Gitarre Hersteller_Origin_Effects
Test
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19.10.2018

Origin Effects Revival Drive Test

Overdrive-Pedal für Gitarre

Die Zerr-Offenbarung

Das Origin Effects RevivalDrive Overdrive-Pedal gehört zu einer Effektgattung, die in einer so großen Zahl und einem so großen Variantenreichtum hergestellt wird wie kaum eine andere: Verzerrer. Aber die meisten dieser Geräte benötigen einen gut klingenden und im besten Falle leicht in die Sättigung gefahrenen Gitarrenamp, um ihre besten Seiten zeigen zu können.

Einen in sich schlüssigen Ton, der völlig unabhängig vom verwendeten Amp universell einsetzbar ist, bleibt die Ausnahme. Neben dem Baldringer Dual Drive geht auch der Origin Effects Revival Drive den entscheidenden Schritt in eine Richtung, die manchem Boutique-Amp-Hersteller die eine oder andere Schweißperle auf die Stirn zaubern könnte.

Details

Konzept

Der Origin Effects Revival Drive ist ein zweikanaliges, vollanaloges Verzerrerpedal, das den Signalweg eines Non-Master-Röhrenverstärkers bis ins Detail nachbildet. Mit einem gewöhnlichen Overdrive-Pedal hat das Ganze also nicht viele Gemeinsamkeiten. Vielmehr hat man es hier mit so etwas wie einem analogen Gitarrenverstärker-Simulator zu tun, der in Lage ist, den Sound alter Marshall Plexis, Fender Blackfaces und Vox AC 30 Amps zu imitieren. Um die komplexen Vorgänge überhaupt realisieren zu können, sind umfangreiche Schaltungen nötig, und weil das Pedal nicht zu groß werden sollte, hat man deshalb zu einem großen Teil SMD-Bauteile verwendet. Die sogenannten Surface Mounted Devices haben eine extrem kleine Bauform, was die Geräte nicht nur kleiner macht, sondern auch wesentlich kostengünstiger. Allerdings kann von Letzterem bei unserem Testkandidaten nicht wirklich die Rede sein kann, denn schließlich gehen hier mehr als 500 Euro über die Ladentheke, bevor der Spaß beginnen kann. Trotzdem: Ein Boutique-Amp mit ähnlichen Soundeigenschaften kostet locker das Fünffache, und das relativiert den Preis um einiges. Um mir die Innereien einmal aus der Nähe anzuschauen, haben ich kurzerhand die Unterseite entfernt. Nach dem Abschrauben der Bodenplatte sieht mein geübtes Auge zwei übereinander angeordnete und dicht bestückte Platinen.

Der Revival Drive benötigt im Gegensatz zu so gut wie allen mir bekannten analogen Verzerrerpedalen keinen besonders gut abgehangenen Verstärker, denn er lässt sich so einstellen, dass man sowohl vor dem cleanen Gitarrenverstärker als auch in dessen Effekt-Return oder mit einer PA-Endstufe extrem gute Ergebnissen erhält. Pflicht ist allerdings eine Gitarrenbox, denn einen frequenzkorrigierten Ausgang sucht man hier vergebens. Unbedingt beachten sollte man außerdem, dass der Gitarrenverstärker clean eingestellt ist, da bereits im Pedal die komplette Dynamik eines Röhrenamps realisiert wird. Mit einer zusätzlichen Verzerrung zerstört man die Dynamik des Pedals. Wer mehr Zerre möchte, sollte einen zusätzlichen Verzerrer oder ein Fuzz vor den Revival Drive hängen. Um die Wechselwirkung von Speaker und Endstufe zu simulieren, hat man im Revival Drive sogar eine miniaturisierte Reactive Load eingebaut. Sie beschert dem Pedal eine ähnliche Dynamik wie man sie auch von richtigen Röhrenamps her kennt. Aus diesem Grund kann man den Revival Drive im Studio auch direkt an die Soundkarte anschließen. Hier benötigt man für brauchbare Ergebnisse entweder eine Speaker-Simulation, wie beispielsweise die Blue Box von BlueGuitar, oder ein entsprechendes Softwaretool wie die Torpedo Wall Of Sound.

Aufbau

Die Elektronik des Pedals befindet sich in einem stylishen und für ein Gitarrenpedal, recht großen Metallgehäuse mit einem stattlichen Gewicht von knapp 1,2 kg. Die beiden farblich voneinander abgesetzten Kanäle sind im Prinzip identisch ausgestattet. Die linke Seite trägt die Bezeichnung Valve Rectifier und die rechte Seite hört auf den Namen Silicon Rectifier. Das Ganze hat nichts mit einem Silicon Fuzz oder einem Mesa Boogie Rectifier zu tun, sondern mit den beiden unterschiedlichen analog simulierten Gleichrichterstufen. Ein Röhrengleichrichter reagiert weicher auf den Anschlag als ein transistorgesteuerter Gleichrichter. So kommt es bei hohen Lautstärken zu einer weichen Kompression, die einen ganz besonderen klassischen Sound liefert. Transistorgesteuerte Gleichrichter reagieren hier weitaus straffer.

Kommen wir zu den weiteren Bedienelementen.

Jeder Kanal hat seinen eigenen Volume- und Output-Regler. Auch wenn der Volume-Regler im Prinzip den Gain regelt, hat man ihm bewusst nicht diesen Namen gegeben, weil das Pedal ja einen Non-Mastervolume-Amp simuliert, und dort gibt es nun einmal keine Gain-Regler. Das Lows-Poti bestimmt nicht nur, wie fett die Verzerrung wird, sondern verändert die gesamte Zerrstruktur. Dreht man es komplett zurück, wird der Ton nicht völlig dünn oder bassfrei, sondern straff und knackig. Der Sound tendiert dabei in Richtung des Brillant-Kanals eines Vox AC 30 oder eines JTM45. Wenn man den Lows-Regler sehr weit aufdreht, verschluckt sich die Verzerrung teilweise und es entstehen leicht kaputte, aber durchaus klassische Sounds, die man von kotzenden Blackface Fender-Amps her kennt. Der "More/Pres"-Regler ist auch ein ganz spezieller Kandidat, den man so bei keinem anderen Verzerrer vorfindet. Hier lässt sich das negative Feedback gezielt regeln. Wenn man den Regler komplett zurückdreht, gibt es kein negatives Feedback, was in etwa der Arbeitsweise eines Vox AC30 oder eines Fender Tweed Deluxe entspricht. In der 12-Uhr-Position arbeitet das Pedal ähnlich wie ein Marshall mit einer Class-AB-Endstufe, bei der der "Presence"-Regler zurückgedreht wurde. Wenn man den Regler nun weiter aufdreht, erhöht man nur noch die Präsenzen. Mit dem Blend-Regler lässt sich das Originalsignal dem verzerrten Sound beimischen. Der Ghost Regler beschert dem Ton einen Effekt, den man normalerweise nur bei extrem weit aufgerissenen Röhrenamps zu hören bekommt. Um in den Genuss dieser dissonanten "Geister"-Noten zu kommen, muss der Amp also am Limit arbeiten. Das Ganze ist aber eher subtil und macht zumindest für meinen Geschmack nur Sinn, wenn man den Regler nicht zu weit aufdreht.

Kommen wir zu den Schaltern auf der Pedaloberseite.

Mit Bright-Cap ist der Bright-Schalter gemeint, den viele von Fender-Amps kennen. Der Preamp-Schalter bietet dagegen gleich drei unterschiedlich abgestimmte Vorstufensimulationen an. In der Mitte ist der Ton am neutralsten. Nach links geschaltet erhält man einen eher britischen Sound, während die entgegengesetzte Einstellung einem Blackface-Fender-Amp nachempfunden wurde. Der Re-Amp-Switch dient der Anpassung des Pedals an nachgeschaltete Verstärker und bietet drei Soundmöglichkeiten. Die Preamp-Stellung eignet sich für den Anschluss an eine Endstufe oder die Soundkarte im Studio. EQ 1 verträgt sich am besten mit dem Gitarreneingang eines Fender-Amps und EQ 2 mit dem Vorstufensignal eines Marshall-Amps. Mit dem Mid-Assign-Schalter lassen sich die Mitten eines der beiden Kanäle gezielt anheben. Das Geniale an der Sache ist, dass sich mit den beiden Mid-Level- und Mid-Freq-Reglern genau bestimmen lässt, welche Frequenzen man wie stark anheben möchte. Klasse! Das Ganze lässt sich übrigens auch mit dem optional erhältlichen Fußschalter aus eigenem Hause fernsteuern. Weiterhin steht dem User ein Dry-Gain-Regler zur Verfügung, mit dem sich der Pegel für das zumischbare Cleansignal beider Kanäle voreinstellen lässt. Der Hi-Shelf ist so etwas wie der Treble-Regler bei einem Gitarrenamp. Hier ist die 12-Uhr-Position die neutrale Einstellung. Blieben noch die beiden Fußtaster für die Aktivierung des Pedals und die Kanalumschaltung.

An der Stirnseite geht es weitaus gesitteter zur Sache. Hier finden sich neben drei Mode-Dip-Schaltern die beiden Ein- und Ausgangsbuchsen des Pedals. Eine weitere Buchse dient dem Anschließen des optional erhältlichen Fußpedals. Für die Stromversorgung reicht ein handelsübliches 9-Volt-DC-Netzteil. Batteriebetrieb ist wegen des recht hohen Stromverbrauchs von 120 mA nicht vorgesehen.

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