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13.03.2019

Mixing-Tricks: Es muss nicht immer Reverb sein!

Schon ein Delay kann im Mix sinnvoller sein

Was kann statt Nachhall als Alternative verwendet werden?

Schnell ist man dabei, ein Hall-Plugin aufzurufen, um ein Signal schön einzubetten. Ob die Lead Vocals, den Background-Gesang, die Drums oder auch die cleane Gitarre, mit Reverb werden gerne verschiedene Audiosignale im Mix verschönert.

Die Nachteile hat wohl jeder schon selbst erfahren. Selbst wenn man die 10 größten Fehler im Umgang mit Reverb kennt und vermeidet, kann der Sound schnell einmal leiden. Signale werden weniger konkret, der Mix wirkt verwaschen und wolkig. Besonders schlimm ist der „Next Day Shock“, wenn man beim frischen Durchhören der gestrigen Mischung feststellt, dass man mit dem Reverb total übertrieben hat. Unser Gehör ist meisterhaft darin, Rauminformationen schnell herauszurechnen.  

Wozu setzt man eigentlich Reverb üblicherweise ein?

Ihr solltet wissen, wozu ihr den Hall eigentlich verwendet. Zum wattig Einpacken, um „Fluss“ entstehen zu lassen? Um ein Signal weiter hinten im Mix zu positionieren? Um es mit anderen Signalen zu verbinden? Es gibt viele Möglichkeiten, abhängig davon entscheidet sich, was man machen kann.

Alternativen zum Nachhall – zu welchem Zweck?

Im Regelfall ist es der Wunsch, den Mix transparenter, griffiger und aufgeräumter zu gestalten als beim Einsatz von Reverb, aber dennoch die Vorne-Hinten-Verhältnisse auf der Bühne beizubehalten. 

Delay

Die wohl beliebteste Alternative zum Reverb ist das Delay. Auf vielen Musikproduktionen ist zu hören, dass statt eines ausufernden Reverbs mit einem Delay gearbeitet wird, um bei gehaltenen Tönen Färbung und leichtes Chorusing, besonders aber einen Tiefeneindruck zu erhalten. Denn wie schon beim Einsatz eines Reverbs gilt: Es muss nicht immer alles natürlich und physikalisch nachvollziehbar sein um zu funktionieren!

Beliebt sind Delays im Sync zum Songtempo, etwa in Viertelnoten, dann oft mit nur sehr wenig oder keinem Feedback (also nur einer Wiederholung). Aber auch schnellere, ungesyncte Delays können funktionieren, dann üblicherweise mit deutlich mehr Feedback. Die Grenzen zum Reverb sind natürlich fließend, denn schließlich kann man mit genug Verzögerungen und weiterer Bearbeitung zumindest die Erstreflexionen eines Raumes halbwegs gut nachbauen.  

Wenn das Delay sich zu sehr in den Vordergrund drängt, kann es mit dem Equalizer in den Höhen beschränkt werden. Auch den Bass nimmt man meistens heraus, denn hier vermatscht schnell alles!

Equalizer

Das Signal soll „weiter nach hinten“ im Mix? Eine der einfachsten Möglichkeiten ist es, sich bei der Natur abzuschauen, was dort bei größerer Entfernung passiert: Die Höhen verlieren zuerst an Energie (wie man an den unterschiedlichen Spektren von nahen und fernen Blitzen erkennen kann) – also runter damit! Und natürlich gibt es noch das „Zaubermittel“ Fader, mit dem man das Signal leiser macht. Aber auf die Idee ist, glaube ich, noch jeder selbst gekommen. Es gibt noch eine weitere Anwendungsmöglichkeit, die allerdings etwas weiter unten beschrieben wird.

Envelope-Generator

Ebenfalls eine Möglichkeit, Signale vom Hörer zu entfernen, ist das Verschleifen allzu steiler Flanken. Envelope Designer sind dafür wie geschaffen, denn sie können dies pegelunabhängig tun, ohne weiteren Einfluss zu nehmen. Neben dem Attack lässt sich auch die Releasephase eines Signals verändern. Dadurch werden beispielsweise mit aufgenommene natürliche Rauminformation verstärkt. Zugugeben: Dieser Effekt ist meist eher verhalten, bei Vocals holt man im Release sonst schnell die Atmer zu sehr nach vorne.

Chorus und andere Modulationseffekte

Um Signale ein wenig breiter und indifferenter machen zu können, ist ein Chorus ein hervorragendes Tool. Und auch andere Modulationseffekte wie Rotary, Phaser und sogar Tremolos können Abhilfe schaffen. Nicht übertreiben mit Geschwindigkeit, Feedback und Wet-Anteil, dann funktioniert das im Mix sehr gut ohne störende Hallschleppe! Aber Achtung: Der Chorus ist nicht sehr gut für perkussive Signale geeignet! Tipp: Stereo-Outputs verwenden.

Resonator und Vocoder

Besonders als Alternative zu kleinen Räumen sind Resonatoren oder Vocoder einen Versuch wert. Wichtig dabei ist es aber, nicht zu übertreiben und eventuell tonale/harmonische Kollisionen zu beachten.  

Es lohnt sich auch, mit schmalbandigen EQs zu experimentieren, die abwechselnd anheben und absenken. Damit kann das modale Verhalten simuliert werden, ohne dass wie beim Nachhall die Schallenergie über die Zeit gestreckt wird.  

Kompression statt Reverb

Moment: Sind das nicht zwei grundverschiedene Dinge? Und wird Kompression nicht eigentlich dazu verwendet, Signale nach vorne zu holen? Das stimmt prinzipiell. Allerdings wird Reverb ja auch dazu benutzt, „Fluss“ von Signalen herzustellen, sie ein wenig einzuebnen. Und wenn mehrere Signale miteinander verbunden werden sollen, setzt man sie gerne in einen gemeinsamen Raum. Die Aufgabe des „Verbindens“ kann auch ein Kompressor übernehmen, der bei Einzelsignalen auch Raumanteile hervorholt, wenn mit langen Releasephasen gearbeitet wird, und der in Subgruppen eingesetzt, eine gemeinsame Bewegung für verschiedene Signale durchführt. Ein API 2500 auf den Drums beispielsweise macht genau das, ohne die Signale zu verwässern. Denn wie gesagt: Reverb hat auch andere Aufgaben, als immer Signale nach hinten zu drücken.

Aus der Mitte, aus der Schusslinie

Der Panregler, man glaubt es kaum, kann einzelne Signale ebenfalls aus dem Fokus nehmen. Manchmal muss ein Signal nämlich überhaupt nicht wirklich leiser oder weiter weg, sondern einfach nur aus dem Fokus. Deswegen kann es schon helfen, einzelne Signale aus der umkämpften Phantommitte zu nehmen und entweder leicht zur rechten oder linken Seite zu pannen. Advanced Mode: Panning geht auch ohne Pan-Regler!  

„Real Life“-Tipps

Sicher, jetzt den eigenen Mix durchgehen, alle Reverbs rausschmeißen und der Reihe nach durch diese Alternativen zu ersetzen, ist kaum sinnvoll. Darum geht es ja auch gar nicht. Schließlich gibt es Reverbs in seinen diversen Ausführungen nicht umsonst und Halleffekte in so gut wie jeder Produktion eingesetzt. Manchmal ist aber der dritte oder vierte Hall einfach zu viel, auch die Verwendung eigentlich „unnatürlicher“ Reverbs, wie reinen ER-Programmen ohne Tail, Plates, Foils, Gated Reverbs oder Springs, sorgt für einen verwässerten Mix. Hier sollten die Alternativen ins Spiel kommen, gerne auch in Kombination. Wichtig ist: Probiert aus, erweitert eure Standards im Workflow. Und wenn euch etwas überhaupt nicht zusagt, etwa die Geschichte mit Resonator oder Vocoder, denn ignoriert sie zukünftig einfach!

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