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03.02.2020

Tutorial: LoFi-Sounds mit DAW-Effekten

Workshop: Sounddesign mit hauseigenen Plugins

Bitcrusher, Vibrato, Tape-Effekt und co.

Dass sich Lo-Fi-Sounds, also im Prinzip das bewusste Zerstören von Sounds nach Jahren glattgebügelter Produktionen, momentan vermehrt durchsetzen, ist kein Wunder. So glassklar sich jede Aufnahme bearbeiten und equalizen lässt, so sehr jedes zweite Tutorial vor Übersteuern und Rauschen warnt: Irgendwann klingt eine zu stark bearbeitete Produktion nur noch wie aus dem IKEA-Katalog. Also werden einige Elemente moderner Produktionen, wie Sidechaining oder Autotune, mit Band- oder Vinylrauschen und „kaputt“ geschnittenen Samples gemischt. 

Oft geht es in How-to-Lo-Fi-Tutorials um DAS eine Plugin, ohne das Lo-Fi-Sounds nicht zu machen sind. Aber irgendwann ist auch die letzte Demo abgelaufen, das Weihnachtsgeld ausgegeben, die Foren nach Freeware-Ersatzlösungen abgegrast. Vieles davon könnt ihr euch, im wahrsten Sinne des Wortes, sparen. Die heutigen DAWs bringen (fast) alle Lo-FI-Mittel mit. Falls es dann doch mal an den mitgelieferten Plugins scheitert, gibt es am Ende des Artikels noch eine Liste mit einigen Freeware-Plugins, die euch dann weiterhelfen.

How to LoFi– Was ist das überhaupt?

Da Lo-Fi-Sounds in den verschiedensten Genres auftauchen und wir den Rahmen dieses Artikels aber nicht sprengen wollen, beschränken wir uns heute auf den prominentesten Vertreter, den Lo-Fi-Hip-Hop. Wir schauen uns kurz an, was den Stil ausmacht, und anschließend bauen wir uns die Elemente zusammen.

Grundsätzlich sind Lo-Fi-Hip-Hop-Tracks eher simpel gestrickt, komplexe Soundkollagen sind selten. Die Stimmung ist irgendwo zwischen melancholisch, relaxt und düster. Acts wie JinSang, Eevee, Knxledge oder Joji sammeln Millionen Klicks auf Spotify, Soundcloud und YouTube. Das fast wichtigste Element von Lo-Fi-Tracks ist weniger ein einzelner Sound (wie eine 808 oder ein Synth) als ein Bandrauschen oder ein Vinylkratzen. Es DARF quasi nicht gut klingen.

 

 

Je nach Song kann auf dem Beat ein zerhacktes Sample liegen – oder ein Klavierarpeggio, wie man es aus dem Trap kennt. Wichtig hier, dass – ganz nach Lo-Fi-Ästhetik – auch das Sample oder Arpeggio per Vibrato oder mikrotonaler Verstimmung irgendwie leicht schief klingt oder eiert. 

Die Drums – zerren, was das Zeug hält

Lo-Fi-Hip-Hop-Beats sind oft angelehnt an die Tradition vertrackter Beats à la J Dilla und Nujabes aus den Neunzigern. Die typische Groove-Ästhetik wird mit nicht quantisierten, sich an der Grenze des noch Groovenden befindenden Rhythmen erzeugt. Also müsst ihr beim Beatbauen das Raster eurer DAW deaktivieren und vor allem Bass-Drum-Schläge so weit verschieben, dass sie swingen und stolpern. Was die Sounds von Kick, Snare und Hi-Hat betrifft, darf hier ausgiebig recherchiert, gelayert und verfremdet werden. Bei simplen Arrangements mit wenigen Elementen kommt es sehr auf die Auswahl und die gewünschte Individualität an.

Um den kratzigen Drum-Sounds näher zu kommen, die in den Neunzigern im Hip-Hop oft weniger eine ästhetische Entscheidung als das Resultat der Sample-Engines der Drumsampler wie dem MPC300 oder dem SP-1200 waren, müsst ihr die Samplequalität mindern. Erster Anlaufpunkt: ein Bitcrusher, der die Sample- und Bitrate einer Audiodatei reduziert. Jede moderne DAW sollte ein solches Plugin mit dabeihaben. Falls ihr partout keins findet oder das mitgelieferte Plugin nicht die gewünschten Resultate liefert, versucht mal, den einzelnen Kick- oder Snare-Sound zu bouncen bzw. zu exportieren und dann in den Exporteinstellungen eine Samplerate von beispielsweise 22,050 kHz und eine Bitrate von 8 Bit auszuwählen. Wichtig beim Import ins eigentliche Projekt: Stellt sicher, dass eure DAW das Sample nicht automatisch wieder in die höhere Qualität konvertiert.

Neben der digitalen Verzerrung durch Bitcrusher braucht es ordentlich analoge Verzerrer. Ob jetzt eine Amp-Simulation, ein Overdrive-Plugin oder das bewusste Übersteuern eines Analog-EQs, der auch mit an Bord ist, ist euch überlassen. Passt dabei auf, dass den Drumsamples nicht die Transienten verloren gehen, was bei starker Verzerrung schnell passierten kann. Im Zweifelsfall layert ihr einfach eine stark gezerrte Version des Samples mit einer unbearbeiteten. 

Synth Sounds – So klingt es schön kaputt

Das typische Eiern und Wobbeln, was bei alten Vinylplatten oder abgenutzten Bandmaschinen entsteht, ist bei den Melodieelementen ein wichtiger Part. Am einfachsten geht das über ein Vibrato im Synthesizer. Dafür braucht ihr einen LFO, der den Pitch im Oszillator ganz leicht moduliert. Möglichkeit zwei ist ein Chorus-Effekt, der auch in jeder DAW mit dabei sein sollte.

 

Egal, ob Vibrato im Synthesizer oder Chorus-Effekt, damit es wirklich analog klingt, muss das Eiern in einer gewisse Ungleichmäßigkeit vorkommen. Schaut also, dass ihr beim LFO, falls möglich, eher eine Random- oder Noise-Welle als eine Sinuswelle nehmt und beim Chorus-Effekt und im LFO langsame, nicht mit eurem Song synchrone Geschwindigkeiten (unter 1 Hz) einstellt. Stichwort Noise: Im Lo-Fi-Spirit sollten eure Synth-Sounds natürlich auch knistern und rauschen, was das Zeug hält. Dreht dazu im Synthesizer White Noise hinzu, layert den Sound mit echtem Vinylrauschen und lasst das Ganze mit einem EQ (Low-Cut bei 400 Hz und High-Cut bei 4.000 Hz) wie durch ein Telefon klingen. 

Als starker Kontrast zu dem ganzen Vintage-Sound ist in vielen Lo-Fi-Produktion ein sehr deutliches Sidechain-Pumpen auf den Synthesizern zu hören. Wie genau ihr den Kompressor in eurer DAW einstellen müsst, damit er auf eine Kick in einer anderen Spur reagiert, variiert allerdings leicht. Grundsätzlich ist aber immer zu empfehlen, nicht die eigentliche Kick-Drum-Spur, die zu hören ist, zu nehmen, sondern eine „Ghost-Kick“ oder „Sidechain-Kick-Spur, die selbst gemutet ist. So habt ihr mehr Kontrolle über das Signal, könnt es stärker komprimieren und formen und könnt den Synth auch mal pumpen lassen, wenn die Kick pausiert. 

Samples zerstören – Audio-Editing für Lo-Fi

Hier geht es auch darum, gerade das zu machen, was in vielen Recording-Handbüchern, -Videos und -Schulen (zu Recht) als Unding propagiert wird: schlecht (also zu leise, zu laut oder undeutlich) aufnehmen, unsauber bearbeiten und effektieren, was das Zeug hält. Lo-Fi-Genres arbeiten häufig mit Field-Recordings – sprich: Aufnahmen aus eurer Umwelt. Dafür müsst ihr jetzt aber nicht auf einen sündhaft teuren Field-Recorder sparen, der selbst das leiseste Grillenzirpen rauschfrei aufnimmt. Fast alle von uns tragen mit einem Smartphone ein für diese Zwecke sogar sehr gut geeignetes Aufnahmegerät mit sich herum. Warten auf die U-Bahn, Gassi gehen mit dem Hund, Rolltreppe fahren oder den Abwasch machen (in gebührender Entfernung!) – der Smartphone-Recorder macht die Welt zu eurem Instrument.

 

Beispiel Vinylknacksen: Warum nicht mal Opas Plattenspieler anwerfen und das Smartphone zur Aufnahme neben die Anlage legen? Die Teile der Aufnahme, in denen keine Musik läuft, könnt ihr dann so zusammenschneiden, dass nur noch das Rauschen zu hören ist. 

Natürlich ist das „echte“ Samplen von Musikstücken im LoFiauch erlaubt und verbreitet. Auf Seiten wie Tracklib könnt ihr dazu legal Lizenzen für das Samplen von Stücken erwerben. Aber gerade im Zeitalter von nicht gerade immer nur eindeutiger Rechtslage und oft überempfindlichen Sperralgorithmen von Soundcloud und YouTube ist das Arbeiten mit Aufnahmen aus der echten Welt doch um einiges stressfreier.

Was die Bearbeitung von Aufnahmen betrifft, so sind die Time-Stretching-Algorithmen eurer DAW hervorragende Helfer – auch sie werden natürlich wieder viel zu übertrieben genutzt, immer auf der Suche nach möglichst vielen Störgeräuschen und Artefakten. Schon mal ein Vinylrauschen auf 20 bpm gestretcht und vier Oktaven hoch transponiert? 

Freeware-Plugins für Lo-Fi

Falls ihr an irgendeinem Punkt dieses Workshops in eurer DAW an ihre Grenzen gestoßen seid oder irgendein wichtiger Effekt nicht dabei war bzw. nicht das gewünschte Ergebnis geliefert hat, gibt es hier noch eine kleine Auswahl an kostenlosen Sounds und Plugins, die euch ganz schnell ins Lo-Fi-Universum bringen. Eine weitere Quelle für jede Menge Tipps, Sounds, Plugins und Links ist dieser Reddit-Thread

  • Vinylkratzen: iZotope Vinyl. Emulation des Klangspektrums von Plattenspielern, inklusive Rauschen, Wackeln und Aussetzern.
  • Bandrauschen: Tape Cassette Kassettendeckemulation mit Bandsättigung, Rauschen und Bandeiern. (Hinweis: Nur im AU- und VST3-Format! Ältere DAWs wie Ableton Live 9 können dieses Plugin auf Windows-Rechnern nicht erkennen.)
  • Bitcrush/Distortion: Tritik Krush Analoge und digitale Verzerrung in einem.
  • Chorus: TAL Chorus-LX. Basiert auf dem Chorus-Effekt aus dem legendären Roland Juno-60

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