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Test
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25.08.2017

Praxis

Die Presets und das XY-Pad

Ich starte mit einem wahllosen Ritt durch die Presets. Auch ohne das Pad anzurühren wird sofort deutlich, dass es hier wirklich nur um den Thrill geht. Alles was ich höre, klingt verstörend, egal ob es sich um Streicher, Holzbläser, Stimmen oder Ambient-Sounds handelt. Das allerdings in allen erdenklichen Varianten – von warm und weich bis aggressiv und dicht ist alles dabei. Bewege ich die X-Achse, gehen die Sounds von linker und rechter Seite nahtlos ineinander über. Das ermöglicht je nach Auswahl, die Verbindung von sehr gegensätzlichen Welten oder das Wandern zwischen zwei ähnlichen Sounds. Die Qualität der Klangmischung ist verblüffend, ebenso wie die Klangqualität der Sounds an sich. Groß und satt, cineastisch, kommt es aus den Speakern.

Absolut erstaunlich wird es jedoch bei der Y-Achse. Der Sound wird nicht einfach nur lauter, er wird intensiver. Blech und Holz beginnen zu vibrieren, gibt es zum Beispiel Trommelwirbel, so werden diese schneller, Obertöne kommen dazu, das Orchester schreit und faucht. Die intuitive Bedienung weckt den Spieltrieb, es ist eine einzige Freude per XY-Pad zwischen Sounds und ihren verschiedenen Intensitäten zu wechseln. Ruckartige Bewegungen sind besonders schön. Filmisch wäre jede dieser Bewegungen ein erstklassiger Schock-Moment. Leider finde ich keinen Weg, meine spontanen XY-Experimente aufzuzeichnen. Offensichtlich schickt „Thrill“ keine MIDI-Signale für die Achsenbewegungen. Es lassen sich per CC jedoch Controller zuweisen, mit denen sich beide Achsen steuern lassen.

Chaos in feinen Abstufungen

Da man Musik meist nicht für riesige Bilder produziert, stellt sich mir bei Orchesterlibraries immer die Frage, ob die Sounds auch eine Nummer kleiner zu haben sind. Im Fall von „Thrill“ sind sie es. Im Source-Tab kann ich zwischen den Mixvarianten Full, Close und Ambient wählen. Close klingt im Vergleich zu Mix wesentlich kleiner, womit „Thrill“ schlagartig auch zu einer Option für Fernsehfilmmusik wird. Ambient hingegen führt den Sound ins Waberig-Abstrakte, was Sinn machen kann, wenn man eine nicht näher zu identifizierende Klangfläche sucht. Ich habe außerdem dutzende Werkzeuge, um die Klangmischung und -gestaltung zu beeinflussen. Ich kann die einzelnen Sounds aktivieren oder stummschalten, lauter und leiser machen, pannen, pitchen und vieles mehr. Und selbstverständlich lässt sich alles automatisieren. Vermutlich werde ich das meiste davon niemals anrühren. Ein Preset besteht schon aus bis zu vier Samples, die zusammen vollständiges Chaos verursachen. Ich sehe mich eher nicht in der Situation, dass mir Sample Nummer 3 einen Tick zu weit nach rechts gepannt ist, oder Sample Nummer 2 ein halbes dB lauter sein könnte. Falls aber doch, so kann ich es hier ändern.  

Chaos in noch feineren Abstufungen; Cluster und Cluster Tree

Ist die Y-Achse in Sachen Klangentwicklung schon erstaunlich, so setzt der Cluster Tree dem Ganzen die Krone auf. Beim Cluster Tree handelt es sich um das Werkzeug zum Bearbeiten von Cluster-Samples. Für die, die es vergessen haben: ein Cluster ist eine sogenannte „Tontraube“ und z.B. das, was man erhält, wenn man eine Klaviatur mit der Faust bearbeitet. Mittels Cluster Tree lässt sich jeder Ton in den Parametern Pan, Volume und Tune verändern. Das alleine ist schon verblüffend. Und als wäre das nicht genug, so gibt es auch noch drei verschiedene Arten, wie sich das Cluster per Y-Achse aufbauen lässt; „Glide“ lässt alle Stimmen auf demselben Ton beginnen und dann zum jeweiligen Zielton gleiten, „Add-on“ beginnt mit dem Grundton allein und die anderen Stimmen kommen allmählich dazu, „Parallel“ spielt das Cluster vollständig ab. Klanglich ist das absolut überzeugend, es klingt wie live gespielt. Wie auch immer Native Instruments das hingekriegt haben, sie haben ganze Arbeit geleistet. So etwas habe ich noch nie gehört.

Organische und hybride Verfremdung; die Effekte

„Thrill“ hat drei verschiedene Effekt-Abteilungen, Space, EQ und Modulationseffekte. Ich nutze eigentlich nie die mitgelieferten EQs und Reverbs, da Einstellungsparameter und Übersicht stets sehr reduziert sind – so auch hier. Doch auch hier ist „Thrill“ ein Sonderfall, da man jeweils eine Effekt-Sektion für den Sound auf der linken und rechten Seite hat. Falls es also nur auf der linken Seite Probleme gibt, kommt man mit externen Effekten hier nicht weiter. Daher sind EQ und Reverb nützlich und willkommen.

Die Modulationseffekte finde ich am interessantesten. Sie gliedern sich in Phaser, Mono to Stereo, Drive, Color und Mutate. Wobei die Eigenschaft ‚Mutate’ eigentlich auf alle außer Mono to Stereo zutrifft. Jeder Effekt lässt sich (de)aktivieren, automatisieren und bietet allerhand Presets. So weit so bekannt. Was diese Effekte für mich aber so interessant macht, ist die Tatsache, dass sie orchestrale Sounds in Richtung Elektronik verfremden können. Voll aufgedreht, lässt sich in manchen Fällen der Ursprungssound nicht einmal mehr erahnen. Mit entsprechender Automatisierung kann ich so dem Wahnsinn eine weitere Komponente hinzufügen; neben dem Morphen von Sounds und Intensitäten auch noch das Morphen zwischen analoger und digitaler Welt. Klanglich ist auch das alles eigen und von feinster Qualität. In folgenden Audiobeispielen durchfahre ich jeden Effekt einmal komplett. Damit deutlich wird, wie der Effekt arbeitet, habe ich stets dasselbe Sample als Grundlage gewählt.

Abspann und finale Kontrolle: die Mastersektion 

Die Mastersektion bietet ein paar grundlegende und abschließende Einstellungsmöglichkeiten und gut klingende Mastereffekte, als da wären EQ, Saturation und Kompressor. Auch hier sind die Parameter, an denen sich herumschrauben lässt, nicht eben detailliert, sodass ich hier sicher externe Effekte bevorzugen würde.

Daneben gibt es die XY-MIDI-Controller, an denen sich die CC-Zuweisung für die Achsen per MIDI-Learn vornehmen lässt, außerdem Auswahlmöglichkeiten zum Antwortverhalten der Y-Achse. Ob sie, linear, hart oder weich reagiert, lässt sich hier regeln.

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