Feature
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15.06.2011

Kolumne: Daniel Wants To Talk To You About Your Future! #7

Rock is a Bitch!

Teil 7

“Daniel - we wanna give you a birthday blowjob!”, sagte Rockbitchs Gitarristin Lisa in ihrem unvergleichlichen sexy British Accent zu mir. Es war kurz nach 24 Uhr an meinem 22. Geburtstag, als ich im Kassler Spot Club von der Band mit einem Geburtstags-Ständchen und meinem vielleicht - ähm - “interessantesten” Geburtstags-Geschenk überrascht wurde...    


“Daniel, dass wirst du mir niemals glauben”, sagte mein damaliger Chef Lars bei der Konzertagentur Monster-Productions. “Ich war am Wochenende bei einer Show und was ich da gesehen habe, kannst du dir nicht vorstellen!  Sechs Frauen, die auf der Bühne f...<pieeep>, während sie ihr Konzert spielen.” Lars sprach von Rockbitch. Ich kannte bereits Bands wie die Genitortures oder Gwar, die beide für ihre expliziten Liveshows bekannt waren - aber so richtig mit allem - das war neu. Lars witterte ein Bombengeschäft und hatte schon alles mit dem Bandmanager Joe Ferrari (ja, das war laut Ausweis sein Name) geklärt: Rockbitch waren fortan auf unserem Booking-Roster!

Schon das erste Konzert der Band war nach wenigen Tagen ausverkauft und wir hatten ein Medieninteresse, das einem Inferno glich. Die Wuppertaler Börse sollte der erste Geniestreich dieser Zusammenarbeit werden. Wir hatten damit gerechnet, dass es Aufmerksamkeit von der Presse geben würde - aber keiner hatte mit über 30 Interviewanfragen und 14(!!) TV-Teams gerechnet. Ich verbrachte den Tag damit, zwischen den Teams von Pro7, RTL und Sat-1 Exklusivitäten zu vermitteln und alle 15 Minuten den Interviewpartnern zu sagen, dass die Zeit um ist. Wir waren auf Gold gestoßen.

Unsere erste richtige Tour im Herbst führte die Band endlich auch nach Hamburg – wo ich allen meinen Freunden natürlich schon von der Band erzählt hatte. Doch wirklich glauben, was die Mädels da so alles auf der Bühne trieben, wollte niemand so wirklich... Spätestens als dann das Goldene Kondom ins Publikum geworfen wurde, deren Fänger jeden Abend ein besonderer Dienst der „Stage-Slut Luci“ zuteil wurde, zweifelte niemand mehr an meinen Geschichten. Einer meiner Freunde kam nach dem Konzert zu mir, strahlte mich an und sagte nur: “Daniel, sie hat mich angepinkelt!!!”. So schritt er glücklich von dannen. Plötzlich war mein Job soooo ultracool.

Wo wir zu Beginn noch recht spärlich mit Infos über die Band waren, wurden wir langsam mutiger. Wir fanden uns in Gesprächen über Zensur, Wagemut und sexueller Befreiung wieder. Aus dem anfangs zurückhaltenden nur mit Schriftzug bedruckten Plakat wurde eins mit Großaufnahme der nackten Gitarristin Lisa – und das hatte ich zu allem Überfluss auch noch selbst geschossen. Bald sollte mein Werk in 22.000-facher Auflage die Republik schockieren. 

Der Plan ging auf: Bundesweit gab es eine Welle des Entsetzens über diese Schamlosigkeit! Niemand, der sich auch nur im entferntesten für Musik oder Medien interessierte, kam jetzt noch an der Band vorbei. Ich lachte mir einen Ast bei jeder der vielen Paketrollen mit Plakaten, die ich vom Hof zur Post schleppte. Auch bei der Band ging es immer heißer her: Mittlerweile wurde nicht mehr nur auf, vor oder neben der Bühne beglückt, auch Backstagebereich und Nightliner wurden immer mehr zum kostenlosen Puff. Busfahrer die regelmäßig zu ihrer Zusatzentspannung kamen, gehörten genauso zur Tagesordnung wie der Stopp beim örtlichen Pornokino, um die Mund-zu-Mund Propaganda für die Band weiter aufzuheizen. Der Besuch eines “Etablissements” in Hamburg schaffte es sogar bis auf die Titelseite der Bildzeitung. Sex als Marketingtool schien hervorragend zu funktionieren. Die Befreiung der Welt von sexuellen Zwängen war das erklärte Ziel für das diese etwas andere Frauenband bereit war, vollen (Körper-) Einsatz zu geben.

Es kam wie es kommen musste: Unser Staat, vertreten durch das lokale Ordnungsamt, sah die Sitten irgendwie nicht mehr so richtig geachtet. So fing es bereits bei der dritten Tour an, dass uns Konzerte abgesagt wurden. Ein Konzert im erzkonservativen Bayern machte hierbei den Anfang. Die Band hatte im Münchner Colosseum im ehemaligen Kunstpark Ost bereits aufgebaut und den Soundcheck gemacht, als 15 Minuten vor Türöffnung verkündet wurde, dass das Konzert nicht stattfinden könne – eine Hundertschaft Polizisten riegelte sogar die Eingänge des Kunstparks ab. Die Sache zog Kreise bis in die höchsten Stellen der Politik, so dass ich mich auf einmal unverhofft in Verhandlungen mit dem Münchener Oberbürgermeister wieder fand, über “was geht und was nicht”. Der Typ war cool. Er sagte, dass, wenn es nur nach ihm ginge, er kein Problem damit hätte, die Show normal von statten gehen zu lassen. Er müsse sich aber an die Regeln und Erwartungen der Bürger der Stadt München halten – und deren Mehrzahl würde diese Sex Show halt nicht für angemessen halten. Leider sahen das die über 1.000 Besucher vor Ort anders, und der Mob forderte Blut. Erst als Sängerin Julie am späten Abend verkündete, dass das Konzert nachgeholt werden würde, beruhigte sich die Menge etwas. Der Fall bestimmte danach wochenlang die Schlagzeilen der bayrischen Presse und forderte am Ende fast den Kopf des Chefs des KVR (Kreisverwaltungsreferat) Uhl. Das Konzert wurde später im Münchener Babylon nachgeholt, wobei das Publikum zu einem sehr hohen Anteil aus Zivilpolizisten bestand, um die Gefahr eines Aufstands zu bannen, nachdem ein Vertreter des Amtes zu Beginn des Konzertes die Auflagen verließ, was alles an dem Abend verboten sei.

Doch nicht überall wurde mit so harten Bandagen gekämpft. Der Vertreter des Ordnungsamts in Koblenz war von Anfang an mit einer „Oben-Ohne-Show“ einverstanden, falls bestimmte Auflagen eingehalten würden: Sexuelle Stimulation z.B. durch das Einführen von Gegenständen oder Körperteilen in Körperöffnungen war verboten. Küssen, solange die Zunge im eigenen Mund belassen wurde, ging aber voll klar – was zu einer witzigen Diskussion zwischen diesem ca. 60-jährigen Hüter der Ordnung und Sitten, sowie sechs halbnackten, Anfangzwanzigern führte: Es ging darum, wie lange ein Nippel geküsst werden dürfe, bevor es als sexuelle Stimulation gilt. Die Mädels demonstrierten dem Beamten ausgiebig, dass es mindestens 5 Sekunden dauern würde, bis ein Nippel sich “versteife”, wovon der Mann sich auch selbst überzeugen wollte und überzeugte. Am Ende bat der Gute noch um ein Foto fürs Familienalbum und stellte sich dann neben mich auf die Bühne – den kompletten Abend mit der Hand am Hauptschalter, zur sofortigen Ahndung etwaiger Zuwiderhandlungen. Willkommen in der Twillight Zone!   Das Highlight der Saison sollte das Dynamo Festival in Eindhoven, Holland werden: Ein guter Slot auf dem damals noch größten Metal-Festival der Welt, galt in der Szene quasi als Ritterschlag. Mein Chef Lars, mein Kumpel Thomas und ich machten uns bereits sehr früh auf in Richtung Festival, denn bereits am frühen Nachmittag war eine Autogrammstunde mit der Band angesetzt. Es schien, als sollte dieses Festival ein absoluter Hammer werden, denn unsere Autogrammstunde musste nach einer Stunde wegen Überfüllung und der Angst der Veranstalter vor einer Panik abgebrochen werden. Thomas und ich gingen gerade frohen Mutes über das Festival, als mein Telefon klingelte und ein sehr erregter Lars sich meldete: „Sag mal Daniel, hast du mal eines von den Festival-Shirts gesehen?” „Nein, wieso?”, fragte ich nach. “Die Band kam gerade ganz aufgeregt mit einem zu mir und wollte wissen, warum ihr Bandname auf dem Shirt durchgestrichen ist?”, sagte er. „Ne, sorry - davon höre ich gerade zum ersten Mal”, meinte ich. „Aber ich gehe mal gucken!”. Und tatsächlich, gleich am nächsten Festival-Merch-Stand sahen wir, dass Rockbitch eindeutig als gestrichen gekennzeichnet war. Aber wir waren doch vor Ort, und hatten soeben unsere Autogrammstunde hinter uns gebracht – was war hier los?

Ich trottete direkt zum Veranstalter, wo mir ziemlich kalt erklärt wurde, dass man direkt nach der Autogrammstunde erfahren habe, dass die Band wohl nicht auftreten könne: Die Behörden hätten die Auflage erteilt, dass nur Zuschauer über 18 Jahren zur Show zugelassen werden dürften. Und da dies auf einem Festival nicht kontrollierbar sei, hätte man die Show der Band gecancelt. Auf meine Nachfrage, wie man dies denn so schnell auf den T-Shirts hätte vermerken können, lachte mich der Veranstalter nur an und sagte: „Was hättest du denn an meiner Stelle gemacht?” Die Diskussion nahm ein jähes Ende, als der Booker mir im Vertrauen steckte, dass niemals geplant war, die Band auftreten zu lassen: Allein die News, dass die Band dort spielen würde, hätte einfach noch ein paar tausend Tickets mehr verkauft! Wir fuhren am selben Abend alle wieder ab. So groß war unsere Enttäuschung, so offensichtlich ausgenutzt worden zu sein. Und wir sahen keinen Pfennig der Gage, denn der Veranstalter hatte in den Vertrag einbauen lassen, dass er nichts zahlen müsse, falls das Konzert aus „Gründen höherer Gewalt“ abgesagt werden würde.

Die Band wurde trotzdem weiter auf sämtliche Festivals gebucht. Zumindest auf die, die es sich nach der Dynamo Pleite noch trauten Rockbitch auftreten zu lassen. Auf dem Wacken Festival wurde ihnen sogar die Ehre zuteil nach Headliner Motörhead als “very special guest” aufzutreten, wobei Lemmy fast die Augen aus dem Kopf ploppten, als er am Bühnenrand sah, dass die Goldene-Kondom-Nummer wirklich kein Fake war. Dem “Gewinner des Abends”, einem frisch dem Kinderzimmer entsprungenen Metaller, schien es dann auch nicht wirklich angenehm zu sein, dass ihm sein Idol Lemmy “dabei” ganz gefesselt auf die Nudel starrte....  

Nichts schien uns stoppen zu können. Es folgte eine sehr erfolgreiche Tournee für die sich Lars etwas Besonderes hatte einfallen lassen: „Wir gründen einfach einen Club und machen eine geschlossene Veranstaltung nur für Mitglieder daraus!” Die Idee war so einfach wie genial. Am 14. August spielte die Band im Kasseler “Spot” Club. Das Konzert verlief eigentlich wie immer, auf der Bühne wurde rumgemacht und alle hatten ihren Spaß. Nach der Show saßen wir zusammen im Backstage und stießen auf den Abend an, als auf einmal um 24h alle Lichter ausgingen. „Happy Birthday Daniel!” Sechs nackte (und durchaus nicht hässliche) Damen hatten mir zum Geburtstag einen Kuchen gebacken und überraschten mich mit einem Geburtsständchen.


„Daniel, we wanna give you a birthday blow-job”, sagte Gitarristin Lisa in ihrem unvergleichlichen British English. „Du kannst dir gerne zwei von unseren Damen aussuchen!“ „Ähm – das ist wirklich sehr süß von euch, und es ist jetzt nicht so, dass ich das nicht gut finden würde, was ihr da so vorschlagt. Aber ich glaube ich muss das Geschenk trotzdem ablehnen”, stotterte ich vor mich hin. „Schließlich muss ich ja noch ein wenig länger mit euch zusammen arbeiten und ich weiß nicht, ob das nicht irgendwie so eine Grenze überschreitet... ?” Ich glaube, ich wurde knallrot - immerhin saßen neben den Mädels und der Crew auch noch Lars und ein paar Freunde mit im Backstage. Zum Glück wurde mir weitere Peinlichkeit erstmal erspart, da in diesem Moment mein Handy klingelte. Ich erkannte die Nummer - es war Stephanie, die Frau von Lars: “TU ES!”, waren die ersten Worte die Stephanie mir ins Ohr schrie (noch bevor sie mir zum Geburtstag gratulierte). „Daniel, du bist total bescheuert, wenn du das nicht machst!” Noch heute frage ich mich manchmal, ob es nun besonders standhaft oder besonders dumm war, dass ich trotzdem ablehnte. Aber so wirklich in Versuchung war ich nie, schließlich hatte ich nicht nur schon gesehen, was die Damen so alles “drauf hatten”, es turnte es mich auch irgendwie ab, mit wie vielen Leuten ich das schon gesehen hatte! Lisa schenkte mir dann aber noch einen kurzerhand improvisierten Gutschein: Ein goldenes Kondom für einmal Oralverkehr für 2 Personen....

Die Idee mit dem Club hielt leider nur kurz. Das Amt bekam sehr schnell mit, dass wir ein Schlupfloch gefunden hatten. Ab da wurden unsere Konzerte dann schon lange vorher verboten. Der Höhepunkt war erreicht, als wir zwei ausverkaufte Konzerte in Mannheim und in Hannover absagen mussten. Wir hatten versucht, per Gegenklage doch noch zu unseren Auftritten zu kommen, das war aber eine sehr dumme Idee. Wir wurden abgelehnt, und im Endeffekt wurde aus der Sache ein sehr teurer Rechtsstreit, den wir mit wehenden Fahnen verloren. Für Bühnenpornos war das Gericht leider nicht so offen, und wir verloren, da die Gegenseite behauptete, sie hätten nichts von den Aktivitäten der Band auf der Bühne gewusst. Na klar....

Die vielen Verbote zermürbten die Band immer weiter, so dass sie sich immer mehr zurückzog. Aus der einstigen Kommune von Liebenden wurde ein Konzern mit Millionenumsatz, was auch an ihrer Freundschaft nicht spurlos vorbeizog. Der Ursprungsgedanke wurde immer mehr verwässert und interne Differenzen über die zukünftige Ausrichtung der Shows wurden immer massiver.  Während einige Mitglieder an der Show festhalten wollten, hatten andere schlichtweg keine Kraft mehr die vielen Rückschläge zu verkraften. Als Luci wenig später die Bandkommune für ein paar Monate verließ, weil ein Zusammenleben für sie nicht mehr ertragbar war, war dies ein ernstzunehmendes Warnsignal für die ganze Band. Im September 1999 trennten sich die Wege von Rockbitch und Monster-Productions nach einer letzten Tour. Mir bleiben neben den ganzen wilden Erfahrungen vor allem auch die tiefgründigen Gespräche in Erinnerung, die ich mit den Damen auf Tour hatte – während der vielleicht abgedrehtesten eineinhalb Jahre meines Lebens. 

Die Mädels hatten in ihrem Denken vielen anderen einiges voraus. Ihre Idee von einer alternativen Lebensweise in einer Kommune war nicht schwer zu verstehen, und zu sehen mit welcher Hingabe und welchen Respekt die Mädels untereinander umgegangen sind, war immer sehr beeindruckend. Am Ende ist die Band Rockbitch an einem Leben zwischen Verboten, Anfeindungen und kalkulierter Geldgier zerbrochen – doch die Gemeinschaft der Freundinnen Amanda, Luci, Lisa, Nikki, Jo und Julie konnte erhalten bleiben. Ich habe von Rockbitch gelernt, dass die Freundschaft zu erhalten, auch im harten Musikbusiness, die vielleicht schwerste Aufgabe für eine Band ist. Und echte Freundschaft ist durch nichts zu ersetzen. Ein Leben im grellen Scheinwerferlicht ist eben selten einfach – und wo viel Licht ist, ist leider oftmals auch viel Schatten!

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