Hersteller_Roland
Feature
3
23.06.2016

Vintage Drum Machine: Roland TR-606 Drumatix

Analoger Drumcomputer

(K)ein Ersatz für eine 808?

Die Roland TR-606 Drumatix aus dem Jahr 1982 verblasst im Schatten ihrer großen Schwester TR-808. Und dass sie wie die 808, 909 oder das Bass-Geschwisterchen TB-303 zu einer Ikone der elektronischen Musik geworden wäre, kann man von der 606 auch nicht direkt behaupten. Trotzdem ist sie nicht bloß eine Billig-Maschine, die man halt kauft, wenn man sich keine 808 leisten kann, und hat mit ihrem Minimalismus einen eigenen Charme. Klanglich hat der Drumcomputer die gleichen analogen Gene wie die große Schwester. Im Vintage Drum Machine Special werfen wir einen genaueren Blick auf die "kleine" TR-606.

Roland ist das wieder erwachte Interesse an der TR-606 nicht entgangen und soeben ist die TR-8 um ihre Sounds erweitert worden. Das nehmen wir zum Anlass, das Vorbild aus den frühen Achtzigern zu entstauben und noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Details

Äußerlich lässt die kompakte Roland TR-606 jede Reminiszenz an die 808 vermissen. Stattdessen hat sie in ihrem silbrigen Gehäuse unverkennbare Ähnlichkeit mit dem legendären TB-303 Bassline Synth. Tatsächlich erschienen die beiden Maschinen als Bausteine eines Systems, mit dem man sich als Musiker selbst begleiten können sollte: die 606 für die Drums und die 303 für den Bass. Per DIN-Sync lassen sich die beiden synchronisieren und ergeben eine rudimentäre Begleitautomatik, heute würde man Groovebox dazu sagen. Den Siegeszug ihrer Analogsounds als stilprägende Elemente von Hip Hop, House, Acid und Techno konnte damals natürlich noch niemand ahnen und bei der ursprünglich anvisierten Zielgruppe waren die Kisten mit ihren wenig "authentischen" Sounds nur mäßig erfolgreich. Das sollte sich ein paar Jahre später gewaltig ändern, und heute ist die TR-606 eine interessante Alternative für all jene, die analogen Roland-Sound suchen und nicht mal eben ein paar Tausender für eine Original-808 übrig haben.

Übrigens gab es später auch eine TR-626, die anders als beim Duo 707/727 aber kaum etwas mit der 606 gemein hat. Sie ist eher eine um zusätzliche Sounds erweiterte TR-505 und arbeitet mit Samples.

Oberfläche

Dass die 606 längst nicht so viel kann wie die 808, erkennt man schon auf den ersten Blick - sie hat einfach viel weniger Knöpfe und Regler. Die Oberfläche ist dreigeteilt. Ganz oben findet man sechs Regler für die Lautstärken der einzelnen Instrumentengruppen und des Akzents. Das Level ist dann aber auch das Einzige, was man ohne Modifikation an den Sounds verändern kann – mehr dazu in Kürze. In der Mitte sind ein paar grundsätzliche Einstellungen zu finden. Hier gibt es einen Regler für das Tempo und den von der 808 bekannten Wahlschalter, mit dem die verschiedenen Sounds zur Programmierung ausgewählt werden. Daneben befindet sich der MODE-Schalter, mit dem man den grundlegenden Betriebsmodus wählt und den es so oder so ähnlich ebenfalls bei allen TR-Drumcomputern gibt. Bei der TR-606 hat er die vier Stellungen TRACK PLAY, TRACK WRITE, PATTERN PLAY und PATTERN WRITE, also jeweils Abspiel- und Programmiermodi für Patterns und Songs. Ganz rechts ist hier noch der Lautstärkeregler platziert.

Im unteren Bereich wartet dann schließlich das Heiligtum in Form eines ausgewachsenen TR-Sequencers. 16 Step-Taster mitsamt LEDs bilden das Herz. Im Modus PATTERN WRITE setzt man damit die Steps für das ausgewählte Instrument. Der SCALE-Schiebeschalter legt das Metrum fest, zwei binäre und zwei ternäre Varianten stehen zur Auswahl. Im Modus PATTERN PLAY und in den Track-Modi dienen die Step-Taster zur Auswahl von Patterns. Der daneben liegende Schalter PATTERN GROUP schaltet zwischen zwei Sets um, was insgesamt 32 speicherbare Patterns von jeweils bis zu 16 Steps Länge ergibt. Links davon ist der RUN/STOP-Button zu finden, rechts der TAP-Taster für das Einspielen in Echtzeit. Nun fehlt nur noch der FUNCTION-Taster, mit dem man je nach gewähltem Modus verschiedene Sonderfunktionen der anderen Knöpfe erreicht, zum Beispiel die Programmierung von Wiederholungen im Song-Modus.

Anschlüsse

Wer die TR-606 nicht mit Batterien betreiben möchte, findet auf der Rückseite der kleinen Schachtel einen Anschluss für ein 9V-Netzteil (Roland nennt es in der Bedienungsanleitung doch tatsächlich “Battery Eliminator”). Daneben gibt es je einen Line- und einen Kopfhörerausgang (beides Klinkenbuchsen). Zwei Trigger-Outputs (Miniklinke) werden von den beiden Tom-Spuren gespeist. Hier kann man also zwei unabhängige Trigger-Sequenzen programmieren und sie z.B. an Gate-Inputs eines analogen Synthesizers, Sequencers oder Drumcomputers senden. Auf der anderen Seite ist die DIN-Sync-Buchse zu finden, die mit dem daneben liegenden Schalter zwischen Input und Output umgeschaltet werden kann. Die TR-606 kann also entweder als Sync-Master oder -Slave arbeiten. Ganz am Rand gibt es schließlich noch einen Fußschalteranschluss für Run/Stop.

Einzelausgänge für die verschiedenen Sounds hat die TR-606 leider nicht. Weil sich die einzelnen Signale in unmittelbarer Nähe zur Gehäuserückwand an den Lautstärkepotis abgreifen lassen, kann man sie aber vergleichsweise leicht nachrüsten (lassen). Bei vielen Maschinen auf dem Gebrauchtmarkt wurde diese Modifikation schon durchgeführt, so auch bei unserem Exemplar. 

Praxis

Sounds

Die Roland TR-606 bietet sieben analoge Drumsounds: Bassdrum, Snare, zwei Toms, Cymbal sowie offene und geschlossene Hi-Hat. Die Sounds haben grundsätzlich die gleiche Klangästhetik wie die TR-808 und werden auf dieselbe Weise erzeugt: mit analogen Oszillatoren und Rauschgeneratoren. Allerdings lassen sich die Sounds der 606 ohne Hardware-Modifikationen nicht verändern (noch nicht einmal stimmen), was neben den fehlenden Einzel-Outs eine weitere große Einschränkung im Vergleich zur 808 ist. Am deutlichsten wird das sicherlich bei der Bassdrum, die man ja bei der 808 zwischen einem tiefen, tonalen Boooom und einem prägnanten Tock ziemlich frei einstellen kann. Das geht bei der 606 nicht. Das vordefinierte Kick-Setting ist ein musikalisch sinnvoll gewählter Mittelwert und funktioniert in vielen Beats gut. Den massiven Wumms der 808 bekommt man hier aber nicht. Ähnlich bei der Snare, die zwar gut zur Kick passt, aber vielen 606-Besitzern nicht "snappy" genug ist (weshalb sie gern gemoddet wird). Bei den beiden Toms fehlt die Möglichkeit zum Stimmen natürlich ganz besonders, aber auch sie klingen, wie man es von einer analogen Roland-Maschine erwartet. Schade ist allerdings, dass die TR-606 keinen Clap-Sound bietet, und auch auf die berühmte Cowbell der 808 muss man leider verzichten.

Ein programmierbarer und in der Stärke regelbarer Akzent ist der achte “Sound”. Wie bei vielen anderen analogen Drummachines hat er durchaus Einfluss auf den Klang der anderen Sounds – eine Bassdrum mit Akzent klingt nicht nur lauter, sondern auch etwas anders als ohne.

Für alle Sounds der 606 kursieren in der Szene diverse Mods, die vom Tauschen oder Hinzufügen einzelner Widerstände oder Kondensatoren bis hin zu kompletten Schaltungs-Hacks reichen. Sehr beliebt sind zum Beispiel Modifikationen, die die Bassdrum fetter klingen lassen oder einen Tune-Regler hinzufügen, und auch für die anderen Sounds haben sich Tüftler vieles einfallen lassen. Am weitesten gehen Erweiterungen, die in einem externen Gehäuse viele zusätzliche Regler zur Klangregelung unterbringen, hier gehört die Variante von Analogue Solutions zu den bekanntesten:

Weitere Tipps zu 606-Mods findet ihr zum Beispiel hier, hier und hier.  

Patterns programmieren

Das Erstellen von Patterns funktioniert bei der TR-606 wie bei den anderen TR-Maschinen. Man wählt den Modus PATTERN WRITE, wählt das zu bearbeitende Pattern aus und löscht es falls nötig. Dann wird das Instrument mit dem Drehschalter gewählt und man kann die Steps mit den 16 Tastern setzen oder mit dem TAP-Button in Echtzeit “eintrommeln”. Danach geht's weiter zum nächsten Instrument. 

Chain

Die TR-606 ermöglicht das spontane Verketten von Patterns im Modus PATTERN PLAY, was zum Beispiel bei einer Live-Performance inspirierend sein kann. Einfach zwei Pattern-Taster gleichzeitig drücken und die Maschine durchläuft die so festgelegte “Strecke” in einer Dauerschleife. Allerdings ist man dabei leider auf Patterns innerhalb eines der vier Viererblocks 1-4, 5-8 und so weiter beschränkt – es geht zum Beispiel nicht, eine Chain von Pattern 2 bis 5 festzulegen.

Tracks

Der Song-Modus, der hier TRACK heißt, erlaubt das Verketten von Patterns zu einem Song. Die Maschine kann acht Tracks speichern, die in den Track-Modes mit dem Instrumenten-Drehschalter ausgewählt werden. Die Tracks 1-7 können jeweils bis zu 64 Takte enthalten, bis zu vier solche Tracks lassen sich zu einer längeren Sequenz mit bis zu 256 Takten verketten. Track 8 hat alleine eine Kapazität von 256 Takten. Bei der Programmierung von Songs kann man mit den Segno- und D.S.-Markern Wiederholungen einfügen, um Takte zu sparen.

Fazit

Die Roland TR-606 Drumatix ist keine 808, das steht fest. Die analoge Drummachine ist zwar in der gleichen Klangästhetik unterwegs wie die berühmte Schwester, aber es fehlen ihr viele Einstellmöglichkeiten, Sounds und Features der 808 und sie ist klanglich längst nicht so vielseitig. Dafür kostet sie aber auch nur einen Bruchteil (obwohl echte Schnäppchen auch bei der TR-606 selten geworden sind). Die größten Schwachpunkte der 606 sind die wenigen, unveränderlichen Sounds und die fehlenden Einzelausgänge. Beides kann man mit den vielen inzwischen verfügbaren Modifikationen zumindest teilweise lindern, indem zum Beispiel Einzel-Outs oder Regler zur Veränderung der Sounds eingebaut werden. Wer auf dem Gebrauchtmarkt nach einer TR-606 fahndet, sollte sich in jedem Fall informieren, wie viel schon an der Maschine herumgebastelt wurde – die relativ simple Analogtechnik ist ein Eldorado für Lötkolbenschwinger und so manche 606 wurde leider auch “verschlimmbessert”. Hat man jedoch ein Exemplar in gutem Zustand ergattert, dann darf man sich glücklich schätzen, einen echten analogen Roland-Drumcomputer aus den frühen 80ern sein Eigen zu nennen. Vielleicht muss es ja gar nicht unbedingt eine 808 sein...

  • PRO
  • Analogsound
  • gleicher Sequencer-Workflow wie bei der 808
  • Akzent in der Stärke regelbar
  • relativ leicht modifizierbar
  • 2 Trigger-Outputs
  • CONTRA
  • nur 7 Sounds, kein Clap und keine Percussion
  • Sounds nicht veränderbar (ohne Modifikation)
  • keine Einzelausgänge (ohne Modifikation)
  • FEATURES
  • Erscheinungsjahr: 1982
  • Klangerzeugung: analog
  • Polyphonie: 7 Sounds + Akzent
  • Sounds: Bassdrum, Snare, Hi-Hat offen und geschlossen, 2 Toms, Cymbal
  • Pattern-Speicherplätze: 32 Patterns zu je bis zu 16 Steps
  • Song-Modus: 8 Songs (Tracks 1-7 bis zu 64 Takte, Track 8 bis zu 256 Takte)
  • Anschlüsse: Line Out, Kopfhörer, Trigger Out 1/2, DIN Sync (Master oder Slave), DC 9V Netzteil

Verwandte Artikel

User Kommentare