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14.11.2013

Windows 8 Multitouch - Traktor, Ableton und Emulator

Was bedeutet die neue Multitouch Funktion für Musiker?

Wie lassen sich Audioprogramme, wie Ableton, Traktor und Emulator mit der neuen Windows Multitouch Funktion steuern?

Seit sich im Kreis meiner Musiker- und DJ-Kollegen rumgesprochen hat, dass ich einen nicht unerheblichen Teil meiner Lebenszeit als Equipment-Tester tätig bin, ist offenbar ohne mein Zutun eine unsichtbare „Infopoint“ Beschriftung auf meiner Stirn erschienen, die sich auch durch intensiven Einsatz spanischer Olivenseife nicht entfernen lässt. Im Ergebnis werden einem, mal plump aufdringlich, mal fachlich versiert, Fragen zu diesem oder jenem Gerät oder einer Software unterbreitet und so gut es geht bereitwillig beantwortet. Blöd nur, wenn der Tester, wie unlängst geschehen, die Frage mit Achselzucken und der unwürdigen Antwort „das weiß ich nicht, keine Ahnung“ retournieren muss. Auslöser dafür war die vage Fragestellung eines DJ-Kollegen nach Erfahrungswerten, wie sich denn mit der Windows 8 Multitouch-Funktion Audioprogramme auf einem Tablet oder einem modernen Multitouch-PC steuern lassen.

Ohne es zu wissen, hat der Fragende bei mir allerdings den Besserwisser-Schalter betätigt, der ein sublimes, nervtötendes Dauersummen im Neocortex hervorruft. Kurz: Eine Antwort muss her. 

Testgeräte

Ein kurzes Telefonat mit den Firmen Microsoft und Lenovo führte dazu, dass mir keine Woche später ein lange schon feindselig gesinnter Paketdienstleister fluchend zwei Päckchen vor die Tür stellt. In einem, dem fraglos leichteren von beiden, versteckt sich Microsofts iPad-Counterpart, das handliche Microsoft Surface Tablett. Im anderen, durchaus in der Gewichtsklasse eines mittelgroßen Flachbildfernsehers antretend, steckt das gigantische Ideacentre Horizon 27 von Lenovo. Ein Gerät, dessen Gewicht und Abmessungen den Begriff „Tablet PC“ weit über die Grenzen des Ironischen hinaus strapazieren. Aber genau das ist Teil des Plans, nämlich eine möglichst kleine und große Bildschirmdiagonale gegeneinanderzustellen.

Microsoft Surface Pro

Schon beim Auspacken der kleinen Rechenflunder muss ich daran denken, wie ungeschickt Microsoft ihren früheren Knowhow-Vorsprung im Bereich Touch-Bedienung und Tablet-PCs verspielt haben. Microsoft hatten schon Pläne für einen Touch-PC in der Schublade, da war man bei Apple noch damit beschäftigt, einen Röhrenmonitor zusammen mit der Rechner-Hardware in ein buntes, transparentes Plastikgehäuse zu wurschteln. Aber am Ende hat man sich in Redmond eben immer dafür entschieden, die Industriekundschaft im Fokus zu behalten und weiter am klobigen, stationären Desktop-PC gefeilt. Schade eigentlich, denn das Surface Pro zeigt eindrucksvoll, dass Microsoft eben auch gut verpacken und schick designen kann. Das Microsoft Surface Pro, welches ich zum Test zur Verfügung gestellt bekommen habe, ist mit 128 Gigabyte Flash-Speicher, einem 10,6-Zoll Full-HD-Display im 16:9-Format, vier Gigabyte RAM und einem Intel 3rd Generation Core i5 Prozessor ausgestattet, die vom neuen Windows 8 Pro befehligt werden. Dieses genehmigt sich, nachdem ich es von allem herstellerseitig installierten Ballast befreit habe, rund 20 Gigabyte des vorhandenen Flash-Speichers. Ausreichend Platz also für eine gut sortierte MP3-Sammlung. WiFi, Bluetooth und eine magnetisch haftende Tastatur, die gleichzeitig als Display-Abdeckung dient, sind natürlich auch mit an Bord. Preislich landet dieses Gerät derzeit in einer Region rund um die 800 Euro – eine durchaus auf Augenhöhe mit Apple rangierende Hausnummer.

Lenovo Ideacentre Horizon 27

Der Counterpart zum handlichen Surface Pro ist das gigantische Ideacentre von Lenovo. 69 Zentimeter in der Breite und 43 in der Höhe braucht der Bolide bei einem Lebendgewicht von knapp neun Kilo, um der riesigen Bildschirmdiagonale von 27 Zoll ein Zuhause zu geben. Verbaut sind hier ein Intel i7 Prozessor, eine Terrabyte-Festplatte, die auf acht Gigabyte zusätzlichen SSD-Speicher zurückgreifen kann und eine Nvidia Grafikkarte mit zwei Gigabyte dezidiertem Speicher. Eine Besonderheit des Lenovo ist der rückseitig angebrachte Metallbügel, der wahlweise als Aufstellhilfe oder als Tragegriff dient. Dabei wurde der Federmechanismus des Bügels so stramm ausgelegt, dass dieser immer ausgeklappt ist. Wohlgemerkt ist das so gewollt, doch einen Designpreis möchte zumindest ich dafür nicht verleihen. Im Punkt „Konnektivität“ bietet der Lenovo die Ausstattung eines modernen Laptops: HDMI, Bluetooth und WiFi sind ebenso an Bord wie zwei USB-Ports und ein SD-Slot. Der Straßenpreis des Megatabletts rangiert derzeit im Bereich von knapp unter 1800 Euro.

Was geht?

Beide Maschinen lassen sich problemlos mit dem als Testobjekt dienenden Traktor Pro bespielen, wobei sich das „kleine“ Surface Pro in vielerlei Hinsicht performanter anfühlt als das „auf dem Papier“ eigentlich besser ausgestattete Lenovo. Dateien werden schneller verschoben, Dialogboxen öffnen sich direkt und auch im Rennen um den schnelleren Boot-Vorgang hat das Microsoft-Tablett die Nase vorn. Am Ende sind beide Rechner mit der DJ-App aus dem Hause NI bestückt und die muntere MP3-Hatz kann beginnen. ASIO-Treiber waren für die integrierten Soundkarten zum Zeitpunkt des Tests leider noch nicht verfügbar, weshalb ich beiden Rechnern mit dem nützlichen Software-Werkzeug ASIO4ALL „latenztechnisch“ auf die Sprünge half. Meine erste Traktor-Visite erfolgt auf dem Microsoft-Tablett. Die anfängliche Begeisterung über das problemlose Navigieren und Browsen in den Playlisten, das Einladen und Navigieren innerhalb der Wellenformdarstellung oder das Betätigen des Play-Tasters weicht schnell der Ernüchterung über die Funktionen, die auf Fingerstreich mit unkoordinierten Parametersprüngen reagieren. Und das sind so ziemlich alle Features, die auf kontinuierlichen Werteänderungen basieren. Also virtuelle Cross-, Line- und Pitchfader sowie EQ- und Effekt-Potis. Das Verhalten lässt sich übrigens auch in Ableton Live reproduzieren: Clips starten und stoppen ist kein Problem, sobald man jedoch die Finger in Richtung der Fader oder Aux-Wege wandern lässt, wird es wegen eben dieser Wertesprünge unbenutzbar. Kurz zusammengefasst:

Geht:

  • Scrollen und Navigieren durch Playlisten
  • Navigieren innerhalb der Wellenformdarstellung
  • Bedienen von virtuellen Tastern

Geht nicht:

  • Kontinuierliche Funktionen (virtuelle Fader, Potis)

Das ist umso ärgerlicher, als dass ein Vergleichstest mit kontinuierlichen Funktionen in anderen Programmen, wie etwa das Betätigen des Zoom-Schiebers oder das Verschieben von Gradientenkurven in Adobe Photoshop problemlos funktioniert. Der Schwarze Peter liegt hier leider bei den Herstellern, die sich (anders als bei der Entwicklung für iOS) irgendwie noch nicht dazu durchringen konnten, konsequent Multitouch-Unterstützung in ihre Windows-Applikationen aufzunehmen. Dass die Implementierung keine Raketenwissenschaft ist, sondern einfach nur die Verwendung einer bereits bestehenden Programmbibliothek voraussetzt, zeigt sich überdeutlich daran, dass sogar kleinere Softwareschmieden hier die Nase bereits weit vorne haben. Ob Sensormusics DAW Usine, Cockos Reaper oder Image Lines FL Studio, sie alle lassen sich bereits wunderbar „mehr-fingerig“ unter Kontrolle halten. Besonders Cakewalk Sonar ist bereits voll auf Multitouch-Bedienung ausgerichtet und eine komplette Produktions-Session kann hier ohne Mauseinsatz bewerkstelligt werden.

Emulieren

Ich will mich aber noch nicht geschlagen geben und rufe deshalb die Software Emulator Pro der Firma Smithson Martin auf den Plan. Hierbei handelt es sich um eine universelle Entwicklungsumgebung (PC/Mac) für Touchscreen-Kontrolloberflächen, die bereits mit einem ganzen Arsenal von Templates ausgestattet ist (Traktor, Ableton, Reason, Virtual DJ, Mixvibes ...). Eine Besonderheit von Emulator ist die Möglichkeit, Bildschirmbereiche als transparent zu definieren, sodass „hinter“ der von Emulator bereitgestellten Bedienoberfläche das zu steuernde Programm sichtbar wird. Im Fall von Traktor schreit es natürlich förmlich danach, die schicke Wellenformansicht durchscheinen zu lassen (im Fall von Ableton Live natürlich der Clip-View). Und tatsächlich wird in diesem Szenario aus Lenovos 27-Zöller dann am Ende doch noch die futuristische Vierdeck-Kommandobrücke für DJs, die ich mir vorgestellt habe. Die Kontrollmacht, die man in diesem Setup erreicht, ist dabei dem Controller-Verbund mit beispielsweise einem Traktor S4 nicht nur ebenbürtig, sondern größer. Denn neben der Möglichkeit, in diverse Unterseiten zu wechseln, kann ich mir über den Editor jedes erdenkliche, dem eigenen Auflege-Stil entsprechende Layout zusammenklicken. Zudem bin ich noch bestens für zukünftige Programmupdates gerüstet. Denn sollte Traktor noch um irgendwelche Funktionen oder Ansichten erweitert werden, kann das Emulator-Template natürlich jederzeit angepasst werden. Mach das mal einer mit einem Hardware-Controller. Wenn ich dann zusammenrechne, dass ich mit Rechner samt Emulator-Software für derzeit rund hundert Euro bei einem Gesamtpreis von unter zweitausend Euro lande und dafür ein All-In-One-Setup mein Eigen nenne, das optisch und funktional einen ziemlichen Solitärstatus hat, dann wird die Sache sowohl für die Festinstallation im Club oder Studio als auch für den tourenden DJ richtig interessant. 

Handlich

Da das Browsen und Navigieren innerhalb von Traktor auch ohne zusätzliche Software hervorragend funktioniert, will ich abschließend noch den Luxus eines so handlichen Windows-Rechners wie dem Surface Pro im Controller-Verbund ausprobieren. Dazu installiere ich die Treiber des nicht minder schlanken Hercules DJ Control Instinct auf der Microsoft-Maschine und bestücke Traktor mit dem entsprechenden Template. Diese Kombination erweist sich vom ersten Testlauf an als ebenso elegant wie praxistauglich. Auch und besonders, wenn dem Controller die vom USB-Bus bereitgestellte Spannung zum Betrieb ausreicht, da man so nur mit einem einzigen Netzteil unterwegs sein muss. Tatsächlich kann das kleine Setup in Bezug auf die Eingriffsmöglichkeiten und Performance problemlos mit dem Verbund aus Traktor DJ und Kontrol Z1 auf dem iPad mithalten. Ein weiterer Vorteil der PC-Kombi: Dank der – im Gegensatz zu Apples iPad – völlig „unzickigen“ USB-Unterstützung darf ich meine externe Festplatten, die sonst an meinem Haupt-Laptop ihren Dienst verrichtet, problemlos anschließen und so meine Musiksammlung ohne den übernervigen Umweg der iTunes-Synchronisation nutzen. Hervorragend.

Fazit

Auf die eingangs gestellte Frage, was unter Windows 8 in Verbindung mit einem Multitouch-PC geht und was nicht, lässt sich derzeit leider keine allgemein verbindliche Antwort geben. Die Frage muss vielmehr lauten: Mit welcher Software denn? Ableton Live und Traktor geben sich gegenüber der Mehrfach-Betastung derzeit noch (es sei denn, man weiß sich zu helfen) so zickig, dass von der Verwendung abzuraten ist. Andere Programme, zum Beispiel FL Studio, Reason, Reaper, Usine und besonders Cakewalk, sind da schon auf der Höhe der Zeit und lassen sich in vielen Bereichen adäquat dirigieren, teilweise komplett ohne Mauseinsatz. Aber auch Traktor und Live können unter bestimmten Umständen von Windows 8 und den entsprechenden Endgeräten profitieren. Allen voran Traktor, wenn man es im Verbund mit der Emulator-Software auf einem so gigantisch großen Display wie dem des Lenovo Ideacentre betreibt. Ein optisch dermaßen spektakuläres und dabei extrem komfortabel bedienbares Setup für unter zweitausend Euro war bis vor kurzem noch undenkbar. Auch vor dem Hintergrund, dass es sich eigentlich jeder ambitionierte und einigermaßen computeraffine DJ aus einem regulären Serienprodukt wie dem Lenovo-Rechner zusammenstellen kann. Dies gilt übrigens auch für den Einsatz von Ableton Live. Auf dem Surface von Microsoft wirkt die Emulator-Software dagegen eher deplatziert. Kein Wunder, ist sie doch vom gesamten GUI darauf ausgelegt, auf großformatigen Displays betrieben zu werden. Wer allerdings auf der Suche nach einem wirklich handlichen, sehr performanten und robusten Mobilrechner ist und dabei die Vorteile eines Controllers in Verbindung mit der praktischen Navigation durch Fingerstreiche nutzen will, der sollte den Mobilrechner von Microsoft auf jeden Fall auf seine Wunschliste setzen. Auch wenn die Softwarehersteller hinsichtlich der MT-Implementierung noch ihre Hausaufgaben machen müssen: Die Hardware hat mich im Test jedenfalls voll überzeugen können.

Irgendwie hat der Multitouch-Virus die Software-Hersteller noch nicht in dem Umfang infiziert, wie er es seinerzeit im Fall von iOS getan hat. Das ist ebenso bedauerlich wie unklug, denn die Zahl der potenziellen Endgeräte steigt beständig an und in Bezug auf Rechenpower und Konnektivität sind die verfügbaren Geräte dem Konkurrenten iPad teilweise signifikant überlegen. Falls die Software der Wahl am Ende noch keine Multitouch-Erfassung implementiert hat, kann man sich allerdings über die Controller-Software Lemur oder durch die Symbiose von Touch-Funktionen und Hardware-Controller-Elementen auch jetzt schon ein spezialisiertes und praxistaugliches Setup zusammenstellen.

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