Hersteller_Pioneer
Test
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07.09.2012

Pioneer XDJ-Aero Test

All-in-One-DJ-System

Drahtloser Angriff auf den Dancefloor

„WLAN-DJ? Wie, watt jetz? Also icke war ja fast den janzen Tach im Kiez zum Platten koofen unterwegs. Im Laden quatschen und meene Homies treffen, weeste – dit jehört für mich ooch enfach dazu. Mensch, Vinüül musste auflegn! Wat´n sonst?“ - Nun, wie wäre es denn mal mit MP3-Dateien, die drahtlos ihren Weg auf den Dancefloor finden? - „Geht nicht?“ - Geht doch…  

…denn mein heutiger Testkandidat läutet eine weitere Evolutionsstufe für das digitale Deejaying ein. Um es mit den Worten des Herstellers zu sagen: Pioneer präsentiert den XDJ-AERO: das weltweit erste, Wireless-All-in-One DJ-System und den ersten nativen Player für die Musikmanagement-Software Rekordbox. Im Detail bedeutet dies: Pioneer XDJ-AERO ist ein autarker Zweikanal-Mixer und DJ-Controller für 999 Euro UVP, der Musikstücke aus dem WLAN, von externen Zuspielern und von USB-Datenträgern mixt. Er verfügt über einen integrierten Wireless Access Point, mit dem er als Client oder Host operieren kann, um Audio-Streams vom Android- oder iOS-gepowerten Mobiltelefon, Tablet oder Rechner abzuspielen - vorausgesetzt die DJ-Software Rekordbox läuft darauf. Zahlreiche kreative Bordmittel verheißen eine individuelle Performance. Quantisierung von Benutzereingeben und drahtlose Synchronisation sind ebenfalls mit an Bord. Und als wäre das noch nicht genug, kann der DJ das Ausgabesignal auch auf den USB-Stick aufzeichnen. Zudem arbeitet der XDJ-AERO als 24-Bit-Audio-Interface und MIDI-Controller für Softwares vom Schlage Traktor oder Virtual DJ. Puristen, die auf althergebrachte Kontrollparadigmen setzen und der Nostalgiker in meinem rechten Ohr schlagen bereits die Hände über dem Kopf zusammen. Der Gadget-verliebte Nerd im linken Lauscher indes schreit aus voller Brust: Testen! Und das will ich hiermit tun.

Details

So ungewöhnlich sieht das neue Tüftelwerk der Pioneer-Ingenieure auf den ersten Blick gar nicht aus, denn es orientiert sich am bekannten Doppeldecker-Layout mit einem Mixer in der Mitte und je einer Player-Einheit an den Flanken. Das Design erinnert ein wenig an die aktuelle Controller-Flotte, (DDJ-T1, DDJ-S1 und Ergo (K)). Mein Proband jedoch ist mit lediglich 45 Millimetern Bauhöhe deutlich flacher und windschnittiger ausgefallen als seine Geschwister. Die anthrazitfarbene Konsole mit der einladenden Aluminiumfront ist sehr gut verarbeitet und zeigt, was ihre Bedienelemente angeht, Pioneer-Qualität von Kopf bis Fuß. In der Breite misst sie 62 Zentimeter bei maximal 29 Zentimeter in der Tiefe. Zu groß für den Rucksack, aber mit knapp fünf Kilogramm Gewicht leicht genug, um sie in einer maßgeschneiderten Polstertasche locker unter den Arm zu klemmen und zur nächsten Party zu schleppen. Ein Notebook muss ja nicht zwangsläufig mitgeschleift werden, da eventuell schon das Smartphone in der Tasche reicht – der Praxistest wird Aufschluss bringen.  

Front- und Backpanel

Am hinteren Anschlussfeld finden sich gleich zwei Master-Outs ein, einmal als Cinch und einmal als symmetrisches Klinkenpaar ausgeführt, was den Anschluss an ein professionelles PA-System bei gleichzeitigem Betrieb einer Monitoranlage für den DJ sicherstellt. Allerdings ist keine separate Lautstärke-Regelung für die Booth vorhanden. Zwei Stereo-Cinch-Eingänge sind für externe Zuspieler mit Line-Pegeln vorgesehen (CD-Geräte, Drum-Machines, MP3-Player ...). Zuschaltbare Phono-Preamps und eine Erdungsschraube gewährleisten den ordnungsgemäßen Betrieb von Turntables. Der Mikrofonanschluss ist ebenfalls am Backpanel beheimatet. Ferner finden sich hier eine Ausfräsung für eine Kensington-Diebstahlschutzvorrichtung, eine USB-Buchse Typ B zur Rechneranbindung und eine Netzteilbuchse ein - Kabelaufhängung inbegriffen. Sämtliche Schnittstellen sitzen fest im Gehäuse, was ich auch für die vorderseitigen ...

… Kopfhörerausgänge attestieren kann. Diese sind als 3,5- und 6,3-Millimeter-Klinkenbuchsen vorhanden, womit sich Kopfhörer ohne Adapter verwenden lassen, wenngleich ich der Kontaktsicherheit wegen lieber auf die Standardklinke setzen würde – natürlich ohne Adapter. Der Kopfhörerausgang liefert ein transparentes, druckvolles und uneingeschränkt partytaugliches Signal und zeigt sich im Betrieb mit dem ATH700MK2 oder  dem AIAIAI-TMA1 ziemlich zerrfrei bis vier oder fünf Uhr (Position des Reglers).

Aufbau

Im Zentrum residiert der autonome Zweikanal-Mixer, standesgemäß ausgestattet mit 45 mm -Linefadern und einem ebenso langen Crossfader, der mittels Dip-Switch deaktiviert werden kann oder alternativ eine von zwei Kurvenausprägungen annimmt: In Stellung Cut kommt das gegenüberliegende Signal etwa ab dem zweiten Millimeter Regelweg voll zum tragen. Eine Einstellung, die von Scratch-Deejays bevorzugt wird. Die Blend-Position hingegen mischt den gegenüberliegenden Track langsam ansteigend bei Absenkung des aktuellen Musikstückes hinzu. Die Klangregelung erfolgt über einen Dreiband-EQ (Hi, Mid, Low) der auf allen drei Bändern auf Linksanschlag das gesamte Frequenzband „killt“ und einen maximalen Boost von neun Dezibel bereitstellt. Dazu serviert der Hersteller ein gut klingendes bipolares Filter an jedem Kanal. Gegen den Uhrzeigersinn operiert dieses als Low-Pass, entgegengesetzt als Hi-Pass. Und natürlich dürfen auch die obligatorischen Gain-Regler nicht fehlen, die von den Quellwahlschaltern (Deck/Phono) eingefasst werden.

„Master Level“ legt die Ausgabelautstärke fest, abzulesen auf einem Stereo-Display mit sieben Segmenten (viermal grün, zweimal orange, einmal rot). Alternativ erfolgt  durch die Master-Taste die Anzeige der einzelnen Kanäle Pre-Fader und mono. Gut so. Darunter fällt der Blick auf die Taste „Auto Mix“, deren Funktion ich an dieser Stelle schnell erklären möchte: Der XDJ-AERO kann mit zwei automatischen Mixfunktionen aufwarten, die es ihm ermöglichen sich vollautomatisch durch Playlisten zu hangeln, die ihr in Rekordbox unter Android, iOS, OSX, Windows oder auf dem USB-Stick angelegt habt. Sie werden standardmäßig mit Fade-Ins und Fade-Outs belegt oder bei aktivierter Sync-Funktion mittels Crossfades abgespielt, da Tempo und Takt des nachfolgenden Titels an den laufenden Tracks angepasst werden. Im Automix faden die Titel 30 Sekunden vor Schluss. Nicht zum Einsatz kommen kann die Automix-Funktion im Sample-Betrieb oder wenn der Deck Switch auf Phono/Line steht. Machen wir nun mit dem Mischer weiter, der an seiner rechten Seite die Regler für die Mikrofongruppe anheim gestellt bekommen hat und an seiner linken die Cuemix-Abteilung beherbergt.

Das Mikrofonsignal kann via „Level“ hinsichtlich seines Pegels eingestellt werden. Zur klanglichen Feinabstimmung ist ein Treble-Bass-EQ (+/-12 dB) verbaut. Auch ein Mute-Button ist hier zu finden, der mein dynamisches Mikrofon ohne Knacksen von der Summe trennt. Der Sound ist als rauscharm und neutral zu bewerten. Moderatoren sollten also zurechtkommen, wenngleich ein Talkover hier sicherlich praktisch gewesen wäre. Auf der gegenüberliegenden Seite blendet „Mixing“ stufenlos zwischen den zugeschalteten Vorhörquellen hin und her. „Level“ dirigiert die Kopfhörerlautstärke. Ungewöhnlicherweise befinden sich die beiden Preview-Tasten nicht an gewohnter Stelle über den Channel-Fadern und man ist versucht im ersten Moment dort zu suchen.

Jogwheel

Die Decksektionen sind – mit Ausnahme des USB-Ports beim Player A – identisch ausgestattet. In der unteren Mitte ist das silberfarbene, sehr griffige und mit einem praxistauglichen Rundlauf ausgestattete Jogwheel untergebracht, welches an seinen Seiten Kerben zur Fingerführung eingelassen hat. Der haptische Widerstand ist für einen DJ-Controller passend voreingestellt. Vier LEDs visualisieren den aktuellen Modus Operandi, der durch Betätigen der Taste Jog Drum (rot blinkend) oder Sample Launch (blau blinkend) variiert. Standardmäßig ist der Vinyl-Modus aktiv, bei dem die Teller zwischen Seiten- und Oberflächenkontakt unterscheiden. Löse ich den Touch-Sensor aus, kann ich scratchen. Schubse ich an der Seite an, beschleunigt oder bremst der Musiktitel. Via „Shift“ kann das Wheel auch zur Hochgeschwindigkeitssuche genutzt werden - gängiges Prozedere. Betätige ich „Sample Launch§, kann ich eines der internen Samples (Horn, Siren, Scratch, Laser) in den Player laden und scratchen. „Jog Drum“ startet die Wiedergabe des Songs mit jeder Berührung der Oberfläche vom Cue-Punkt aus. Das lässt sich auch mit Scratches kombinieren, heraus kommt „Cue-Scratch“. An prominenter Position tummeln sich vollflächig auslösende, runde Play-, Cue- und Shift-Buttons vom Typus Klick-Klack, ähnlich der CDJ-Serien.

60 Millimeter misst der Pitchfader. Er kann in vier Modi (6,10,16 und 100 Prozent) betrieben werden und arbeitet bei sechs Prozent Arbeitsbereich aufs Hundertstel Prozent genau, respektive in Zehnteln bei 100 Prozent Arbeitsbereich. Das sollte reichen. „Master Tempo“ schützt vor Tonhöhenänderungen, indem es die Original Tonart eines Titels einfriert und so hört sich das im direkten Vergleich an.

Kommen wir nun zu den kreativen Bordmitteln des Pioneer-Funklotsen. Schleifen bauen gehört heutzutage zum guten Ton bei einem DJ-Controller, und somit setzt ein Push-Encoder einen nahtlosen Loop in voreingestellter Länge, der sich dann in einem Rahmen von 1/32 bis 32 Beats halbieren (Linksdrehung), respektive verdoppeln (Rechtsdrehung) lässt. Aktuelle Werte zeigen die jeweiligen Displays an, wo auch ein Vierfach-Balkendiagramm den aktuellen Taktabschnitt meldet. Loops werden ohne hörbare Verzögerung direkt an Auslöseposition eingestartet, optional kann ich die Quantisierung einschalten, vorausgesetzt, die Titel wurden zuvor durch die Rekordbox-Software analysiert. Sollte dies geschehen sein, ist es möglich, Schleifen beatgenau anzulegen, was gerade in-the-mix mit einem zweiten Titel beim Verlassen des Loops von nicht zu unterschätzendem Vorteil ist.

Als nächstes hören wir in die Effektabteilung rein. Sound Color-Filter stehen an jedem Kanal separat zur Verfügung. Dann können wir die vier „Beat Effects“ Trans, Flanger, Echo und Roll auf der Haben-Liste verbuchen, bekannt aus den seinerzeit getesteten DJM-Mixern (DJM-850, DJM-2000). Der Endlosdrehregler „Beat“ ist für das Timing verantwortlich, welches gleichfalls am Display angezeigt wird. Dazu gesellt sich ein mittengerasteter Dry/Wet-Regler für den Anteil des Effektsignals am Gesamtsignal (keine Anzeige, das geschulte Gehör ist gefragt). Weitere Parameter stehen nicht zur Verfügung. Neu sind die vier fest integrierten Samples, die nicht wirklich meinen Geschmack treffen – müssen sie aber auch nicht unbedingt. Das Austauschen von Sample-Bänken ist im Moment noch nicht möglich, soll aber mit einer der nächsten Firmware-Versionen einziehen. Auch konnte ich im Test noch nicht die vier (vermeintlichen) Speicherbänke (Buttons1-4) belegen. Also warten wir mal ab, was mit dem nächsten Update reinrauscht.

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