Test
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19.06.2018

Electronique Spectacle E&S DJR400

Rotary DJ-Mixer

DJ Deep ist einer der dienstältesten House-DJs Frankreichs und ich meine hier „richtige“ House-Music, nicht die blutleere Minimal-Variante, die uns seit Jahren als „Deep House“ angeboten wird. Und DJ Deep mischt gerne mit vollanalogen Rotary-Mixern, vornehmlich alten UREIs. Was aber tun, wenn DJ bei seinen Gigs stets nur Massenware-Mixer mit Fadern statt Rotary-Potis vorfindet? Am besten das eigene perfekte Mischpult mitnehmen. Und so entstand das Konzept des „Travel-Mixers“, eines kleinen, portablen, vollanalogen DJ-Mischpults mit Rotary-Reglern, entworfen nach den Vorgaben von DJ Deep und konstruiert vom französischen Analog-Audio-Experten Jerôme Barbe für DJs, die sich nicht mit dem vorinstallierten Clubmixer zufriedengeben, sondern stets mit ihrem persönlichen Lieblingsmixer auflegen wollen. Mittlerweile ist das Pult seit rund 12 Jahren unverändert am Markt und es ist - nicht zuletzt in Anbetracht des anhaltenden Boutique-Mixer Trends - an der Zeit, dem Vorbild der "Rotary-Kompaktklasse" mal auf den Zahn zu fühlen.

Details

Den Electronique Spectacle sieht DJ in freier Wildbahn leider eher selten. Als Travel-Mixer reist er zumeist mit seinem DJ um die Welt und wird selten fest in einem Club verbaut. Der DJR400 verfügt in der hier getesteten „Basic-Variante“ über vier Kanäle, die jeweils mit einem Zweiband-EQ, einem Cue-Button und einem besonders großen Volume-Poti ausgestattet sind. Die beiden EQ-Knöpfe liegen nebeneinander, ziemlich dicht sogar. Die Kette aus acht kleinen Potis sieht schick aus, aber könnte DJs mit dicken Fingern doch zu eng sein. Der Zweiband-EQ erlaubt Boost und Cut von Bässen und Höhen mit jeweils bis zu 12 dB. Über die Einsatzfrequenzen schweigt sich das Benutzerhandbuch aus, die Trennfrequenz liegt bei 800 Hz. Dafür hat Electronique Spectacle eine sehr dicke Hose beim Frequenzgang (bei -1 dB): 10 - 25 000 Hz gibt man an.

Das optische Highlight sind natürlich die drei großen Isolatoren-Regler. Mit ihnen streicht DJ zärtlich oder auch mal robust durch das Frequenzspektrum oder kann bei Bedarf gezielt Frequenzen breitbandig absenken oder boosten, um Defizite der PA zu kompensieren. Das ist zwar nicht die Hauptaufgabe der Isolatoren eines edlen Rotary-Mixers, aber es geht. Als Trennfrequenzen haben Barbé und DJ Deep 300 und 4000 Hz gewählt, was eine musikalische gut klingende Wahl ist. Was auffällt: Die drei großen Isolator-Rotary-Potis drehen nach links bis auf die 7-Uhr-Position, nach rechts jedoch nur auf 3-Uhr-Position.

Die Frequenzbändern können allerdings bis zur kompletten Ausblendung gecuttet werden. Sind alle drei Isolatoren nach links gedreht, herrscht Ruhe im Karton, so wie es sein soll. Alle Drehregler sind übrigens ALPS-Potentiometer. 

Die Master-Sektion fällt sehr simpel aus: drei Regler für Lautstärke von Master, Booth und Kopfhörer, that’s it. Insgesamt neun große und neu kleine Potis schmücken die mattschwarze Oberfläche des DJR400, allesamt im nostalgischen geriffelten Minimoog Design. Genauso minimalistisch stellt sich DJ einen Rotary-Mixer vor.

Pump Up The Volume

Spartanisch, wie er sich gibt, hat der DJR400 keine Gain-Regler in den Kanälen. Der komplette Lautstärkeweg muss mit nur einem Rotary-Regler bewältigt werden. Das kann schon mal eng werden, wenn DJ eine relativ leise gepresste LP in eine laute Maxi mischen will. Gut, das kommt im Bereich House selten vor, aber bei einem Funk-Set mit dem DJR400 tauchte genau das Problem öfters auf. Da hilft dann nur sorgsames Einjustieren von Master-Volume und Kanallautstärke und die Rotarys bei lauten Platten auf Mittelstellung fahren. Das ist halt der Preis für einen möglichst sauberen Signalweg mit möglichst wenigen Verstärkerstufen.

Dans le dunkel, c’est bon munkel!

Der DJR400 ist ein „dunkler Mixer“. Außer der einen zehnsegmentigen Master-LED-Kette und der roten Power-LED gibt es bei der Basic-Variante keine weiteren Leuchtelemente. DJs, denen aktuelle Mixer oft zu viel Kirmesbeleuchtung bieten, werden das als wohltuend empfinden. Die Basic-Variante weist keine Cue-Status-LEDs auf. Sie sind optional erhältlich, aber fehlen mir auch nicht wirklich, denn die Plastikschalter sind dick und ihre mechanisch einrastende Position lässt sich eindeutig erfühlen. Allerdings stört mich, dass es keine Möglichkeit gibt, den Ausgangspegel beider Kanäle optisch zu kontrollieren. Auch Panoramaregler oder eine Monoschaltung sucht DJ vergeblich. Die Master-LEDs zeigen bei gedrücktem Cue-Schalter den vorzuhörenden Kanal an, ist kein Cue-Schalter aktiviert, wird der Master-Output angezeigt.

Maßgeschneidert

Mit einem Nettogewicht von unter 2 kg und sportlichen Maßen von 28,5 cm Breite, 21 cm Tiefe und 8 cm Höhe ist der DJR400 tatsächlich kompakt und leicht genug, um überall hin mitgenommen zu werden. Nettogewicht deshalb, weil natürlich auch das externe 18 Volt AC-Netzteil dabei sein muss, ein richtiger „Leinen-Lumpi“ mit einem 170 cm langen Eurostecker-Kabel und einem 115 cm langen Kabel mit verriegelbarem XLR-mäßigen fünfpoligen Stecker. Leider akzeptiert das mitgelieferte Netzteil nur 230 Volt Wechselstrom.

Für einen Travel-Mixer ist das eher suboptimal, da in anderen Ländern oft andere Spannungen herrschen. Aber wer sich diesen Mixer leisten kann, hat bestimmt auch noch die paar Euro für ein kompakteres Universal-Netzteil übrig, das mit auf Reisen gehen kann. Das mitgelieferte Netzteil verbleibt dann am heimischen DJ-Pult.

Vordergründig

Der Kopfhörerausgang ist – LAUT! Also aufpassen: Beim ersten Cuen möglichst den Kopfhörerpegel auf null setzen und langsam aufdrehen. Verbaut ist er vorne am Mixer, was beim Installieren in einem Case nicht optimal ist. Beim Transport in einer DJ-Tasche fällt das natürlich nicht ins Gewicht.

Rückwärtig

Denn die Idee hinter dem DJR400 ist tatsächlich, ihn unkompliziert überall hin mitnehmen zu können, auch in große Clubs mit ausgefeilter PA. Dazu hat es alle notwendigen Ein- und Ausgänge an Bord, um bis zu drei Plattenspieler oder bis zu drei Line-Quellen anzuschließen. Kanal 2 ist dabei ein reiner Phono-Kanal, Kanal 4 lässt nur Line-Signale zu, Die Kanäle 1 und 3 lassen sich zwischen Phono- und Line-Betrieb umschalten. Kanal 2 kann optional ohne Aufpreis als Phono- oder Line-Eingang geordert werden, wichtig z.B. für DJs, die mit Traktor oder Serato arbeiten.

Dieser Umbau bietet sich auch an, um z.B. den E&S aufgrund der guten Soundqualität als vierkanaligen Summing-Mixer hinter der DAW zu nutzen. Für dieses Einsatzgebiet wird er auch in den Testimonials auf der Hersteller-Website ausdrücklich gelobt, allerdings stehen bei dieser Ausstattungsvariante dann lediglich zwei Kanäle als Phono-Eingänge zur Verfügung. Es ist trotzdem schade, dass nicht alle vier Kanäle zwischen Phono und Line umschaltbar sind.

Die Stereo-Master-Sends und -Returns sind als Cinch-Buchsen verbaut. Es sind keine Inserts, vielmehr wird das Signal angeschlossener Effektgeräte dem Master-Output hinzugefügt. Die Outputs für Master und Booth liegen als XLR- oder Cinch-Buchsen vor.

Es gibt leider keinen separaten Record-Ausgang, aber bei Bestellung können die Booth-Cinch-Ausgänge optional auch als Record-Ausgänge mit -10 dB geordert werden. Der Booth-XLR-Ausgang dient dann weiterhin als Booth-Ausgang. Ein Umstand, auf den DJ beim Bestellen (oder beim Second-Hand-Kauf) unbedingt achten sollte. Auch gibt es keinen Mikrofoneingang. Das finde ich persönlich verschmerzbar, aber will es nicht unerwähnt lassen.

Handmade

Weil der DJR400 ein handgemachter „built-to-order Boutique-Mixer“ ist, sind auch Sonderausstattungen machbar. Die Möglichkeit, Kanal 2 ohne Aufpreis als Phono- oder Line-Eingang anzulegen, hatte ich ja bereits erwähnt., ebenso den optionalen Einbau von Cue-LEDs, die allerdings mit 96,- Euro zu Buche schlagen.

Rein optisch lässt sich der Mixer für noch mal 96,- Euro mit edel anmutenden Holzseitenteilen aufhübschen. Technisch bringt man den Mixer mit jeweils einem Send-Regler pro Kanal für den Effektweg nach vorn. Diese werden dann tatsächlich vorne verbaut, wodurch der Mixer dann nicht mehr ohne Weiteres in ein Rack montiert werden kann, weil er dann vier auch möglicherweise beim Transport störende herausragende Potis aufweist. Aufpreis: 240,- Euro.

Und schließlich kann DJ sein schwarzes Schätzchen auch noch mit einem Cue-Mix-Regler für weitere 96,- Euro netto ausstatten lassen. Summa-summ-herum kostet der DJR400 mit allen zusätzlichen Extras gleich mal 624 Tacken mehr, nämlich 2.604,- Euro, inkl. 20 Prozent französischer Mehrwertsteuer. Dazu kommen noch etwa 80 Euro Versandkosten nach Deutschland. Aber DJ gönnt sich ja sonst nix.

Schlichter und schöner wirkt der DJR400 zwar ohne jegliches weitere Bling-Bling, doch das ist natürlich Geschmackssache. Fernab aller Extras sieht man dem DJR400 auch in der Basic-Variante die handgemachte Sorgfalt auf den ersten Blick an. Und spürt sie auch im Praxistest.

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