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Feature
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26.06.2017

Interview mit dem Trommelbauer Adrian Kirchler

AK Drums - Feine Handwerkskunst aus Südtirol

Im kleinen Dorf Olang im Herzen der Südtiroler Berge vermutet man wohl kaum die Werkstatt eines der besten Snaredrum-Hersteller der Welt, doch international hat sich der hier ansässige Adrian Kirchler durch seine exquisiten Instrumente, die stilübergreifend von Klassik über Jazz und Pop bis hin zu Rock zu finden sind, im Laufe der Jahre einen erstklassigen Ruf erarbeitet. Und so schwören Drummer wie Matt Chamberlain, Abe Laboriel Jr., Roy Haynes und viele weitere auf die Handwerkskunst des sympathischen Südtirolers, der in seinem Einmannbetrieb Drums in einer Perfektion erschafft, die selbst die kritischsten Equipment-Kenner mit der Zunge schnalzen lassen. Während viele Custom Drum Companies Fremdkomponenten ankaufen und diese mit ihren Trommeln verbauen, wird in Adrians Schmiede alles von Hand erschaffen. Wir trafen ihn in eben jener Werkstatt zu einem Gespräch über seinen Werdegang und erfuhren, was sich hinter seinen sagenhaften Trommeln verbirgt.

Hallo Adrian, wie bist du dazu gekommen, Instrumente zu bauen?

Ich bin gelernter Goldschmied, habe nebenbei Schlagzeug gespielt und über längere Zeit alte Trommeln gesammelt. Mich haben vor allem Metalltrommeln interessiert, an denen es immer etwas zu reparieren oder optimieren gab, das ich dann selbst gemacht habe. Ich wollte eigentlich immer eine alte Ludwig Black Beauty besitzen, da die aber nicht besonders erschwinglich sind, habe ich mir gedacht, dass ich mal ausprobieren könnte, eine Trommel zu bauen und sie selbst zu gravieren. Ich fand es sehr interessant, wie die Trommeln damals gefertigt wurden, und da es kein Lehrbuch zum Bau gab, habe ich mir das meiste durch Auseinanderbauen, Wiederzusammensetzen und Reparieren angeeignet. Mit diesem Wissen habe ich dann um das Jahr 2000 meine ersten Prototypen entwickelt. Meine erste Snare habe ich sogar noch, der Prototyp klingt auch ganz okay. Im Prinzip benötigt man für eine klingende Trommel ja nicht viele Komponenten. Man braucht saubere Gratungen, und der Kessel sollte halbwegs rund sein, damit man das Fell gut stimmen kann. Damit bekommt man eigentlich aus jedem „Topf“ einen Ton raus. Aber die ganzen Feinheiten sind das Besondere und kamen bei mir auch erst über die jahrelange Arbeit. Das Resultat der ersten Trommel war jetzt nicht gleich umwerfend, aber mir hat es gefallen, und so habe ich immer weiter gemacht, bis ich schließlich 2004 aufgehört habe, als Goldschmied zu arbeiten und seitdem Instrumentenbauer bin.

Wie sind andere Leute damals auf dich aufmerksam geworden?

Ich bin mit meinen ersten Snares zur Vintage & Custom Drum Show in Amsterdam gefahren und habe dort Johnny Craviotto getroffen. Er war mein allererster Kunde. Er hat meine Black Beauty gesehen und sofort gesagt, dass er sie kaufen will. Ich habe anfangs nicht daran geglaubt, dass er es wirklich ernst meint, auch kannte ich ihn selbst gar nicht. Für mich war es ein älterer Herr aus Amerika. Eine Woche später hat seine Sekretärin mich kontaktiert, und ich habe die Trommel in die USA geschickt. Meine erste Rechnung als Trommelbauer habe ich damals an ihn ausgestellt. Anderthalb Jahre später hat er mich angerufen und gefragt, ob ich mit ihm zusammenarbeiten will. Daraus entstanden dann die Nickel over Brass Diamond Series Snares von Craviotto mit den handgravierten Diamanten. Damals habe ich für ihn jeweils 50 Kessel in 5,5 Zoll und 6,5 Zoll Tiefe gemacht. Das war dann der erste Großauftrag und der richtige Start für mich als Instrumentenbauer. Die Kessel waren zwar limitiert, aber dadurch, dass Craviotto nie ein Geheimnis daraus gemacht hat, wer die Kessel gebaut hat, brachte es mir viele private Aufträge ein. Das war wirklich die beste Werbung für meinen kleinen Betrieb. Über die Jahre haben wir jetzt sechs Projekte gemacht, die unter anderem die Kupfer-Snares und die Hybrid-Modelle mit Kesseln aus Kupfer und Messing hervorbrachten. Johnny hatte schon Hybrid-Holzkessel gemacht und fragte irgendwann, ob es möglich wäre, diese beiden Materialien miteinander zu kombinieren. Ich habe Craviotto gesagt, dass es schon in England einen Bauer gibt, der solche Metall-Hybride baut, er wollte aber trotzdem solche Snares in sein Sortiment aufnehmen, und so habe ich angefangen, diese Kessel zu bauen. Die Kombination der Eigenschaften dieser Materialien ist wirklich besonders. Einerseits entsteht dadurch ein schwererer Kessel, und das Kupfer fokussiert den Sound, andererseits liefert das Messing singende Obertöne und hohe Frequenzen.

Was genau baust du an deinen Trommeln selber?

Eigentlich alles. Ich besorge im Metallfachhandel Kupfer, Messing und Bronze als Meterware und baue daraus die Kessel, fertige Abhebung, Böckchen, Spannreifen und löte die Snareteppiche oder stelle Schnarrsaiten her. Der Standard sind Remo Ambassador Felle, weil ich finde, dass wenn eine Snare mit diesen Fellen gut klingt, sie mit jeder anderen Fellkombination auch überzeugen kann, aber bei Bedarf ziehe ich auch Naturfelle auf. Meine Snareteppiche löte ich mit zwölf Spiralen, weil sie den Teppichen aus den Zwanzigerjahren originalgetreu nachempfunden sind. Ich kann auch Teppiche mit vierzehn bis maximal sechzehn Spiralen löten. Je breiter die Teppiche werden, desto schwieriger ist es, sie von Hand genau parallel zu löten. Der Kessel ist bei den Kupfer-Snares mit 0,8 Millimetern beispielsweise sehr dünn. Damit er die nötige Steifheit bekommt, wird er mit einer meiner unterschiedlichen Fellauflagekanten und einer Sicke in der Mitte versehen. Dadurch wird der Kessel stabil und kann gut schwingen. Die Materialien sind zwar einfach erhältlich, aber die spezielle Verarbeitung erzeugt den Klang. Es ist also nicht wie bei Becken eine geheime Legierung der Metalle, sondern der handwerkliche Mix aus der Arbeit eines Goldschmieds, Blechblasinstrumentenbauers, Spenglers und Schmieds. Nur so können die Kessel so werden, wie sie sind. Dabei spielt die Gravur oder sogar eine Vergoldung der Hardware nur eine nebensächliche Rolle. Die Trommel klingt ja nicht besser, wenn sie graviert ist oder besonders glänzt. Wichtig ist, dass der Kessel an sich gut klingt und schwingt. Darauf lege ich besonderen Wert.

Waren alte Trommeln stets deine Vorlagen?

Ja, alles, was ich herstelle, habe ich von alten Trommeln abgeguckt und teilweise auch optimiert oder meine eigenen Versionen davon gemacht. Das sind manchmal auch nur Kleinigkeiten. Meine Standardabhebung ist der Ludwig P338 nachempfunden. Bei der Originalabhebung lief Eisen auf Eisen, was sich nach jahrelangem Gebrauch irgendwann abscheuert. Ich habe bei meiner Version ein kleines Kugellager eingebaut und der Rändelschraube zur Teppichspannung ein Gegenstück gegeben, damit sie sich nicht lockert. Der Look ist jedoch derselbe. Auch die Dresdner Orchestertrommeln, die ich baue, sehen immer nach Trommeln aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren aus.

Wie kriegst du es hin, dass manche deiner Instrumente so alt aussehen?

Ich mache die Hardware immer neu, montiere sie auf eine Trommel und reibe verschiedene Stellen mit feinem Bimsstein oder Sandpapier genau an den Stellen ab, an denen sich auch nach Jahrzehnten Gebrauchsspuren zeigen würden. Die Patina erzeuge ich, indem ich die Teile in verdünnte Schwefelleber lege, damit die exponierten Stellen dunkel werden. Ich habe bei vielen alten Trommeln genau geguckt, wie diese nach Jahrzehnten aussehen. Mir gefällt es zum Beispiel nicht, wenn ich eine Snare im Stil der alten Black Beauties baue und graviere und daran dann komplett neue Hardware schraube. Man kennt diese Snare eben mit abgenutzter Hardware, und das macht den Look wirklich aus. Ich mag aber auch unbehandelte Kessel sehr, die über die Jahre durch die Nutzung eine Patina entwickeln.

Wie lange brauchst du für eine Snare?

Das hängt vom Modell ab. Ein Standardmodell kann ich in vier Tagen fertigen. Bei gravierten Modellen, die auch vergoldet sind, sitze ich auch mal gute drei Wochen an einem Instrument. Ich zeichne dabei mit einer Schablone das Motiv vor und graviere dann alles von Hand. So durfte ich auch 2009 die Gold Triumphal Snares zum einhundertjährigen Firmenjubiläum von Ludwig anfertigen. Damals gab es auch eine dokumentierte Story zu den Snares, die meine Arbeit portraitiert hat.

Wie viele Snares baust du im Jahr?

Grob geschätzt zwischen 40 und 60 Stück. Das hängt natürlich von den jeweiligen Ausführungen ab. Ich habe auch nur zwei Hände, und die Woche hat sieben Tage. (lacht) Ich mache zwar ab und zu ein paar mehr Kessel, die ich dann an meine Decke hänge, damit das Material ruhen kann und fertige in der Zeit Hardware für mehrere Snares, aber ich mache größere Serien nicht gerne, weil die Arbeit dann zu eintönig wird und die Gefahr besteht, dass man nachlässig wird. Ich möchte keine Massenware machen, sondern fertige einzelne Instrumente auf Wunsch der Kunden an, die mit mir per Mail oder Telefon in Kontakt treten oder in meiner Werkstatt vorbeikommen. Ich spreche dann mit den Drummern, frage, welche Musik sie mit dem Instrument hauptsächlich machen wollen und berate sie dann. Der Kundenkreis geht von Schlagwerkern aus klassischen Orchestern bis zu harten Rockdrummern. Mittlerweile sind meine Trommeln in vielen Orchestern auf der Welt zu finden. Ich baue dabei sowohl kleine Trommeln, als auch die Nachbauten der alten Dresdner Trommeln, die ich sowohl in klassischem Maß von 36 Zentimetern Durchmesser für Naturfelle, als auch in 14 Zoll, dem heutigen Standardmaß, anbiete.

Hörst du klangliche Unterschiede bei baugleichen Modellen?

Nicht wirklich. Die Arbeitsschritte für die jeweiligen Modelle sind in Tabellen notiert und immer gleich. Die Kessel werden in gleicher Art und Weise aufgerollt und klingen, wenn man sie ohne montierte Hardware mit dem Finger anschlägt, gleich. Es verändert sich allerdings die kristalline Struktur des Materials, das sich nach der Verarbeitung zu einem runden Kessel erst entspannen muss. Grob gesagt, wird der Ton innerhalb eines Jahres ein kleines bisschen gedämpfter und satter. Da spricht man aber von Nuancen.

Hast du selbst ein Lieblingsmodell?

Ich selbst spiele meine Kupfer Standard in 14x8 Zoll. Grundsätzlich schließe ich kein Modell aus. Ich würde jetzt nicht unbedingt eine Orchestertrommel in einem Drumset-Kontext verwenden, aber die Drumset Snares sind sehr variabel. Die verschiedenen Fellauflagekanten bieten ja auch noch eine klangliche Option. Die Auflagekanten sind verlötet und und innen hohl, was der Trommel einen offenen Klang beschert. Die alten Orchestertrommeln hatten alle einen eingewickelten Metallstab, der den Klang sehr trocken machte. Die Dresdner Trommeln klingen dadurch wesentlich härter und haben viel weniger Sustain. Das ist aber auch das Ziel, damit die Schnarrsaiten perfekt ansprechen und man selbst das feinste Pianissimo spielen kann. Zu einem Treffen mit Shannon Forrest, der neben Toto auch viel Studioarbeit macht, habe ich drei Trommeln in 5,5, 6,5 und 8 Zoll Tiefe mitgenommen. Er war ganz begeistert und hat tatsächlich alle drei Trommeln gekauft. In Nashville haben einige Trommler meine Kupfer Standard Snares, die sich in der Aufnahmeszene irgendwann als kleiner Geheimtip etabliert haben.

Wie kam es zu dem Damion Reid Signature Model mit dem sehr ungewöhnlichen Teppich?

Damion hat bei mir eine Dresdner Orchestertrommel in Kupfer bestellt. Ich habe mich immer gefragt, was er als Jazzdrummer mit so einer Snare will. Anderthalb Jahre später haben wir uns getroffen, als er in Salzburg gespielt hat. Sein Drumming passt eigentlich perfekt zu solchen Trommeln, da er sein extrem genaues Spiel mit vielen Single Strokes optimal auf einer präzise klingenden Orchestertrommel umsetzen kann, durch deren fokussierten Klang keine Nuance seines Spiels verwischt wird. Während des Konzertes ist mir eingefallen, dass ich ja mal einen fächerförmigen Snareteppich probieren könnte. Ich glaube, sowas gab es vorher noch nie. Ich habe ihm nach dem Konzert von der Idee erzählt und wollte das ausprobieren. Der Prototyp hat ihn dann direkt begeistert, und so war es nur logisch, dass dies sein Signature Modell wurde, weil die Idee mir ja während seines Konzerts kam. Damion spielt zwei Modelle in fünf und sieben Zoll Tiefe in vielen verschiedenen Combos und war unter anderem mit Robert Glasper Grammy-nominiert. Er geht einen tollen Weg, finde ich. Ich habe die Snare aber auch ein paar Mal an klassische Percussionisten verkauft, weil der Klang der Trommel sehr definiert, nicht zu obertonreich ist und hochsensibel anspricht.

Baust du aus den Kesseln auch ganze Sets?

Ja, hin und wieder. Matt Chamberlain, der damals noch Craviotto Artist war, hat ein Set von mir mit einer 22 und 24 Zoll Bassdrum bestellt und Johnnys Hardware genutzt. Er hat mich erst kürzlich für eine Bassdrum in einer anderen Größe kontaktiert. Alle anderen Drumsets waren bis jetzt immer typische Bop Sets in 18, 12 und 14 Zoll, die ich dann mit meiner Hardware bestückt habe. Ich schwöre da auf die Kupferkessel, weil sie einfach unglaublich warm und gar nicht metallisch oder streng klingen. Ich mache auch gerade wieder ein paar Sets und kann da verschiedenste Größen realisieren. Von 10 bis 26 Zoll Durchmesser und 3 bis 22 Zoll Tiefe kann ich alle Wünsche umsetzen. Durch die jahrelange Erfahrung beim Bauen von Kesseln kann ich die Trommler gut beraten und mit ihnen zusammen das bestmögliche Instrument kreieren.

Mit welchen Wartezeiten muss man bei dir rechnen?

Mittlerweile habe ich viele Bestellungen aus der ganzen Welt, und da ich es zur Gewährleistung der optimalen Qualität vorziehe, alleine zu arbeiten und jeden Arbeitsschritt zu überprüfen, gibt es eine Wartezeit von zehn bis zwölf Monaten. Ich gehe individuell auf Wünsche der Trommler ein und setze diese um. Gerade mit den Gravuren dauert es natürlich noch ein bisschen länger, weil man die nicht mal kurz zwischendurch machen kann. Aber im Vergleich zu einem Gitarrenbauer, bei dem man manchmal drei Jahre auf ein Instrument wartet, geht es ja noch. (lacht)

Vielen Dank für's Gespräch!

Website: www.ak-drums.com

AK Drums bei Thomann

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