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Feature
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14.05.2013

Machopsycho Interview: Von Songs für Pink zum ESC mit Margaret Berger

Die Produzenten des norwegischen Beitrags zum Eurovision Song Contest 2013

Die Norwegerin Margaret Berger eroberte mit „I Feed You My Love“ den vierten Platz beim Eurovision Song Contest 2013. Geschrieben und produziert wurde der Song vom schwedischen Produzententeam MachoPsycho, das aus Niklas Olovson und Robin Mortensen Lynch besteht. Den beiden Göteborgern gelang mit der Hitsingle „Stupid Girls“ für Pink der internationale Durchbruch. Auch mit Justin Timberlake, Vanessa Amorosi, Keith Urban und Sunrise Avenue haben sie bereits zusammengearbeitet.

Wie schafften MachoPsycho den Aufstieg in die Topliga der internationalen Hitproduzenten und wie kam es zur aktuellen Zusammenarbeit mit Margaret Berger? Im bonedo-Interview mit Niklas Olovson erfahrt ihr die Hintergründe:

bonedo: Wie habt ihr angefangen? Woher kommt ihr musikalisch, und wie seid ihr ins Songwriting-Business eingestiegen?

Niklas Olovson: Wir haben zehn Jahre lang zusammen in einer Band Gitarre und Bass gespielt. Schon damals waren wir so etwas wie das kreative Zentrum der Band, haben Beats programmiert und uns um die Arrangements und das Recording gekümmert. Dann kam die übliche Geschichte: Wir nahmen ein Album auf und die Plattenfirma steckte eine Menge Geld hinein. Das war so in etwa um das Jahr 2000 herum, und das Business begann schwierig zu werden. Also hat die Plattenfirma uns fallengelassen. Eigentlich hatten wir uns daraufhin entschieden, für eine Weile eine Auszeit von der Musik zu nehmen. Robin und ich fanden aber bald, dass es zuviel Spaß gemacht hatte, und wollten wieder Musik machen. Also fingen wir damit an, für andere Künstler Songs zu schreiben und zu produzieren. Wir bekamen dann einen Deal bei einem Management in den USA. Kurz darauf wurde einer unserer Songs als Titelsong einer amerikanischen Fernsehserie ausgewählt. Da wussten wir, dass wir etwas richtig machten. Damals hatten wir beide aber noch andere Jobs und haben nur nebenbei Musik gemacht. Nachdem wir so ungefähr 100 Songs geschrieben hatten, landeten wir unseren ersten weltweiten Hit mit „Stupid Girls“ von Pink. Danach wurde uns ein Verlagsdeal und ein schöner Vorschuss angeboten, sodass wir unsere Jobs kündigen und mit eigenem Studio und eigener Firma voll ins Songwriting-Geschäft einsteigen konnten.

bonedo: Wie läuft es jetzt ab? Ist es eher so, dass ihr eure Songs überall anbietet, oder kommen Künstler und Labels speziell auf euch zu?

Niklas Olovson: Meistens pitchen wir zusammen mit unserem Management. Man schreibt möglichst gute Songs und schickt sie los. Dabei sollte man kein Problem damit haben, sich auch mal anzupassen und zu kooperieren, damit der ganze Prozess so reibungslos wie möglich abläuft. Man reißt sich den A... auf und sagt zu allem „ja“! (lacht)

bonedo: Wie kann man sich denn die Zusammenarbeit beispielsweise mit Pink vorstellen? Habt ihr alles vorbereitet und sie hat nur ihren Gesang hinzugefügt, oder gab es gemeinsame Songwriting-Sessions?

Niklas Olovson: Mit Pink lief es immer über das Internet. Wir haben ihr Tracks mit unseren Melodieideen geschickt. Dann hat sie zusammen mit dem Songwriter Billy Mann die Melodien noch etwas verändert, den Text geschrieben und die Vocals in den USA aufgenommen. Wir haben dann die Vocal-Files bekommen, hier in den Track eingebaut und editiert und den Track dem Mixing-Engineer weitergeschickt.  

Machopsychos ESC-Song "I Feed You My Love" mit Margaret Berger auf YouTube:

bonedo: Wie geht ihr mit dem Druck um, einen HIT schreiben zu müssen, wenn ihr mit Weltstars zusammenarbeitet?

Niklas Olovson: Wir sind zu zweit und haben immer Ideen. Wenn einer von uns nicht weiter weiß, fällt dem anderen etwas ein. Es ist auch eine Frage der Arbeitsmoral. Letztlich muss man es einfach machen. Man muss es fertigstellen und abgeben und darauf vorbereitet sein, auch mal kritisiert zu werden. Man gewöhnt sich daran. Man kann ja auch nicht bei jedem Song das Rad neu erfinden. Es gibt schon eine bestimmte Formel, die funktioniert und an der wir uns orientieren: Man muss ja nur das Radio anschalten und hört sofort, wie Hits funktionieren. Wenn ein Künstler einen Pink-Floyd-Song mit einem neun Minuten langen Gitarrensolo möchte, sind wir nicht die Richtigen. (lacht) Auch wenn wir vielleicht manchmal Lust darauf hätten! Wir mögen diese Formel und sie leistet uns gute Dienste. Also bleiben wir dabei.

bonedo: Sind bei euch Songwriting und Produktion zwei getrennte Schritte, oder macht ihr alles auf einmal?

Niklas Olovson: Früher haben wir einfach viele Tracks gemacht, zu denen später wir selbst oder jemand anders die Topline geschrieben hat. Heute setzen wir uns meistens mit einer akustischen Gitarre hin und überlegen uns erst später, wie wir den Song produzieren wollen. Es geht beides, aber so entsteht eine schönere Energie beim Songwriting – und mehr Spaß! Man sollte einen Song auf der Straße nur mit Gitarre spielen können. House-Tracks, die nur auf einem Beat aufbauen, sind nicht so unser Ding. Wir lieben gute Songs und gutes Songwriting. Als House-Track produzieren kann man es später ja immer noch.

bonedo: Wie arbeitet ihr als Team zusammen? Habt ihr jeweils unterschiedliche Spezialgebiete?

Niklas Olovson: Am Anfang war es so, inzwischen können wir meistens gar nicht mehr sagen, wer was gemacht hat. Wenn wir in getrennten Räumen sitzen und nachher die Ergebnisse zusammenfügen, wissen wir am Ende meistens nicht mehr, was von wem kam. Wir sehen uns ja mehr als unsere Ehefrauen. (lacht)

bonedo: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Margaret Berger, die mit einem Song von euch am Eurovision Song Contest teilnimmt?

Niklas Olovson: Den Song „I Feed You My Love“ haben wir gemeinsam mit der tollen Songwriterin Karin Park geschrieben, die in Norwegen auch recht bekannt ist. Eigentlich war der Titel für sie bestimmt, aber sie fand ihn etwas zu poppig, um ihn selbst zu singen. Deshalb verschwand er in der Schublade, obwohl wir die Vibes sehr mochten. Als Karin im letzten Jahr die meisten Songs beim ESC nicht gut fand, schickte sie den Produzenten der Show ein Demo von „I Feed You My Love“. Und die waren begeistert. Karin wollte den Song nicht selbst singen, erinnerte sich aber an Margaret Berger, die 2004 an einer Castingshow teilgenommen hatte. Sie kontaktierte Margaret und ihr gefiel der Titel auch. Sie kam dann aus Trondheim für zwei Tage nach Göteborg zu uns ins Studio und wir haben den Gesang aufgenommen und den Track fertig gemacht. Margaret hatte zu dem Zeitpunkt keinen Plattenvertrag. Also gab es auch niemanden, der uns hineingeredet hat – und wir konnten ganz unserem Instinkt folgen. Wir konnten Synthesizer und Drums nach Lust und Laune verzerren und haben sogar auf die Streicher im Chorus einen Verzerrer gelegt. Es war großartig. Margaret fand es toll und die Norweger anscheinend auch!

bonedo: Arbeitet ihr weiter mit Margaret zusammen?

Niklas Olovson: Wir nehmen gerade ihr Album auf. Sie ist im Moment natürlich sehr beschäftigt, aber gleich nach dem ESC geht es weiter. Es macht eine Menge Spaß. Margaret ist selbst eine tolle Songwriterin. „I Feed You My Love“ ist der einzige Song auf dem Album, an dem sie nicht selbst mitgeschrieben hat.

bonedo: Wie seht ihr das Musikbusiness von heute? Es erscheint mir so, als ob der Rückgang der Verkaufszahlen zu immer kurzfristigeren „One Hit Wonders“ führt und es kaum noch Songs gibt, die einen Klassiker-Status erreichen.

Niklas Olovson: Als Songwriter und Produzent ist man ja zum Glück flexibel und kann einfach das nächste Projekt beginnen. Für einen Künstler kann es schon frustrierend sein, vor allem für Newcomer. Man braucht eine Plattform, um es durch den Filter der Medien zu schaffen. So wie zum Beispiel eine TV-Show, damit die Stimme gehört wird. Trotzdem, wenn man in einer Band spielt, leidenschaftlich dabei ist und etwas Geduld hat, dann passiert auch etwas. Man kann ja heute im Indie-Bereich sehr viel selbst machen, was die großen Labels wiederum unter Druck setzt, neu zu denken.

bonedo: Schweden ist ja schon lange ein „Hotspot“ für Pop-Songwriting. Viele große Hits der letzten Jahrzehnte sind in Schweden geschrieben und produziert worden. Habt ihr eine Erklärung dafür, warum gerade ihr Schweden so ein gutes Händchen für Welthits habt?

Niklas Olovson: Man sagt, Abba hätten hier ins Wasser gepinkelt... (lacht) Keine Ahnung. Wir arbeiten viel. Vielleicht hat es mit der melodiösen Tradition zu tun und damit, dass wir es gern einfach halten. Außerdem ist die Gesellschaft sehr multikulturell und offen für viele Arten von Musik.

bonedo: Was sind eure Pläne für die Zukunft? Wie geht es nach dem ESC weiter?

Niklas Olovson: Wir wollen uns mehr auf Europa konzentrieren. Wir waren bisher sehr auf die USA ausgerichtet. Aber der europäische Markt ist nicht nur größer, sondern für uns irgendwie auch interessanter und befriedigender.

bonedo: Mit wem würdet ihr gern einmal zusammenarbeiten, wenn ihr es euch aussuchen könntet?

Niklas Olovson: Für Robin: PJ Harvey! Für mich wäre es Tom Waits. Das wäre großartig! (lacht)

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