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24.11.2017

Workshop: Harmonizer richtig einsetzen

Vocalized #2: Der Harmonizer-Effekt in der Praxis

Hardware und Software richtig einstellen und verwenden

Was ist ein Harmonizer und wie setzt man den Effekt richtig ein? Welche Software- und Hardware-Harmonizer gibt es, was kann man damit machen und wie stellt man sie richtig ein? Darum soll es in der zweiten Folge unseres Workshops „Vocalized“ gehen. Hier erfahrt ihr alles zum Thema Harmonizer-Effekt!

Elektronische Stimmen-Modulationen sind heutzutage fester Bestandteil der Musikwelt, sowohl im populären als auch im experimentellen Bereich. Zeit, mal genauer hinzuschauen: Wie funktionieren eigentlich die verschiedenen Vocal-Effekte und wie kann man sie effektiv einsetzen? Was sind die aktuellen Tipps & Trends in der Welt der Vocoder & Harmonizer? Diese und weitere Aspekte will ich mit der Workshop-Reihe „Vocalized“ aufklären. Während es letztes Mal um Vocoder ging, werden wir uns in dieser Folge den populären Harmonizer-Effekt genauer ansehen.

Geschichte des Harmonizers

Was ist ein Harmonizer?

Die Firma Eventide stellte 1975 ein innovatives Effektgerät mit einem Eingang für ein externes Mikrofon vor.  Das Gerät veränderte die Tonhöhe einer eingespeisten Stimme oder eines Instruments und mischte dieses gepitchte Signal mit dem unveränderten Signal. Dieser Vorgang lässt sich als eine Art rückgekoppelter Pitch Shifter beschreiben. Geboren war der Eventide Harmonizer H910 – das erste digitale Effektgerät der Welt, das in der Folge auf unzähligen Alben von AC/DC bis Zappa zu hören war. Im Laufe seiner langen Studiokarriere wurde der Harmonizer jedoch längst nicht nur für simulierte Chorgesänge eingesetzt, sondern erwies sich als universelles Werkzeug zum „Andicken“ von Sounds aller Art, wie zum Beispiel E-Gitarren oder Drums. 

Oft wird der Begriff Harmonizer – bis heute übrigens eine geschützte Bezeichnung von Eventide – mit dem des Pitch Shifters vermischt und gleichgesetzt. Dabei kann ein Pitch Shifter in der Regel nur einen, ein zeitgenössischer Harmonizer aber oft mehrere Harmonietöne simultan erzeugen.

Welche Möglichkeiten bietet ein Harmonizer?

Mit der Weiterentwicklung der Digitaltechnik wurden stets neue Funktionen und Möglichkeiten erschlossen. Sehr populär für Bass und Gitarre ist der simple Octaver, der dem Signal eine Oktave darunter oder darüber hinzufügt. Sänger/-innen nutzen den Harmonizer jedoch vor allem für die Simulation von Satzgesängen. Dabei ist es unter Umständen wichtig, ob die simulierten zusätzlichen Stimmen weiblich oder eher männlich klingen sollen. Deshalb lassen sich bei den meisten Harmonizern die Formanten – die spezifischen Klangcharakteristika der menschlichen Stimme, die uns verschiedene Stimmen voneinander unterscheiden lassen – entsprechend des gewünschten Klanges einstellen. So kann man beispielsweise als männlicher Sänger live mit einem simulierten Backing-Chor aus Frauen auftreten – ob das dann auch überzeugend klingt, steht auf einem anderen Blatt.

Es gibt heutzutage eine Menge Hard- und Softwareprodukte, die die Aufgaben des Harmonizer-Effekts zuverlässig erledigen. Einige davon wollen wir nun vorstellen und euch zeigen, wie man sie am besten einsetzen kann.

Hardware Harmonizer

Welche Hardware-Harmonizer gibt es?

Die Firma Eventide, mit der alles begann, ist nach wie vor am Markt vertreten und  bietet weiterentwickelte, hochwertige Harmonizer wie den H7600 oder den auf Gitarre und Bass spezialisierten H9 an. Vor dem Siegeszug der DAWs und Plug-ins gehörten die teuren Eventide Harmonizer lange Zeit – ähnlich wie zum Beispiel auch die Lexicon-Hallgeräte 480L und 960L – zu den Statussymbolen der Audiotechnik und waren großen Studios vorbehalten, die sie stolz herzeigten. Obwohl sich die Studiowelt stark verändert hat, muss man auch für das aktuelle Topmodell H7600 mit rund 5000 Euro eine beträchtliche Summe aufbringen. Sehr populäre, preiswerte und praxisorientierte Alternativen, die sich vornehmlich an Live-Performer richten, kommen heute von Roland (Boss Vocal-Performer-Reihe) und TC Helicon (Voice Live-Reihe). Diese bieten über die reine Harmonizer-Funktion hinaus meist noch weitere Gesangseffekte wie Hall, Delay oder Autotune. Desweiteren findet man Hardware-Harmonizer inzwischen in vielen professionellen Entertainer-Keyboards wie dem Yamaha Tyros oder dem Korg Pa4X, wo sie Alleinunterhaltern die Möglichkeit geben, mit einem virtuellen Backing-Chor aufzutreten. Auch in größeren digitalen Mischpulten gehört ein vernünftiger Pitch-Shifter meist zur Grundausstattung der Effektsektion. 

Software Harmonizer

Welche Software-Harmonizer gibt es?

Von dem klassischen Eventide H910 Vintage Harmonizer gibt es tatsächlich eine detailgetreue Plug-in Version, die von Eventide selbst stammt. Ähnlich wie bei der Hardware findet man den Harmonizer/Pitch-Shifter heutzutage jedoch meist als Teil eines Multi-Effekts (z.B. Eventide H3000 Factory, Native Instrument Guitar Rig) vor. Hierbei stechen Programme wie beispielsweise die Vocal-Production Suite iZotope Nectar 2 heraus. Bis zu vier Harmonien kann Nectar simultan erzeugen. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, via MIDI-Keyboard Akkorde einzuspielen, deren Struktur der Harmonizer dann in Echtzeit auf die einzelnen Stimmen verteilt. Ähnliche Features bietet die Antares Harmony Engine, auf die ich später noch zu sprechen komme. Häufig empfohlen wird außerdem das günstige Plug-in „Pitchwheel“ von QuikQuak, welches sich auf Pitch-Shifting spezialisiert. Gängige DAWs wie Cubase oder Logic haben hauseigene Pitch-Shift-Funktionen, mit denen man über kleine Umwege auch größere Harmonizer-Arrangements bauen kann – mehr dazu im Praxis-Bereich. 

Praxis

Wie setzt man einen Harmonizer ein?

Bei den meisten Harmonizern lässt sich eine Tonart/Tonleiter vorgeben, an der sich das Gerät dann bei der Harmonisierung orientiert. Denn wenn ein Song in einer Moll-Tonart geschrieben ist, macht es selten Sinn, ihn mit der Dur-Tonleiter der Tonart zu harmonisieren.

Hardware

Stellvertretend für aktuelle Gesangs-Multieffektgeräte kommt hier der Boss Vocal Performer zum Einsatz. Er ist in seiner Bedienung sehr intuitiv, wie es bei einem Gerät für den Live-Einsatz sein sollte. In wenigen Sekunden gelangt man über das Display-Menü neben vielen weiteren Funktionen in den „Double/Harmony“-Modus. Durch das Weiterschalten auf den Pfeiltasten lassen sich dann Parameter wie z.B. Formanten oder die Lautstärken der Harmonie-Töne einstellen. Der Vocal Performer bietet zwei simultane Harmonietöne, deren Pitch individuell festgelegt werden kann. Das wohl meistgenutzte Intervall ist die Oktave, die sich neben Gesang auch hervorragend für andere Instrumente eignet. Ein Harmonizer ist also nicht nur Ersatz für zusätzliche Instrumente/Sänger, sondern kann jedem klanglichen Ausgangsmaterial zusätzliche Facetten hinzufügen.

Stimmungsvoll, aber gern auch etwas "cheesy" wird es, wenn man mit Terzen (+-3 Halbtöne) arbeitet. Ob kleine oder große Terzen erzeugt werden, hängt von der eingestellten Tonart (Dur oder Moll) ab. 

Gerade bei rockigeren Gesangs-Parts erzeugen Terzen häufig eine ungewünscht melancholische Stimmung oder wirken zu bieder, weswegen auch gern die Quinte als neutrale Backing-Harmonie eingesetzt wird.

Der Vocal Performer kann diese drei Harmonien auch gleichzeitig erklingen lassen, wodurch ein dreistimmiger Satz entsteht. Natürlich klingt der errechnete Effekt anders, als wenn echte Sänger/innen die Harmonien singen würden. Um den Unterschied zu verdeutlichen, hier ein Hörbeispiel:

Ist man auf die künstlich erzeugten Harmonien angewiesen, dann kann ein Reverb oder Delay dabei helfen, die Künstlichkeit zu kaschieren und das Ergebnis natürlicher klingen zu lassen. Multieffekte wie der Boss Vocal Performer haben diese Effekte ebenfalls eingebaut.

Hardware-Geräte wie der Boss Vocal Performer sind vor allem im Live-Einsatz unkomplizierte Tools, die die wichtigsten Features schnell abrufbar für den Künstler parat halten. Die kleinen Helfer bieten sich vor allem für Einzelkünstler oder kleinere Besetzungen an, die ihren Sound erweitern wollen. Ein Blick in die Software-Welt hingegen öffnet viele neue Türen und Anwendungsmöglichkeiten.

Software

Die „Vocal Production Suite“ Nectar 2 von iZotope bietet unter anderem einen Harmonizer, bei dem nach Belieben bis zu vier Intervalle simultan dem Originalsignal beigemischt werden können. Im „Harmony“-Bereich der Bedienoberfläche lassen sich diese Harmonien neben weiteren Details festlegen. 

Schaltet man in den Midi Control Mode, werden neue Wege eröffnet: In Nectar können die gewünschten Harmonietöne als Akkorde per Midi-Keyboard eingespielt werden. Die Software analysiert die gespielten Akkorde, pitcht die Eingangsquelle dann auf die jeweiligen Tonhöhen und gibt sie wieder.

Um dies in Echtzeit gewährleisten zu können, wird häufig zusätzlich Autotune verwendet. Genauere Details zum Autotune-Effekt erfahrt ihr in der nächsten Folge dieser Workshop-Reihe.

Mit der Midi-Control-Funktion wächst jedenfalls aus jedem Melodie-Ton in Echtzeit ein eigener Akkord, was sehr inspierende, jazzartige Vocal-Klangwelten erzeugen kann. Zuletzt hat der Engländer Jacob Collier mit derartigen Harmonizer-Anwendungen auf sich aufmerksam gemacht.

Verbreitete DAWs wie Logic oder Cubase enthalten zumeist keine hauseigenen Harmonizer Plugins, allerdings ist zumeist ein Pitch Shifter enthalten. Damit kann man über Umwege zu Harmonizer-Klängen gelangen, ohne externe Software zu benötigen:

Im Pitch Shifter Plugin von Logic kann nur ein einzelner gepitchter Sound erzeugt werden. Via „Mix“-Regler wird das Verhältnis aus Originalstimme und Pitch-Ton kontrolliert. Wer mehr als eine Harmonie benötigt, greift zu folgendem Trick: Man erstellt in Logic die gewünschte Anzahl Aux-Kanäle und fügt darin jeweils das Pitch Shifter Plugin als Insert hinzu. Für jeden Aux-Kanal werden unterschiedliche Pitch-Werte eingestellt. Nun legt man an den Send-Reglern der eigentlichen Tonspur fest, durch welche Aux-Kanäle die Hauptstimme geschickt wird. Wichtig ist, dass in den einzelnen Plugins der Mix-Regler jeweils auf 100% steht, damit an den Aux-Kanälen nur das jeweilige gepitchte Signal anliegt. Die Lautstärken der Harmonie-Töne lassen sich nun am Volume-Fader der Aux-Kanäle regeln.

Bei Cubase kann die interne Pitchshift-Funktion nicht als Insert-Plugin, sondern nur destruktiv und direkt auf eine Tonspur angewendet werden. Um hier eine Mehrstimmigkeit zu erschaffen, muss die Basis-Spur mehrfach dupliziert und dann jeweils gepitcht werden. Das gleiche Prinzip gilt auch für Ableton Live.

Ihr seht: In der Nachbearbeitung einer aufgenommenen Tonspur gibt es diverse Möglichkeiten, einen Harmonizer-Effekt zu erzeugen. Für eine intuitive und sofortige Live-Umsetzung empfehlen sich jedoch konkrete, kostenpflichtige Plugins oder eben Hardware-Geräte. 

Harmonizer - next level

Wer setzt einen Harmonizer ein?

Nicht nur Jacob Collier lässt den Harmonizer in der Jazzwelt neu erstrahlen, auch im Pop-Bereich gibt es einige Künstler, deren Sound teilweise ausschließlich auf der Harmonizer-Technik basiert. Acts wie Bon Iver oder Kanye West tragen in letzter Zeit immer mehr dazu bei, dass der Vocal-Sound moderner Pop-Produktion stark vom markanten Harmonizer-Sound beeinflusst wird. Der Effekt ist einer der vielen Wege, den elektronischen Synth-Sound des 21. Jahrhunderts auch in der menschlich erzeugten, handgemachten Musikwelt stattfinden zu lassen. Der sogenannte „Prismizer“, von dem man munkelt, dass er von Francis Starlite (Francis & The Lights) persönlich entwickelt wurde, gilt als modifizierte Version der „Antary Harmony Engine“. Der Prismizer soll besonders gut mit Signalen akustischer Instrumente/Synthesizer umgehen können. Hier könnt ihr den speziellen, allgegenwärtigen Harmonizer-Sound von „Francis & The Lights“ hören:

Francis' Freund und Förderer Justin Vernon (Bon Iver) trieb das Konzept noch auf eine andere Spitze, indem er bei seinem Song „45“ ein Saxophon durch seinen Harmonizer schickte, den er per Midi-Control mit einem Keyboard „spielte“. Für diesen speziellen Sound soll Bon Ivers Studio-Engineer ebenfalls eine einzigartige Harmonizer-Software entwickelt haben, die als „The Messina“ bekannt ist. Das klingt dann so:

Fazit

Vom reinen Backing-Gesang bis hin zur experimentellen Bandsound-Grundlage bietet der Harmonizer-Effekt eine Bandbreite an Anwendungsgebieten. Er erfährt in den letzten Jahren vor allem in amerikanischen Produktionen eine Renaissance und hat sich zum Wundermittel der Vocal-Effekte entwickelt. Oft ist er dabei nicht allein, sondern kommt zusammen mit anderen Effekten wie Vocoder oder Autotune zum Einsatz. Zusammen ermöglichen sie momentan der Popwelt, auch im 21. Jahrhundert immer noch neue Inspirationen und Klänge für Stimme und Instrumente zu entwickeln. Gerade der Harmonizer / Pitch Shifter wird allerdings auch in seiner ursprünglich minimalistischen Form (Gitarren-Octaver, einfacher Satzgesang) weiterhin gern verwendet. 

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