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31.08.2018

Portamento und Legato am Synthesizer richtig einsetzen

Tipps für lebendige Synthesizer-Bässe und Leadsounds

Synthesizer-Spieltechnik optimieren mit Portamento und Legato

Wenn ihr einen polyphonen Synthesizer oder eine Workstation euer eigen nennt, dann wird euch sicherlich schon aufgefallen sein, dass auch auf einem polyphonen Synth die meisten Presets in der Kategorie „Lead“ monophon ausgelegt sind – sie nutzen also nur eine Stimme, Akkorde spielen ist nicht möglich. Da liegt die Frage nahe, warum man sich so einschränken sollte. Der Synthesizer hat acht oder 16 Stimmen oder im Falle einer digitalen Workstation sogar noch viel mehr – warum nutzt man also absichtlich nur eine, sodass keine zwei Töne gleichzeitig erklingen können? Die Antwort ist: Weil ein monophoner Sound beim Synthesizer interessante Möglichkeiten zur Phrasierung bietet, die im polyphonen Modus nicht im gleichen Maße möglich sind. Genau genommen geht es dabei vor allem um zwei Dinge: Portamento (Glide) und Legato. Was bedeuten Portamento / Glide und Legato beim Synthesizer, und wie setzt man diese Spilehilfen richtig ein?

Details

Synthesizersounds durch Spieltechnik und Spielhilfen organischer gestalten

Was bedeutet Spieltechnik?

Mit der richtigen Spieltechnik lassen sich vor allem die Lead- und Bass-Sounds des Synthesizers unter Einsatz der Spielhilfen Portamento / Glide und Legato viel organischer und lebendiger gestalten. Diese Spielhilfen, die als Parameter in vielen Synthesizern integriert sind, bieten einen entscheidenden Einfluss in einer Situation, die bei monophonen Synthesizern sehr oft vorkommt: Wird eine Taste gespielt, während ein anderer Ton noch klingt (was beim Spielen häufig passiert, und sei es unbeabsichtigt), hat ein monophoner Synthesizer eigentlich ein Problem. Bei einem polyphonen Synthesizer würde der neu gespielte Ton einfach hinzukommen, beide Töne würden gleichzeitig erklingen.

Ein monophoner Synthesizer muss hingegen entscheiden, was mit der Tonhöhe und den übrigen Klangparametern passiert, also ob und wie schnell sie der neu gespielten Taste angeglichen werden, und er tut das anhand der Einstellungen für Portamento und Legato. Das klingt nach einer Einschränkung, aber mit etwas Übung kann man sich diese Limitierung spielerisch zunutze machen und als Ausdrucksmittel einsetzen. Und das ist genau der Grund, weshalb Lead-Sounds und Bässe auch auf polyphonen Synthesizern gerne monophon programmiert werden: Weil man sie erst dadurch richtig ausdrucksstark spielen und kontrollieren kann.

Wie ihr diese Einstellungen nutzen könnt, um eure Leads lebendiger zu machen, werde ich an einigen Beispielen zeigen.

Nehmen wir als Beispielphrase die unvergessliche Melodie aus dem mittlerweile 25 Jahre alten Klassiker „Nuthin' But A 'G' Thang“ von Dr. Dre featuring Snoop Doggy Dogg. Ähnliche Synthesizer-Melodien prägten in der Folge eine ganze Ära des Hip Hop. Im Original ist die Melodie sehr gleichförmig phrasiert. Ich habe den Sound auf meinem Moog Sub 37 ungefähr nachgebaut. 

Indem wir Portamento und/oder Legato nutzen, können wir diese einfache Linie auf ganz verschiedene Weisen gestalten, und das, ohne die gespielten Töne oder den Rhythmus zu verändern. 

Portamento und Glide als Spielhilfen beim Synthesizer einsetzen

Was bedeutet Portamento? Was bedeutet Glide?

Der Portamento-Parameter – je nach Synthesizer oft auch "Glide" genannt – ist eine Spielhilfe, die bestimmt, wie schnell die Tonhöhe beim Wechsel von einem Ton zum anderen angeglichen wird. Seinen Ursprung hat das bei spannungsgesteuerten analogen Monosynths. Mit Portamento/Glide kann man dort bestimmen, ob sich die Steuerspannung (CV) für die Oszillatorfrequenz abrupt ändert oder ob sie innerhalb einer einstellbaren Zeit stufenlos angeglichen wird.

Bei digitalen Synthesizern wird das natürlich nicht mit einer Steuerspannung gemacht, sondern das Verhalten des Oszillators wird digital simuliert. Das Ergebnis ist das gleiche: Indem man etwas Portamento hinzufügt, "gleitet" die Tonhöhe sanft von einem Ton zum nächsten. Hier hört ihr die gleiche Phrase wie oben, zunächst mit einer kurzen und dann mit einer längeren Portamentozeit, bei der die Zieltonhöhen in diesem Tempo gerade noch erkennbar sind.

Mit etwas Geschick kann man Portamento einsetzen, um fließendere, lebendigere Phrasierungen zu erzeugen, wie sie mit akustischen Soloinstrumenten wie Streichern, Gitarre (Bendings), einigen Blasinstrumenten und nicht zuletzt der menschlichen Stimme möglich sind. Allerdings klingt es in der Regel eher merkwürdig und unnatürlich, wenn der Übergang zwischen allen Tönen stufenlos ist wie in den letzten beiden Beispielen. Ideal wäre es also, wenn wir nur einige bestimmte Tonübergänge mit Portamento versehen könnten, während alle anderen sofort erfolgen. Auch das ist bei den allermeisten Synthesizern möglich, und hier kommt der Legato-Parameter ins Spiel.

Legato als Spieltechnik beim Synthesizer einsetzen

Was bedeutet Legato?

In der akustischen Musik bezeichnet Legato das gebundene Spiel ohne Absetzen, das je nach Instrument unterschiedlich ausgeführt wird. So setzt ein Geiger den Bogen nicht ab und wechselt nicht die Strichrichtung, um Legato zu spielen, während man bei Blasinstrumenten den Ton nicht neu mit der Zunge anbläst. Das Ergebnis ist eine fließende Melodie.

Beim Synthesizer kommt der Legato-Parameter als Spielhilfe in dem Fall zum Tragen, dass eine Taste gespielt wird, während eine andere noch gehalten wird.  Dabei gibt es ein wichtiges Detail zu beachten: Damit der "Legato-Fall" eintritt, muss tatsächlich permanent mindestens eine Taste gedrückt sein, oder technischer ausgedrückt: Das Keyboard Gate muss bei Übergang von einem Ton zum anderen ununterbrochen geöffnet sein. Bei einem Synthesizer ist es ja durchaus möglich, dass zwei Töne sich überlappen, ohne dass zwei Tasten gleichzeitig gespielt werden, zum Beispiel bei einem Sound mit langer Release-Zeit. In einem solchen Fall wäre die Voraussetzung für Legato nicht gegeben. Die richtige Spieltechnik ist also hier genau zu beachten.

Wenn eine Taste gespielt wird, während eine andere gehalten wird, und Legato aktiviert ist, dann passieren bei den meisten Synthesizern zwei Dinge: Erstens wird eine eventuell eingestellte Portamento-Zeit verwendet, während einzeln gespielte Noten davon unbetroffen bleiben, also genau das, was wir gerade eben im Abschnitt zu Portamento wünschenswert fanden. Somit können wir also durch Aktivierung von Legato und eine entsprechende Spieltechnik bestimmen, zwischen welchen Tönen ein stufenloser Übergang erfolgen soll, und die Melodie dadurch auflockern. Hier hört ihr dazu ein Beispiel anhand der gleichen Melodie:

Zweitens werden bei vielen Synthesizern in einem "Legato-Fall" die Hüllkurven nicht neu ausgelöst. Während die Envelopes für Lautstärke, Filter, Tonhöhe und evtl. weitere Parameter im Normalfall bei jeder Note von neuem mit ihrer Attack-Phase beginnen, laufen sie bei Legato einfach an dem Punkt weiter, den sie bei der vorherigen Note gerade erreicht hatten. In der Praxis bedeutet das meist: Die Hüllkurven verharren in ihrer Sustain-Phase und eventuelle Modulationen von Lautstärke und/oder Filter, die bei abgesetztem Spiel am Anfang jeder Note erfolgen, bleiben mit Legato bei der neuen Note aus.

Mit einem entsprechend programmierten Sound und der richtigen Spieltechnik kann man dadurch nicht nur einen flüssigeren Gesamtklang erzielen, sondern auch einzelne Noten besonders hervorheben, indem man sie eben nicht Legato spielt, sodass die Hüllkurven von vorn beginnen. Um das zu demonstrieren, habe ich den Beispielsound um eine deutlich hörbare Filtermodulation per Hüllkurve ergänzt. So klingt er nun ohne Legato:

Hier hört ihr nun verschiedene Phrasierungen mit der Legato-Funktion. Der einzige Unterschied zwischen den Versionen ist die Spielweise, bei der sich jeweils unterschiedliche Noten überlappen. Es erfordert etwas Übung, das Legato-Verhalten des Synthesizers beim Spielen genau zu kontrollieren: Man muss lernen, neben dem Anschlag auch das Loslassen von Tasten genau im Griff zu haben und jederzeit die Kontrolle darüber zu haben, welche Noten sich überlappen und welche nicht. Wenn man es aber gemeistert hat, dann eröffnet es viele Möglichkeiten zum ausdrucksstarken Spiel mit Lead- und Bass-Sounds.

Bei manchen Synthesizern (wie z.B. dem hier eingesetzten Moog Sub 37) kann man bei jeder einzelnen Hüllkurve gezielt bestimmen, ob sie neu ausgelöst werden soll oder nicht. Diese Einstellung verbirgt sich zumeist hinter Bezeichnungen wie "Retrigger" o.ä. und ist quasi eine separate Legato-Einstellung für jede Hüllkurve. Mit einem so ausgestatteten Instrument kann man natürlich noch viel präziser bestimmen, was beim gleichzeitigen Spielen zweier Tasten passieren soll. Auch für die LFOs gibt es oft einen Retrigger- oder Key-Sync-Parameter, der bestimmt, ob der LFO bei jedem Tastenanschlag vom Beginn seiner Schwingungsform losläuft oder einfach frei weiterläuft. 

Die Key Priority-Funktion beim Synthesizer verwenden

Was bedeutet Key Priority?

Bei vielen Synthesizern gibt es zudem eine Einstellung namens Key Priority oder Note Priority. Sie legt fest, welche Taste den Vorrang erhält, wenn zwei oder mehr Tasten gleichzeitig gespielt werden – schließlich muss sich ein monophoner Synthesizer für eine der Noten entscheiden. Im normalen Spielbetrieb am praktikabelsten ist die Einstellung "Last" bzw. "Newest", bei der immer die zuletzt gespielte Note erklingt. Je nach der persönlichen Spielweise und Melodie gibt es aber auch Fälle, in denen die Einstellungen "Highest" und "Lowest" Sinn ergeben, die manche Synthesizer zusätzlich bieten.

Schlusswort

Die eigene Spieltechnik und die gebotenen Spielhilfen des Synthesizers feilen die Entfaltung des Sounds auf ganz besondere Weise. Kann der Klang eines akustischen Instruments durch den Einsatz von Atem oder Kraft in Fingern und Händen in Echtzeit geformt werden, so bedarf es beim 'statischen' Synthesizer spezieller Spielhilfen, deren Einsatz besondere Aufmerksamkeit in der Spieltechnik verlangt. Ich hoffe, dass euch diese Tipps zu einem effektvollen Einsatz von Portamento und Legato anleiten, um euren Synthesizer Lead- und Bass-Sounds das gewisse Etwas zu verleihen!

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