch sechs Oszillatoren zusammen und generiert damit ein komplexes Sägezahn-Gemisch, das über die Parameter „Intensity“ und „Spread“ gesteuert wird. Sowohl im Wave- und im Hypersaw-Betrieb steht die Option Dual-Mode bereit, die aus dem Klang durch Stimmverdoppelung ein echtes Stereo-Signal macht.

Optional können beide Oszillator-Gruppen wahlweise im Hard-Sync und/oder über Frequenzmodulation miteinander verschaltet werden. Auffällig war im Test, dass sich die Oszillator-Anteile an bestimmten Positionen nahezu auslöschen. Hier im Beispiel mal die Mischung von Sinus (Wave) mit der Pulswelle (50%). Dreht man die Pulswelle bis zur Hälfte rein, verschwindet der Sinus fast ganz und wird erst wieder hörbar, wenn Puls voll aufgedreht ist.

Filter

Im Normalzustand werden beide Oszillator-Gruppen zusammen gemischt und zu einem einzigen Filter (Filter 1) geleitet. Im Dual-Modus dagegen wandern beide Gruppen getrennt in zwei Filter, hier ist dann Prinzip-bedingt keine getrennte Regelung möglich, sondern beide Filter folgen den Einstellungen von Filter 1. Zur Auswahl stehen hier sechs Typen (Tiefpass, Bandpass und Hochpass) mit wahlweise 12 oder 24 dB/Oktave Flankensteilheit. Die Charakteristik der Emulation orientiert sich am Kaskadendesign klassischer Analogsynthesizer.

Hüllkurven

Kyra hat drei Hüllkurven-Generatoren an Bord: EG1 zur Modulation der Lautstärke, EG2 für das Filter, EG3 für externe Modulationen. Alle Hüllkurven sind als ADSR-Generatoren mit regelbarem Slope ausgelegt. EG1 und 2 besitzen zudem noch den Parameter Bass Delay, der verhindern soll, dass der interne Click-Suppressor des Kyra bei sehr tiefen und schnellen Bässen (kurzer Attack) den Sound abschneidet.

LFO

Selbstverständlich hat Kyra auch Niederfrequenzoszillatoren an Bord und auch davon gibt es drei Stück, die mit wählbarer Wellenform, Phase und Geschwindigkeit als Modulationsquelle herangezogen werden können. Ist die Synchronisation via MIDI-Clock aktiv, lässt sich Geschwindigkeit praktischerweise auch in metrischen Teilern festlegen. Daneben gibt es verschiedene Modi: Bei „Monophonic“ läuft der LFO frei, ist „Polyphonic“ ausgewählt, wird die Phase für jede eingehende Note zurückgesetzt, „Random“ bewirkt einen zufälligen Start, während „Dual Antiphase“ die Phasen (im Dual-Modus) gegeneinander dreht und „Dual Quadature“ zusätzlich noch für eine Rückung der Phase um 90-Grad sorgt. Wem das alles noch nicht reicht, der hat die Möglichkeit, über die Modulationsmatrix, einen LFO als Frequenzmodulator für einen anderen LFO zu adressieren.

Mod-Matrix

Und damit kommen wir auch schon zur mächtigen Modulationsmatrix von Kyra. Sechs Kanäle stehen hier zur Verfügung, denen eine breite Palette von Quellen und Zielen zugewiesen werden kann. Dabei kann die Stärke der Modulation zusätzlich über diverse dynamische Parameter gesteuert werden. Gleichzeitig ist Kyra in der Lage, sowohl monophone wie polyphone Quellen (Agents) zu verwalten und entsprechend zu adressieren.

Effekte

Schlussendlich trifft der Klangrohling dann noch auf eine umfangreiche Effektsektion, die über neun Stereo-Module verfügt und für jeden (!) Part separat verfügbar ist. Geboten wird hier ein weites Spektrum von klassischen Effekten wie Delay, Phaser, Chorus und Reverb, aber auch spezialisiertere Prozessoren wie ein parameterischer Drei-Band-Equalizer mit wählbarer Güte in den Mitten, ein Formantfilter, eine Dynamiksektion und ein Verzerrer, der zwischen klassischer Sättigung und Bitcrusher umschaltbar ist.

Schönes Feature: Das Effektsignal lässt sich separat auf einen Einzelausgang adressieren, so dass sich in der DAW Dry- und FX-Signal getrennt aufzeichnen lassen. Während mich der Bitcrusher nicht so recht überzeugen wollte, konnten mir die Modulationseffekte Phaser und Chorus ziemlich viel Honig in den Bart – respektive Schwebungen in den Klang – zaubern. Besonders der Phaser hat eine sehr schön „glatt“ laufende Klanglichkeit. Er wirkt also – wie es gute Phaser nun mal sollten - wie ein, den Ausgangsklang umwabernder Phasennebel und nicht wie ein (bei schlechten Phasern) nacheierndes Delay. Gleiches gilt für den Chorus, der den Klang harmonisch noch mal anreichert und aufwertet – sehr schön.

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