Hersteller_Manley
Test
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04.09.2017

Praxis

Guter Pre nötig

Trotz des eher geringen Outputs des Manley Labs Silver Reference muss niemand befürchten, ein Rauschproblem zu bekommen. Eines sei jedoch angeraten, wenngleich es in dieser Produktliga selbstverständlich sein sollte: Ein wirklich hochwertiger Preamp ist unumgänglich. Das Silver Ref spielte mit unterschiedlichen Vorverstärkern problemlos zusammen, sei es ein Heritage '73 Jr., ein Tube-Tech MP-1A oder cleane Verstärker wie die Premiumkarten des HAPI von Merging Technologies. Am preiswerten Audiointerface hingegen wirkte das Mikrofon hingegen erstaunlich matt und lustlos, mit deutlich schwächeren Details. Das ist bei vielen Mikrofonen so, war aber beim Manley besonders auffällig. Und natürlich sollte bei geringen Pegeln eine hohe Verstärkungsleistung des Preamps möglich sein. Ein Test an einem Blechblasinstrument und am Resonanzfell einer Bassdrum zeigten, dass es geradezu eine schwierige Aufgabe darstellt, das Mikrofon zum unangenehmen Übersteuern zu bringen.

Warm oder brillant?

So, jetzt aber mal Tacheles: Das Silver Reference ist absolut grandios! Aber weil diese Aussage alleine nicht viel bringt, erkläre ich mit Vergnügen, wie ich zu diesem Statement komme. Ich möchte mit der sicher wichtigsten und häufigsten Anwendung beginnen, nämlich der Aufzeichnung von Vocals im Nierenmodus. Hier zeigt sich, dass das Silver Eigenschaften bietet, die im Studio Gold Wert sind. Zunächst einmal ist es trotz großer Membran hervorragend detailliert. Die feinsten Strukturen werden übermittelt, die Höhen bleiben flott und transparent. Klassische Röhrenfärbung ist in den Höhen nur sehr sparsam vorhanden. Das ist auch gut so, denn bei vielen preiswerten Tube-Mikros verschmiert und verklebt der Höhenbereich – was durch Bearbeitung mit EQ und Kompressor alles andere als besser wird. Die Mitten und Tiefen hingegen reichern das Signal etwas stärker an, ohne es aber breitzudrücken. Dadurch entsteht eine hervorragende Kombination, nämlich ein warmes und großes Signal mit gleichzeitig hoher Durchsichtigkeit und Klarheit. Und das ist es, was man von den edelsten Röhrenmikros erwartet. Wie auch schon beim C12 sind auch beim Manley Silver Reference „warm“ und „brillant“ keine Gegenteile. Das Mikro ist einfach beides. Dazu trägt unter anderem die recht frei zugängliche Membran bei, allerdings zeigte sich das Silver wirklich deutlich empfindlich gegenüber Poppgeräuschen. Ein mechanischer Filter ist bei Vocals absolute Pflicht!

S-Laute werden deutlich, aber nie spitz oder scharf dargestellt. Bei Nierencharakteristik ist der Verlauf der mit dem Verlassen des frontalen Sweet Spots einsetzenden Höhendämpfung butterweich. Dreht man das Mikrofon beim Besprechen auf dem Mikrofonständer, klingt es fast so, als würde man langsam einen High Shelf in das Signal fahren. Das ist mustergültig und spricht einmal mehr für die Qualität der Josephson-Kapsel.

Hervorragend: Omni-Charakteristik

Das ist bei der Kugel nicht anders. Erstaunlich ist, dass sich der eigentliche Klangcharakter nicht wirklich ändert. Dennoch wird durch die Änderung vom Gradienten- zum Druckempfänger das Signale offener, natürlicher und wirkt weniger präsent. Kunststück – das sind schließlich die Klangeigenschaften, die man mit Druckempfängern verbindet. Hier zeigt sich, was das Manley Silver seinen beiden Geschwistern Gold Reference und Cardioid Reference und so gut wie allen anderen umschaltbaren Mikrofonen voraus hat: Dadurch, dass es sich nicht um eine aus zwei Signalen „zusammengewurschtelte“ Kugel handelt (die meist eher als Dreingabe zu verstehen ist, weil ganz offensichtlich alle Doppelmembraner klanglich und technisch auf die Niere hin optimiert sind), sondern um einen Druckempfänger, werden hier nicht nur die Richteigenschaften von Kugel und Niere, sondern auch deren Vorteile in einem Mikrofon kombiniert. So ist beispielsweise die Tiefenwiedergabe der Kugel absolut umwerfend für ein umschaltbares Großmembranmikrofon: Schnell und konkret, unaufgeregt, aber durch die spezifische Elektronik des Silver trotzdem durchaus reichhaltig und nicht so analytisch, wie man es von Kleinmembranern her kennt. Gerade für Vocals ist das eine hochinteressante Alternative für alle, die des allgegenwärtigen Nahbesprechungsdröhnens überdrüssig sind. Natürlich ist sich die für einen Druckempfänger große Kapsel enorm selbst im Weg, wenn es um Schall von der Rückseite geht, wodurch die Richtcharakteristik schon im niedrigen einstelligen Kilohertzbereich schnell zur Niere wird. Schlimm? Nicht unbedingt, wenn man bedenkt, dass bei künstlichen Nachhallprozessoren der Griff zur Höhendämpfung während des Mixings einer der häufigsten ist. Bei räumlich stark ausgedehnten Klangquellen muss man allerdings eine Höhendämpfung hinnehmen, wenngleich auch hier der Verlauf von der Front zur Rückseite absolut sauber verläuft. Es wäre interessant zu erfahren, wie sich drei dieser Manley-Mikrofone in einem Decca-Tree schlagen…  

Umschaltbarkeit optimal?

Sicherlich wäre der konsequentere Schritt zur Optimierung von Kugel oder Niere die Verwendung von Großmembran-Wechselkapseln (wie es die Blue Bottle und andere bei diversen alten Neumann-Systemen ansetzende Mikrofone erlauben), der konsequenteste hingegen sogar die Herstellung von zwei verschiedenen Mikrofonen mit absolut optimierter Elektronik. Nun sind die Gewinne dadurch nicht so riesig, wie man vielleicht glaubt, was man am Erfolg und schlichtweg der Qualität von Schoeps Colette-Modularsystem genauso erkennen kann wie an der Tatsache, dass DPA – einstmals Verfechter davon, dass Kapsel und Amp eine Einheit bilden müssten – vor einigen Jahren dann doch ein Modularsystem eingeführt hat, welches nun wirklich alles andere als schlecht ist. Allerdings eröffnet ein umschaltbares System wie das der im Manley Silver Reference verbauten C3-Kapsel die Möglichkeit, Zwischenwerte von Kugel und Niere zu benutzen. Der Praxistest hat allerdings gezeigt, dass es zum einen ganz schön schwierig ist, gewünschte Richtwirkungen auf dem skalenlosen, kurzen „Regelweg“ mit dem Drehwerkzeug genau hinzubekommen und bei Bedarf sogar zu wiederholen, zum anderen kann man nicht erwarten, einen flüssigen, akustisch logischen Weg von der Niere über die Breite Niere, die „Offene Niere“ bis hin zur Kugel zu finden, mit stetig zunehmenden Druckempfängereigenschaften. Hier heißt es eher Trial and Error. Und man sollte bedenken, dass die Einstellung der Charakteristik des Silver ohne Kapselspannung erfolgen sollte, also beim möglichst schon ein, zwei Minuten zuvor ausgeschalteten Mikrofon. Das macht im Übrigen die „Umschaltbarkeit“ des Manley Silver Reference in etwa so aufwendig wie das Wechseln einer Mikrofonkapsel. Zwar kann bei vernünftigem Handling auf der Rückseite der Kapsel nicht viel passieren, doch so richtig behagt es sicher nicht jedem, daran mit einem schraubenzieherähnlichen Werkzeug herumzuprockeln.

Während des Testzeitraums wurden viele Signale mit dem Manley Silver Reference aufgezeichnet. Und alle zeigten, dass das Röhrenmikrofon überall fabelhaft performt. Der zwar warme, aber gleichzeitig lineare und mikrodynamisch hervorragend aufgestellte Grundklang machen es auch zum Instrumentenmikrofon erster Güte. Ob an einer verhalten gezupften Akustikgitarre, vor dem Gitarrenamp (besonders bei „eckigen“ und „bissigen“ Clean-Sounds!), Blasinstrumenten und sogar Schlaginstrumenten konnte das Manley glänzen. Irgendwie unheimlich. Als Bassdrummikrofon vor dem Resonanzfell, aber auch als Overhead, ja sogar im Nahbereich von Drums und Percussion musste man nicht befürchten, aus den Boxen mit übelsten Verzerrungen begrüßt zu werden – die eher geringe Empfindlichkeit macht es möglich. Man erkennt also: Das Silver ist zweifelsohne ein bemerkenswert vielseitig einsetzbares Mikrofon mit dem gewissen Grad an eigenem Klangcharakter, dessen Signal sich aber überall im Mix vortrefflich einsetzen lässt.  

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