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Test
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14.03.2012

Kawai MP10 Test

Stage Piano

Das SUV unter den Stage Pianos

Das Kawai MP10 kann man guten Gewissens als mächtiges Stage Piano bezeichnen: Alleine die Ausmaße des 88-Tasten-Trümmers sind riesig, zudem wiegt es annähernd 32 Kilogramm – die Vollholz-Tastatur trägt einen entscheidenden Teil dazu bei. Wer es also gerne größer mag und beim Klavierspielen richtig klotzen statt kleckern will, sollte jetzt weiterlesen.

Auch im Inneren hat das MP10 einiges auf Lager: Ein neues, übersichtliches Bedienkonzept und eine MIDI-Sektion zur Steuerung von externen Klangerzeugern sind mit an Bord. Klanglich beschränkt sich das Instrument mit 27 Sounds auf das Wesentliche. Ob dieses Sports Utility Vehicle nur mit protzigem Äusseren daherkommt oder ob tatsächlich ein stimmiges Konzept dahintersteckt, klärt dieser Test. Vielleicht gibt es ja wirklich SUVs, die jemand gebrauchen kann!

DETAILS

Das Kawai MP10 ist tiefer, höher, aber leider auch schwerer als seine Kollegen. Wie bereits bei seinem Vorgänger schränken die knapp 32 Kilo das die Transportfähigkeit arg ein (zum Vergleich: das Nord Stage wiegt nur 19 kg, Rolands FP-7F 24 kg). Doch wie so vieles im Leben hat auch dieser Umstand seine guten Seiten: Bei derartiger physischer Präsenz des Pianos hat man nämlich auch keine Angst davor, mal so richtig in die Tasten zu langen – einen entsprechenden Ständer vorausgesetzt. Außerdem lässt sich auf Grund der Tiefe des Gehäuses ein Laptop auf dem Piano abstellen, was sehr praktisch sein kann. Der robuste Eindruck wird verstärkt durch die großzügig geschwungenen Holz-Seitenteile und die prägnante, 5 cm hohe Kante zwischen Tasten und Bedienpanel. Letztere ist für mich das äußerliche Highlight des MP10, weil es dadurch so schön protzig und klaviermäßig wirkt.

Die Anordnung des Bedienfelds hat sich im Gegensatz zum MP8 stark geändert und erinnert jetzt eher an das Nord Stage. Ganz links befinden sich oberhalb der Tastatur ein Pitch-Bend- und ein Modulations-Rad. Daneben liegen zwei Volumen-Schieberegler für interne und externe Sounds sowie vier Drehpotis für einen globalen EQ.

Die nun folgenden Bedienelemente sind in Sektionen aufgeteilt. Es gibt von links nach rechts die Blöcke Piano, E-Piano, Sub, MIDI und Setup. Jede Sektion hat einen eigenen On/Off-Taster, einen Volumenregler sowie ein Drehpoti und ein paar Taster für weitere Soundeinstellungen, die MIDI-Sektion ist zusätzlich mit Transporttastern ausgestattet. In der Mitte des Bedienfelds findet man ein dezentes LC-Display mit dazugehörigen Tastern und Drehreglern zum Auswählen und Editieren der angezeigten Parameter. Abschließend liegen auf der rechten Seite sechs Taster für globale Funktionen wie Store oder Transpose. Insgesamt ist das Panel sehr übersichtlich aufgebaut und erlaubt einen – für ein Stage-Piano – erstaunlich schnellen Direktzugriff auf Sounds und Funktionen. Ein nettes Feature ist die Panel-Lock-Funktion, die im Betrieb vor bösen Überraschungen bewahren kann.

An der Vorderseite befinden sich ein Kopfhörerausgang und ein Port für einen USB-Stick. Auf der Rückseite liegen die Anschlüsse für Audio-In und Audio-Out, jeweils im Klinkenformat. Zusätzlich gibt es einen symmetrischen XLR-Output, dessen Ausgangspegel nicht vom Volumen-Fader beeinflusst wird. Das spart die DI-Box und freut den Livetechniker. Die restlichen Anschlüsse setzen sich aus dem MIDI-Trio, einem USB-to-host-Port sowie Pedalanschlüssen für Damper/Soft, Footswitch und Expression zusammen. Mitgeliefert werden ein Doppelpedal mit Halte- und Soft-Funktionen sowie ein Notenhalter.

Tastatur

Die Tastatur des MP10 besteht aus Holztasten mit einer Oberfläche aus Elfenbeinimitat. Unter der Haube werkelt die so genannte „RM3 Grand Action“-Mechanik mit Druckpunktsimulation und diversen anderen Flügelmechanik-Analogien. Es ist eine recht schwergängige Tastatur mit einem sehr weichen Druckpunkt. Man spürt, dass hier viel Material bewegt werden muss, bevor der Ton erklingt. Das Roland FP-7F beispielsweise ist dagegen sehr viel einfacher zu spielen. Die Tastenanschläge fühlen sich beim Roland in etwa so an, als würde man sich auf einen harten Holzstuhl setzen und wieder aufstehen, während man beim MP10 eher in einem Sessel versinkt und sich wieder hoch kämpfen muss. Nichtsdestotrotz ist die Authentizität der Tastatur hervorragend. Man spürt die Mechanik und das soll ja auch so sein. Nach einer gewissen Gewöhnungsphase lässt sie sich sehr nuanciert spielen, wobei die verschiedenen Anschlagsdynamikkurven zusätzlich helfen. Erwähnt sei noch das sehr angenehme Oberflächenmaterial der Tasten, das für den Spielkomfort nicht unerheblich ist. Es gefällt mir sogar besser als etwa beim Yamaha CP1.

Klangerzeugung

Drei Layer ermöglicht das MP10; es können also drei verschiedene Sounds miteinander kombiniert werden. Auch ein einfacher Tastatur-Split in einen Lower- und einen Upper-Part ist möglich. Zunächst sind natürlich die akustischen Flügelsounds zu nennen. Das MP10 verfügt über derer neun, die allesamt auf Samples von Kawai-Flügeln basieren. Es gibt jeweils drei Concert-, Pop- und Jazz-Flügelvarianten, die sich besonders in Brillanz und Frequenzspektrum unterscheiden. Mit dem „Virtual Technician“ lassen sich diverse Parameter des Klangs bearbeiten. So kann man beispielsweise die Härte der Hammerköpfe – und damit die Härte des Flügelklangs an sich – einstellen. Die Stereobreite sowie die Lautstärken der Saitenresonanz oder des Hammer-Rückfallgeräusches können ebenfalls verändert werden. Die hier gebotenen Eingriffsmöglichkeiten in den Klang sind erfreulich umfangreich; man kennt das sonst eher von Software-Anbietern.

Die zweite Sektion beherbergt die E-Pianos. Hier hat man drei Rhodes, drei Wurlitzer, ein FM-E-Piano und zwei Clavinets zur Auswahl. Neben Einstellungen zu den Key-Off-Samples bietet die E-Piano-Sektion einen Amp-Simulator, der die Klänge stark prägt. Simuliert werden sechs gängige Verstärkertypen, bei denen Drive, Level und EQ editierbar sind – darunter ein Roland Jazz Chorus und ein Fender Twin.

Die dritte Sektion firmiert unter dem Namen „Sub“ und meint damit Strings und Pads, die man „unter“ die anderen Klänge mischen kann. Natürlich lassen sie sich auch solo spielen. Im Angebot sind drei Streichersounds, drei Pads und jeweils ein Vibraphon, Cembalo und Chorsound.

Effekte

Das MP10 bietet einen globales Reverb, dessen Anteil für jede Sektion individuell regelbar ist. Dafür stehen sogar eigens ein Drehregler und ein On/Off-Taster zur Verfügung. Hält man letzteren länger gedrückt, gelangt man in das zugehörige Menü, in welchem man aus sieben verschiedenen Grundalgorithmen wie Hall, Stage und Room wählen kann. Editierbar sind für jeden Typen die Nachhallzeit und das Pre-Delay.

Erwähnenswert ist weiterhin der globale 3-Band-Equalizer, der griffbereit direkt neben dem Master-Volumenfader zu finden ist. Zusätzlich gibt es für die Piano- und Sub-Sounds noch einen gemeinsamen Effektweg; für die E-Pianos stehen sogar zwei weitere Wege zur Verfügung. Bestückt werden können diese mit 25 Effekttypen wie Chorus, Flanger, Delay, Auto Wah oder Overdrive.

MIDI-Sektion

Die MIDI-Sektion bietet verschiedene Funktionen. Hier ist etwa das Metronom untergebracht, das neben seiner einfachen taktgebenden Eigenschaft auch komplette Rhythmuspatterns abspielen kann. 100 Schlagzeuggrooves aus den Bereichen Jazz, Latin, Rock, Ballad und einigen anderen lassen sich hier abrufen. Die klingen gar nicht mal schlecht und bieten eine willkommene Abwechslung zum Standard-Metronom-Klick.

Des Weiteren dient die MIDI-Sektion zur Steuerung von externen Klangerzeugern oder Sequenzern. Ebenso wie die internen Sektionen kann auch die MIDI-Gruppe an- und abgeschaltet werden und besitzt einen eigenen Volumen-Schieberegler. Die Transporttaster senden MMC-Befehle und können so Sequenzer und andere MIDI-Geräte steuern. Die vier Drehpotis, die um das Display herum gruppiert sind, lassen sich zweifach mit MIDI-Controller-Befehlen belegen. Zudem kann die MIDI-Sektion auch in Form eines frei wählbaren Tastatur-Splits zum Einsatz kommen, so dass ein Teil der Tastatur die internen Sounds nutzt, während der andere Teil einen externen Klangerzeuger ansteuert.

Änderungen an Sounds können übrigens einzeln gespeichert werden, während Einstellungen am gesamten Bedienfeld und/oder der MIDI-Sektion als eines der 156 Setups gesichert werden müssen.

Song-Recorder

Der Song-Recorder kann intern zehn Songs als SMF aufnehmen; eine Mehrspuraufnahme ist dabei allerdings nicht möglich. Praktischerweise lassen sich Songs auch direkt auf einem USB-Stick aufzeichnen – im MP3- oder im WAV-Format. Dann ist die Song-Anzahl nur durch die Kapazität des Sticks beschränkt und auch Mehrspuraufnahmen sind per Overdub-Verfahren möglich. Aufgezeichnet wird das gesamte Audiosignal, also sowohl möglicherweise anliegende Line-in-Signale als auch das Metronom bzw. Rhythmuspattern. Über den USB-Stick können außerdem auch MIDI-Dateien und Backups der Sound- und Setup-Dateien des MP10 ausgetauscht werden.

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