Serie_Interview
Feature
9
06.04.2016

"Sing meinen Song" – Die TV Band im Gespräch

Ein Blick hinter die Kulissen der TV-Show

Im April 2014 startete mit „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ eine hoffnungsvolle Musikshow in der sonst eher blassen deutschen TV-Landschaft. Schon mit der ersten Staffel wurden glänzende TV-Quoten, goldene Schallplatten, Spitzenplätze in den Charts und anschließend ausverkaufte Tourneen der teilnehmenden Künstler erzielt. Dieses Jahr geht die Show bereits in ihre dritte Staffel und hat neben Gastgeber Xavier Naidoo mit Nena, Samy Deluxe, Wolfgang Niedecken, Annett Louisan, dem Schweizer Newcomer Seven und The Boss Hoss erneut ein hochkarätiges Lineup zu bieten.

In den Shows werden die jeweiligen Hits des Stars von allen anderen Künstlern interpretiert und bekommen damit teilweise einen völlig neuen Glanz. Für die brillante musikalische Umsetzung ist Produzent, Arrangeur und Keyboarder Mathias Grosch mit seiner Band „Grosch's Eleven“ verantwortlich. Im Studio der Mannheimer Naidoo-Herberger Produktion erarbeitet er mit seiner großen Band die stilistisch vielfältigen Interpretationen für alle Stars der Sendung. Nach einem Konzert mit Yvonne Catterfeld, Teilnehmerin der zweiten Staffel, traf ich in Berlin Mathias Grosch und seine Rhythmusgruppe, bestehend aus Schlagzeuger Mario Garruccio und Bassist Dominik Krämer, zum Gespräch.

Mathias, wie kamst du zur „Sing meinen Song“-Produktion?

Mathias Grosch: Unser Gastgeber Xavier Naidoo kannte mich von unserer Zusammenarbeit an seinen Alben „Bei meiner Seele“ und „Alles kann besser werden“. Außerdem habe ich mein Studio in der Mannheimer „Naidoo Herberger Produktion“ und arbeite seit jeher in verschiedenen Genres immer viel mit Bands zusammen. So kam dann auch die Anfrage für die Produktion und Zusammenstellung der Band zustande.

Womit beginnt die Produktion an einer „Sing meinen Song“-Staffel?

Mathias Grosch: Nachdem durch Gastgeber Xavier Naidoo und die Produktionsfirma die Teilnehmer angefragt wurden und sich die Künstler für die Staffel zusammengefunden haben, schauen wir, was der jeweilige Interpret bisher gemacht hat. Wir versuchen dann, eine gute Mixtur aus Hits zu finden, die sie oder ihn berühmt gemacht haben, aber auch gute Songs auszuwählen, die vielleicht noch nicht so bekannt sind. Jeder Künstler wählt dann aus den Listen der Songs jedes Teilnehmers der Staffel jeweils einen Song aus.

Gab es da nicht unglaublich viele Überschneidungen?

Mathias Grosch: Wenn das passiert ist, mussten wir auslosen, aber es gab diese Situation bei ungefähr 150 Songs bisher tatsächlich nur zwei oder drei Mal. Xavier Naidoo sucht sich auch gerne mal Songs aus, die man nicht von ihm erwartet oder die niemand anders nimmt, weshalb er bei der ersten Staffel auch „From Sarah with Love“ von Sarah Connor gesungen hat. Das sieht er dann schon als Herausforderung an.

Ist diese Song-Auswahl dann die Grundlage für deine Arbeit als Arrangeur?

Mathias Grosch: Ja und nein. Bei dieser Staffel lief das anders als in den Jahren davor, weil einige Künstler die Versionen ihrer Songs mit ihren Produzenten selbst ausgearbeitet hatten und mit teilweise schon sehr fortgeschrittenen Versionen zu den Aufnahmen kamen. Das war natürlich für die ganze Band eine Herausforderung, weil da teilweise Arrangements entstanden sind, die wir so wahrscheinlich nie gemacht hätten. Bei den letzten Staffeln hatte ich anderthalb Monate Zeit, um 50 Titel zu arrangieren, und dieses Mal hatten somit die jeweiligen Produzenten der Künstler die selbe Zeit für nur sieben Titel. Dadurch waren die Versionen dann bereits wesentlich detaillierter ausgearbeitet, als wir uns als Band getroffen haben.

Wie weit kannst du bei deinen Arrangements gehen? Versuchst du manchmal, die Künstler gezielt vor Herausforderungen zu stellen?

Mathias Grosch: Die Künstler haben natürlich das absolute Vetorecht, aber bei den Treffen vor dem Aufnahmeprozess mit der Band schlage ich schon auch mal vor, den jeweiligen Song vielleicht in eine andere Richtung zu bringen, und meistens lassen sie sich dann auch darauf ein. Manchmal merkt man aber auch beim ersten Durchlauf mit der Band, dass die eine Nummer so überhaupt nicht funktioniert oder nicht zu den anderen Songs passt, die wir mit dem Künstler spielen wollen.

Hattest du freie Hand bei der Zusammensetzung der Band?

Mathias Grosch: Ja, ich hatte damals eine Vorstellung davon, wie groß die Band sein soll und habe jedem der Musiker erstmal gesagt, dass es ein Experiment ist. Sich mit zehn Musikern einen ganzen Monat einzuschließen, kann auch nach hinten losgehen. Ich habe also schon geguckt, welche Charaktere da aufeinander treffen. Teilweise sind die grundverschieden, aber das ist der Kreativität nur zuträglich. Auf der menschlichen Ebene funktioniert das aber auch alles wunderbar. Von der heutigen Band kannte ich alle, bis auf zwei Ausnahmen, schon sehr lange. Unser Saxophonist Axel Müller hat dann den Trompeter Christoph Moschberger und Johannes Goltz an der Posaune empfohlen, die jetzt zu dritt die Bläser-Section stellen.

Wann beginnt die Arbeit mit der Band?

Mathias Grosch: Nachdem ich mich jeweils zwei bis drei Tage mit den Künstlern getroffen habe, mache ich Vorproduktionen und schreibe Akkord-Sheets für die Musiker, die aber nur das Grundgerüst darstellen sollen. Dann treffen wir uns als Band mit den Sängern und arbeiten die Versionen aus. Mir ist dabei wichtig, dass sich alle einbringen können, da nur so ein homogener Bandsound entstehen kann. So macht das dann auch total Spaß, weil man kreativ gefordert ist und immer wieder selbst davon überrascht wird, was am Ende mit den Stücken passiert.

Das ist ja sicherlich für die Künstler auch ungewohnt, den Aufnahmeprozess mit einer so großen Band zu erleben, oder?

Dominik Krämer: Sarah Connor war in der ersten Staffel wahnsinnig begeistert und hat sich gewünscht, dass sie immer mit einer so großen Band aufnehmen könnte. Das gibt ja einem Sänger auch viel mehr Möglichkeiten. Man kann beispielsweise eine Idee vorsingen und der Gitarrist kann sie sofort umsetzen, oder man kann mit der kompletten Band ein Arrangement ausprobieren und direkt gucken, ob es funktioniert. Diese Produktionsweise war früher die Regel, ist aber heute eine absolute Ausnahme, weil vieles erst Stück für Stück am Computer gebaut wird und es jemanden braucht, der die große Vision hat. Man merkt einfach, dass die Interaktion der Musiker schon in der Aufbauphase des Songs so fruchtbar und eben einfach durch nichts zu ersetzen ist. Natürlich entstehen manchmal auch zufällig im Zusammenspiel Ideen, die den Song bereichern.

Sind bei den Aufnahmen auch Sänger und Bläser im selben Raum?

Mathias Grosch: Wegen der Übersprechungen auf die Mikrofone am Schlagzeug sind Bläser und Sänger in separaten Räumen. Das ist auch ganz gut, weil so teilweise die Background-Sängerinnen mit dem Künstlern schon Sachen erarbeiten und die Bläser ihre Sätze an die Arrangements anpassen können. Wir sind aber immer über Kamera, Monitor und Talkback-Mikrofone miteinander verbunden. Die Tontechniker arbeiten auch schon während der Proben an ersten Mixen und der Klangästhetik der jeweiligen Nummer. Es passiert also vieles gleichzeitig und damit so effizient wie möglich.

Erscheinen diese aufgenommenen Stücke dann auf CD oder ist es ein Mix aus der Show und den Studioaufnahmen?

Mathias Grosch: Zunächst mal sind die Studioaufnahmen der doppelte Boden für die TV-Show. Sind sind zwar noch nicht dafür gebraucht worden, aber man weiß nie, was passiert, wenn man in Südafrika tausende Kilometer von Deutschland entfernt ist und da Geräte ausfallen oder Kabel kaputt sind. Ohne doppelten Boden könnte im Zweifelsfall die ganze Produktion nicht wie geplant stattfinden. Das heißt auch, dass wir alle Songs und Arrangements vorher festlegen. In den je drei Tagen machen wir pro Künstler sieben Titel komplett fertig. Manchmal ändert man im Nachhinein nochmal eine Kleinigkeit, aber das ist dann nur noch Makulatur. Man merkt einfach bei unserem Arbeitsprozess im Studio, wo die Songs energetisch hingehen. Wenn die ganze Band den Song spielt, weiß man auch, wie er am Ende klingt. In der Show ändert sich die Energie dann natürlich ein bisschen, weil Mario am Schlagzeug viel freier agieren kann. Die Show ist Open Air, also schwingt kein Raum mit, und wenn sich der Moment ergibt, kann man als Drummer da nochmal richtig den Künstler pushen. Auf der CD landen dann letztendlich die Live-Aufnahmen der Shows in Südafrika.

Mario, wie ist das denn eigentlich dann bei den Weihnachtsshows in der Berghütte?

Mario Garruccio: Auch da ging das eigentlich. Es hängt natürlich extrem davon ab, welchen Output der Künstler am Mikrofon erzeugt. Wenn sie oder er wie in der Hütte nah am Drumset steht, leise singt, die Band aber ein Knüppelarrangement spielt, hat am Ende der Mischer natürlich keine Chance. Die Songs mit Christina Stürmer im letzten Jahr waren rockig, aber sie singt eben auch laut. Interessant ist für mich aber, was dann letztendlich mit der Energie des Songs bei der Aufzeichnung passiert. Es ändert sich immer was. Natürlich hat man die Beats und Formen festgelegt, aber so viele Faktoren beeinflussen da nochmal die Stimmung des Ganzen. Während wir in Mannheim die Songs erarbeitet haben, saß der Künstler noch in der Gesangskabine, und der Song war gerade in der Entstehung. Jetzt steht man in Südafrika unter freiem Himmel, und die rote Lampe leuchtet. Da kommt bei dem einen oder anderen doch noch die Rampensau raus. Das ist aber eigentlich auch das Spannende. Wenn du merkst, dass der Sänger dann doch viel mehr gibt, musst du ihn als Trommler natürlich supporten, oder aber man merkt im Song, dass die Nummer doch ein bisschen softer wird.

Mathias Grosch: Das liegt dann oft auch am Gespräch vor der Performance. Man darf ja nicht vergessen, dass das kein Live-Konzert ist, sondern die Künstler sich während der Show unterhalten und nichts davon gescripted ist. Es kann also sein, dass während der Gespräche ein ernstes Thema angesprochen wird, was die Sänger natürlich irgendwie auch mit in den Song nehmen. Das ist aber interessant für uns als Band, weil wir die Unterhaltungen natürlich auch hören.

Spielt ihr alle Songs zum Click?

Mario Garruccio: Nicht unbedingt. Es gibt freie Stellen oder beispielsweise ein offenes Intro, wo kein Click läuft und auch Balladen, bei denen wir einfach nur einen Count In vom Click haben. So haben wir das genaue Tempo vom Song und wissen auch, dass es los geht.

Über welchen Zeitraum erstreckt sich die Produktion?

Mathias Grosch: So richtig beginnt es Mitte November mit der Vorproduktion und den Aufnahmen mit der gesamten Band. Vor der Show gibt es dann nochmal eine Durchlaufprobe in Deutschland mit Monitorpult und allen technischen Dingen. Anschließend werden alle Sachen, die wir nicht vor Ort anmieten, verschifft. Die Show wird dann Anfang März in Südafrika aufgezeichnet und direkt danach in Deutschland gemischt. In drei Wochen stellen wir insgesamt 50 Songs fertig, die jeweils für Sendeton, CD, DVD und Blu-Ray optimiert werden.

Was waren deine Highlights dieser Staffel?

Mathias Grosch: Wir waren alle von der Zusammenarbeit mit Samy Deluxe überrascht. Er hat sehr viel Input gegeben, tolle Arrangements mitgebracht und ist sich beim Interpretieren anderer Songs total treu geblieben. Das hat großen Spaß gemacht.

Mario Garruccio: Mich persönlich hat besonders beeindruckt, wie Nena und Wolfgang Niedecken als alte Hasen des Showgeschäfts immer noch eine unglaubliche Energie mit auf die Bühne bringen.

Danke für's Gespräch!

Die aktuelle Staffel von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ startet am 12.4.2016 und wird wöchentlich am Dienstag um 20:15 Uhr auf VOX ausgestrahlt.

Besetzung „Grosch's Eleven“

  • Mathias Grosch – Piano, Keyboards, Bandleader
  • Dominik Krämer – Bass
  • Markus Vollmer – Gitarre
  • Daniel Stelter – Gitarre, Mandoline, Ukulele, Pedal-Steel
  • Mario Garruccio – Schlagzeug
  • Christoph Moschberger – Trompete, Flügelhorn
  • Axel Müller – Saxophon, Flöte, Klarinette
  • Johannes Goltz – Posaune
  • Katja Friedenberg – Gesang
  • Laura Bellon – Gesang

Verwandte Artikel

User Kommentare