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Test
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31.08.2021

Neural DSP Archetype Tim Henson Test

Amp-Modeling-Software

Amps für und von dem Polyphia-Mastermind!

Neural DSP hat es sich unlängst zur Aufgabe gemacht, bereits berühmten oder aufsteigenden Sternchen am Gitarrenhimmel personalisierte Plugins auf den Leib zu schneidern, die den Signature Sound der Artists originalgetreu einfangen sollen. Der jüngste Streich der finnischen Soft- und Hardware Company ist das Archetype: Tim Henson Plugin, gewidmet der treibenden Kraft hinter der noch relativ jungen amerikanischen Instrumentalrock-Band Polyphia.

Damit ist der mir vorliegende Testkandidat nun schon das sechste Produkt des Archetype Formats, das sich mit den Plugins Tosin Abasi, Corey Wong, Gojira, Nolli und Plini in beachtlicher Gesellschaft befindet. Auch wenn wirkliche musikalische Neuerungen in den letzen Jahrzehnten rar gesät waren, muss man zweifelsohne eingestehen, dass Tim Henson neben seinem eigenen Spielstil auch durchaus eine neue Soundästhetik geschaffen hat. Daher überrascht es nicht, dass die Features dieser Software mit zwei E-Gitarrenamps, einem Akustikgitarrenverstärker sowie einem vierstimmigen Harmonizer und zig weiteren Effekten nicht unbedingt alltäglich sind. Ob es Neural erneut gelungen ist, die Soundingredienzien ihres Signature-Artists einzufangen, möchte ich hier ergründen.

Details

Konzept

Beim Tim Henson Plugin handelt es sich um eine Software, die eine Simulation von zwei E-Gitarrenverstärkermodellen sowie eines Akustikamps anbietet, welche man nun mit einer üppigen Auswahl an Speakersimulationen auf Basis von Impulsantworten (IRs) kombinieren kann.

Doch damit nicht genug, denn diverse Gitarrenpedal-Klassiker (wie Booster, Kompressoren) sowie digitale Effekte (wie Chorus, Reverb, Delay, Harmonizer und selbst ein EQ) sind ebenfalls mit im Paket inkludiert. Das Archetype: Tim Henson kann sowohl als Standalone – also als eigenständige Software ohne Verwendung einer DAW – oder aber als Plugin für Mac OS und Windows im VST/AU/AAX Standard verwendet werden.  

GUI-Übersicht

Für die Verwendung des Tim Henson Plugins benötigt man lediglich eine Internetverbindung zum Download des Installers sowie einen iLok Account. Die Installation verlief bei mir butterweich und nach der Aktivierung in meinem iLok Account bin ich auch schon "good to go“.

Das GUI ist in drei Stufen skalierbar und weist trotz des typischen Neural Looks die favorisierten Farbtöne des Artist wie Schwarz, Gold, Weiß und Pink auf. Da Tim Henson ohnehin einen sehr eigenen, schon fast androgynen und manga-artigen Modestil besitzt, reiht sich das Erscheinungsbild des Plugins hier sehr gut ins Gesamtbild des Ausnahmemusikers ein. 

In der oberen Zeile zeigt sich die Effektkette mit ihren Modulen, die durch einen Rechtsklick an- und ausgeschaltet werden können. Um zu den Modul-Settings zu gelangen, klickt man die linke Maustaste und schon können alle Einstellungen vorgenommen werden.

In der Zeile darunter wurden die Potis für In-und Outputlevel mitsamt Meter, ein stufenlos regelbares Noise Gate sowie die Möglichkeit, den Input auf Mono- oder Stereobetrieb zu schalten, angeordnet. Für das Oversampling stehen mit High und Low zwei Optionen bereit, die hier umgeschaltet werden können. Das Feld rechts kümmert sich um die Preset-Elemente wie z. B. den Save-Button, den Papierkorb, das Browserfenster sowie das Icon, über das man zusätzliche Presets importieren kann. Insgesamt präsentiert sich das Presetmenü übersichtlich strukturiert und teilt die Voreinstellungen in die Kategorien Factory-, Artist- und Userpresets auf, wobei auch ein Default-Setting als Grundlage für eigene Kreationen bereitsteht. 

In der Artist-Kategorie befinden sich Sounds von u. a. Adam Bentley, Jack Gardiner, und Polyphia Mitstreiter Scott LaPage, wohingegen im Factory-Pfad die Voreinstellungen von Neural und natürlich die Eigenkreationen von Tim Henson selbst anzutreffen sind. Der Workspace, in dem sich die Amp- bzw. Effektmodule in Großansicht befinden, wurde natürlich zentral im GUI angeordnet, doch dazu später mehr. In der unteren Zeile präsentiert sich ein Icon für das MIDI Mapping und auch an ein kalibrierbares Stimmgerät wurde gedacht. Bewegt man sich im Standalone Modus, gesellen sich noch das Icon für Audio-Settings sowie eine Tempofunktion hinzu, über die man z. B. die Delay Time manuell eingegeben oder via Tapicon einklopfen kann. Mittig zeigen sich drei Emoji-artige Icons, mit deren Hilfe man die drei Ampmodelle direkt umschalten kann, ohne extra das Ampmenü bemühen zu müssen.  

Signalkette und Module 

Das Tim Henson Plugin bietet eine virtuelle Signalchain, die fix ist und deren Komponenten sich hinsichtlich der Reihenfolge nicht verändern lassen. Der Signalfluss besteht aus: 

Pre FX >  Amp > Cab > Multivoicer > EQ > Post FX

Amplifers

Wie bei der Archetype Serie von Neural DSP üblich, kommt auch das Tim Henson Plugin nicht mit einer Armada an hunderten von Amps daher, sondern konzentriert sich auf drei, für den Signaturekünstler wichtige Soundstationen.

Das erste Ampmodell heißt schlichtweg "Roses" und benennt einen relativ höhenreichen Akustikverstärker, der Tims Studio-Signalkette nachbilden soll und speziell auf akustische Instrumente bzw. Sounds optimiert ist. Neben den typischen Amppotis verfügt das Modell auch über einen Blend-Regler, der Akustikgitarrensounds auch mit herkömmlichen Tonabnehmern simulieren kann.

Bei "Cherubs" handelt es sich um einen zweikanaligen E-Gitarrenverstärker, der laut Angaben einen britischen Low Gain Amp simuliert und für Rhythmparts gedacht wurde. Über das "Pink Lead" Modell behauptete Tim begeistert: "This one f##ks!", was sich bestimmt auf die klanglich etwas moderne und gainreichere Auslegung dieses Einkanalers bezog.

Cabinets

Das Cabinetmodul bietet die Auswahl aus zwei internen 4x12" Boxenmodellen* sowie das Laden von eigenen bzw. Drittpartei-Impulsantworten. Jedes Cabinet kann nun simultan mit zwei unterschiedlichen Mikes abmikrofoniert werden, die man nun stufenlos pannen oder auch zentrieren kann. 

Das Laden von zwei getrennten IRs für links und recht ist ebenfalls möglich, allerdings fallen bei der Verwendung von eigenen Faltungen die virtuellen Mikrofonierungsoptionen weg. Die Default-Cabinets lassen sich für jeweils links oder rechts mit sechs verschiedenen klassischen Mikrofontypen abmiken, die man in Position, Entfernung und Lautstärke regeln kann. Dies kann nun wahlweise manuell am Mike selbst oder auch an den dafür vorgesehenen Potis erfolgen. Hierbei kamen laut Herstellerangaben hunderte IRs, geschossen von Adam “Nolly” Getgood, zum Einsatz.

Neu ist beim Tim Henson Plugin jedoch, dass nicht jede Box mit jedem Amp kombinierbar ist, sondern pro Amp nur jeweils ein Cabinetmodell zur Verfügung steht. Bei der Verwendung des Acoustic Amp Modells entfällt der Cab Block sogar gänzlich!  

*Anmerkung: Ob es sich hier tatsächlich immer um 4x12" Cabs oder überhaupt ausschließlich um 12" Speaker handelt, oder ob dies nur grafisch so dargestellt wird, ließ sich nicht genau eruieren.

Effekte 

Die Effekte sind in einen Pre FX-, einen Multivoicer, einen EQ und einen Post X Block unterteilt. Die Pre-FX-Sektion wiederum besteht aus einem Booster, einem Kompressor und einem Overdrive Pedal, deren Vorlagen nicht genauer spezifiziert wurden.

Die große Besonderheit der Tim Henson Edition ist jedoch sicherlich der Multivoicer. Hierbei handelt es sich um einen vierstimmigen Harmonizer, der eine üppige Auswahl an Soundoptionen bereithält. Jede der vier Stimmen lässt sich in Bezug auf das harmonisierte Intervall, die Lautstärke und das Panning frei einstellen. Im Workspace des Multivoicers lassen sich Level und Panning, aber auch das Delay und der Feintuninggrad der einzelnen Stimmen nochmal grafisch sehr anschaulich tweaken.

Selbstverständlich können auch die Tonarten und bestimmte Akkordpresets frei ausgewählt werden, wobei sogar diverse Clustervoicings bereitstehen, die sehr interessante Sekundenintervalle beinhalten. Ein ganz besonders Feature bietet der MIDI Mode, in dem man über ein MIDI-Keyboard die Tonhöhen der verschiedenen Stimmen steuern kann. 

Im Anschluss an den Multivoicer folgt ein Equalizermodul, das neun Bänder bearbeitet und die jeweiligen Frequenzen um 12 dB boosten oder senken kann.

Am Ende der Signalkette wurden alle "time-based" Effekte gepackt. Hier zeigt sich ein einfacher Chorus, der lediglich über einen Dry/Wet-Blendregler verfügt. Umso vielseitiger präsentiert sich das Delay, das mit den drei Modi "Ping Pong", "Wide" und "Normal" daherkommt und mit "Diffusion", "Vintage Digital" und "Modern" gleich drei Delay-Typen mitbringt. Auch ein Low und High Cut Filter wurden auf dem Delay-Pedal untergebracht und die Delay Time kann wahlweise getappt, oder zum Songtempo gesyncht werden. 

Das Reverb zeigt sich ebenfalls als integraler Bestandteil von Hensons Stil, sehr flexibel und verfügt über einen Blendregler, ein Low und High Cut Filter sowie einen schaltbaren Shimmereffekt.

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