Software
Test
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04.03.2018

Praxis

Die “Evolutions“ und die „Chamber Evolutions“ Library – “Evos“

Ich lade das Chamber Grid und lege einfach mal los. Was ich höre, klingt als würde man mit beiden Händen tief in die Erde greifen; die Samples klingen warm, ungeschliffen, satt, etwas roh. Durch die kleine bzw. solistische Besetzung, die sich daraus ergebenden kleinen Intonationsunreinheiten und die Artikulationen bekommt das Ganze gleichzeitig einen nordisch-kühlen Touch. Ohne Frage lassen sich damit sehr interessante Landschaften bauen. Das Hauptfeature, das Steckbrett, finde ich dabei aber nur mäßig hilfreich. Ich stecke wahllos herum oder benutze die Random-Funktion und probiere allerhand Settings aus. Manchmal ergeben sich interessante Zufallstreffer, aber meistens passt für mich irgendetwas nicht ins Bild und ich hätte lieber deutliche Kennzeichnungen für klare Gestaltungsmöglichkeiten gehabt. Gerade die fehlen jedoch, denn die Artikulationen sind nur durch Zahlen, nicht durch Namen angegeben. Ein gezieltes Bauen von originellen Texturen ist daher ziemlich umständlich. Aber es gibt die Evos auch als nach der Artikulation benannte Einzelpresets, im Falle der „Evolutions“ sogar für jedes einzelne Instrument, und die machen wirklich Spaß. Gedankenverloren drücke ich einzelne Tasten und höre zu, wie die Töne sich immer weiterentwickeln. Dass die Töne bis zu 60 Sekunden lang sind, finde ich wesentlich bemerkenswerter als das Steckbrett. Die Töne atmen und entwickeln sich und gerade das ermöglicht es, sehr minimalistisch zu arbeiten, ohne dass der Eindruck von programmierter Musik entsteht. Effekte anzuwenden ist mir bei so schönen Samples zu schade. Gerade die ganz feinen Nuancen sind ja das, was die Library so besonders macht. Da sind die 4 verschiedenen Mikros für meinen Geschmack Effekt genug, denn jedes klingt hervorragend und verleiht dem Ton eine andere Färbung, ohne ihn tatsächlich zu verändern.

Die „Waves“ der „Chamber Evolutions“

Ich hatte es eingangs schon erwähnt, die Machart der Waves ist überaus simpel, bzw. der Name ist Programm; ein Ton kommt quasi aus dem Nichts, schwillt an und verschwindet wieder. So simpel die Bauart, so gut klingt das Ergebnis. Es sind tatsächlich Soundwellen, die auf einen zurollen und die klingen so organisch und schön, dass ich auch hier wieder hängenbleibe und mir minutenlang Welleneffekte anhöre. Natürlich kann man so was prinzipiell auch programmieren, aber es fehlt halt die entscheidende Schippe Dreck, die man per CC-Befehl nicht reingedreht bekommt. Hier schwingen die Töne ein und aus, beim Lauter- und Leiserwerden ändert sich deutlich hörbar die Obertonstruktur. Das alles sind Aspekte, die sich – wenn überhaupt – nur sehr unzureichend programmieren lassen. 

Die Waves bedienen sich übrigens keines Steckbretts, sie werden in Notenwerten für die drei vorhandenen Spieltechniken (normal, tremolo, vibrato) dargestellt.

Das Gegengewicht zu den Streichern; Pads und Piano im „Composer Toolkit“

Nach all dem Gestreiche ist das Composer Toolkit eine wahre Erholung. Hier erwartet mich ein Klavier und eine Handvoll Synthies. Zuerst zum Klavier; ich werde nicht ganz schlau aus der Beschreibung im Handbuch: Ólafur hat den Flügel mit mehreren Streifen und einem einzigen Stück Filz präpariert!? Da ein Klavierhammer eh mit Filz umspannt ist, weiß ich nicht genau, was das bedeuten soll. Fakt ist aber, dass das Felt Piano einen sehr schönen, intimen, extra-weichen Klang hat. Durch die verschiedenen Signale lässt sich von Close bis Ambient auch so ziemlich jede Soundabstufung realisieren, die man in der Praxis braucht. Zusätzlich steht der warme Klaviersound in einem interessanten Kontrast zu den kühlen Streichern, ergänzt diese dabei klanglich, sodass sich eine schlüssige wenn auch ungewöhnliche Gesamtkombination ergibt. Diese wird durch eine Auswahl von Synthies noch um eine Facette erweitert und dabei gleichzeitig ins Hier und Jetzt geholt. Obwohl in vier Kategorien aufgeteilt, handelt es sich im Grunde genommen um zwei Arten von Synths, Pads und ARP-Synths. Was ich höre, gefällt mir sehr gut und erinnert mich tendenziell an die Streicher; auch die Synths haben etwas erdiges, ungeschliffenes, rohes. Dadurch klingen sie eigen und gleichzeitig raumfüllend. Ich kann mir bei diesen Sounds nicht vorstellen, mich im Übereinanderschichten von Pads zu verlieren. Das Ergebnis wäre unweigerlich undifferenzierter Soundmatsch. Auf die gesamte Kollektion bezogen könnte man also sagen, dass sie minimalistisches Arbeiten geradezu einfordert, da alle Sounds sehr raumfüllend sind.

Eine kurze Bemerkung zu Effekten & Bugs

Die mitgelieferten Effekte (u.a. Reverb, Chorus, Delay, EQ) verbuche ich unter „das Übliche“ und kümmere mich nicht weiter darum. Ich habe sie natürlich angetestet, fand das Ergebnis solide, aber nicht überragend, und habe mich in erster Linie geärgert, dass es einen Blick ins Handbuch brauchte, um herauszufinden, wie man das Menü für die Effektparameter öffnet. Von intuitiver Bedienbarkeit kann hier keine Rede sein. Bemerkenswert sind die drei Felder „Volume“, „Pitch“ und „Filter“. 

Auch wenn ich hier ebenfalls ein bisschen gebraucht habe, um herauszufinden, dass und was ich mit denen machen kann (man muss die grafische Wellendarstellung nach links oder rechts ziehen). Dann allerdings hatte ich ein schönes Spielzeug, um die Pads im Handumdrehen krass zu verändern. Gerade der Filter leistet hier ganze Arbeit. Wer also in der Soundwelt des geladenen Synthies bleiben aber trotzdem ein komplett anderes Ergebnis haben möchte, der ist mit diesen Tools sehr gut beraten. Ein echter Bug – und das gilt leider für alle drei Libraries – ist die Tatsache, dass sie ziemlich oft abstürzen. Auf einmal sind Werkzeuge nicht mehr anwählbar, Infotafeln gehen nicht mehr auf, oder man bekommt schon beim Öffnen die Meldung, das Instrument sei nicht lizenziert. Da alle meine Systeme auf dem neusten Stand sind und ich diese Probleme nur mit dieser Collection habe, muss ich das leider Spitfire anlasten. Es bleibt zu hoffen, dass sich das alles mit dem nächsten Update erledigt.

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