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05.01.2018

Metal Gesang – Tipps und Tricks | Singen nach Genre

So könnt ihr shouten, screamen und growlen lernen

Shout out to your heart!

Heavy, Death, Black, Trash, Gothic, Symphonic oder Folk Metal... ein etwas unübersichtliches Genre mit unglaublicher Vielfalt. Wer schreit jetzt wie und warum? Gibt es eine gesunde Art zu schreien, ohne dass man seine Stimmbänder zerstört? Es stellen sich viele Fragen, wenn man sich als Sänger in diese Ecke wagt. Hier kommt alles, was du wissen musst, um nicht gleich überfordert zu sein.

Ich muss ganz ehrlich gestehen, ich bin kein Metal-Hörer. Im privaten Rahmen lege ich eher selten eine Platte auf, die man wirklich als Metal bezeichnen würde. Nichtsdestotrotz habe ich mich immer wieder und vor allem für diesen Artikel sehr viel damit befasst. Ich habe Freunde zugezogen, die sich als Metalheads bezeichnen und mich von deren Fieber anstecken lassen. Ich habe Konzerte besucht (u.a. von Sepultura- und Soulfly-Sänger bzw. -Gründer Max Cavalera) und mich richtig der Musik und der Kultur hingegeben. Was für eine Welt! Ich habe meine hellste Freude daran :)

Womit ich mich seit mehreren Jahren beschäftige, ist der gutturale Gesang, also die Schreitechnik. Angefangen habe ich damals in einer Punkband, weil ich gezwungenermaßen zum Sänger ernannt wurde. Unwissend habe ich mich mit meiner Bass-Baritonstimme in viel zu hohe Gesangslagen gewagt und meine Stimme überstrapaziert. Im Zuge meiner Sängerausbildung ein paar Jahre später habe ich mich mit der verzerrten Stimme autodidaktisch auseinandergesetzt.

Verschiedene Schreitechniken

Im Metalbereich werden verschiedenste Techniken angewendet, um einen natürlichen Zerreffekt mit der Stimme zu erzeugen. Diese Techniken werden umgangssprachlich in englische Begriffe wie Shout, Scream und Growl unterschieden. Mischungen und weitere Arten sind seltener. Verschiedene Metalstile benutzen teilweise eine typische dazugehörende Technik. Zum Beispiel bedient man sich im Death Metal meist dem Growl, der auch Grunt genannt wird. In den meisten Untergenres des Metals wird aber fleißig gemischt. Es kann vorkommen, dass von mehreren Sängern in der Band jeweils eine Gesangsart eingesetzt wird. Die ProgMetal/Sludge Band Mastadon ist ein gutes Beispiel dafür:

Metal muss aber nicht unbedingt eine verzerrte Stimme beinhalten, sondern kann sich auch bei dem normalen cleanen Rockgesang bzw. klassischen Gesang bedienen. Dies zeigt vorzugsweise die Sängerin Tarja Turunen der Pionierband für Symphonic Metal Nightwish. Ihre prägnante Stimme gepaart mit der von Filmsounds geprägten Musik der Band um Keyboarder Toumas Holopainen haben Nightwish zu einer der erfolgreichsten Metalband gemacht. Inzwischen wurde die Sängerin Tarja mehrmals ersetzt, was aber ihre Pionierarbeit nicht mindert.

 

True Metal - oder was heute noch davon übrig ist

Der heutige Metal mit seiner Vielfältigkeit hat sich von dessen Ursprung sehr stark verändert und verbreitert. Der Heavy Metal oder True Metal der 70er und 80er Jahre wurde geprägt von Bands wie Black Sabbath, Def Leppard, Motörhead oder Iron Maiden. Als eine der ersten reinen Heavy Metal Bands gilt Judas Priest mit ihrem fantastischen Frontman Rob Halford:

Der Gesang hat in seiner Präsentationsart eine auffallend reine Erscheinung. Zu der Zeit wurde viel mit klassischem Rockgesang gearbeitet - mit merklichen Einflüssen der Klassik. Übrigens, Metal und Klassik haben viel mehr gemeinsam als man im ersten Augenblick glaubt. Die extrem verzerrten Stimmen haben erst später einen größeren Platz eingenommen.

Eine kleine Anekdote am Rande; die erste Aufnahme einer bewusst verzerrten Stimme haben aber schon viel früher die britische Rockband The Who 1966 veröffentlicht. Der Growl im Chorus ist meines Erachtens aber nicht ganz gesund, zumindest in dieser Live-Version hier:

 

Vielfältigkeit bereichert die Musik

Wenn man nun die Neuzeit des Metals in all seinen unterschiedlichen Formen betrachtet, ergibt sich eine breite Vielfalt. Inzwischen gibt es so viele unterschiedliche Untergenres und Vermischungen mit diversen Stilistiken. Die Bandbreite erstreckt sich von Jazz Metal (z.B. Panzerballett) über Gothic Metal (z.B. Tiamat, Moonspell) oder Folk Metal (z.B. Skyclad) bis hin zu Nu Metal (Korn, Limp Bizkit).

Diese Diversität der Subgenres im Metal zeigt sich auch im Gesangsbereich. Jede einzelne Art hat ihre Daseinsberechtigung und wird teilweise spezifisch nach Genre bedient. Der cleane Gesang wird durch Bands wie Hammerfall im Power Metal auch mit Mehrstimmigkeit groß zelebriert. Mit dabei ist auch oft die sogenannte Falset-Stimme. Diese hohe Gesangslage wird vor allem durch die Kopfstimme mit dem Zusammenzwingen und Dringen des Halses forciert. Somit werden höhere Gesangslagen erreicht, die mit der Bruststimme nicht möglich wären.

Im Nu Metal ist der Sprechgesang zu finden, welcher eigentlich typischerweise zum Hiphop gehört. Die Mischung von Rock und Hiphop im Untergenre Nu Metal wird von vielen Metalheads aber abgelehnt (oder nicht toleriert), weil es nach deren Maß nicht zu Metal gehört. Angefangen beim Namen, finden sich trotzdem genügend Verbindungen, dass dieses Genre auch dem Metal zugesprochen werden kann.

 

Der tiefere Sinn hinter Growl, Shout und Scream

Die gutturalen Gesänge sind die großen Vertreter im Metal und erstrecken sich über fast alle Unterarten des gesamten Spektrums. Diese natürlichen Effekte eignen sich sehr gut zur Unterstützung der meist aggressiven Texte und Arrangements. Schnelle Rhythmen, wummernde Bässe und kreischende Gitarren ergänzen das musikalische Konzept mit der verzerrten Stimme zum typischen Metal-Ensemble.

Alle diese Gesangsarten mit Verzerrung bedürfen einer grundlegenden Technik, welche erlernt werden kann, um eine Schädigung der Stimmbänder zu verhindern. Dieser Technik geht eine grundsätzliche Stimmbildung voraus, welche den Fokus auf die Kontrolle und den Aufbau des Zwerchfells legt. Des Weiteren wird erstmal die Grundverzerrung im Rachenbereich trainiert, da es sich bei Erwachsenen um ein unnatürliches Ansprechen der äußeren Stimmbänder (auch falsche Stimmbänder genannt) handelt. Als Neugeborenes oder Kleinkind können wir auf natürliche Weise schreien, irgendwann verlernen wir leider diese Fähigkeit. Es bedarf je nach Person und vorhergehender Gesangsaubildung mehr oder weniger Aufwands, um die Beherrschung des Effektes zu erlernen. Bei mir hat die Erforschung und Ausbildung nach der Grundausbildung ungefähr eineinhalb Jahre gedauert, bis ich eine zufriedenstellende Kontrolle über Growl, Shout und Scream erreicht hatte. Durch praktische Tipps aus der Onlinewelt, Kontrolle durch einen Gesangscoach und sorgfältige Selbsttests habe ich mich immer weiter vorgetastet. Es kann grundsätzlich von jedem selbständig erlernt werden, es empfiehlt sich aber einen Vocalcoach heranzuziehen, am besten einen ausgebildeten Rocksänger. Jemand, der den Fortschritt begleitet und unterscheiden kann, ob es gesund klingt oder nicht.

Growl

Der Growl ist der einfachere Effekt, den man erlernen kann. Für erste Ergebnisse braucht er etwas weniger Power vom Zwerchfell verglichen mit dem Shout und Scream. Böses Gesicht, Unterkiefer nach vorne schieben (Mund bleibt zu) und durch die Nase knurren, probiert es aus :)
Die Death Metal Band Six Feet Under benutzt ausschließlich das Growlen, ein gutes Beispiel für gesundes Growling:

 

Shout

Die Sängerin Candace Kucsulain von der Band Walls of Jericho, welche im Subgenre Metalcore einzuordnen sind, ist ein Paradebeispiel für eine saubere Shout-Stimme:

Die ehemalige Sängerin der schwedischen Melodic Death Metal Band Arch Enemy, Angela Gossow, benutzt als eine der wenigen Sängerinnen erfolgreicher Metalbands ausschließlich gutturalen Gesang in seiner ganzen Vielfalt. Neben dem hauptsächlichen Shout verschmelzt sie nahtlos alle verzerrten Gesangsarten bis hin zu Pig Squeal:

 

Scream

Deathcore ist eine Mischung aus Death Metal, Metalcore und manchen Einflüssen aus Hardcore Punk, welche mehrere Arten des gutturalen Gesangs bedient. Im folgenden Beispiel wird erst sehr klarer Death Growl benutzt, welcher vom schrillen Scream abgelöst wird. Dieses Kreischen auf eine gesunde Weise zustande zu bringen, ist nicht so einfach, wird aber hier von Carnifex sehr deutlich präsentiert:

 

Wer bringt mich jetzt zum Schreien?

Wer sich jetzt denkt, 'das ist ja alles schön und gut, klingt aber kompliziert', sei beruhigt. Es ist eine erweiterte Form des Singens, die man sich aneignen kann. Wie schon gesagt, nach einer guten Grundausbildung der natürlichen Stimme sind solche Techniken wie jede andere spezielle Gesangsart erlernbar. Der Punkt, dass man sich ohne Technik und falschem Schreien die Stimmbänder schädigen kann, ist wichtig im Hinterkopf zu haben. Trotzdem sollte man sich vor dem Ausprobieren keinesfalls fürchten.

Es gibt einige Youtube-Kanäle, DVDs und andere Medien, welche an das Schreien heranführen. Empfehlen kann ich definitiv Melissa Cross (www.melissacross.com), eine klassisch ausgebildete Sängerin, die sich auf Growl, Shout und Scream spezialisiert hat. Sie erklärt sehr gut, wie man vorgehen kann und gibt wertvolle Übungen mit auf den Weg. Dennoch ist das Wichtigste, dass man auf sich selber hört und immer nur soweit geht, wie es sich gesund anfühlt. Das Schmerzempfinden und der gesunde Menschenverstand gelten als Maßstab. Sehr aufschlussreich ist außerdem das Aufnehmen des eigenen Geschreis, sowie das Anhören und Vergleichen der Aufzeichnungen von Profis. Man sollte sich auf keinen Fall von Panikmachern abschrecken lassen, aber auch nicht blind drauflos schreien.

Ich werde in einem weiteren Artikel näher auf die Herangehensweise und das Erlernen der Schreitechnik eingehen. Dann werdet ihr zugeballert mit Tipps und Tricks, ich freu mich drauf :)

Euer Stefan a.k.a. Johnny

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