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Test
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04.04.2012

Clavia Nord Drum Test

Virtuell-analoger Drum-Synthesizer

Neues von „Wwwwp“ und „Ksch“

Die Popmusik wird seit einiger Zeit wieder derart von antiquierten Elektro-Sounds beherrscht, dass man sich fast in den Eighties wähnt, wenn man beliebige Formatradios durchzappt. Wer genauer hinhört, kann allerdings einen Unterschied feststellen: Alles klingt so unglaublich fett! Neuere Songs von Goldfrapp, Hurts oder La Roux drücken sich mittlerweile derart gewalttätig durch die Radiokanäle, dass man fast das eigene Trommelfell wackeln fühlen kann. Die neue Musikergeneration hat das 80er-Revival vielleicht gerade deshalb eingeläutet, weil sich großformatige Popsongs mit den Errungenschaften unserer Zeit ohne großen finanziellen Aufwand sogar in der heimischen Stube stemmen lassen. Viele moderne Synthies – wie der Virus – lassen harte Bässe bis hin zu epischen Synthie-Streichern entstehen. Der Clavia Nord Drum soll jetzt auch dem Drummer die Möglichkeit geben, Synth-Drums mit angemessener Power und ohne großen Aufwand auf die Bühne zu bringen.

Die gängige Live-Peripherie für Trommler besteht aus Samplern wie dem SPD-X von Roland oder aus E-Drum-Modulen, die selten bis gar nicht mit Samples bestückt werden können und lediglich vorprogrammierte (meist stocksteif klingende) Sounds abfeuern. Die Nord-Drum geht wesentlich tiefer in die Materie und bietet die Möglichkeit, eine Waveform zum gewünschten Sound zurecht zu kneten. Hä? Was das bedeutet, wie gut sich das Gerät bedienen lässt, wie es klingt und ob die Nord Drum tatsächlich die ersehnte Drum-Synthesizer-Revolution darstellt, erfahrt ihr in diesem Test.

DETAILS

Die Nord Drum sieht exakt so sexy aus wie die populären Keyboards aus dem Hause Clavia. Die Bedienfläche ist matt schwarz und eingerahmt von einem dezenten Rot, das die weiße Schrift gut erkennen lässt. Das Innenleben der kleinen Box, deren Grundfläche etwas kleiner als ein iPad ist, wird geschützt durch zwei Schalenteile aus Blech, die miteinander verschraubt sind. Ein paar kleine Lämpchen und die schlichten Knöpfe aus Plastik vermitteln ein ähnliches Gefühl von Verlässlichkeit wie hochwertige Espressomaschinen mit dem Unterschied, dass das Herz der Nord-Drum nicht aus Schläuchen und Pumpen besteht, sondern rein digital funktioniert, oder netter ausgedrückt: Die Klangerzeugung der Nord-Drum passiert virtuell. Das ist besonders lustig, wenn man sich den Werbesatz von Clavia auf der Zunge zergehen lässt: „Virtual analog drum synthesizer“. „Virtual analog“? Echt unecht!

Zum Glück haben die Jungs von Clavia den zwar auch nicht mehr taufrischen, aber immer noch hochaktuellen Look ihrer bisherigen Produktlinien auf die Nord-Drum adaptiert: Schick! Was besonders ins Auge fällt, ist wenig! Das soll heißen, dass die Bedienoberfläche, gemessen an dem was sie können soll, sehr reduziert und aufgeräumt daherkommt. Das ist im ersten Moment erstaunlich, denn man soll doch mit der Nord-Drum quasi Ton-Gott spielen dürfen und ein Gott hat doch eigentlich nicht nur drei Hebel und zwei Pedale, um seine Welt zu kontrollieren, oder? Des Rätsels Lösung ist der große Master-Regler in der Mitte der Bedienfläche, den man mit jedem der Parameter-Knöpfe anwählen kann, um dann den jeweiligen Parameter mit dem Regler zu verändern. Kurz gesagt: Aktiviert man einen Parameter-Knopf, lässt sich dieser mit dem großen Dreh-Knopf regeln. Im Gegensatz zu den vielen Druckknöpfen gleichem Formats sind außerdem jeweils nur einmal vorhanden: ein Master-Lautstärke-Regler und eine digitale Anzeige für drei Ziffern. Aber langsam, wie funktioniert die Nord-Drum eigentlich? Folgendermaßen:

Die Basis bilden 17 Waveforms. Drei davon sollen der analogen Klangstilistik entsprechen, neun weitere dem Klangbild von echten Trommeln und die letzten fünf haben etwas percussives. Hier ist ein kleines Video zu den Waveform-Tabels:

Man wähle sich nun einen der vier möglichen Kanäle, belege diesen mit Käse… Entschuldigung: belege diesen mit einer dieser 17 Waveforms und zerdrücke und quetsche und pitche und verlängere und filtere und zerhacke diesen, bis er dem persönlichen Geschmack entspricht. Final lässt sich das derart veränderte Geräusch auf einer von 99 Soundbanken speichern. Allerdings sind 80 der 99 Speicherplätze werkseitig mit Presets belegt, die Clavia grob in die Stilrichtungen Real, Retro, Ethno und FX unterteilt hat (im Praxis-Teil demonstriere ich ein paar dieser Presets). Um auf diese ganzen Sounds zugreifen zu können, bedarf es eines oder mehrerer Eingabegeräte – die Nord Drum verfügt zwar über einen Trigger-Knopf zum Checken des Sounds, aber spielen lässt sich das Instrument damit natürlich nicht. Als Input kann man sowohl MIDI-Ins als auch Triggersignale verwenden: Auf der Rückseite befinden sich vier Klinken-Trigger-Inputs, wodurch das Nord Drum in seiner Eingabe-Funktionalität einem üblichen E-Drum-Modul entspricht.

Der fertige Sound lässt sich über einen Klinken-Ausgang (ja, es gibt nur einen! Dazu im Praxis-Teil mehr) abzapfen, der MIDI-Output dient lediglich zum Datenaustausch zwischen Rechner und Nord-Drum. In etlichen Online-Foren, in denen schon vor Erscheinen des Nord-Drums über eben jenes gemutmaßt wird, taucht immer wieder eine Kritik auf: Der kleine Kasten funktioniere nur mit Netzteil. Das ist zwar korrekt, allerdings stellt das keine außergewöhnliche Umständlichkeit dar – die typischen Netzteile von Gitarren-Effektgeräten sind sperriger als das von Clavia. Darüber hinaus läuft das Nord-Drum-Modul auf DC 12V/250mA, dem weitläufigen Standard für Musikinstrumente. Ein gewöhnliches Netzteil ist das von Clavia allerdings nicht, denn es wird mit vier Austausch-Steck-Adaptern für die weltweit verbreitetsten Steckdosen-Formate geliefert. In den schmucken Karton haben außerdem noch eine anschraubbare Plastik-Halterung und die englischsprachige Bedienungsanleitung gepasst.

Nord bietet auf der Page www.norddrum.com übrigens den Download der OS-Version an, der aber leider defekt war. Das kleine Programm erlaubt den Austausch eigener Presets und aus dem Netz geladener Presets zwischen Nord-Drum und Rechner. Puh, soviel zu den Details! Eins ist schon mal klar geworden: Mit den wenigen Knöpfchen des Nord-Drums lässt sich viel anstellen. Bei der vermutlich komplexen Technik im Inneren des Kästchens erstaunt ein kurzer Schriftzug auf dem Gerät: "Handmade in Sweden". Unter "Handmade" stelle ich mir in meiner offensichtlich beschränkten Weltsicht all die Dinge vor, die auf Weihnachtsmärkten angeboten werden und diese sind dann meistens besonders teuer. Was ein Instrument kann, das für einen UVP von 399,00 Euro netto derart umfangreich funktioniert wie das Clavia-Nord-Drum, erfährst du im Praxis-Teil!

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