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Test
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14.11.2019

Roland SH-01A Test

Boutique Synthesizer

Bonzai-101 mit Biss

Nach dem großen Erfolg der ersten Boutique-Modelle JU-06, JX-03 und JP-08 war es nur eine Frage der Zeit, wann sich Roland einer Reinkarnation des legendären SH-101-Synthesizers annehmen würde. Das Original aus den frühen Achtziger Jahren besticht noch heute durch seine einfache Bedienung, die ihn als gutes Einstiegsgerät für Synthesizer-Anfänger prädestiniert, als auch mit einem erfrischend direkten Sound, der sich in jedem Mix durchsetzt. So wurde aus erster Liebe oft eine Verbindung für’s Leben. Mal sehen, welche Gene die Roland-Ingenieure ihrem eigenen Klon vererbt haben.

Details

Erster Eindruck

Was sofort auffällt: Kaum ein anderer klassischer Roland-Synthesizer scheint so gut für das Boutique-Bonsai-Format geeignet wie die 101: Die authentisch nachempfundenen Plastikfader des SH-01A sind zwar kleiner als beim Original, jedoch bei weitem nicht so winzig wie bei anderen Boutique-Mitgliedern, beispielsweise beim Jupiter-8-Klon JP-08. Sie gleiten geschmeidig und präzise in die gewünschte Position und der kürzere Regelweg ist ein guter Kompromiss zum kompakten Formfaktor. Lediglich die Regler für die Bender-und-Modulationsintensität sind winzig klein, was ich aber nicht als Nachteil empfinde, ganz im Gegenteil: Auch beim „großen“ SH-101 stelle ich das meist nur einmal ein und belasse die Regler dann in ihrer Position. Die Metallkippschalter für Transpose und Portamento sind genauso groß wie beim Original, etwas steifer, aber vielleicht sind die Schalter von meinen 101 auch einfach durch den Zahn der Zeit leichtgängiger geworden.

Rundgang

Die anderen Sektionen des SH-01A sind beinahe identische Miniaturausgaben des SH-101. Von links nach rechts:

  • Der LFO, ein Tieffrequenzoszillator, dessen Wellenform-Schaltpoti aus Platzgründen unter dem Regler für die LFO-Rate sitzt und mit Sägezahn normal und invertiert noch zwei zusätzliche Wellenformen mitgebracht hat. Im Menü besteht die Möglichkeit, zwischen dem „Original“-Modulationsbereich und einer deutlich erweiterte LFO-Range umzuschalten.
  • Der VCO, der spannungsgesteuerte Oszillator mit Modulation, Pulsweite und Fußlage. Der SH-01A bietet sogar mit 64’ noch eine Oktave niedriger an.
  • Der Source Mixer, quasi das Mischpult für die Wellenformen Rechteck, Dreieck, Suboszillator und weißes Rauschen. Im Menü versteckt sich noch eine Noise-Variation, die ein wenig schlanker klingt. Sehr schön.
  • Der VCF,  das Tiefpassfilter mit Regelmöglichkeiten für Cutoff, Resonanz und Intensität durch Hüllkurve, Modulation und  Tastentonhöhe
  • Der VCA, der wie auch beim SH-101 keine Lautstärkeregelung aufweist, sondern lediglich festlegt, ob der Lautstärkeverlauf von der Hüllkurve oder der Tastatur gesteuert wird
  • ENV, die einzige Hüllkurve.

Der Lautstärkeregler befindet sich - wie bei allen Bonsai-Synths der Boutique-Serie - als kleiner Potischaft auf der Rückseite. Es ist schade, dass der SH-01A keine andere Möglichkeit der Lautstärkeregulierung auf den Weg mitbekommen hat, denn beim SH-101 gehört für mich das Volume-Poti mehr als bei anderen Synthesizern zum Spiel dazu. Auch sonst kommt der SH-01A mit den gleichen Anschlüssen der Serie, MIDI In-und-Out in DIN-Größe (gut), Mix In, Output und Kopfhörerausgang als Miniklinkenbuchsen (nicht so gut) und einem USB-2-Micro-B-Anschluss für den Computer und zur Stromversorgung. Einen Anschluss für ein Netzteil gibt es nicht.

Wie beim Original hat der SH-01A Miniklinkenbuchsen für CV/Gate Out und External Clock in, aber kein CV/Gate in. Der SH-01A ist kompatibel mit dem K25M-Keyboard und nicht class-compliant. Ohne Keyboard und USB-Anschluss kann der linke Ribbon-Controller auch zum Triggern von Tönen verwendet werden, allerdings taugt das nur zur Preview, nicht zum aktiven Spiel. Ansonsten dient er natürlich für Pitchbend und der rechte Strip für Modulation, wie bei den Boutique-Tools üblich. Hat man den Treiber installiert, kann man den SH-01A als USB-Soundkarte verwenden. Für Mac-Computer ist die Mindestvoraussetzung OSX 10.10 Yosemite. Mittlerweile steht auch ein Treiber für macOS 10.15 Catalina zur Verfügung.

Tipp für Roland MX-1 Besitzer

Den SH-01A kann man mit nur einem USB-Kabel an den Performance Mixer anschließen. Dann wird nicht nur das Audiosignal via USB an den Mixer übertragen, sondern auch MIDI-Clock. Dient der MX-1 als Soundkarte für eine DAW, können sogar alle vier USB-Ausgangsports des Mixers von der DAW adressiert und die angeschlossenen Geräte, wie beispielsweise TR-8S, TB-3, oder eben der SH-01A per MIDI von der DAW angespielt werden. Allerdings muss das dann zwingend USB-Anschluss 3 sein, denn nur der versorgt angeschlossene USB-Geräte auch mit USB-Strom, und darauf sind die Roland Boutique-Synths ja angewiesen. Möchte man mehrere Boutique-Synthesizer an einen MX-1 anschließen, funktioniert das nur mit externer USB-Versorgung. Der Sound muss dann leider per Audio-Kabel in den MX-1 geführt werden. Alternativ wäre natürlich auch eine Stromversorgung mittels vier AA-Batterien möglich, dann kann die USB-Audio-Option genutzt werden.

Dankenswerterweise hat der SH-01A auch eine weitere Eigenheit der Boutique-Serie geerbt: Er ist vierstimmig. Das ist eine große Sache, denn das Spielen von Akkorden gibt dem 101-Konzept eine bisher unerforschte Dimension. Es gibt vier Modi, die per Menü ausgewählt und pro Sound abgespeichert werden können: Monophon, unison, polyphon und Chord. Im monophonen Modus verhält sich der SH-01A wie sein großes Vorbild. Im Unisono-Modus liegen vier Stimmen auf einer Note, im polyphonen Modus können vierstimmige Akkorde gespielt werden, im Chord-Modus schließlich liegen wieder vier Stimmen auf einer Note, diese lassen sich aber individuell im Chord-Menü um bis zu 12 Halbtöne rauf oder runter tunen, ganz einfach, entweder per Value-Regler, oder per MIDI-Tastatureingabe. Lediglich die erste Note bleibt als Root-Note unverändert. 

Sequenzer und Arpeggiator

Der Sequenzer ist so ‚straight forward‘ wie der des Originals. Vorteil: Er hat 64 Speicherplätze verteilt auf acht Bänke mit je acht Pattern. Jedes Pattern kann maximal 100 Steps lang sein. Im Patternauswahl-Menü können wir dann bei laufendem Sequenzer munter zwischen den Patterns hin-und herschalten. Natürlich lassen sich dazu alle Pattern auch abspeichern und das geht so einfach wie beim Autoradio: Programmtaste drücken, halten bis die LED nicht mehr blinkt, fertig. Einziger kleiner Wermutstropfen: Befindet man sich im Patternauswahl-Menü, wird die Play-Taste zum Anwählen des zweiten Patterns einer Bank genutzt und steht nicht mehr zum Stoppen und Starten der Sequenz zur Verfügung. Dann müssen wir umständlich aus dem Menü heraus und zur erneuten Patternauswahl wieder hinein. Läuft der SH-01A als MIDI-Slave in einem Sequenzer-Verbund mit, ist das natürlich kein Thema mehr.

Auch der Arpeggiator tut, was er soll: Arpeggio greifen, Hold aktivieren und dann nach Herzenslust schrauben. Transpose drücken und munter die Lagen verschieben. Wie das Original verfügt er zwar auch „nur“ über Down, Up, Up & Down und Hold, aber dafür kann die Abspielgeschwindigkeit dynamisch von Sechszehntel auf Achtel, Viertel oder auch Zweiunddreißigstel sowie triolische Werte umgeschaltet werden, ganz simpel mit dem Value-Regler, während des Haltens eines Arpeggio-Schalters. Leider kam das Testgerät ohne das optionale K-25m-Keyboard, das für alle Roland Boutique-Instrumente nutzbar ist. Ein wichtiger Faktor in der Bespielbarkeit des original 101-Synthesizers ist nun mal der Zugriff per Tastatur. Die braucht man nicht nur zum Spielen, sondern auch für die Eingabe von Sequenzen und Arpeggios und zum Transponieren. Kurzum: Wer sich für den SH-01A interessiert, sollte also auch unbedingt das Keyboard einplanen. Aber natürlich kann man sich auch mit jedem anderen MIDI-Keyboard behelfen. Selbst wenn der SH-01A über USB getriggert wird, ist der MIDI-Eingang aktiv.

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