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12.11.2021

DJs in der DDR: Die Diskotheker

Auflegen als staatlich geprüfter Schallplattenunterhalter, Teil 1

Einstufung, 60/40 und Mitschneiden aus dem Radio - so waren die Rahmenbedingungen für Diskotheker

Vor 32 Jahren fiel die Mauer. Und nicht einmal ein Jahr später kam schon die Wiedervereinigung und die DDR war Geschichte. In Berlin eroberte die frisch aufblühende Technoszene ungenutzte Gebäude für ihre Partys. Aber auch schon vor dem Mauerfall gab es gerade in Ost-Berlin eine quicklebendige Feierszene mit angesagten Läden, in die man oft schwerer reinkam als heutzutage ins Berghain. Eine bunte Mischung aus DDR-Jugendlichen, Diplomatenkids, Studenten aus dem sozialistischen Ausland und West-Berliner Grenzgängern folgten ihren DJs durch die Nacht, und manche dieser sogenannten „Diskotheker“ waren echte Szene-Stars.

Was aber hat denn nun die DJ-Szene in der DDR ausgemacht? Hier folgt ein Rückblick auf ein vergangenes Stück ostdeutscher Musikkultur, das es verdient hat, in Erinnerung zu bleiben.

Teil 1: Unter welchen Rahmenbedingungen haben unsere Kollegen seinerzeit gearbeitet?

Diskotheker mit Pappe

Auflegen durfte offiziell nicht jeder. Um in der DDR als DJ arbeiten zu dürfen, benötigte man eine sogenannte „Staatliche Spielerlaubnis für Schallplattenunterhalter“, die umgangssprachliche „Pappe“. „Schallplattenunterhalter“ (oder kurz: SPU) war der Ersatz für den Begriff „Diskjockey“, denn um sich vom Westen abzuheben, legte die DDR statt Anglizismen auf eigene Wortkreationen Wert.

Angehende SPUs mussten Lehrgänge wie Musikgeschichte, Stilrichtungen und Sprecherziehung durchlaufen, um überhaupt zur Eignungsprüfung zugelassen zu werden, die vor einer Kommission der Konzert- und Gastspieldirektion (KGD) des jeweiligen Bezirks abzulegen war.

Diese Kommission bestand aus Funktionären und Künstlern und beurteilte das musikalische Knowhow, das möglichst ausgewogene Musikprogramm und die technischen Kenntnisse. Neben der Moderation war auch die Organisation von Partyspielen, Quizrunden und anderen interaktiven Unterhaltungsangeboten wichtig. Und nicht zuletzt die Befähigung zur Erfüllung des Bildungsauftrags. Die Bürger des Arbeiter- und Bauern-Staates sollten auch in ihrer Freizeit sozialistisch geprägt werden. Und dafür war die ideologisch korrekt vorgetragene politische Gesinnung des Unterhalters nicht unerheblich. Letztlich war den Diskothekern und auch manchem Prüfer in der KGD-Kommission klar, dass es sich beim politischen Teil der Prüfung meist um pures Theater handelte. Andererseits loben alle Diskotheker, mit denen ich geredet habe, nach wie vor den Umstand, dass die DJs in der DDR allesamt über eine gute technische und künstlerische Ausbildung verfügten.

Nach erfolgreicher Prüfung wurde der frischgebackene SPU in die Amateurkategorie A (= gut), in seltenen Fällen auch gleich in B (=sehr gut) eingestuft. Mit Weiterbildungsveranstaltungen bereitete er sich dann auf die nächste Einstufung vor, die alle zwei Jahre stattfand, denn mit Stufe C (=ausgezeichnet) erschlossen sich wieder neue Möglichkeiten.

Ein Ost-Berliner Amateur mit Stufe A durfte zum Beispiel offiziell nur in seinem eigenen Stadtbezirk spielen. Mit Stufe B waren Auftritte in ganz Ost-Berlin und Umland erlaubt und mit Stufe C durften sie Engagements in der gesamten DDR annehmen. Mit der darauffolgenden Sonderstufe S befand man sich dann schon in der Warteschleife für den Profi-Status. Auch die Profis waren dann noch mal in drei Honorarstufen von A bis C eingeteilt.

Wahre Arbeit, wahrer Stundenlohn

Über die Einstufung wurde auch der Stundenlohn von 5 bis 10,50 Mark für Amateure und bis zu 380,- Mark Abendhonorar für Profis festgelegt. Zuschläge gab es für Fahrtkosten, Nutzung der eigenen Anlage und der eigenen Tonträger. Obwohl das nicht nach viel klingt, verdienten Diskotheker durchaus besser als normale Facharbeiter, die einen durchschnittlichen Monatslohn von 700,- Mark nach Hause brachten.

Mit der Einstufung und Honorarordnung sortierten die DDR-Behörden die Diskotheker in die bereits bestehende Verordnung für Unterhaltungskunst ein, die für Berufskünstler wie Schauspieler, Sänger, Artisten, Drehbuchautoren und Regisseure galt. Absolventen der Musikhochschulen erhielten nach ihrem Abschluss automatisch den Berufsausweis Kategorie „A“. Diskotheker waren sozusagen Quereinsteiger und mussten daher vor der Einstufungskommission vorspielen.

Für viele ostdeutsche Kollegen blieb das Auflegen jedoch meist ein Hobby neben dem eigentlichen Beruf. Alle SPUs mit Amateureinstufung hatten nebenher einen „ordentlichen“ Beruf, der ihnen ihre nächtliche Tätigkeit gestattete. Denn allgemein bestand eine Arbeitspflicht in der DDR. Wer keiner geregelten Arbeit nachging, hatte keine Krankenversicherung und konnte zur Aufnahme einer Arbeit genötigt oder sogar ins Gefängnis gesteckt werden. Für Diskotheker mit der Profi-Einstufung galt das Auflegen hingegen offiziell als Beruf und sie durften ausschließlich ihrer Musik nachgehen - und verdienten für DDR-Verhältnisse richtig gut.

Und so gab es auch in der DDR ein deutliches Gefälle zwischen den Amateuren mit wenig Geld und Diskothekern mit Profieinstufung und sehr weitreichenden Möglichkeiten. Viele Amateure machten vom Auflegen bis hin zum Auf- und Abbau des Equipments alles selber oder schlossen sich mit mehreren Personen zu einer rollenden Diskothek zusammen. Die Profis hatten meist ihren eigenen Techniker dabei, der bei Neueinstufungen dann ebenfalls mitgeprüft wurde und auch schon mal für den Hauptdiskotheker einsprang, wenn der noch zu einer anderen Mucke musste.

Musikprogramm 60/40

Offiziell konnten die Diskotheker nicht einfach die Musik spielen, die sie wollten. Die 60/40-Regel legte strikt fest, dass mindestens 60 % der Musik „SW“ sein, also aus der „sozialistischen Welt“ stammen musste. Dies musste mit Titellisten nachgewiesen werden, die für die DDR-Verwertungsgesellschaft AWA pro Auftritt erstellt wurden. Nur 40 % der am Abend gespielten Musik durfte „NSW“, also „nicht-sozialistische Welt“ sein.

Das hatte nicht ausschließlich ideologische Gründe: Die ostdeutsche AWA hatte 1958 mit der westdeutschen GEMA einen Vertrag abgeschlossen, der ihr nur maximal 40 % Nutzung von westlicher Musik gestattete.

Diesen Umstand galt es offiziell einzuhalten, was der DDR-Führung nicht ungelegen kam, die argwöhnisch darauf achtete, dass sich ihre Jugend nicht zu aufmüpfig verhielt.

„Natürlich konnte sich kein DJ an diese Regelung halten. Ihm wäre das Publikum weggelaufen“, erinnert sich Diskotheker Klaus Uhlmann aus Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) auf seiner sehr lesenswerten Website Studio89.

Und so wurde die 60/40-Regel eigentlich nur beim Vorspielen vor der Einstufungskommission oder bei sehr offiziellen Anlässen eingehalten und spiegelte in keiner Weise die Realität in den DDR-Diskos wieder. Aber auch wenn der Staat die DJs in den allermeisten Fällen gewähren ließ, konnten Tatbestände wie illegale Westimporte oder Verstöße gegen die 60/40-Regel immer als Vorwand genutzt werden, um auffällig gewordene Diskotheker abzustrafen. Die Maßnahmen reichten von weniger Aufträgen durch die KGD über ein außerplanmäßiges Vorspielen zur erneuten Bestätigung der Einstufung bis hin zum Verlust der SPU-Lizenz.

Grundsätzlich erschienen die Diskotheker den Behörden sehr viel unverdächtiger als kritische Liedermacher. Und die unverfängliche Bespaßung des Volkes nach Feierabend war ausdrücklich erwünscht. Aber wer sich nicht an das Gewünschte hielt, war raus. Das war die Hintertür, die sich der DDR-Staat immer offenhielt.

Also wurde zum Einlass um 19 Uhr zumeist unverfängliche Instrumentalmusik aus den sozialistischen Ländern gespielt, um dann ab 20:30 Uhr die Musik aufzulegen, zu der die Jugendlichen tatsächlich tanzen wollten. Auch bei den immer mal wieder eingeschobenen Showauftritten z. B. von Artisten oder Tänzern wurde bevorzugt Ost-Musik gespielt, um der Quote zumindest ein wenig näher zu kommen. Die Titellisten der Radiosendung „Metronom“ (ausschließlich Titel zur 60-%-Kategorie) boten bei der Auswahl eine gute Orientierung. Außerdem wurde die Playlist in der Zeitschrift „Junge Welt“ abgedruckt und jährlich in der Zeitschrift „In Sachen Disko“ zusammengefasst veröffentlicht.

Duett und Quartett

Zum Einsatz kamen neben den Schallplatten der staatlichen Plattenfirma Amiga zumeist Tonbandmitschnitte aus dem Radio. Im DDR-Rundfunk gab es dafür Musiksendungen wie „Tippdisco“, „Metronom“, „Maxistunde“, „Podiumsdiskothek“ oder „Duett - Musik für den Rekorder“, wo pro Sendung eine komplette Albumseite ohne Moderation zum Mitschneiden gespielt wurde.

Aber natürlich schnitten die Kids und auch die Diskotheker lieber im Westradio mit, wo die aktuellere und aufregendere Musik lief, auch wenn das Hören von Sendern wie RIAS Berlin zu hochnotpeinlichen Diskussionen über die richtige politische Gesinnung führen konnte.

Umso wichtiger war es, über die Titellisten nachweisen zu können, dass ein bestimmtes Stück Musik bereits im offiziellen DDR-Radioprogramm gespielt worden war. Und dank der kreativen Auslegung der 60/40-Regel kamen viele DDR-Komponisten zu Tantiemen für Songs, die zwar auf Titellisten eingetragen, aber niemals auf einer Party gespielt worden waren.

Auf der sicheren Seite waren Diskotheker auch mit Lizenzplatten von westlichen Musikern, die bei Amiga genau wie DDR-Produktionen zum Einheitspreis von 16,10 Mark für LPs und 8,10 Mark für die „Quartett“-Singles mit vier Stücken herauskamen.

Diskotheker bekamen dank ihrer staatlichen Spielerlaubnis diese Platten bevorzugt. Weniger Privilegierte bildeten lange Schlangen vor den Plattenläden, wenn mal wieder ein beliebter Westkünstler auf Lizenzplatte erhältlich war, denn West-Vinyl war schwer zu kriegen.

Wer keine Westkontakte hatte, besorgte sich die Scheiben für viel Geld auf dem Schwarzmarkt oder reiste nach Ungarn, denn in Budapest gab es viele Produkte aus dem Westen für Ostwährung regulär im Laden zu kaufen. Auch die staatlichen Plattenfirmen anderer sozialistischer Länder veröffentlichten Lizenzscheiben, leider häufig in sehr schlechter Pressqualität.

Animation

Grundsätzlich lief in den Discos der DDR ein breitgefächertes Programm. Während in der Hauptstadt bestimmte Läden durchaus eine gewisse musikalische Ausrichtung hatten, wurde das Publikum anderswo mit speziellen „Runden“ abgeholt: mal eine Heavy-oder Blueser-Runde für die Rockfans, eine „DeMo“-Runde für die Depeche Mode-Fans, eine Funk-Runde oder der Boogie-Soundtrack für eine Breakdance-Performance - und auch mindestens eine langsame Runde für den Engtanz musste sein!

Auf dem Lande schrieb das Publikum gern Schlager-Runden auf den Wunschzettel, wo Lieder von DDR-Stars wie Frank Schöbel und Olaf Berger auf die der West-Stars wie Roland Kaiser, Roger Whittaker und Münchner Freiheit trafen.

Die Musik war jedoch nicht alles: Die Diskotheker lernten ja in den Vorbereitungskursen zur Einstufungsprüfung ebenso die Kunst der Unterhaltung. Dazu gehörte nicht nur die fortwährende Moderation, sondern oft auch die komplette Planung des Abendprogramms mit zusätzlichen Showauftritten von Tanzgruppen, Breakdancern oder Bands.

Dies alles war beim Publikum nicht verpönt, sondern wurde erwartet. Die Grundidee war es letztlich, dass die rollende Disko eine Art Live-Radiosendung im Club mit tanzbarer Musik und interessantem Rahmenprogramm präsentierte.

Die Sechziger Jahre: dekadente Beatmusik

1964 fand in Ost-Berlin das dritte „Deutschlandtreffen der Jugend“ statt. Hierzu waren auch westdeutsche Jugendliche eingeladen und es wurde ein umfangreiches kulturelles Programm geboten. Zu diesem Anlass wurde sogar der Radiosender "DT64" ins Leben gerufen, der sich derartiger Beliebtheit erfreute, dass er als fester Jugendsender beibehalten wurde.

Auf Tanzveranstaltungen spielten zumeist Tanzkapellen oder Beatbands. Das änderte sich schlagartig, als es bei einem Konzert der Rolling Stones in der West-Berliner Deutschlandhalle im September 1965 zu heftigen Krawallen kam. Staatschef Walter Ulbricht setzte daraufhin ein Verbot der von ihm verhassten Beatmusik durch.

Die Siebziger Jahre

Die Weltfestspiele in Ost-Berlin 1973 ließen bei der DDR-Führung den Gedanken reifen, der Jugend mehr Freiheiten zu gönnen. Die Musik im Rundfunk wurde jugendlicher, und auch die staatliche Plattenfirma Amiga veröffentlichte nicht nur Musik, wie sie die alten Herren im Politbüro mochten, sondern auch Lizenzproduktionen von Acts wie Deep Purple, Stevie Wonder, ABBA und den Bee Gees.

Immer häufiger kam die Musik zum Tanz nicht mehr von der Tanzkapelle, sondern von Plattenspieler und Tonband. Musikbegeisterte mit Ahnung über und Zugang zu entsprechender Technik formierten sich als mobile Diskotheken und als die Achtzigerjahre anbrachen, gab es schon 6.000 Diskotheker in der DDR, davon mindestens 5.000 „rollende Diskos“ mit eigener PA, denn die meisten Spielstätten wie Mehrzweckgaststätten oder Kulturhäuser verfügten über keine eigene Anlage.

Die Achtzigerjahre: Breakdance und Depeche Mode

Ab der zweiten Hälfte der Achtziger wurde die DDR in Sachen Jugendkultur nochmals liberaler: Vieles wurde laufen gelassen, was noch Anfang des Jahrzehnts reglementiert wurde. Immer seltener wurde die 60/40-Regel in den Clubs überprüft und auch AWA-Listen verloren an Bedeutung.

Bereits ab 1983 fand Breakdance seinen Weg auf die Straßen und in die Clubs, bis „Beat Street“ 1985 auch in die DDR-Kinos kam. Der Film wurde von den Tugendwächtern als gesellschaftskritische Anprangerung der Verhältnisse in den kapitalistischen USA angesehen und machte „akrobatischen Schautanz“ endgültig zum Allgemeingut.

Auch die Moves von Dave Gahan wurden gerne kopiert. Es gab wohl kein Land auf der Welt, wo seine Band Depeche Mode eine solch treue und enthusiastische Anhängerschaft hatte, wie in der DDR. Eine "DeMo-Runde" war bei den meisten Jugendtanz-Veranstaltungen in den Achtzigerjahren einfach Pflicht für jeden Diskotheker.

Die Technik, die Musik und die Clubs

Aber nach wie vor stand die Mauer, und der Zugang zu westlicher Unterhaltungstechnik war schwierig. Doch die Menschen in der DDR verstanden sich auf Improvisation und die Diskotheker bildeten da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil: Wenn DJs die notwendige Technik und Musik nicht im eigenen Land kaufen können, musste eben gebastelt und getrickst werden.

Wie das ging und was im Nachtleben abging, erzähle ich in den nächsten beiden Episoden der bonedo-Trilogie zum Thema „Schallplattenunterhalter in der DDR“.

Vielen Dank für die ausführliche Hilfe bei der Recherche geht an Andre Langenfeld, Klaus Uhlmann, Wolle XDP, Dirk Duske, Tina Kaiser, Barbara Just und viele andere ungenannte Protagonisten des DDR-Nachtlebens.

Eure Story?

Seid ihr auch noch in der DDR ausgegangen? Habt ihr womöglich sogar als Schallplattenunterhalter oder Techniker gearbeitet? Wie waren eure Erfahrungen?
Schreibt es uns in den Kommentaren, wir freuen uns auf eure Geschichten!

Websites zum Thema

Studio89: Klaus Uhlmann aus Chemnitz (früher Karl-Marx-Stadt)

Spielerlaubis für Diskotheker in der DDR

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