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Test
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31.01.2013

Praxis

Synthesizer

Bevor wir in die Feinheiten der Klangerzeugung und -programmierung einsteigen, hört ihr hier ein paar Beispielsounds – zum Teil Werkspresets, zum Teil Eigenkreationen:

Das klangliche Potenzial des Analog Four ist erfreulich breit gefächert. Fiese, drückende oder wabernde Bässe sind ebenso möglich wie sphärische Sounds, schneidende Leads und außergewöhnliche Effekte. Dabei klingt der Synthesizer angenehm erdig-analog und direkt, wenn auch nicht ganz so druckvoll wie die Besten seiner Zunft. Irgendwie fehlt auch bei den fettesten Sounds für meinen Geschmack das letzte Bisschen „Punch“. Vergleicht man ihn aber mit den virtuell-analogen oder gar samplebasierten Synth-Sektionen vieler Groovebox-Kollegen, räumt er ordentlich ab!

Unter den Werkspresets (auf der Elektron-Website stehen übrigens zahlreiche weitere Presets zum Download bereit, die sich mit einem ebenfalls dort verfügbaren SysEx-Programm auf den Analog Four übertragen lassen) sind auch Drumsounds, wobei man anerkennen muss, dass diese sicherlich nicht die Kernkompetenz des Analog Four sind. Hierfür gibt es bessere Alternativen, auch aus dem Hause Elektron. Das Fehlen von Einzelausgängen erschwert die Nutzung als analoge Drummachine zusätzlich.

Die große klangliche Flexibilität hat ihren Ursprung in der für ein so kompaktes Gerät beeindruckend komplexen Synth-Architektur. Für das klangliche Rohmaterial stehen pro Stimme, also pro Synth-Track, zwei digital überwachte, sehr stimmstabile, analoge Oszillatoren zur Verfügung, die die Schwingungsformen Sägezahn, Rechteck, Transistor Pulse oder Dreieck liefern können. Alternativ kann pro Oszillator einer der beiden Audio-Eingänge (L oder R) als Klangquelle ausgewählt werden. (In diesem Fall muss die VCA-Hüllkurve getriggert werden, damit das Eingangssignal hörbar wird. Soll das Signal dauerhaft durch den Synth laufen, kann es über die Displayseite Ext In auch permanent beigemischt werden.) Die Oszillatorsektion 1 kann auch als Filter-Feedback-Weg benutzt werden, während Oszillator 2 den Ausgang der benachbarten Spur „abgreifen“ kann. So kann man beispielsweise in Verbindung mit dem Audioeingang eine Filterbank mit bis zu acht Filtern aufbauen. Beide Oszillatoren haben zusätzlich einen Suboszillator, der verschiedene Schwingungsformen eine oder zwei Oktaven darunter liefern kann. Er lässt sich leider nur zuschalten und nicht in der Lautstärke regeln. Die Oszillatoren verfügen über Pulsbreitenmodulation (PWM) bzw. Waveshaping, wofür pro Oszillator ein spezieller LFO bereit steht, und lassen sich in beide Richtungen stufenlos synchronisieren. Außerdem gibt es mit der Amplitudenmodulation einen Effekt, mit dem sich Ringmodulator-ähnliche Klänge erzeugen lassen. Als letzte Klangquelle steht ein Rauschgenerator zur Verfügung. Das klangliche Potenzial ist also erfreulich umfangreich! Und so klingen die vier Oszillator-Schwingungsformen:

Bei der Rechteckschwingung fällt auf, dass sie nicht wirklich sauber nach Rechteck klingt, und in der Tat offenbart ein Blick aufs Oszilloskop, dass die Schwingungsform mit einem Rechteck eigentlich nichts zu tun hat. Das ist etwas schade – zwar ist mir bewusst, dass kein analoger Synth eine lupenreine Rechteckschwingung hinbekommt, aber etwas näher dran wäre schon schön gewesen. Immerhin ist das Rechteck mit seinem hohlen, obertonreichen Charakter eine wichtige Facette vieler klassischer Synth-Sounds.

Weiter geht's mit der Filtersektion. Hier folgen zwei resonanzfähige Filter aufeinander. Dazwischen ist ein Overdrive angesiedelt. Das erste Filter ist ein Tiefpassfilter mit 24 dB/Okt. Flankensteilheit. Bei Nummer 2 handelt es sich um ein Multimodefilter mit sieben Typen (Tiefpass 1/2, Hochpass 1/2, Bandpass, Bandstop und Peak) mit maximal 12 dB/Okt. Flankensteilheit. So klingen die beiden Filter:

Danach folgt ein VCA mit eigener ADSR-Hüllkurve. Wie bei allen Envelopes des Analog Four kann die Charakteristik der Hüllkurve zwischen verschiedenen linearen und exponentiellen Settings umgeschaltet werden. Sehr schön, das bietet längst nicht jeder Synthie! Auf der VCA-Displayseite befinden sich auch die drei Effekt-Sends für die globalen Effekte Chorus, Delay und Hall, die für alle Spuren gemeinsam zur Verfügung stehen.

Die beiden weiteren ADSR-Hüllkurven lassen sich flexibel einsetzen. ENVF dient hauptsächlich als Filterhüllkurve, das heißt, sie kommt zum Einsatz, wenn man in der Filtersektion die Depth-Regler aufdreht. Darüber hinaus lassen sich für sie noch zwei weitere Modulationsziele definieren. ENV2 kann flexibel auf bis zu zwei Ziele geroutet werden. Das gilt auch für die beiden LFOs, die die Modulationsquellen abschließen. Beide bieten sieben verschiedene Schwingungsformen und lassen sich selbstverständlich synchronisieren. Ihr Frequenzbereich reicht weit in den hörbaren Bereich hinein, womit eine weitere Quelle für interessante und aggressive Sounds zur Verfügung steht. Die Auswahlliste der Modulationsziele ist erfreulich lang – so gut wie alles lässt sich per Envelope oder LFO steuern. Hier profitiert man von der digitalen Steuerung der analogen Komponenten.  

Effekte

Die drei digitalen Effekte Chorus, Delay und Reverb stehen für alle vier Synth-Tracks gemeinsam zur Verfügung. Sie klingen für einen Groove-Synthesizer absolut OK und lassen sich in vielen Parametern einstellen. Das Beste ist aber, dass für die Automation der Effekte eine eigene Sequencer-Spur bereit steht. Hier kann man Veränderungen der Effektparameter stepweise vornehmen oder Verläufe aufzeichnen. Da der Analog Four das auf eine intuitive Art und Weise auch bei laufendem Sequencer ermöglicht, lassen sich die Effekte innerhalb eines Patterns sehr dynamisch einsetzen und in Live-Performances im Handumdrehen anpassen. Wie vieles beim Analog Four sind auch die Möglichkeiten der Effektabteilung im Sinne einer Performance-Groovebox gut durchdacht: Auch die Effekte ordnen sich nahtlos in die Pattern-Struktur ein.  

Sequencer

Der Step-Sequencer, von Elektron bereits bei ihren bisherigen Instrumenten perfektioniert, ist neben der analogen Synthesizersektion das Highlight des Analog Four. Er ist so eng mit der Klangerzeugung verwoben, dass beide eine untrennbare Einheit bilden. Erst in Verbindung mit dem Sequencer erhält der Synthesizer seine endgültige Berechtigung: Es gibt da draußen sicherlich besser klingende analoge Synthies – eine gelungenere Kombination aus Analogsound und flexiblem Pattern-Sequencer habe ich aber noch nicht gesehen.

Das Herzstück des Sequencers sind die 16 Step-Taster und die Track-Buttons ganz rechts. Wer schon einmal einen Sequencer mit Lauflichtprogrammierung bedient hat, findet sich hier sofort zurecht. Per Track-Knopf wählt man aus, welche der sechs Spuren (4 Synth-Parts, Effekte und CV) man bearbeiten möchte, was sich dann sowohl auf die Synthesizer-Abteilung als auch auf den Sequencer auswirkt. Drückt man zum Beispiel Trk 3, hat man sowohl das Pattern auf Spur 3 als auch den dazugehörigen Sound im direkten Zugriff. Ein Pattern kann bis zu 64 Steps umfassen. Dabei sind „krumme“ Werte genauso möglich wie unterschiedliche Pattern-Längen der einzelnen Tracks – das ist dann aber schon etwas für Spezialisten. Zusätzlich lassen sich Patterns per Chain verketten oder im Song-Modus arrangieren.

Zum Programmieren bzw. Aufnehmen eines Patterns stehen zwei unterschiedliche Record-Modi zur Verfügung. Ein einfacher Druck auf Record versetzt den Sequencer in den Step-Eingabemodus, in dem sich Steps über die 16 Step-Taster eingeben lassen. Um eine bestimmte Tonhöhe zu erzeugen, drückt man den Step-Taster und gleichzeitig einen der Klaviatur-Knöpfe. Dieser Modus wird durch dauerhaftes Leuchten der Record-LED gekennzeichnet und kann auch bei gestopptem Sequencer aktiv sein. Drückt man Record und Play gleichzeitig, gelangt man in den Realtime-Modus, in dem man Parts auf den Klaviatur-Tastern oder einem MIDI-Keyboard live einspielen kann. Auch Parameter-Veränderungen lassen sich so aufzeichnen.

Der Sequencer hat eine Swing-Funktion und für jeden Step einen Zeitversatz-Parameter (Mikro-Timing nach vorn oder hinten). Er taugt also für lebendige und auf Wunsch auch mal ziemlich abgedrehte Grooves. Die Notenlänge und Velocity lassen sich selbstverständlich für jeden Step einstellen. Per Note Slide kann zudem für jeden Step definiert werden, ob der Synthesizer einen stufenlosen Tonhöhenverlauf mit einstellbarer Länge zu dieser Note spielt. Außerdem kann man pro Step auswählen, ob die Hüllkurven und LFOs neu getriggert werden.

So weit, so gut. Sein wahres Potenzial spielt der Sequencer aber erst mit den Parameter Locks aus. Sämtliche Einstellungen des Synthesizers (wirklich alle) können auf jedem Step individuell verändert werden. Theoretisch wäre es möglich, per Parameter Lock auf einem beliebigen Step einen komplett anderen Sound zu programmieren. Die Bedienung ist dabei sehr einfach und live-tauglich: Um Synth-Parameter auf einem bestimmten Step zu ändern, hält man den Step-Taster gedrückt und kann dann nach Lust und Laune schrauben. Dabei gibt es laufend Feedback über die gerade vorgenommenen Änderungen, denn die Reglerbewegungen wirken sich sofort aus. Wenn man den Step-Taster wieder loslässt, wird der Parameter Lock endgültig gesetzt. Das geht auch für mehrere Steps gleichzeitig, wenn man es schafft, alle betreffenden Step-Taster zusammen zu drücken. Veränderte Parameter werden im Display invertiert dargestellt, sodass man sofort sieht, wo der Step-Sound vom Standard abweicht. Mittels sogenannter Trigless Locks sind Parameterveränderungen auch auf Steps möglich, auf denen gar keine Note gespielt wird. Analog zu den Note Slides ermöglichen Parameter Slides stufenlose Parameterveränderungen zwischen Steps. Im folgenden Pattern kommen die Parameter Locks zum Einsatz, um die Filterhüllkurve und den Filter-LFO auf bestimmten Steps zu beeinflussen:

Doch es geht noch weiter: Per Sound Lock kann man für einzelne Steps einen komplett anderen, zuvor abgespeicherten Sound wählen. Das ermöglicht es, mehrere Sounds auf einer Spur zu vereinen, so lange sie sich nicht überlappen. Besonders für Drum-Spuren ist das sehr praktisch.

Unter den 32 Preset-Patterns des Analog Four sind einige interessante Grooves, aber auch vieles, was man kaum wird gebrauchen können. Besser, man programmiert selbst drauf los. Hier hört ihr einige Beispiele für Werks-Patterns. Zu hören ist nur das nackte Ausgangssignal des Analog Four, es kamen keine weiteren Klangerzeuger oder Effekte zum Einsatz.

Der Sequencer lässt sich selbstverständlich zu einer MIDI-Clock synchronisieren und kann auch selbst als Master dienen. In beide Richtungen funktionierte das im Test ohne Probleme. Die MIDI-Out- und -Thru-Buchsen können zudem einzeln auf das Senden analoger Sync-Impulse nach den Standards DIN 24 oder DIN 48 umgeschaltet werden. Damit steht einer Synchronisation diverser analoger Maschinen wie etwa der legendären Roland TR-808 zum Analog Four nichts im Weg. Ein weiteres gut durchdachtes Detail!

Audioeingang

Der Stereo-Audioeingang des Analog Four ermöglicht es, beliebige Signale durch den Synthesizer zu schicken. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder mischt man das externe Signal auf der Ext In-Displayseite hinzu, wo es in der Lautstärke und im Panning geregelt und auch auf die Send-Effekte geroutet werden kann. Das Signal ist dann dauerhaft hörbar, ohne dass der VCA des Synthesizers getriggert werden müsste – allerdings durchläuft es auch nicht den analogen Signalweg mit den beiden Filtern. Oder, man wählt die Eingänge in den beiden Oszillatorsektionen als Klangquelle aus, wodurch das Eingangssignal an die Stelle der internen Klangerzeugung tritt und sich mit Filtern, Overdrive, Effekten, Hüllkurven und LFOs verbiegen lässt. So kann man den Analog Four ganz vorzüglich als Filterbank „missbrauchen“. Damit man etwas hört, muss in diesem Fall die VCA-Hüllkurve getriggert werden, indem man entsprechenden Steps programmiert. Durch das Spielen mit den Notenlängen, das Muten einzelner Steps und natürlich das Schrauben an Filtern und Envelopes kann man vor allem Drumloops kreativ neu gestalten. Hier hört ihr ein Beispiel: Zunächst der unbearbeitete Drumloop und dann ein kleiner Jam mit dem Analog Four. Der Synthesizer läuft synchronisiert zur DAW, von wo er auch das Eingangssignal bekommt. 

Bedienung

Schon bei anderen Elektron-Instrumenten war das kleine Display ein Kritikpunkt, denn die große Funktionsvielfalt der Groove-Kisten aus Schweden lässt sich mit einer so kleinen Anzeige nur mühsam überblicken. Das Display des Analog Four ist leider keine Verbesserung. Mehr als drei Menüeinträge können nicht untereinander dargestellt werden, und die im Display angezeigten Belegungen der Drehregler werden mit kryptischen Drei-Buchstaben-Kürzeln abgekürzt. Ein größeres Display würde die Bedienung sicherlich vereinfachen. Aber der Analog Four möchte ja hauptsächlich „on the fly“ bedient werden, und in der Praxis erweist sich die kleine Anzeige als gar nicht so schlimm, wenn man die ersten Schritte hinter sich gelassen und die Handgriffe drauf hat.

Apropos erste Schritte: Zu Beginn braucht man eine Weile, bis man die Struktur des Analog Four gecheckt hat und die wichtigsten Bedienvorgänge sitzen. Das war bei den bisherigen Instrumenten von Elektron nicht anders – sie bieten alle eine große Funktionsvielfalt, die zunächst einmal verwirren kann. Dass viele Taster doppelt belegt sind, kommt zwar der Kompaktheit zugute, hilft jedoch nicht bei der anfänglichen Orientierung. Nachdem ich eine Weile mit dem Analog Four verbracht hatte, stellte sich jedoch heraus, dass die Bedienung, wenn man sie erst einmal verinnerlicht hat, genau zu dem zugrunde liegenden Pattern-Workflow passt. Wenn man die anfängliche Scheu abgelegt hat, kann man mit dem Analog Four sehr schnell und flüssig arbeiten und performen.

Das ausführliche englische Handbuch, das auf der Elektron-Website zum Download bereitsteht, ist gut zu lesen und erklärt den Analog Four bis ins Detail. Es wird durch ein umfangreiches Parameter-Nachschlagewerk und eine vollständige Liste der MIDI-CC-Nummern aller Parameter ergänzt.

Mit seinem Pattern-Sequencer eignet sich der Analog Four natürlich vornehmlich für Loop-basierte Musik. Nicht von ungefähr sind auch die anderen Geräte aus dem Hause Elektron besonders bei Produzenten von Minimal und anderen elektronischen Stilen beliebt. Man entwickelt ein Pattern nach und nach, erweitert es um zusätzliche Elemente, schraubt hier und da ein bisschen am Sound, bringt dann einen zweiten Track dazu, mutet ihn wieder, verdoppelt mal eben die Pattern-Länge – alles, ohne jemals den Sequencer anhalten zu müssen. Zusätzlich gibt es einen Performance-Mode, in dem man die zehn Drehregler individuell mit jeweils bis zu fünf Parametern belegen kann. Das taugt für ausgedehnte Pattern-Jamsessions, bei denen es nie langweilig wird. Für den Fall, dass man sich mal verheddert, gibt es eine Reload Pattern-Funktion, die das Pattern auf Knopfdruck auf die zuletzt gespeicherte Version zurücksetzt. Und falls man einen Track oder ein Pattern per Clear-Befehl versehentlich gelöscht hat, naht Rettung in Form eines Undo-Befehls.

Traditionalisten, die einen Synthesizer auf der Tastatur spielen möchten, werden hingegen vielleicht nicht so viel mit dem Analog Four anfangen können. Das beginnt bei den Klaviatur-Tastern, die zwar ihren Zweck als Tonhöhen-Bestimmer für Steps erfüllen, aber natürlich nicht zum wirklichen Spielen taugen. Ein MIDI-Keyboard kann hier Abhilfe schaffen. Aber auch der Rest des Synths ist eindeutig auf die Pattern-Struktur ausgerichtet, so steht beim Spielen über eine Tastatur zum Beispiel keine Portamento-Funktion zur Verfügung. Das übernehmen die Note Slides des Sequencers.

Zum Abschluss hört ihr hier noch einige meiner Jamsessions mit dem Analog Four.

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