Workshop_Folge
Workshop
3
15.10.2013

Keyboard Masterclass Workshop #5

Jazz Voicings (Teil 1)

Die II-V-I in Dur

Der Jazz-Crack schlägt das Real Book auf, sieht die Changes eines Standards und fängt sofort an loszududeln. Ganz anders ergeht es demjenigen, der sich zum ersten Mal an den Jazz herantraut: Er sieht allerhand Akkordsymbole wie Ab-7, C#7alt, F+, B13 oder Fsus9 und weiß zunächst einmal gar nichts damit anzufangen. Und natürlich hat er erst Recht keine Idee, wie er diese Akkorde so voicen kann, dass sie nicht nur korrekt sind, sondern auch gut klingen.

Das soll sich nun ändern. Ich möchte euch in den folgenden Ausgaben der Keyboard Masterclass ein System vorstellen, mit dessen tatkräftiger Unterstützung ihr Voicings für alle Akkordtypen, die im Jazz vorkommen, herleiten könnt. Wer diese Serie bis zum Schluss durcharbeitet, kommt bei keinem Akkordsymbol eines Jazzstücks mehr ins Schwitzen und kann auf Anhieb ein passendes Voicing aus dem Hut zaubern.

TEIL 1: Voicings mit einer Hand

In den nächsten Teilen dieses Workshops werden wir die Akkorde zunächst mit einer Hand spielen. Die andere Hand übernimmt entweder den Basston (Bass links, Voicing rechts) oder eine Melodie / Improvisation (Voicings links, Melodie rechts). Die eigentlichen Voicings sind aber in beiden Fällen identisch. In unserem Fall spielen wir links den Bass und die Voicings mit der rechten Hand. Im anderen Fall kämen die Basstöne zum Beispiel vom Bassisten, und die rechte Hand wäre frei für eine Melodie oder zum improvisieren.

II-V-I

Die häufigste Akkordverbindung im Jazz ist die II-V-I (sprich zwei-fünf-eins). Diese gibt es in Dur und in Moll. Die Zahlen beziehen sich auf die Stufen der Tonleiter. Die II-V-I in C-Dur wäre also Dm7 (D ist der zweite Ton der C-Dur Tonleiter), G7 (G ist der fünfte Ton) und Cmaj7 (erste Stufe).

Kümmern wir uns also erst einmal um den Dm7 Akkord. In den verschiedenen Real Books und Jazz Sheets werden unterschiedliche Bezeichnungen derselben Akkorde benutzt. Ich werde hier deshalb immer alle gängigen Schreibweisen vorstellen. Das X steht in meinem System für einen beliebigen Grundton.

Xm7

(andere gängige Schreibweisen: X-7, Xmi7)

 

Bei diesem Akkordtyp wird meistens der Grundton weggelassen (den darf der Bassist spielen) und stattdessen die None hinzugefügt. Damit ergibt sich dieses Voicing:

(Oft liest man auch die Bezeichnung Dm9. Ein Dm9 beinhaltet immer auch die 7.)

Um alle anderen Moll-7 oder Moll-9 Akkorde zu erzeugen, müssen wir unser Voicing nur transponieren. Allerdings geht das nur in einem gewissen Rahmen, da das Ergebnis irgendwann einfach zu bassig oder zu dünn klingt. Verschiebt man das vorgestellte Voicing beispielsweise hoch bis Abm7 oder Am7, wird es zunehmend schwachbrüstiger tönen – und um mehr als 3 Halbtöne sollte man es auch nicht herunter transponieren. Deshalb gibt es noch eine andere Variante, eine Umkehrung, hier am Beispiel eines Am7/9

Ich möchte das Dm9 Voicing fortan als Typ A, das Am9 Voicing als Typ B bezeichnen. Eine von diesen Varianten passt immer, noch mehr Umkehrungen brauchen wir nicht. Welche Variante man im Einzelfall benutzt, ist auch Geschmackssache. C#m9 und F#m9 klingen zum Beispiel in beiden Umkehrungen gut.

Bei allen Voicings, die wir ab jetzt behandeln, wird es immer Typ A und Typ B geben.

Kommen wir nun zur „Fünf“ unserer II-V-I.

X7

Das übliche Voicing würde so aussehen:

Der G7 wird durch 9 (in diesem Fall der Ton A) und 13 (das E) angereichert. Oft liest man daher auch G9 oder G13. G13 beinhaltet immer auch 7 und 9, nicht aber die 11 (das wäre ein C, das passt nicht dazu).

Interessant ist, dass sich bei diesen Voicings in einer II-V-I Verbindung von der II zur V nur ein Ton (und der Basston) ändert. Vergleicht mal den G13 mit dem Dm9!

Typ B sähe nun so aus:

Auch hier ändert sich nur ein Ton, wenn man vom oben gezeigten Typ-B-Voicing für Am9 kommt.

Weiter geht es nun in unserer II-V-I. Jetzt kommt die Tonika.

Xmaj7

(X mit Dreieck, Xma7, Xj7)

Auch hier wird wieder der Grundton weggelassen und die 9 ergänzt. Das Ganze sieht dann so aus:

Und hier Typ B: 

Auf diese Weise kann man je nachdem, welcher Typ zur jeweiligen Tonart passt, eine II-V-I entweder komplett mit Typ-A-Voicings oder komplett mit Typ-B-Voicings spielen. Das hat auch den Vorteil, dass die einzelnen Voicings auf der Tastatur nahe beieinander liegen und man kaum springen muss. So ergibt sich ein schönes Voice-Leading.

In der nächsten Ausgabe meines Workshops werden wir uns eine II-V-I in einer Molltonart anschauen, wie sie z.B. im Song Blue Bossa vorkommt. Bis dahin nutzt die Zeit und übt II-V-I-Verbindungen in allen Tonarten! Dafür könnt ihr euch hier ein Übungsblatt herunterladen.

Verwandte Artikel

User Kommentare