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03.05.2018

Studiomythen widerlegt: „Große Räume klingen groß“

Legenden aus dem Recording-Betrieb in der Prüfung – Teil 2

Weniger Raumklang auf Aufnahmen in großen Räumen?

Offenbar haben wir eine bestimmte Erwartung an große Räume. Ich erlebe es immer wieder, dass Leute in das Studio Nord kommen, den großen Aufnahmesaal sehen und vermuten, eine Aufnahme dort müsse besonders räumlich klingen. Das ist nicht der Fall, und zwar aus Gründen der Physik. Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass eine räumliche Aufnahme im Gegensatz zu einer trockenen Aufnahme eine ist, auf der man den Raum, in dem die Aufnahme stattfand, gut hören kann. Woran erkennen wir aber den Raum? Es lohnt sich, hier ein paar grundlegende Faktoren der Akustik zu nennen.

Akustik ist überhaupt erst einmal das Vorhandensein eines Raumes, in dem sich Schall ausbreitet.

Wenn Schall auf Widerstände trifft und absorbiert oder mehr oder weniger diffus reflektiert wird, ergeben sich Informationen, die für die Orientierung wichtig sind. Man kann getrost davon ausgehen, dass das Gehör entwicklungsgeschichtlich betrachtet zunächst kein Mittel der Kommunikation, sondern eines der Orientierung war. Reflektierter Schall vermittelt eine sehr präzise Information darüber, wie die Welt um uns herum beschaffen ist und wo genau wir uns darin befinden.

Das Ohr ist unser Radarsystem.

Für eine Einschätzung, wie groß ein Raum ist, wertet das Gehirn eine ziemlich große Menge Daten aus. Zunächst einmal ist da der eigentliche Schallimpuls, an dessen Frequenzgang wir in etwa abschätzen können, wie nah er uns ist. Durch die Laufzeitunterschiede zwischen dem Eintreffen des Impulses am linken bzw. rechten Ohr bekommen wir ein Gefühl für die Richtung. Unmittelbar auf den eigentlichen Impuls folgen erste Reflexionen, die von mehreren Wänden, Decken und dem Boden kommen und dementsprechend zeitversetzt bei uns eintreffen. Diese Delays durch die Schallumwege werden mit dem ersten Eindruck die Entfernung der Schallquelle betreffend abgeglichen und liefern uns die abschließenden Informationen darüber, wie weit die Wände des Raums oder etwaige Gegenstände von der Schallquelle entfernt stehen und wie weit die Schallquelle von uns. Prinzipiell: Je später die erste Reflexion bei uns eintrifft, desto größer ist dieser Abstand, also auch der Raum. Die später folgenden Reflexionen dieser ersten Reflexion bieten hauptsächlich Informationen darüber, wie der Raum und die darin stehenden Gegenstände beschaffen sind. Die Summe der reflektierten Reflexionen des Schallereignisses nennen wir Hall, er bietet hauptsächlich Informationen über die Gestaltung der Oberflächen.

Hörposition in zwei Kategorien

Wir teilen die Hörposition im Verhältnis zur Schallquelle grundsätzlich in zwei Kategorien. Das Nahfeld ist eine Position, in der das eigentliche Schallereignis dominiert, im Diffusfeld stehen wir, wenn die Summe der Reflexionen lauter ist als der direkte Schall.Dieser Exkurs erscheint mir nötig, um festzustellen, um was es eigentlich geht. Die Größe eines Raums erkennt unser Ortungssystem an der Verzögerung der ersten Reflexionen und deren Frequenzgang. Außerdem sind in großen Räumen die Wände weiter entfernt, was bewirkt, dass das Nahfeld groß ausfällt bzw. das Diffusfeld erst in relativ großer Entfernung zur Schallquelle anfängt. Die größere Entfernung bewirkt ja, dass die Reflexionen aufgrund des weiten Weges, den sie zurücklegen, leiser beim Mikrofon eintreffen als in kleinen Räumen. Ein großer Raum ist ein Raum, in dem die Wände weit weg stehen, ein unendlich großer Raum wäre ein Raum ganz ohne Wände, also so etwas wie draußen. Ein unendlich großer Raum hätte überhaupt kein Diffusfeld. Das Diffusfeld ist es nun aber, vereinfacht gesagt, das uns bei einer Aufnahme sagt: „Hui, räumlich.“ Ein großer Raum hat eines, jedoch liegt es recht weit weg von der eigentlichen Schallquelle.

Was wir mit „räumlich“ meinen, wenn wir von Aufnahmen sprechen, ist der Hall, also die Summe aller Reflexionen.

Der Hall sagt mehr über die Beschaffenheit der Wände aus als über ihre Entfernung. Hall ist in großen Räumen aus einem einzigen Grund meist präsenter als in kleinen Räumen: Um den akustischen Charakter eines beliebigen Raums wahrnehmbar zu beeinflussen, ist es nötig, mehr als etwa ein Drittel seiner Oberflächen zu gestalten. Wenn in einem kleinen Raum beispielsweise ein Regal, ein Verstärker und eine Musikerin stehen, macht das schon viel aus. In einem großen Raum nicht. Wir müssten Regal, Verstärker und Musikerin auf Saalgröße skalieren, um einen ähnlichen Dämpfungseffekt zu erreichen. Deshalb sind wir es gewohnt, große Räume als Räume mit kräftigen Reflexionen und viel Nachhallzeit zu erleben, weil sie meist wesentlich nackter sind. In Wirklichkeit hat das mit der Größe eigentlich nichts zu tun – ein trockener großer Raum bietet wesentlich weniger Rauminformation als ein trockener kleiner Raum. Weil die Wände weiter weg stehen. In einem meiner früheren Studios gab es einen winzigen Keller, der komplett kahle Wände aufwies – er hatte eine längere Nachhallzeit als alle anderen Räume, in denen ich bisher gearbeitet habe.

In einem kleinen Raum kommen die ersten Reflexionen laut und fast gleichzeitig mit dem ersten Impuls an.

Einen Sonderfall, bei dem auch in großen Räumen die erste Reflexion etwa zeitgleich mit dem Direktschall eintreffen kann, würde zwar ein Mikrofon darstellen, das direkt an einer reflektierenden Fläche steht. Das sei aber nur am Rande erwähnt, weil ein solches Setup ganz unabhängig von der Raumgröße seinen eigenen Gesetzen folgt: In einem unendlich großen Raum (also draußen) ergäbe sich zwar vermutlich ein unschöner Kammfilter-Effekt. In einem großen Innenraum wäre aber im Normalfall davon auszugehen, dass der eintreffende Direktschall hinreichend diffus ist, die Korrelation also relativ gering.

In kleinen Räumen wird das eigentliche Schallereignis dagegen meist von einer phasenverschobenen stark korrelierenden Impulsantwort überlagert, die dadurch die Größe des Raums (oder besser: die Kleinheit des Raumes) unlöschbar in die Aufnahme einschreibt. In kleinen Räumen ist das Nahfeld wesentlich kleiner als in großen Räumen, es sei denn, der Raum ist vollgestopft mit Absorbern. Dummerweise steigt aber mit zunehmender Trockenheit der Raumakustik die Frequenz, oberhalb derer stehende Wellen nicht mehr einzeln wahrgenommen werden, was zusätzlich zu einem eher klaustrophobischen Sound führt. Wir erhalten im kleinen Raum also immer eine Aufnahme mit sehr viel Rauminformation, allerdings keiner vorteilhaften, nämlich mit der Aussage „Ich bin ein kleiner Raum“.

In einem großen Raum ist das alles nicht der Fall.

Die ersten Reflexionen kommen in einem großen Raum so spät, dass sie den Frequenzgang des ersten Impulses nicht stören und so leise, dass sie sich ihm unterordnen. Das Nahfeld ist sehr groß. Auffällige stehende Wellen liegen so tief, dass sie der Aufnahme nur dezente Information über die Raumgröße aufprägen. Im Grunde kann man also sagen, dass einer der wesentlichen Vorteile eines großen Aufnahmeraums darin besteht, dass weniger „Raum“ auf der Aufnahme landet. Und nicht mehr.

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