Test
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09.06.2016

Wes Audio Mimas Test

1176-Style-Kompressor

FET mit Kick

Der 1176-Klon Mimas des seit einigen Jahren recht erfolgreichen polnischen Herstellers Wes Audio wagt sich auf noch wenig ausgetretene Pfade und kombiniert seinen klassisch-analogen Signalweg mit digitaler Kontrolle. Angesichts zahlreicher 1176-Lookalikes und Originalrevisionen von UREI bzw. Universal Audio braucht es also gute Argumente für eine weitere Variante. Und diese hat Wes Audio in der Hinterhand. Das 500-Modul verspricht den legendären Analogsound mit der Bequemlichkeit eines Plug-ins zu verbinden. Mal schauen, ob und wie das funktioniert!

Details

Mimas ist Teil der "ng 500"-Serie von Wes Audio, und dahinter verbirgt sich der "New Generation"-Standard für 500-Module mit einem erweiterten Connector. Darüber sollen sich in Verbindung mit einem Modulträger Zusatzfunktionen wie Recall und Fernsteuerung realisieren lassen, wobei die Kompatibilität mit bestehenden Racks/Modulträgern weitestgehend gewährleistet bleibt. Auch mit einer Standard-Lunchbox eines Drittanbieters lassen sich die Funktionen der ng-Module abrufen, dann aber über eine frontseitige Mini-USB-Buchse auf den Modulen selbst. Dazu später mehr.

Wes Audio verzichtete bei der Namensgebung auf 1176-Reminiszenzen. Dabei enthält Mimas einen analogen Signalweg, der sich bereits im Beta76-1176-Klon (sowie dessen Vorläufers) desselben Herstellers bewährt hat. Für den Einsatz in der 500-Kassette mussten allerdings einige Anpassungen vorgenommen werden. Die waren beispielsweise der speziellen Stromversorgung oder der geringen Baugröße der Module geschuldet. Nichtsdestotrotz verbirgt sich im sehr modern wirkenden Gehäuse eine klassische, überwiegend diskret aufgebaute analoge Interpretation des 1176-Konzepts. Diese basiert auf Carnhill-Übertragern am Ein-/Ausgang, was historisch eher Neve zuzuordnen ist, sowie auf einem diskreten analogen Operationsverstärker in der Ausgangsstufe sowie dem FET-Regelelement selbst. Einzig als Input-Buffer kommt mit dem NE5534 ein industrieller Standard-OpAmp zum Einsatz.

Ausstattung

Ein klassischer FET-Kompressor hat vier Standard-Bedienelemente: Input (mit festem Threshold), Output, Attack und Release, und hier macht auch der Mimas keine Ausnahme. Allerdings verfügt das Modul trotz seines analogen Signalwegs über eine digitale Steuerung. Dementsprechend handelt es sich bei den vier Knöpfen auch nicht um analoge Potenziometer, sondern um drehbare Encoder für die digitale Kontrollebene. Das fühlt sich in der Bedienung trotzdem ziemlich analog an.

Die Natur der digitalen Kontrolle bringt es mit sich, dass das Gerät bei den Schaltfunktionen überdurchschnittlich auftrumpfen kann. Mit kleinen Tipptastern steppt man durch die Parameter, ähnlich wie beim Distressor von Empirical Labs. Mimas bietet auf diesem Wege - komplett durch LEDs illustriert - die typischen Kompressionsraten 4:1, 8:1, 12:1 sowie 20:1. Auch auch an den All-Button-Modus, bei dem alle LEDs leuchten, wurde gedacht. Weiterhin verfügt das Modul über eine Link-Funktion zur Stereo-Verkopplung sowie über einen Relais-gestützten Bypass. Das Sidechain-Filter kann bei den Eckfrequenzen 60, 90 sowie 150 Hz aktiviert werden und die Drive-Funktion bietet Sättigungsprodukte.

Eine LED-Kette mit acht Segmenten zeigt wahlweise die Pegelreduktion oder den Ein-/Ausgangspegel an, und damit ist die Funktionalität der Kassette bereits umrissen. Fertigungstechnisch gibt es bis auf den - wieder einmal - ärgerlichen Punkt der zu hellen weißen LEDs rein gar nichts zu bemängeln. Das Modul wirkt edel und modern, es sieht trotz offener Bauform extrem robust aus, und mit den Carnhill-Übertragern wurde auch auf extreme Qualität bei den entscheidenen analogen Bauteilen geachtet.

Next Level

Erste Hinweise auf die "Next Level"-Bedienung liefern die beiden Preset-Buttons unten auf der Frontplatte. Mit diesen lassen sich zwei Settings abrufen, was eindrucksvoll illuminiert wird. Die Zustände der Dreh-Encoder werden durch LED-Kränze visualisiert, und wenn diese beim Preset-Wechsel umspringen, hat man eher den Eindruck vor einem Synthesizer zu sitzen, nicht aber vor einem 500-Modul.

Allerdings sind die weißen LED-Kränze zwar schön anzusehen, aber leider viel zu hell. In einer nicht durch gleißendes Tageslicht erhellten Regie überstrahlen sie nicht nur den Rest der Frontplatte, sondern sie blenden auch, wenn man im falschen Winkel hineinblickt. Hier wäre eine Dimmer-Funktion wünschenswert.

Und jetzt der Clou: Ob über ein proprietäres "ng 500"-Rack oder die Mini-USB-Buchse: Das Modul kann per DAW über ein VST3/AU/AAX-Plug-in ferngesteuert werden. Die Verbindung ist einfach via USB herzustellen und funktioniert bidirektional. Das Plug-in steuert also einerseits die Hardware, aber auch die direkte Bedienung am Gerät lässt sich aufzeichnen. Es grenzt schon an Zauberei, wenn man im Plug-in-Fenster auf den Bypass-Button klickt und augenblicklich das Relais im Modul klicken hört.

Der einzige Schönheitsfehler dieses Setups ist, dass man bei Verwendung von Drittanbieter-Modulträgern das Mini-USB-Kabel vorm Rack hängen hat. Denn die Montage der USB-Buchse auf der Frontplatte ist unvermeidlich, da die Rückseite ja per Kontaktleiste dem 500-Standard genügen muss. Hat man Blut geleckt, kann jedoch ein "ng 500"-Rack von Wes Audio Linderung verschaffen.

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