Hersteller_Kawai
Test
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24.10.2014

Praxis

Tastatur

Aber jetzt endlich: die Tastatur, die Tastatur, die Tastatur. Das muss man auf jeden Fall dreimal schreiben, denn Kawai betont es stark und wenn man sich so in den Foren umschaut, hört man auch überall, die Tastatur von Kawai sei die beste. Zunächst zu den Fakten: Die „Grand Feel“-Hammermechanik wartet mit 88 Holztasten auf und ist mit einer „IvoryTouch“ genannten Oberfläche versehen, die die Eigenschaften von Elfenbein imitieren soll. Als besondere Vorzüge preist Kawai die Druckpunktsimulation, die drei Sensoren pro Taste und die außergewöhnliche Tastenlänge von der Vorderkante bis zum Waagebalken an.

Und natürlich hat das MP11 tatsächlich eine sehr gute Tastatur. Jenseits von allen Marketingversprechen muss man aber auch klar sagen: Ob sie einem zusagt, ist eine ganz persönliche Sache und lässt sich letztlich nicht an den beworbenen Merkmalen festmachen. Sie ist sicherlich von der schwergängigeren Sorte und den langen Hebel der Tasten spürt man tatsächlich, das ist also nicht bloß Marketinggedöns. Eine schwergängige Tastatur hat den Vorteil, dass man durch den Gegendruck einfach besser spürt, was man greift und so zum Beispiel bei Akkorden leichter alle Töne auch zusammen anschlägt. Aber nachher ist das dann doch auch wieder Geschmackssache und es gehört zum Beruf einfach dazu, auf vielen verschiedenen Tastaturen heimisch zu werden. Es gibt unglaublich leichtgängige Flügel (Horowitz hatte so einen, aber der hat sich ja auch Haarspray auf die Finger gesprüht) und es gibt Flügel mit sehr schwergängigen Tastaturen. Generell gilt: je größer der Flügel, desto schwerer die Mechanik. Bei einem Digitalpiano zählt dagegen einzig und allein: Fühle ich mich damit wohl? Ist das meine Tastatur? Am Ende muss das also jeder für sich selbst entscheiden. Zehn Profipianisten werden übrigens mit zehn verschiedenen Tastaturen aus dem Laden gehen. Such' dir deine. Die Tastatur des MP11 ist auf jeden Fall sehr gut und viele werden sie wählen.

Klang

Die Klangerzeugung des MP11 basiert auf gesampelten Sounds. Beim MP10 hieß das Verfahren „Ultra Progressive Harmonic Imaging“, beim MP11 nun „Harmonic Imaging XL (HI-XL)“. Bei den akustischen Klavieren gibt es die Kategorien Concert, Pop, Jazz und Upright, innerhalb derer man jeweils drei Sounds zur Auswahl hat. Dabei beachte man die wilde Mischung aus Musikstilen (Pop, Jazz), Klavierbauformen (Upright) und Aufführungssituation (Concert) bei den Bezeichnungen. Auf die gleiche Weise aufgebaut sind die 12 E-Pianos, bei denen man sich mit den Namen glücklicherweise nicht so verfranzt hat. Und weil man in der Sub-Sektion aus je vier Sounds auswählen kann, kommt man da schlussendlich auf 16 Sounds. Alles in allem bietet das MP11 also 40 Sounds, die man durch Effekte und Amp-Simulation nochmal gehörig durch die Mangel drehen kann.

Pianos 
Der Concert Grand ist der Sound, der sich beim Einschalten präsentiert. Wir hören einen unaufdringlichen, sehr angenehmen Flügelklang, nicht zu weit weg, nicht zu nah: sehr schön!

Schicken wir den Sound mal durch unseren Testparcours um zu sehen, wie er sich da schlägt. Seit einiger Zeit spiele ich immer den gleichen Testdurchlauf, um schnell Stärken und Schwächen eines Klavierklangs vergleichen zu können. Erst ein paar volle Akkorde in den Mitten, dann Oktaven im Bass, dann "A's" durch die verschiedenen Oktaven, Repetition und Geklimper in der obersten Oktave, dann ein Glissando in die Mitte, wieder ein paar Akkorde und dann der zweimal der gleiche Akkord crescendierend, einmal in der unteren Mitte und einmal in der oberen Mitte. Zum Abschluss ein Akkord mit seinem kompletten Ausklang (ohne Pedal).

Wie man hören kann, haben wir es mit einem sehr schönen, mittenbetonten Klaviersample zu tun. Ganz klar: mit den wirklich großen, Computer-gestützten Sample Librarys können Digitalpianos auch heute noch nicht mithalten, dazu ist der Klang gerade in den Bässen nicht klar genug und in den Höhen nicht voll genug. Auch öffnet sich der Klang nicht so richtig bei den immer lauter werdenden Akkorden. Die leisen Klänge könnten da ruhig etwas subtiler, die lauten dafür brachialer sein. Was wir aber haben, ist ein Sound, der sich zum einen nicht durch übermäßige Brillanz aufdrängt um dann bald zu nerven, und zum zweiten auch einen, der sich nicht zu sehr mit dem Bassisten und der Sängerin beißt. Für ein Stagepiano ist ein solcher mittenbetonter Klang ideal.

Aber gehen wir noch auf zwei spezielle Dinge ein: Kawai erwähnt ganz besonders, dass die tiefsten Saiten – wie bei einem richtigen Flügel – jetzt einen längeren Nachklang hätten. Bei einem Flügel können die Dämpfer die Schwingungen der dicken Basssaiten einfach nicht so schnell stoppen. Beim MP11 hört sich das so an:

Angesichts der Tatsache, dass damit extra geworben wird, ist es schon ein bisschen merkwürdig, dass man davon kaum etwas hört. Im Gegenteil: das tiefste A klingt kürzer als das A eine Oktave höher.

Hören wir uns noch etwas anderes an, nämlich die Resonanzen. Das folgende Beispiel ist mit einem Kompressor bearbeitet, weil es hier um das leise Mitklingen von Saiten geht, wenn eine ganz andere Saite angeschlagen wird. Ich habe am Anfang immer vier Töne stumm gehalten und dann eine Oktave im Bass reingedonnert:

Um dem Ganzen auf den Grund zu gehen bin ich die Obertöne durchgegangen. Und siehe da, es klingen wirklich nur die Obertöne und andere Saiten schwingen nicht mit. Das kann man am Schluss hören, wo ich versuche, einen Nicht-Oberton klingen zu lassen. Auf einem echten Klavier und einem Physical-Modelling-Klavier würde man auch da zumindest noch ein bisschen was hören, beim MP11 hört man gar nichts. Aber das wäre für ein Sample-basiertes Instrument dann doch vielleicht auch etwas zuviel verlangt.

Kommen wir zum nächsten Sample, dem Studio Grand. Auch hier hören wir ein sehr angenehmes und noch mittenbetonteres Klavier. Für mich ein Favorit, der in einem Mix sehr schön seinen Platz einnimmt. Man merkt: das MP11 ist in der Tat ein Stagepiano, dass sich mit anderen Instrumenten auf der Bühne sehr wohl fühlt.  

Das dritte Klavier aus der Concert-Kategorie ist der Mellow Grand, bei dem mir persönlich der sehr deutliche Hammeranschlag nicht so gefällt. Ich bin darob so erschrocken, dass ich mich prompt verspielt habe! Versuche, das vermittels des „Virtual Technician“ zu ändern, sind übrigens gescheitert: Auch wenn das "Virtual" die gleichen Eingreifsmöglichkeiten wie bei einem physikalischen Modell suggerieren soll, muss man sich klar machen, dass wir es hier immer noch mit einem gesampelten Klavier zu tun haben. Im Ergebnis bedeutet das, dass man den Hammeranschlag zwar klanglich etwas verändern kann, aber man kann ihn natürlich nicht aus dem Sample herausschneiden.  

Nun die Beispiele aus der Jazz-Abteilung, und zwar im Durchlauf alle drei Klänge hintereinander. Das MP11 animiert, man kann leicht auf die Klänge eingehen und es macht Spaß, mit ihnen zu spielen. Und genauso soll und muss es sein!

Auch bei den Pop-Pianos kann man auf den Geschmack kommen. Jetzt weiß man natürlich nicht, mit wie vielen Instrumenten und Mikrofonaufstellungen die Leute von Kawai gearbeitet haben, und manchmal hört es sich eher nach unterschiedlichen EQ-Einstellungen an als nach neuen Samples. Das ist aber erstmal egal: das MP11 ist ein Arbeitstier, bei dem man im Direktzugriff auf verschiedene, immer gute Klaviersounds zugreifen kann.   

Bei den Upright-Pianos kann man sehr schön die unterschiedliche Obertonstruktur bei Klavieren hören. Gerade der erste und der zweite Oberton stechen hier sehr schön und definieren sehr schön den Klavierklang. Das zweite und das dritte Beispiel sind übrigens Mono-Klaviere.

Wie bei höherwertigen Digitalpianos seit einigen Generationen üblich, gibt es auch beim MP11 ein Dämpfergeräusch zu hören. Dieses Geräusch kommt aber unabhängig davon, wie schnell man das Pedal drückt, und immer genau dann, wenn man das Pedal komplett durchgedrückt hat. Bei einem "richtigen" Klavier ist der Dämpfer bei langsamem Herunterdrücken des Pedals in der Regel gar nicht zu hören, und wenn doch, dann eher in der Mitte des Pedalweges, nicht erst am Schluss. Hier wäre noch etwas Luft nach oben.

E-Pianos
Wirklich sehr schön fand ich einige Klänge aus der E-Piano Abteilung. Hier das Tine EP1 erst mit, dann ohne Effekte:

Hach, was bin ich ins Träumen gekommen, das ist ja wirklich ein ganz ausgesprochen seidiger Klang. Da helfen im Übrigen auch die ausgezeichneten Effekte.

Als nächstes wird der DX7 herausgeholt und wir kommen zu den FM-Klavieren. Keine Überraschungen hier, sehr solide Klänge, allerdings auch nicht sonderlich inspirierend:  

Bei den Reeds (Wurlitzer) kommt es viel auf die Amp-Simulation an, die man vielfältig einstellen kann. Hier der Reed-Klang in unterschiedlichen Amp-Simulationen:  

Wie oben bemerkt, sind die Effekte wirklich sehr schön gelungen. Es gibt deren viele und man kann sie ganz unterschiedlich gestalten. Hier ein Durchlauf durch die Effekte in ihren Standardeinstellungen. Der erste Sound ist ohne Effekt, dann geht es einmal durch bis am Schluss sogar noch ein Ringmodulator und ein Effekt mit sehr schönem Aliasing kommt.  

Weitere Klänge
Nicht sehr erwähnenswert sind die Sub-Klänge. Als Beispiel hier mal die vier Streichersounds. Zwar manchmal mit einem aufregenden Bass versehen, der den Sound ins Kinoartige verschiebt, ist das dann doch Hausmannskost wie man sie seit vielen Jahren kennt. Hausmannskost ist in Ordnung, aber animieren tut das nicht.

Um unseren Rundgang abzuschließen, hier noch die ersten zehn Presets, bei den teilweise Klänge gelayert sind. Alles sehr sauber, alles gut zu spielen, und natürlich sind alle alten Bekannten hier: Klavier mit Slow Strings, Klavier mit Chor, Klavier mit Kontrabass…

Bedienung

Die Bedienung des MP11 ist dank der vielen Erfahrung mit den Vorgängermodellen wirklich gut gelungen. Das Gerät ist geschickt strukturiert, alle wichtigen Dinge sind direkt zu erreichen und sehr schnell einstellbar. Das sind vor allem die einzelnen Klänge und so um die 12 Parameter pro Sound. Das reicht auch, denn man kauft sich ja kein Stagepiano um ewig daran herumzuschrauben, sondern um ein paar gute Klänge zu finden mit denen man dann spielt.

Zur schnellen Bearbeitung einer bestimmten Funktion hilft oft ein längerer Druck auf die Taste und schon ist man im entsprechenden Untermenü. Falls man dann aber doch ein bisschen ausführlicher schrauben will, wird's bald mühsam: so schön ist das Display dann doch nicht und durch die Pixel und Abkürzungen kommt in den Menüs schnell 90er-Feeling auf.

Ausgesprochen positiv zu verzeichnen sind ein paar Dinge, die dem Profi-Musiker in einer Live-Situation das Leben erheblich leichter machen: Versehentliche Fehlbedienung ist durch den reichlich vorhandenen Platz beinahe ausgeschlossen. Das MP11 ist nach ungefähr fünf Sekunden spielbereit. Durch einen Lock-Screen kann man seine Einstellungen schützen und man kann das Instrument so einstellen, dass es nach dem Einschalten einen bestimmten Klang lädt. Die XLR-Ausgänge freuen den FOH-Techniker: zum einen liefern die Buchsen symmetrische Signale und sparen die DI-Boxen, zum anderen hat der Keyboarder keinen Einfluss mehr auf die Lautstärke. Das ist alles gut durchdacht und sehr praxisnah.

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