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02.10.2018

Kompressoren: Erkennt ihr den Unterschied zwischen dem Original und einem Clone?

Knapp 50 Kompressoren/Limiter im Vergleich am Abbey Road Institute

Der Verband Deutscher Tonmeister hat am ARI Frankfurt ein umfangreiches Seminar durchgeführt: Fairchild 670, 1176, LA-2A und andere in Theorie und Hands-on an zwei Tagen

Es gibt tatsächlich ein paar Studios, in denen man einen original Fairchild 670 findet, ein paar verschiedene Urei/UA 1176, LA-2A und ein paar Kompressor-Exoten. Aber wo hat man schon die Möglichkeit, begleitet von pädagogisch und fachlich hervorragenden Erklärungen ein Wochenende lang in besten akustischen Bedingungen eine riesige Zahl unterschiedlichster Kompressoren genau ausprobieren zu können?

An einem kompletten Wochenende in 2018 war genau das möglich: Der hessische Ast des VDT (Verband Deutscher Tonmeister e.V.) hat unter Leitung von Toningenieur Niels Reckziegel gemeinsam mit Ulli Schiller, Leiter des Abbey Road Institute (ARI) Frankfurt und mit einigen ARI-Mitstreitern genau dies getan. Somit konnten sich Tonmeister und solche, die auf dem Weg dorthin sind, in aller Ausführlichkeit weiterbilden.  

 

Sehr unterschiedliche Teilnehmer – und jeder hat dazugelernt

Schön gemischt war das Publikum: Vom erfahrenen Grammy-Gewinner bis zum jungen Studenten waren unterschiedliche Tonschaffende vor Ort, jeder mit seinem musikalischen und technischen Background, mit unterschiedlichen Kenntnisständen, Arbeitswirklichkeiten, Fragen, Wünschen und Erwartungen.  

Am Samstag konnten sich die Teilnehmer zunächst bei einem Kaffee beschnuppern, bevor es dann in einen großen Seminarraum des ARI ging. Dort stellten sich alle Teilnehmer kurz in der Runde vor, dann folgte eine kurze, aber sehr unterhaltsame und lehrreiche Geschichtsstunde durch Peter Bremm, der am Abbey-Road-Institute doziert und zwanzig Jahre lang technischer Leiter bei Teac-/Tascam war. Vom ersten Begrenzer, dem 1936 zuerst bei den Olympischen Spiele eingesetzten Telefunken U3 über den Varistor-Lichttonkompressor Western Electric 110 A, den Collins Stereokompressor (von 1939!) bis zum ersten Transistorkompressor (Diodenmatrixgerät Siemens U273 von 1966) wurden viele interessante Ausführungen genannt, Funktionsweisen verständlich erklärt und Hintergrundwissen gegeben. Jeder, wirklich jeder hat dabei etwas dazugelernt.  

Fairchild-Limiter am Schaltplan erklärt

Abbey-Road-Institute-Mitarbeiter Jens Kleinhuis zeigte mit einem Seminar, wie man Menschen die Bedeutung und die Auswirkung von Kompression mit hohem Praxisnutzen in pädagogischer Perfektion beibringt. Dem legendären Fairchild 670 kam durch Bernd Pfeffer besondere Aufmerksamkeit zu. Nicht nur, dass er einer der wichtigsten, beliebtesten und nach Meinung vieler Toningenieure bis heute der beste Kompressor ist (und auf dem Gebrauchtmarkt vielleicht schon bald sechsstellig): Im SSL-Studio des ARI standen zwei verschiedene Clones – und ein Original! Pfeffer, ein Verehrer analoger Kompressoren, erklärte die Besonderheiten nicht nur anhand der Frontplatte, sondern für alle verständlich auch am Schaltplan. Nach einem Ausflug in die Grundlagen der Regelungstechnik, die Institutsleiter Ulli Schiller äußerst unterhaltsam, teilweise auf einem Bein stehend und somit Vergleiche mit dem Gleichgewichtssinn und dem Blutdruck des Menschen ziehend erläuterte, war der erste Tag vorbei. Der Sonntag war dann voll und ganz den vielen feinen Gerätschaften gewidmet.  

Kompressorparadies

In kleinen Gruppen über die verschiedenen Regieräume des ARI verteilt, konnte man sich über die vielen Dynamikgeräte und Plugins hermachen. Neve 33609, Neve 2254, API 2500, Focusrite Red 4, Teletronix LA-2A, LA-3A, Urei 1176, 1178, Manley Variable-MU, der SSL-Summenkompressor aus dem 4000er-Pult, ELI Distressor … die Liste würde den Rahmen hier sprengen. Man konnte drehen und staunen, wie sanft ein VCA-Kompressor agieren kann (Vertigo VSC-2!), wie wahnsinnig gut aufgrund der Emphasis parallele Kompression mit Dolby A auf Rap-Vocals funktioniert und weshalb der API 2500 nicht umsonst als einer der flexibelsten und knalligsten Bus-Kompressoren eine geniale Lösung für Drumgruppen ist.  

Vergleiche von Originalen zu Clones, zu Plugins und zu anderen Revisions

Ganz besonders spannend waren natürlich Vergleiche von Originalen zu Clones. LA-2A und natürlich Fairchilds (und andere Vari-MUs) sind besonders interessant gewesen. Na, wer traut sich eine Einschätzung zu?

Audiofiles der verschiedenen Kompressoren/Limiter im Direktvergleich

Wir haben immer das gleiche Vocalfile durch die Ketten gejagt und natürlich das unkomprimierte Original mit in den Player gegeben. Natürlich solltet ihr über eine gute Abhörsituation verfügen und auch „High Quality“ im Player anklicken. Scrollt nicht zu weit herunter, denn unter dem Player und den Fotos ist die Auflösung zu lesen!

Fairchild 670 Original und Clones

Der sagenumwobene Fairchild 670 und seine Nachbauten: Welches File ist welches Gerät? Der Original-670, der Black Panther und der DIY-Nachbau von Bernd Pfeffer, ausgestattet mit Sawter-Übertragern.

Auflösung: Der originale Fairchild 670 versteckt sich nicht etwa hinter dem Audiofile mit dem Buchstaben A, sondern dem danach. Dahinter ist der Black Cat Panther zu hören, davor das DIY-Gerät von Bernd Pfeffer.

Der Klangeindruck in unserer Hörgruppe war, dass der DIY-Clone dem Original etwas näher kam als der Black Panther. Sein Hauptunterschied war die etwas höhere Spritzigkeit und Frische, aber auch ein etwas knackigerer, weniger bauchiger Bass, der Panther wirkte besonders im Bass etwas enger und insgesamt „kleiner“.  

Verschiedene Vari-Mu-Kompressoren

Das Spiel könnt ihr hier weiter betreiben – mit ein paar ausgesuchten Geräten. Diese hier basieren ebenfalls auf dem Vari-Mu-Prinzip. Es sind der Manley Vari-Mu, ein Telefunken U73b und erneut einer der oben verwendeten 670er. Na, welcher?

Auflösung: Der „dickste“ Kompressor ist zweifelsohne der Variable-MU von Manley. Dieser ist im letzten File zu hören. Das erste Audiofile ist der Black Panther, das zweite der Telefunken. 

Original-LA-2A, Nachbau mit originaler T4-Zelle und mit polnischer Optozelle

Hier hätten wir den beliebten Teletronix LA-2A in verschiedenen Ausführungen. Es sind zu hören: Der originale Teletronix sowie ein Nachbau von Bernd Pfeffer mit der originalen UA-T4-Optozelle sowie ein ansonsten identischer mit einer T4 eines polnischen Herstellers.  

Auflösung: Die polnische T4-Zelle ist im letzten Beispiel zu hören (pumpt etwas stärker), die originale Zelle in jenem davor. Direkt hinter dem unkomprimierten Originalfile versteckt sich der „echte“ Teletronix.

Urei Blackface 1176 Rev. F und Clone

Und wer erkennt den Blackface 1176LN in der beliebten und verbreiteten Revision F?

Auflösung: Hier ist es ähnlich wie im Beispiel darüber: Der Clone folgt auf das Original im Player.

Wenn ihr wissen wollt, wie ein 1176 bedient wird: Wir haben ein How to: 1176 bedienen erstellt. Hardware- und Software-1176 findet ihr hier im Test.

SSL-Kompressoren

Der Bus-Kompressor aus der legendären Studiokonsole SSL 4000 ist nicht umsonst ein sehr beliebtes Gerät (und oft kopiert und in andere Formate transferiert worden, wie in die API Series 500: als SSL G Comp).  

Auflösung: Von unten nach oben: Clone, Bus-Kompressor, Channel Compressor

Vertigo, Dolby, Neve, Tegeler, Neumann und Summit

Ein paar weitere – unter anderem sehr spezielle – Dynamikgeräte findet ihr in diesem letzten Player. Darunter das (eigentlich für andere Aufgaben gedachte) Dolby A 362 mit VS-Karten, parallel hinzugemischt, der Neumann U473A, ein Summit TLA-100, der beliebte Diodenbrückenkompressor Neve 33609, ein Tegeler Crème und ein so gar nicht nach VCA klingender VCA-Kompressor, der Vertigo VSC-2 Quad mit vier diskret aufgebauten VCAs. 

Auflösung: Ok, das hier ist ein Advanced-Mode. Allerdings sind die Charakteristiken durchaus unterschiedlich und erkennbar. Der Reihe nach: Das erste File ist der Vertigo, danach der Neve und der Tegeler. Darauf folgt der Röhrenkompressor von Summit, der Neumann sowie der Dolby zunächst solo und dann mit parallelem SSL-Channel-Kompressor. 

Fazit

Eine tolle Idee, eine super Location, hervorragendes Personal, spannende Teilnehmer und ein Riesenhaufen feinster Dynamikgeräte – der Tontechnikerhimmel? So gut wie! Vielleicht kann man zugeben, dass es fast schon übertrieben war, weil im Vorfeld alle in übermütigem Enthusiasmus Schätze aus ihrem Gerätefuhrpark angeboten haben. Ich habe mich zum Glück für mein Lieblingsreisemittel für die Mittelstrecke – die Bahn – entschieden, wodurch Chandlers Zener, dbx' 560 und beispielsweise der auf dem LA-2A beruhende ADL1000 im Rack verbleiben konnten. Doch auch so blieben manche Geräte und sehr viele Plugins im ARI kaum beachtet. Aber will man sich wirklich über ein Überangebot beschweren? Im Kompressoren-Schlaraffenland eigentlich nicht …

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