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03.11.2017

Music Digging im Streaming-Zeitalter

Wie ihr Raritäten im Streaming-Zeitalter entdeckt.

Das Aufspüren von Musik war wahrscheinlich noch nie so einfach wie aktuell. Früher musste man sich im Plattenladen noch durch unzählige Kisten kämpfen oder sich auf die Empfehlungen der Mitarbeiter verlassen. Heutzutage ist mit wenigen Mausklicks etwas gefunden und gekauft. Doch ist es wirklich so einfach, ein für euch noch unbekanntes Musikstück zu finden, welches euch auch wirklich anspricht und im Bestfall auch noch nicht jeder auf dem Schirm hat?

Auf der Suche nach neuer Musik im „World Wide Web“ müsst ihr euch erst durch unzählige Datenbanken kämpfen. Wie findet ihr euch in den unzähligen Angeboten zurecht? Welche Vor- und Nachteile haben die unterschiedlichen Plattformen? Wir wollen genau diesen und weiteren Fragen nachgehen.

Offline Vinyl Shops

Fangen wir mit dem guten alten Schallplattenladen an. Von verstaubten Image kann überhaupt nicht die Rede sein, die Begeisterung für Vinyl ist enorm. Die Presswerke laufen aktuell auf Hochtouren und kommen kaum hinterher. Etwas auf Vinyl zu hören und zu besitzen hat wohl immer noch seinen Reiz, auch die Haptik spielt sicherlich eine Rolle.

Sicherlich gibt es auch unter euch Menschen, die eine Limitierung zu unserer derzeitigen Überflussgesellschaft benötigen. Diese empfinden einen klassischen Vinyl Shop als ein entschleunigtes Kaufereignis und mögen es in einer räumlichen Atmosphäre zu stöbern. Vermutlich kauft man auch bewusster und fokussierter ein, wie vor dem Rechner, wo parallel noch E-Mails beantwortet werden und nach neuen Schuhen gestöbert wird.

Abhängig vom Ladenlokal, Personal und vor allem Sortiment kann es sich durchaus bewähren, das gut selektierte Angebot des Geschäfts eures Vertrauens zu durchleuchten. Eine persönliche Bindung zu Menschen, die dieselbe Leidenschaft teilen und der kommunikative Austausch zu Betreibern und anderen Kunden können sehr hilfreich bei der Suche nach unbekannten Veröffentlichungen sein. Als Kunde kann man sich etwas vom Mitarbeitern empfehlen lassen oder sich beraten lassen. Stammkunden haben sogar ihre eigenen Fächer, welches der Betreiber wöchentlich mit Schätzchen füllt.

Neben einer guten Möglichkeit fürs Aufspüren von wirklichen Raritäten, findet ihr im Plattenladen auch Labels, die nur kleinste Auflagen pressen oder Veröffentlichungen von Only-Vinyl-Labels. Des Weiteren ist die Chance, besonders gut neben unentdeckte Schätzchen auch Platten aus längst vergangen Tagen ausfindig zu machen, die ihr auch zum „samplen“ nutzen könnt. Obendrein bietet es sich an, mal in die eine oder andere B-Seite reinzuhören oder ihr greift mal zu einer Platte, bei der ihr euch vom Cover beeinflussen lasst.

Mit der An- und Abreise, so wie der Einschränkung von normalen Öffnungszeiten, kann der Besuch im Plattenladen zu einem zeitintensiven Vorhaben werden. Auch spielen eine Vielzahl an subjektive Faktoren eine Rolle, die das Einkaufsverhalten beeinflussen. In Großstädten sollte es ein großzügiges Angebot an Schallplattenladen geben, aber jemand, der am Standrand oder in der Provinz lebt, für den ist der Vinyl-Shop ggf. keine Option mehr.

Online Vinyl & MP3 Shops

Das Spektrum hat sich besonders in den letzten 10 Jahren extrem gewandelt. Durch den digitalen Fortschritt gibt es erhebliche neu und spannenden Möglichkeiten, die ihr nutzen könnt, um Musik zu entdecken. Im digitalen Zeitalter werden online natürlich nicht nur physische Tonträger verkauft, sondern in erster Linie digitale Files. Ehrlich gesagt wird man erschlagen von Anbietern und musikalischen Warenangeboten. Da stellt sich ja schon die Frage: Wie entdecke ich innerhalb dieses Sortimentes Musik, dich mich wirklich interessieren könnte?

Bei „Beatport“, einem Downloadportal mit dem Schwerpunkt auf elektronische Musik, habt ihr neben der Auswahl über klassische Suchbegriffe zu separieren die Möglichkeit „Künstler“ und „Labels“ zu folgen. So verpasst ihr von eurem Lieblingskünstler keine Neuerscheinungen mehr. Kritisch ist dabei allerdings zu sehen, dass ihr aus eurem gewohnten Umfeld nicht wirklich ausbrechen könnt. Bei Beatport gibt keine offensichtlichen Algorithmen die feststellen, dass ihr das Label X oder den Künstler Y gut findet und euch daraufhin Vorschläge unterbindet, euch mal den Künstler Z anzusehen. Wer hier die berühmt berüchtigten „Beatport Charts“ dazu nutzt, nach neuen Output zu suchen, muss davon ausgehen, dass dies auch extrem viele andere Nutzer machen. Raritäten wirst du hier weniger finden.

Die Plattform „Bandcamp“ verbindet die verschiedenen Welten. Hier können Künstler ihre Musik selber vertreiben, das schließt nicht nur digitale Medien ein, sondern auch physische Tonträger. Das Bandcamp Konzept ist darüber hinaus zwar eine faire Sache für Käufer und Verkäufer, aber auch hier finde ich das durchstöbern sehr mühselig.

Fast Analog verhält es sich mit den Suchfunktionen der Online Anbot für Vinyl. Wie wir bereits berichtet haben, gibt es ein umfangreiches Angebot für Vinyl im Netz. Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, dem kann ich den Artikel „Vinyl Schallplatten Online kaufen“ an Herz legen.

Online wie natürlich auch Offline gibt es außerdem ein umfangreiches Angebot an Second-Hand-Material. Ob „Discogs“ oder die Plattenbörse in deiner Nähe. Wer sich die Zeit nimmt wird sicherlich auf dem klassischen Weg „Wer suchet der findet“ etwas Spannendes ausgraben.

Radio, Podcast und Streaming

Stark abhängig vom Sender und dem jeweiligen Programm ist das Radio sicherlich auch eine Möglichkeit, neue Musik zu entdecken. Besonders spannend finde ich ausländische Formate von kleinen oder mittelgroßen Sendern, die im digitalen Zeitalter ihr Angebot ggf. auch Live streamen oder das jeweiligen Aufzeichnungen online zur Verfügung stellen.

Als Podcast-Formate werden auch klassische Mixtapes von DJs bezeichnet, die ihre Sets bei „Soundcloud“ oder „Mixcloud“ hochladen. Plattformen mit großer Reichweite wie „Deep House Amsterdam“ oder „When We Dip“ veröffentlichen oder teilen wöchentlich neue DJ Sets von internationalen Künstler. Sich durch die Sets zu kämpfen, erhöht die Chance, unveröffentlichtes Material zu entdecken. Des Weiteren werden dort exklusive „Premieren“ von Neuerscheinungen veröffentlicht.

Musikerkennungssoftware

Das prominenteste Beispiel für Musikerkennungssoftware ist vermutlich „Shazam“. Diese Applikation erkennt Musik via Smartphone die in eurer direkten Umgebung abspielt wird in wenigen Sekunden. Wenn es mal wieder keine Tracklist zu dem gefunden Soundcloud Podcast gibt oder ihr am Radio hängt und unbedingt wissen wollt, was gerade läuft, dann ist dieses praktische Werkzeug genau das richtige für euch. Darüber hinaus gibt es auch hier Algorithmen die euch helfen, Musik zu „entdecken“.

Social Media

Auf Youtube, Instagram oder Facebook besteht die Möglichkeit, insbesondere Video-Content zu durchkämen. Da ja jeder heutzutage alles mit seinem Smartphone mitschneidet, hochlädt und mit Hashtags versieht, könnt ihr im Nachgang verfolgen was euer Lieblings-DJ am vergangen Wochenende während seines Gigs gespielt hat. Gute Chancen, um unveröffentlichtes Material aufzuspüren. Unter dem Stichwort „Track Id.“ gibt es mittlerweile sogar Social-Media-Kanäle, die sich dem Thema gewidmet haben und mittels der Followerschaft zusammen Tracks identifizieren. Auch hier kann die Musikerkennungssoftware „Shazam“ nützliche Dienste erweisen.

Print & Online

Fachmagazine Printmedien wie das Groove Magazine, FazeMag oder das internationale DJ Mag, sowie Online-Portale wie Resident Advisor veröffentlich Artists-, Monats- und Jahrescharts. Auch hier lohnt es sich, mal ein Blick hineinzuwerfen um das eine oder andere Schätzchen ausfindig zu machen.

Fazit

Wer kann, sollte einmal die Woche oder zumindest alle 14 Tage in den Schallplattenladen gehen und die regionalen Locals unterstützen. Im Vinyl-Shop einzukaufen ist sicherlich das teuerste Konzept, aber wie geschildert bietet es auch viele positive Möglichkeiten, Musik für sich zu entdecken und soziale Kontakte zu knüpfen. Es ist davon auszugehen, dass ihr immer wieder hochwertig gestaltete und haptische Produkt in der Hand haltet - Qualität hat seinen Preis.

Am Ende wird es eine Mischrechnung sein von den verschiedenen Anbietern zu profitieren. Man muss aber, so umstritten Streamdienste wie Spotify & Co. sind, schon sagen, dass diese Plattformen auch alles dafür tun, es dem Nutzer bei der Suche so angenehm wie möglich zu machen, auf neue Interpreten zu stoßen. Der Zugang dort für sich noch unbekannte Musik zu finden ist geben.

Abschließend würde man erwarten, dass sich die Suche im Jahr 2017 als einfacher gestaltet. Das Angebot an Anbietern ist gestiegen, Suchfunktion und Algorithmen sind optimiert, aber gleichzeitig ist auch das Angebot an Musik ist extrem angestiegen. Wer auf den vorgestellten Ebenen aktiv wird, wird sicherlich fündig werden, aber irgendwie bleibt es auch die Suche nach der Nadel im Heuhaufen und genau das macht ja auch den Reiz aus. 

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