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20.07.2021

Interview mit Jost Nickel zu seinem neuen Album „The Check In“

Ein Schlagzeuger auf Solo-Pfaden

Ein Solo-Album von einem Schlagzeuger? Man darf da schon etwas skeptisch sein. Schließlich finden sich in den Schallarchiven zahllose Beispiele von Drummer-CDs, die zwar zirkusreife Kunststücke am Instrument, aber leider oft auch eher mittelmäßige Kompositionen anboten. Jost Nickel war jedenfalls gewarnt – und er wollte es auch anders angehen. So standen für den deutschen Top-Drummer (u.a. Jan Delay) bei seinem Solo-Debüt „The Check In“ weniger spektakuläre Fills und ungerade Metren im Fokus, sondern Musik, an der auch Nicht-Schlagzeuger ihre Freude haben sollten.

Wir waren neugierig und haben uns in zwei ausgedehnten Skype-Sitzungen ausführlich über sein Songwriting, Sinn und Zweck der CD, die diversen Hindernisse bei der Fertigstellung des Albums, die Sessions unter Corona-Bedingungen und vieles mehr unterhalten. So viel vorab: Obwohl sich die Produktion von „The Check In“ für ihn wie die Besteigung eines 8000ers anfühlte, ist er dabei auf den Geschmack gekommen – deshalb ist das nächste Album bereits in Planung. 

„The Check In“ – wie alles begann ...

Was hat dich bewogen, ein Solo-Album aufzunehmen?

Also machen wollte ich das wirklich schon sehr lange. Deshalb ist es für mich einfacher zu sagen, was mich bisher davon abgehalten hat: Ich wusste, dass das extrem viel Arbeit bedeutet und dass ich dafür viel Zeit einplanen muss. Da ich wegen Corona nicht auf Tour war, konnte ich es jetzt fertigstellen. 

Gab es eine Art Initialzündung?

Es waren die Erfahrungen, die ich mit meinen Büchern gemacht habe. Das erste Buch habe ich einfach mal angefangen, ohne überhaupt einen Verlag zu haben. Doch da hat sich auch eines aus dem anderen ergeben. Die Produktion lief, ein Verlag fand sich, das Buch wurde veröffentlicht – und es wurde sogar erfolgreich. Das hat mich motiviert, nach dem Motto: Einfach loslegen, der Rest ergibt sich schon. 

Wie lange hat es von der ersten Idee des Albums bis zur Fertigstellung gedauert?

Insgesamt waren das zweieinhalb Jahre. Die Idee, das Album zu machen, entstand also deutlich vor Corona. 

Wie bist du bei der Produktion vorgegangen? Hast du dir Pläne gemacht?

Nein, das nicht. Der Beginn der Arbeiten lag ja noch vor Corona, das heißt, ich war viel auf Tour. Da konnte ich nur wenig am Album arbeiten. Wenn ich zu Hause war, habe ich mir feste Zeiten vorgenommen, sagen wir: von 9 bis 13 Uhr Komponieren. Ich habe mich ans Klavier gesetzt und nicht darauf gewartet, dass mich die Muse küsst, sondern einfach damit angefangen – mit oder ohne Idee. Natürlich ist da nicht immer was Brauchbares dabei. Oft ist es auch so, dass ich an einem Tag eine Idee gut finde, am nächsten Tag aber nicht mehr. Also verwirft man sie. Das kann schon mal frustrierend sein. Andererseits kenne ich das von meiner Arbeit mit Jan Delay, da bin ich beim Kompositionsprozess auch involviert. Da wird meistens richtig viel produziert – und am Ende bleibt vergleichsweise wenig für das Album übrig. 

„The Check In“ – die Aufnahmen

Hast du den verschiedenen Bassisten die Partituren vorgegeben?

Nein, ich habe die Bass-Melodie auf dem Keyboard gespielt und dazu gesagt, welche Stellen mir wichtig sind. Diese Passagen sollten dann auch genauso gespielt werden. An anderen Stellen konnten sie gerne freier spielen. Das finde ich auch ganz wichtig, denn Musiker dieser Qualität bringen einen Input ein, den man nicht erwartet – und der den Songs gut tut. 

Hast du im Nachhinein viel korrigieren müssen? 

So manches habe ich schon verändert. Wenn ich beispielsweise an einer bestimmten Stelle des Songs unbedingt den Grundton wollte – und nicht die Terz oder Quinte, die gespielt wurde – dann habe ich mir den vermissten Grundton von einer anderen Stelle geholt und reinkopiert. Das ist ein bißchen ein Gefummel, aber mit etwas Fingerspitzengefühl bekommt man das so hin, dass man es nicht hört. 

Auf deinem Album spielen internationale Größen wie Jeff Lorber, Jimmy Haslip und Barry Finnerty. Wie kam es dazu?

Barry Finnerty kenne ich schon lange, seit 1996. Damals habe ich mit der Fusion-Band Matalex und gemeinsam mit Randy Brecker auf der Musikmesse gespielt. Nach dem Gig kam der Chef von Hot Wire Records mit Barry im Schlepptau auf uns zu. Er sagte uns, dass er nächste Woche mit Barry Finnerty ein Album aufnimmt, bei dem er gerne mich und Matalex-Kollege Arnd Geise dabei hätte. Die Session für die CD „Bargain Hunters“ haben wir dann auch gemacht. Seitdem bin ich mit Barry in Kontakt, wir haben auch immer wieder gemeinsam an Alben gearbeitet. 

... und wie kamst du mit Jimmy Haslip und Jeff Lorber in Kontakt?

Ich habe auf dem Album „Life“ des Bremer Fusion-Musikers MSM Schmidt gespielt, das Jimmy Haslip produziert hat. Als Jimmy gemeinsam mit Jeff Lorber 2019 eine kleine Deutschland-Tour spielte, hat mich Jimmy empfohlen und kontaktiert – und so habe ich mit den beiden gespielt. Auch mit ihnen blieb ich in Kontakt.

Jost über über den Produzenten-Job

Wie war die Zusammenarbeit mit diesen amerikanischen Top-Stars bei „The Check In“? 

Sehr unterschiedlich. Barrys Beitrag kam erst ganz zum Schluss, da war das Album schon fast fertig. Ich wollte ihn aber unbedingt dabei haben. Also habe ich ihm den Song „The Space“ geschickt und ihm gesagt, dass er von da bis da bitte ein Solo spielen solle. Das hat er auch gemacht. Leider hat er aber viel zu viele Noten gespielt und damit auch keinen Platz für die Keyboards gelassen. Damit war ich nicht glücklich und habe buchstäblich Platz gemacht und auch den Sound verändert. Das sah ich auch als meine Aufgabe als Produzent. 

Ah, deshalb heißt der Song auch „The Space“ ... Barry Finnerty ist ein Weltstar, er hat mit Miles Davis, Blood, Sweat And Tears und den Crusaders gespielt. Er wird nicht gerade begeistert davon gewesen sein ...

Stimmt. Er meinte, es wäre nicht das, was er gespielt habe. Aber ich habe ihm das erklärt und er hat das auch verstanden. Letztendlich muss es so klingen, dass ich es richtig gut finde. Da muss man dann auch mal unangenehme Entscheidungen treffen. So etwas ist mir ja auch schon öfter passiert. 

Bist du empfindlich, wenn ein Fill beispielsweise rausgeschnitten wird?

Na ja, wenn man das hört, dass es rausgeschnitten ist, finde ich das nicht sehr schön. Andererseits sage ich mir, wenn ich meine Arbeit geleistet habe: Macht damit, was ihr wollt. Man muss einfach wissen, an welcher Stelle man Dienstleister und an welcher Stelle man Künstler ist.

Wie war es mit Jimmy und Jeff?

Jimmy war sofort dabei. Bei Jeff war es anfangs etwas schwieriger – aber letztendlich sehr produktiv. An der Stelle von „The Check In“, wo ich mir Keyboards vorgestellt habe, meinte er, dass ihm dazu nichts Gutes einfällt – dass er aber gerne an einer anderen Stelle etwas spielen würde. Ich habe den Song dann umarrangiert und er hat seinen Part gespielt. Und das richtig gut. Dadurch ist der Song noch besser geworden. 

Deine Songs klingen sehr organisch – obwohl das meiste nicht gemeinsam im Studio entstanden ist ...

Ja, danke, das stimmt. Natürlich geht es viel schneller, wenn alle im Studio zusammen sind. Aber wenn man eine konkrete Vision von den Titeln hat, wenn man weiß, wie die dynamischen Verläufe des Songs aussehen sollen, dann kann man das schon hinbekommen. Was ich sehr inspirierend fand, ist dieser Beatles-Song „A Day In The Life“. Da gibt es einen Orchester-Part, der elf Takte lang ist, dann geht der Track ganz anders weiter. Sie hatten diese beiden Parts und wussten nicht, wie man sie verbinden soll. Also haben sie das erst mal offengelassen und später die Verbindung komponiert. Absolut genial! Das zeigt, dass man auch so arbeiten kann, dass man nicht immer einen kompletten Song braucht. Diese Lücken zu schließen, ist natürlich eine Herausforderung, aber es geht. 

Könntest du dir vorstellen, als Produzent auch für andere Künstler zu arbeiten? 

Wenn sich das mal ergeben sollte, dann könnte ich mir das schon vorstellen. Aber es ist nicht mein Plan. Ganz und gar nicht.

Was hast du bei der Arbeit mit Jan Delay gelernt?

Dass man sich von seinem inneren Kompass leiten lassen sollte. Das ist die letzte und einzige Instanz. Darauf sollte man hören. 

Du bist auch beim Kompositionsprozess bei Jan Delay involviert. Betrifft das nur die Rhythmik oder auch die harmonischen Dinge?

Auch harmonische Dinge. Ich gebe Anregungen, beispielsweise Passagen in Moll statt in Dur zu spielen oder so etwas Ähnliches. Das Schöne an Jan ist, dass er gar nicht über die Theorie kommt. Er kann so gut wie kein Instrument spielen – aber er ist sehr musikalisch. Er singt uns öfter eine Melodie vor und wir suchen dann die passenden Akkorde und legen gemeinsam los. Manchmal spielt er uns auch drei, vier Songs vor, die ihm gefallen und wir fangen an, in diesem Stil etwas zu spielen. Das sind schon echte Koproduktionen. 

„The Check In“ – musikalische Ausrichtung 

Drummer-CDs, oder sagen wir: CDs von Session-Musikern oder Meister-Musikern sind häufig musikalisch enttäuschend. Oft stehen die handwerklichen Fähigkeiten im Vordergrund – und der Musikalität schon mal im Wege. Du hast die Drums nicht so sehr in den Vordergrund gerückt, richtig?

Nein, gar nicht. Meine wichtigsten Beiträge zu dem Album sind aus meiner Sicht die Komposition und das Arrangement. Man könnte auch sagen: die Produktion. Klar, ich spiele auch Schlagzeug. Aber das hat – verglichen mit anderen Dingen – relativ wenig Zeit in Anspruch genommen. Als Produzent betrachtet man so ein Projekt aus einer anderen Perspektive. Man muss eine Entscheidung treffen. Man kann so eine CD ja in 1000 unterschiedlichen Varianten angehen. Also muss man sich für eine künstlerische Aussage entscheiden – und damit alle anderen Optionen verwerfen. Das ist eine Sache, die ich erst relativ spät im Leben gelernt habe.

Für was hast du dich dann letztlich entschieden?

Für Musik und Sounds, die sich für mich richtig anfühlen. Ein Ergebnis, das sich erst durch das Ausprobieren verschiedener Dinge ergeben hat. Es war aber nicht mein Antrieb, zu zeigen, wie toll ich Schlagzeug spielen kann. 

Wobei du deine Fertigkeiten auch nicht versteckst ...

Na gut, da sind natürlich sicher schon einige für Drummer interessante Fills und Grooves drauf. Es ist ja auch ein Instrumental-Album. Wobei es in diesem Bereich aber auch Musik gibt, die mir zu gefällig ist, wo zu wenig passiert und die zu formatiert und damit auch langweilig ist. Im Pop wird innerhalb der ersten zehn Sekunden die Sound-Ästhetik definiert, der Groove bleibt meistens unverändert. Das finde ich auch etwas öde. 

Über Songwriting, Komponieren und Durchhaltevermögen

Wie gehst du das Komponieren an? Setzt du dich ans Klavier und spielst drauflos und nimmst alles, sagen wir mal, mit dem Smartphone auf?

Nein, meistens gibt's schon eine konkrete Idee. Das kann eine Akkordfolge oder ein Teil einer Akkordfolge sein. Vielleicht eine Akkordverbindung aus einem bestehenden Song, die ich gut finde. Das kann inspirieren und zu weiteren Ideen führen. Die meisten Songs aber entstanden im Team. Ich habe mich mit dem Gitarristen Dirk Berger und dem Bassisten Mark Smith für drei Tage in meinem Studio getroffen. Da haben wir einfach Ideen gesammelt, alles aufgenommen und dann angehört. Die Sachen, die mir beim Anhören sofort gefallen haben, habe ich als Keimzelle genommen – und daran weitergearbeitet, also zusätzliche Parts dazu komponiert und alles arrangiert. 

Bist du beim Songwriting sehr analytisch?

Nein, gar nicht. Da gelingt es mir sehr gut, auf meinen Bauch zu hören. Ich halte es für einen Vorteil, dass ich über harmonische Zusammenhänge gar nicht so viel weiß wie beispielsweise über das Schlagzeugspielen. Außerdem bin ich am Klavier nicht so fit und gehe deshalb von einer naiven Position heraus an die Sache. Wenn man alle Akkordverbindungen und Alternativen parat hat, ist es schwer, sich zu entscheiden. Außerdem läuft man Gefahr, dass man zu viel reinpacken möchte – und dann verliert der Song auch. Wenn Leute zu viel wissen, dann müssen sie ihr Wissen meist auch immer demonstrieren, indem sie alles, was auf sie zukommt, einordnen: „Das ist ja wie so und so. Das wurde ja schon dargestellt. Das wurde ja da gesagt.“ Und so weiter. Das ist für mich eine absurde Haltung. 

Mit welcher Software arbeitest du? 

Mit Logic. Damit arbeite ich schon seit Jahren. Vielleicht gibt’s bessere Tools, aber damit kann ich einfach gut umgehen. 

Kann es sein, dass die Drums relativ weit nach vorne gemischt sind?

Das glaube ich eigentlich nicht. Gemischt hat Klaus Genuit, der schon mehrere Grammys gewonnen hat. Ich weiß nicht, ob er die Drums jetzt prominenter ins Klangbild gerückt hat, weil er weiß, dass ich Schlagzeuger bin. Ich glaube aber nicht. Manchmal habe ich sogar gesagt, dass mir die Drums zu laut sind. Aber man kann alles sehr gut hören. Auch was die Bässe betrifft, da hört man jeden Ton, den Claus Fischer spielt, sehr gut. 

Was war für dich das Schwierigste am Durchziehen des Projekts? 

Das kann man nicht sagen. Es war nur so, dass immer wieder Entscheidungen anstanden: Wen frage ich für den Mix? Wie bekomme ich Bläser-Arrangements? Ich habe zwar das, was die Bläser spielen sollen, auf dem Keyboard komponiert, aber dann braucht man doch Noten für die Bläser – und dafür fehlt mir die Kompetenz. Tja, wer macht das also? Auf so einem Weg bis zur fertigen CD sind also ganz, ganz viele Entscheidungen fällig – und jede einzelne ist gar nicht so leicht zu fällen, da es ja immer auch eine endgültige Sache ist. Man muss also viel kommunizieren. Telefonieren, Emails schreiben… Und dann gegen Ende: Mache ich das jetzt mit einem Label oder ohne? Du musst also mit vielen Leuten in Kontakt treten. Fest steht: Bis man eine CD schließlich in den Händen hält, muss man unglaublich viele Steine aus dem Weg räumen. 

Das klingt, um es mal sportlich auszudrücken, wie eine Bergbesteigung: Erst ist es eine Quälerei, dann ist man euphorisch und genießt die Aussicht. Ist es so ähnlich?

Ja, so ist es! Meine Mutter sagt immer, dass sie sich gar nicht mehr an die Schmerzen während meiner Geburt erinnern kann. Das hat die Natur wohl so eingerichtet, dass man die Quälerei schnell vergisst und nur noch das Schöne im Gedächtnis bleibt. So geht es mir auch: Wenn ich etwas mache und es dann fertig ist, dann denke ich nicht mehr daran, wie schwierig es war. Andererseits bin ich aber auch nicht der Typ, der sich dann erst mal tüchtig auf die Schulter klopft. Das ist wohl mein Naturell. Ich sehe: Das ist jetzt also erledigt. Und weiß: Jetzt kommt die nächste Sache. 

Bist du eher ein grüblerischer Mensch?

Ja, ich denke schon. Ich glaube, dass ich noch lernen muss, mir über Sachen weniger einen Kopf zu machen. Ich denke die Dinge meist zu Ende. Das ist einerseits gut, weil man sich dann einer Aufgabe bewusst ist. Andererseits hat es den Nachteil, dass man weiß, was einen alles noch an Arbeit und Schwierigkeiten erwartet.

There is no Business like Music Business

Eine Schwierigkeit war sicher, das geeignete Label zu finden ... 

Na ja, die Auswahl ist in dem Bereich nicht sehr groß. Eigentlich gibt es nur ein paar Labels, die gute Arbeit leisten. Das wurde mir schnell bewusst, als ich mich bei Kollegen umgehört habe, die auch schon Alben veröffentlicht haben – da fallen immer die gleichen Namen. Als dann auch Simon Oslender und Stephanie Lottermoser von Joachim Becker und seinem Label Jazzline/Leopard gesprochen haben, dachte ich, das ist sicher eine gute Adresse. 

Hättest du das Album auch ohne Label herausgebracht?

Ja, auf jeden Fall. Dann hätte ich es über einen digitalen Vertrieb herausgebracht. Da hatte ich von drei verschiedenen schon die Zusage. Da bekommt man immerhin 80 Prozent der Einnahmen. Aber irgendwie fand ich es schon sehr charmant, einen physischen Tonträger zu produzieren. 

Du hättest auch ein eigenes Label gründen und darauf das Album herausbringen können. Das machen ja viele. Wäre das einen Gedankten wert gewesen?

Ich glaube kaum. Das Album aufnehmen und produzieren und so weiter, das habe ich noch alles ganz gut geschafft. Aber wenn ich mich jetzt auch noch um das ganze Drumherum – das CD-Pressen, das bei Amazon verfügbar machen und so weiter – kümmern müsste, dann wäre mir das zu viel. So viel Zeit habe ich nicht. 

Du hast dich für „The Check In“ für Instrumentalmusik entschieden. Songs mit Gesang verkaufen sich aber in der Regel besser ... 

Im Normalfall. Aber letztendlich ist das ein Trugschluss. Musik mit Gesang verkauft sich nur dann gut, wenn es einen Protagonisten gibt, der für das Publikum interessant ist. Wenn man aber ein Instrumentalist ist, der denkt, er müsse etwas mit Gesang machen, um mehr Leute zu erreichen, wird das sehr schnell sehr beliebig. Damit erreicht man dann gar nichts. Es gibt auch nur wenige Bands, wo qualitativ hochwertige Musik mit Gesang richtig gut funktioniert. Da fällt mir Tower Of Power ein. Die Band hat ihren eigenen Sound. Da ist es gar nicht so wichtig, wer singt. Außerdem: Ich bin mir sicher, dass es sehr, sehr viele Menschen gibt, die meine Art von Instrumentalmusik mögen. Wenn ich die alle erreichen würde, könnte ich vermutlich sogar davon leben, aber das ist natürlich sehr schwierig. 

Du hast eine Plattenfirma, die macht für die CD natürlich PR. Doch du kümmerst dich auch darum, oder?

Also ich mache das zum größten Teil alleine, bemühe mich aber, mich zu entspannen und mich nicht zu sehr in das Thema zu verbeißen. Dazu neige ich schon mal, dass ich die ganze Zeit darüber nachdenke, wie ich noch mehr Leute mit meiner CD erreichen könnte. 

Wie halten es deine Mitmusiker? Posten die auf ihren sozialen Kanälen, dass sie mit von der Partie waren?

Das ist ein interessanter Punkt. Aber: Das machen sie fast gar nicht. Ich kann nicht so genau sagen, woran das liegt. Aber viele deutsche Musiker sind unglaublich schlecht im Social-Media-Bereich aufgestellt, beziehungsweise sie wissen nicht, wie das funktioniert. Dadurch verpassen sie, wie ich meine, viele Chancen und Möglichkeiten. Es ist ja so, dass es nicht reicht, Instagram nur zu nutzen, wenn man selbst etwas verkünden möchte. Man muss kontinuierlich Inhalte anbieten, um Fans und Publikum bei der Stange zu halten. Klar kann man dann schon auch mal Dinge wie ein „neues Album“ rausposaunen. Aber nicht nur. Viele nehmen nicht einmal die Möglichkeiten wahr, die sich ihnen bieten. 

Wirtschaftlich dürfte sich eine CD-Produktion kaum lohnen. Der CD-Markt ist ja nahezu tot und mit Streamings verdient man kaum Geld ..

Stimmt. Doch darum ging es mir auch nicht. Ich habe es gemacht, weil ich es wollte. Es war mir einfach persönlich wichtig und ich hatte das Gefühl, dass es zu einer Karriere irgendwie dazugehört: zu mir als Person, zu einem kompletten Künstlerprofil. Das war die Motivation – und nicht die Aussicht, damit groß Geld zu verdienen. Andererseits: Fürs Üben werde ich auch nicht bezahlt und ich mache das trotzdem. Auch das gehört zum Job. Mir hat die Arbeit an der CD so viel Spaß gemacht, dass ich schon heute sagen kann, dass ich ein weiteres Album aufnehmen werde. Nach Beendigung meines aktuellen Buchprojekts fange ich damit an – das heißt: noch in diesem Jahr. 

Studio Drumming & Lieblingsschlagzeuger

Wie sehr stressen dich Studio-Jobs? Bist du noch sehr nervös?

Früher hat mich das schon mehr gestresst. Da hatte ich immer die Angst, bei einem Song in den letzten vier Takten Mist zu bauen. Jetzt ist das anders. Heute finde ich es sogar gut, wenn andere Leute im Studio dabei sind und das miterleben. Ich empfinde das eher als eine Art Chance, gemeinsam etwas Tolles zu kreieren.  

Was machst du, um eventuelles Nervenflattern in so einer Situation in den Griff zu bekommen? Vielleicht Meditationsübungen?

Musik ist für mich eine Art von Meditation. Als ich aber sehr viel auf Reisen war, habe ich regelmäßig meditiert. Nichts Besonderes, nur Atemübungen. Für 15 Minuten etwa. Ich habe gemerkt, dass mir das gut tut, um im Hier und Jetzt zu landen. Manchmal, wenn ich aufgeregt war, habe ich das auch vor Konzerten gemacht. Das hat schon geholfen. 

Du hast einen Wunsch frei. In welcher Band würdest du sofort als Drummer einsteigen? 

Bei Sting, zu der Zeit, als er „The Dream Of The Blue Turtles“ aufgenommen hat, als er mit Darryl Jones, Kenny Kirkland, Branford Marsalis und Omar Hakim am Schlagzeug spielte. Omar ist ohnehin einer meiner absoluten Lieblinge. 

Wer gehört noch zu deinen All-Time-Favourites auf dem Schlagzeughocker? 

Da gibt es schon ein paar. Manu Katché bei Peter Gabriel, Phil Gould von Level 42. Von den Amis sind das Steve Gadd, Vinnie Colaiuta, Dave Weckl und Dennis Chambers. 

Alles Leute, die ihren eigenen Style haben ...

Genau. Aber man darf nicht vergessen, dass es damals auch die Musik war, die noch Freiräume für Drummer ließ. Ein Steve Gadd konnte sich damals beispielsweise voll entfalten und so seinen Stil prägen. Das wäre bei der Musik, die heute produziert wird, gar nicht mehr möglich. 

Jost Nickel „The Check In“ (Leopard Records)

In unserem ausführlichen Gespräch verriet Jost Nickel, dass er die Drums auf seinem Solo-Debüt „The Check In“ gar nicht so sehr in den Vordergrund rücken wollte. Das ehrt ihn. Das ist sympathisch. Das ist aber – mit Verlaub – auch ein bisschen Understatement. Denn das mit acht – größtenteils über fünfminütigen – Tracks ausgestattete Album strotzt nur so vor grandiosen Grooves, schlauen, mitunter explosiven Fills und verzwickter Rhythmik. Trotzdem hat Jost auch irgendwie recht. Denn diese Beispiele hoher Schlagzeugkunst sind stets in die Musik eingebunden – und nie dem Selbstzweck geschuldet. Damit unterscheidet sich das CD-Erstlingswerk des Jan Delay-Drummers angenehm von vielen Solo-Alben seiner trommelnden Kollegen, die nur zu oft zu einer langweiligen Leistungsschau verkommen.

Von Langeweile ist „The Check In“ tatsächlich so weit entfernt wie ein Rhythmus-Legastheniker von einem Taktell. In den acht Instrumentals serviert er mitreißenden, harmonisch häufig überraschenden Funk, angereichert mit Elementen aus Soul, Jazz und Fusion. Neben der Crème de la Crème der deutschen Musikerszene – darunter Claus Fischer, Simon Oslender, Hanno Busch und Jörg Sander – stehen Jost auch internationale Fusion-Größen zur Seite: Jimmy Haslip (Yellowjackets), Jeff Lorber (Jeff Lorber Fusion) und Barry Finnerty (Miles Davis, The Crusaders). 

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