Test
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11.05.2018

Praxis

Schnelles Sony

Ach, du heiliger Bimbam! Das Sony C-100 macht sofort klar, was es zu leisten imstande ist. Den ersten Klangeindruck nach Inbetriebnahme habe ich mit geschlossenen Kopfhörern, während das Mikrofon für meine „Kennenlernroutine“ mit Nierencharakteristik noch einen guten Meter von mir entfernt steht. Ich muss schon sagen, auf diese Entfernung ist mir kein Großmembran-Mikrofon untergekommen, das derart klar und detailliert jedes Kleidungsrascheln, Tippen auf der Tastatur, Strömungsgeräusch beim Atmen, das Kratzen von Bartstoppeln auf der Handfläche und dergleichen darstellt. Ich schaue dieses schwarze Ding an und fühle mich irgendwie beobachtet. Es dauert eine Weile, bis ich nach bewusstem Herumrascheln, Klappern und Streichen auch mal etwas sage. Etwas ungläubig nähere ich mich dem C-100. Das Zweikapselmikrofon ist definitiv eines der schnellsten Mikrofone, die ich kenne. 

Diese Art der Transientendarstellung ist bei Instrumenten jeglicher Art sehr vorteilhaft. Das große Spektrum macht es für Sounddesigner besonders interessant, die mit Pitchdowns arbeiten wollen. Interessant und praxistauglich ist, dass der Hi-Res-Wandler umschaltbar ist. Der Klangcharakter ändert sich bei weitem nicht so stark wie bei alten, klassischen Doppelmembranmikrofonen vom Schlage eines Neumann U 67, aber ist auch nicht so konstant wie etwa bei einem Sennheiser MK 8. Die Acht wirkt leicht knackiger als die anderen beiden Patterns, dafür kann die Niere mit der höchsten Natürlichkeit punkten. 

Ultraschall: Prinzipbedingt anderes Pickup Pattern

Ich meine auch, den Grund zu kennen: Die Ultraschallkapsel ist nicht umschaltbar. Auch bei Acht und Kugel ist es also so, dass die Minikapsel nur auf der Achse aufnimmt. Bedenkt man, welche geringe Wellenlänge im Ultraschallbereich herrscht (bei 40 kHz sind es ungefähr 8 mm!), wird auch klar, dass die Kapsel (sehr wahrscheinlich ein Druckempfänger) eine starke Abschattung besitzt und somit sehr „beamartig“ aufzeichnet. Schon bei Nierenaufzeichnung aus 45 Grad bemerkt man, dass das Signal dadurch etwas weicher wird. Die fehlende Richtkorrelation zwischen Ultraschall- und Hörschallkapsel sorgt dann auch dafür, dass die Acht vorne und hinten durchaus unterschiedlich klingt. Aber mal ehrlich: Dieses Manko (das andere Mikrofone aufgrund des Fehlens einer solchen Kapsel nicht einmal besitzen) kann man nicht mal eben durch eine zweite Doppelkapsel ändern. Das Pattern wäre dann deutlich zu schmal, nur ein Array oder eine Ultraschall-Acht-Kugel-Kombination könnte das wohl regeln – und sicher nicht für diesen Preis! Allerdings kommt auch die Frage auf, ob es nicht auch mit einer kleineren Membran und entsprechender Elektronik gehen würde, ich denke da an das Sennheiser MKH800  …

Beim Pitchdown mit hoher Samplerate aufgezeichneten Audiomaterials (hier: 384 kHz mit einem Merging Technologies HAPI mit AKD8DP-Karte) fällt auf, dass die Obertonstruktur aus dem Frequenzband oberhalb von 20 kHz sehr präzise und natürlich in den Hörbereich transferiert wird, ohne dass das Signal wie sonst üblich dumpf wird. Bei Besprechung abseits der Achse zeigt sich, dass auch dort Signalanteile vorhanden sind, allerdings entkoppelt sich in den Höhen der Direktschall von den Reflexionen.

Das Spektrum benötigt Platz – und die Möglichkeit, bis in den Mix zu überleben

Der enorme Informationsgehalt des mit dem Sony C-100 aufgezeichneten Signals fordert natürlich seinen seinen Platz im Mix ein – das muss schon zum Signal passen. Ein wirkliches „All purpose“-Mikrofon ist das C-100 daher nur eingeschränkt. Filter oder Übertrager, ja schon besonders lange Kabel können allerdings die genannten positiven Eigenschaften etwas abschwächen. Der Klangcharakter ist dadurch doch etwas anders als bei der Wahl eines Mikrofons mit einem typischeren Frequenzgang, aber es funktioniert ganz passabel, mit diesen Mitteln ein „normales Mikrofon“ aus dem Sony zu machen. Kabel machen bei der Verwendung mit dem Sony C-100 eine Menge aus! Ja, auch die Qualität, aber nicht zuletzt die Länge. Ein 50m-Kabel, das aus gutem Grund selten zum Einsatz kommt, schwächte die Eigenschaften des Mikrofons deutlich ab. Es gibt also zwei Luxusprobleme bei Verwendung des Sony C-100: So muss man sich die Frage stellen, ob die erstaunliche Bandbreite und Transiententreue technisch bis in den Mix transportiert werden kann und der Mix muss diese dann auch vertragen. Ganz hervorragend ist übrigens der Einsatz als Raummikrofon für Drums mit dem Direktschall abgewandter Nierencharakteristik (und idealerweise wohl als Stereopärchen).

Spezialfall Vocals

Die deutliche Schärfe schreit bei manchen Stimmen nach einem De-Esser, so viel scheint klar. Auch klar: Ein Wegmachen ist möglich, ein Hinzufügen nicht. Absolut passend kann das Sony C-100 für viele Rapper sein. Vorausgesetzt, dass sich der Rapper nicht zu sehr hin- und herwiegt und eine gute Mikrofondisziplin besitzt. Die angenehm verlaufende Bassanhebung durch den Nahbesprechungseffekt kann man auch komplett umgehen, indem man einen großen Abstand wählt. Es ist auch bei einem Meter noch irrsinnig detailliert und wirkt sehr „nah“. Wenn man ganz genau hinhört, meint man vielleicht bei scharfen Konsonanten einen gewissen „einkomponentigen“ Signalanteil in den Höhen feststellen zu können, der entfernt an einen Übertrager erinnert. Ich bin mir aber sehr sicher, dass es sich dabei um Anteile des Schallquelle handelt, die man so schlichtweg selten bis gar nicht präsentiert bekommt.

Vergleiche mit anderen Mikrofonen

Das nicht umschaltbare Nierenmikrofon Audio-Technica AT5045 wirkt im direkten Vergleich weniger „hyperaktiv“ und „britzelig“, dafür natürlicher – gerade in den Höhen. Der Bass erscheint kompakter, schneller, knackiger. Das Aston Spirit ist ein deutlich preiswerterer Vertreter, der im Testbericht jedoch mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis zu punkten wusste. Es rauscht allerdings deutlich mehr und zeigt im Vergleich eine etwas fisselig wirkende Klangkomponente. Im Wissen darum, mich zu wiederholen: Bei den vielen erfolgenden Bearbeitungsstrecken einer modernen Musikproduktion bleibt im Regelfall viel von den Eigenschaften des C-100 auf der Strecke. Versendet sich also ein wenig der Transiententreue, geht auch etwas von dem minimal gehypt wirkenden Charakter verloren – insofern ist das Sony sehr gut aufgestellt. 

Dynamik und Umgang mit Störschall sehr gut

Dynamisch ist das Sony C-100 hervorragend aufgestellt. Das Rauschen ist niedrig, der maximale Schalldruckpegel hoch genug – und dass es feindynamisch außerordentlich ist, erklärt sich anhand des Arbeitsprinzips und der bisherigen Klangbeschreibung wohl fast von selbst.

Keine Blöße gibt sich der japanische Hersteller beim Thema Störschall: Zunächst einmal arbeitet die praktisch bedienbare und nicht zu ausladende Spinne wirklich sehr gut. Darüber hinaus kann sich der etwas struppig anfühlende Windschutz – sonst in meinen Testberichten nur mit einem kurzen „Ist halt dabei“ abgenickt – ein dickes Lob abholen. Das Material – unregelmäßig grobporig wie Hakans Poppfilter P110, die Schutzkörbe von Myrinx oder manchen von Josephson (dort aus Metall) – macht einen hervorragenden Job, indem es vor Windgeräuschen sehr gut schützt und selbst im Ultraschallbereich keine besonders negativen Auswirkungen auf das Klangbild hat. Warum Sony nicht gleich dieses Material statt des sicherlich leichte Resonanzen verursachenden Korbgitters verbaut hat? Aber das müsste man ja fast jeden Hersteller fragen … Die sanfte und eigentlich wundervolle Bassanhebung durch den Proximity-Effekt oder eventuell doch weitertransportierten Trittschall oder Poppanteile weiß ein wirklich sehr sauber arbeitendes Hochpassfilter in Zaum zu halten. So soll das sein!

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