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13.04.2018

How to: Coles 4038 benutzen

Tutorial: Wie man die klassischen passiven Ribbon-Mikros verwendet

Serie: Tontechnik-Klassiker benutzen

Unter den Bändchenmikrofonen gibt es einige Klassiker. Neben RCA, Beyerdynamic und Royer sind es vor allem die Coles 4038, die in sehr vielen Studios Verwendung finden - und das schon seit Jahrzehnten! Und weil die englischen Mikrofone durchaus kauzig in der Bedienung sind, befasst sich dieses „How to: Tontechnik-Klassiker“ mal nicht mit 1176 oder Pultec-EQ, sondern eben diesen Ribbon-Mikros.

Coles 4038 im Betrieb: Installationssache

Mit gut einem Kilogramm ist ein Coles 4038 reichlich schwer, Housing und Magnet machen sich eben bemerkbar. Ein kräftiger Mikrofonständer sollte es also sein, erst recht, wenn mit Auslegern gearbeitet wird. Bändchenmikrofone wie das Coles 4038 sind nicht unempfindlich bei der Handhabung, weshalb man allzu ruckartige Bewegungen und „Wind“ verhindern sollte. Fällt es hin, kann es sogar sein, dass schon der Luftstrom das Bändchen beschädigt. Es reißt dann meist nicht sofort, kann sich aber längen.

Inhalt:

Es gibt nicht wenige Menschen, die ein 4038 ohne jegliches Zubehör bestellen und dann direkt in die Röhre gucken: An der Unterseite findet man keine heute übliche XLR-Buchse, sondern das kuriose WE4069-Format. Stecker dafür sind einzeln kaum zu bekommen, aber von Coles gibt es verschiedene Adapter auf XLR. Zwei davon dienen gleichzeitig als eine Möglichkeit, ein 4038 auf einem handelsüblichen Mikrofonständer zu installieren. Wer genau das vorhat, sollte möglichst in den Coles 4072 investieren, der zwar mit 139 Euro deutlich teurer ist als der Coles 4071 (79 Euro), dafür aber eine Trittschallverringerung mitbringt. Eine lohnende Sache!

Den Adapter kann man recht einfach einschieben, dabei sollte man die Orientierung der kleinen Kontakte im Auge behalten. Wenn es „Klick“ macht, hat sich der kleine Ring um den Fuß des 4038 fixiert. Der umgekehrte Weg ist nicht ganz so einfach, wenn man es nicht gewohnt ist. Also: Ist ein Stecker im Mikrofon fixiert, sind auf zwei Seiten Ausbuchtungen des kleinen Ringes zu erkennen. Drückt man diese zusammen, kann man den Stecker herausziehen. Achtung! Die haptische Rückmeldung ist in etwa so knackig wie die Lenkung eines Rover… Bei Überkopfbetrieb saust das schöne Ribbonmikro dann schnell gen Boden und ist im Mikrofonhimmel. Weil man da so schlecht hinkommt, sollte es also besser hier bleiben. 

Zum Aufschrauben des Adapters gibt es eine selten genutzte Alternative, die früher einmal der Standard war. Und weil an der Technik über die Produktionsjahre so gut wie nichts geändert wurde, geht es immer noch: Das Coles 4038 kann wie anno dazumal an Bändern aufgehängt werden. Dafür sind die drei Ösen gedacht, die sich am Mikrofonkorpus befinden. Es geht zwar als DIY-Projekt, doch gibt es von Coles auch Zubehör in Form der 4038ES (ungefähr 75 Euro), das ist eine sehr einfache Abhängevorrichtung. Der Kopf wird auf ein Overhead-Stativ geschraubt, die Ösen werden verbunden, fertig. Das Mikrofon ist trittschallgeschützt und es sieht absolut retro aus! Die Adaptierung auf XLR muss in diesem Fall ein kleiner Adapter durchführen.

Weil das Bauen eines Blumlein- oder MS-Stereo-Setups „von Hand“ mit zwei Mikrofonstativen etwas kompliziert ist, empfielt sich die spezielle Coles-Stereoschiene, die allerdings als selten verwendetes Sonderzubehör mit etwa 250-300 Euro alles andere als preiswert ist!

Hochwertig sollst du sein, Preamp!

Ein 4038 ist eine regelrechte Diva: Seine Fähigkeiten spielt das Bändchenmikrofon nämlich nicht an jedem Mikrofonvorverstärker voll aus. Dafür machen sich klangliche Eigenheiten sehr bemerkbar. Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass ein 4038 fast keinen Output besitzt. Das ist gar nicht mal so übertrieben, denn wo die Millivolt pro Pascal bei manchen Kondensatormikrofonen im höheren zweistelligen Wertebereich rangieren und auch handelsübliche Tauchspulenmikrofone gerne über 2 mV/Pa besitzen, ist es beim 4038 gerade einmal ein halbes mV/Pa. Das bedeutet: Der Preamp muss hohe Verstärkungen stemmen und rauscharm sein. Besonders bei der Aufnahme nicht allzu hochpegliger Signale ist man mit Preamps von mehr als 70 dB Gain gut beraten. 4038er waren auch die einzigen Mikros, bei denen ich einmal mit vollem Gain von 80 dB gearbeitet habe. Es gibt spezielle Ribbon-Preamps, die viel Gain bei hohen Impedanzen liefern und entweder gänzlich auf Phantomspeisung verzichten oder einen „DC“-Eingang anbieten – damit ist der Signalpfad frei von der 48V-“Versorgungseinrichtung“. One-Trick-Ponys sind das nicht, denn auch andere passive dynamische Miros wie ein Shure SM7B oder ein Electro-Voice RE20 profitieren davon. Eine weitere Besonderheit des 4038 ist seine Impedanz: Mit 300 Ohm ist diese höher als bei den meisten aktuellen Mikrofonen, die oft deutlich unter 200 Ohm liegen. Die Auswirkungen sind allerdings nicht so hoch, wie man teilweise befürchtet. Sinnvoll ist es aber, hochwertige Kabel zu verwenden – und nur so lang wie nötig!

Könnt ihr nicht das Budget für einen hochwertigen, potenten Preamp aufbringen, ist vielleicht etwas wie der FetHead von Triton Audio oder der Cloud CL-1 Cloudlifter etwas für euch. Hier werden 20 bzw. 25 dB zusätzlichen Gains generiert, indem die Phantomspeisung für die zusätzliche Verstärkung herangezogen wird.  

Ausrichtung des Coles 4038 Ribbon-Mikrofons

Wie fast alle Bändchenmikrofone (Beyerdynamic M160, M260 und AEA KU4 als Ausnahme), ist die Richtcharakteristik eine Acht. Und genau hier liegt die Besonderheit, die man hervorragend nutzen kann. So ist die Off-Axis, die quasi radial um die Naht der beiden Gehäuseteile herumläuft, sehr stark bedämpft. Will man eine Akustikgitarre eines gleichzeitig singenden Spielers aufnehmen, kann man die Off-Axis genau auf den Mund richten und sich über eine enorme Trennschärfe der Signale freuen. Und weil die „echte Acht“ eines Einmembraners das frequenzstabilste Pickup Pattern überhaupt ist, ist es nur wenig relevant, aus welcher Richtung ein Hauptsignal genau eintrifft. Die Klangfarbenänderungen sind verschwindend gering, fast nur der Pegel ändert sich, je nach Gegebenheiten auch der Raumklanganteil am Gesamtsignal.

Die Levelbalance bei komplexeren Schallquellen wie Drumkits ist durch Kippen und Drehen einfach möglich. Gut, wenn man sich zuvor mit der Mechanik des 4038 beschäftigt hat: Ein Drehen des Mikrofons ist entweder auf der Achse des Mikrofonständers möglich oder über den Ösenring, an dem das Coles hängt. Der Kopf des Ribbon-Mikrofons kann um fast 180° geklappt werden. Damit ist fast jede Position möglich. Mehr noch: Nutzt man die Phaseninvertierung eines Preamps, lässt sich sogar das Vorne und Hinten vertauschen – ein weiterer Vorteil der Acht!

Hohe Pegel sind Gift für Bändchen?

Selbst hohe Schallpegel lassen sich am gewünschten Mikrofonort aufnehmen: Durch Verdrehen gegen die Schallquelle wird der Pegel geringer. Ribbon-Mikros haben nichts gegen ordentliche Schalldruckpegel, aber dafür etwas gegen kontinuierliche Luftbewegung. Das funktioniert auch vor einer Bassdrum, wenn dort nicht gerade viel „Wind“ vor dem Resonanzloch stattfindet. Bis zu einem gewissen Grad hilft dort sogar der gute, alte Poppschutz! Aber schon klar: Sollte doch etwas schieflaufen, wir bezahlen bestimmt keine neues Refitting eines 4038.  

Bassbombe Bändchen gezielt nutzen oder entschärfen

Ein Bändchen besitzt als reiner Gradientenempfänger einen enormen Nahbesprechungseffekt. Das bedeutet, dass das Signal im Nahbereich einer Schallquelle basslastig wird. Das kann toll sein, etwa bei Stimmen oder Verstärkern, kann aber bei vielen Saiteninstrumenten und Metallophonen absolut nervig sein. Neben einer Vergrößerung des Abstands zur Schallquelle hilft natürlich eine Filterung. Hier ist ein enormer Unterschied: Der Bass eines Bändchens verzerrt stärker als die Höhen. Das macht den warmen, aber gleichzeitig feinen Charakter eines Ribbon-Mikrofons aus. Filter man, anstatt einen höheren Abstand zu nutzen, bleiben die harmonischen Verzerrungsprodukte dennoch im Signal. Besser noch als ein normales Hochpassfilter ist oft ein Shelving-EQ. Oder direkt das folgende Spezialfilter:

Tilt-EQ: Wie für Bändchenmikros gemacht

Der Tilt EQ, wie er etwa im Tonelux TX5C oder Tube-Tech HLT-2A Verwendung findet, scheint wie gemacht für Bändchen. Dadurch, dass der Frequenzgang um einen Punkt gekippt wird, kann man sehr natürlich klingend die Bässe absenken und gleichzeitig die Höhen anheben. Besonders das Coles 4038 kann schnell etwas muffig wirken, wenn es nah an der Schallquelle aufgestellt wird. Beim Equalizing besteht kein Grund, zögerlich zu sein: Das englische Bändchenmikrofon verträgt auch enorme EQ-Settings sehr gut. Also nur zu! Manche Mikrofonvorverstärker ermöglichen die Veränderung der Eingangsimpedanz. Beim 4038 hat das teilweise sehr hohe Auswirkungen auf die Klangfarbe.

Stereomöglichkeiten und „Sondernutzung“

Zwei mögliche Koinzident-Stereofonieverfahren sind möglich: Zwei Coles 4038 können übereinander angeordnet und im gleichen Punkt ausgerichtet werden, um Blumlein Stereo oder MS zu liefern. Damit die Laufzeiten von oberen zum unteren Mikrofon nicht zu unterschiedlich sind, sollte das Stereosystem nicht zwingend im 90°-Winkel zu Boden und Decke stehen, sondern im Zweifel etwas zum Klangkörper hin geneigt werden.

Blumlein-Stereo verlangt zwei Achten, die im 90°-Winkel zueinander ausgerichtet sind. Die Mitte ist dabei versetzt, jedes der beiden 4038 zeigt also zu 45° zur Seite. Üblicherweise will man den Aufnahmebereich komplett nutzen, daher ist es ratsam, das Stereo-Array nicht zu weit entfernt aufzustellen! Doch es muss nicht zwingend Blumlein-Stereo sein! Auch mit zwei Achten an einem Punkt ist die Blumlein-Aufstellung lediglich ein XY-Stereo. Und bei XY kann man problemlos durch Änderung des Öffnungswinkels den Aufnahmebereich verändern. Im Regelfall wird man ihn von Blumlein aus verkleinern wollen, indem man die Mikrofone stärker zueinander dreht. Im Coles 4038 Stereo Mount gelingt das ohne Probleme, mit zwei separaten Stativen ist das schon enorme Frickelei.

MS-Stereo arbeitet mit einer querliegenden Acht, die das Differenzsignal aufzeichnet, die Mitte aber freilässt (Off-Axis beim querliegenden Achtermikrofon!). Über eine MS-Matrix kann dann aus M und S ein normales Links-/Rechts-Signal erstellt werden. Das Mittensignal muss dabei keine Acht sein, hier kann ein beliebiges anderes Mikrofon herangezogen werden. Schön sind Druckempfänger-Kugeln (für den tollen Tiefbass!) oder Nieren. Aber auch mit einem weiteren Coles 4038 ergibt sich ein hervorragendes, monokompatibles Hauptmikrofon. Das Array sieht dann aus wie bei einem 4038-Blumlein, doch steht es um 45° gedreht mit einem axial ausgerichteten und einem schräg stehenden Mikrofon. Und natürlich sind mit zwei Coles 4038 auch Spaced-Stereo-Systeme durchführbar.  

Sehr spannend ist es auch, die Acht des 4038 gemeinsam mit einer Kugel für allerhand Spielereien mit resultierender Richtcharakteristik zu nutzen. Mischt man beide zusammen, erhält man eine Niere. Besonders toll ist aber, dass man dann auch frequenzabhängig arbeiten kann: Im Bass richtend, in den Höhen weniger, das lässt sich mit vier Shelf-Filtern oder zwei Tilts hinbekommen: 4038 mehr Bässe, weniger Höhen, bei der Kugel dann umgekehrt. Und natürlich geht es bei spezifischem Bedarf noch komplexer/verrückter.

Ein bisschen Pflege für das 4038

Wer sein Coles 4038 liebt, der deckt es ab: Weil der Magnet kleinste Metallpartikel aus der Luft anziehen kann und diese sich in die feinen Falten des Bändchens oder den Spalt zwischen Magnet und Aluminiumbändchen setzen können, ist es sinnvoll, alle Bändchen bei Nichtgebrauch abzudecken. Die blauen Samtsäckchen aus dem Lieferumfang eines 4038 sind also keine Zierde.

Es tut den kleinen Alubändchen im Coles gut, wenn diese nicht durchhängen können. Dazu sollten die Mikros aufrecht gelagert werden. AEA ist diesbezüglich schlauer, denn dieser Hersteller liefert seine Mikrofone in Koffern mit genau dieser Ausrichtung. Wer dann noch niemals gegen das Bändchen pustet, es nicht fallenlässt und in sehr, sehr kalter, heißer, sehr staubiger oder feuchter Umgebung nutzt oder lagert, der wird lange Freude am 4038 haben.

Dieses Video veranschaulicht die wichtigsten Vorgänge: Dort wird ein einzelnes 4038 einmal auf einer 4071 installiert, dann kurz abgehängt. Trotz Triad-Orbit-Stativ macht sich das Gewicht des Mikrofons am kleinen Ausleger bemerkbar. In der Stereoschiene ist einmal die Ausrichtung als MS, einmal als Blumlein dargestellt. Und zu guter Letzt gibt es eine kleine Demonstration vor dem Gitarrenamp zu hören – mit typischen Pegeländerungen durch die Acht, aber auch durch den Nahbesprechungseffekt und natürlich die heterogene Abstrahlung des Cabinets.

Video:

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