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25.08.2015

Die Geschichte der elektronischen Musik #6

Musik und Strom: Orgatron, Wurlitzer, Rhodes, Clavinet

Die Ära der elektromechanischen Musikinstrumente

In Folge 6 unserer Geschichte der elektrischen und elektronischen Musikinstrumente werfen wir einen Blick auf die Ära der elektromechanischen Tasteninstrumente – es geht um das Orgatron, die E-Pianos der Marken Wurlitzer und (Fender) Rhodes und das Clavinet. Folgt uns in die 1930er Jahre und erforscht die Geschichte dieser elektromechanischen Instrumente!

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Pianisten und Organisten ein Problem: Sie hatten eigentlich kein transportables Instrument zur Verfügung. Es gab zwar eine Revolution in der elektronischen Klangerzeugung, aber fast alle der neuen Instrumente waren monophon und/oder experimentelle Einzelstücke, mit denen man nicht auf Tour gehen konnte. Von 1900 bis 1930 beschränkten sich die synthetischen Verfahren der Klangerzeugung fast ausschließlich auf die additive Synthese – nachzulesen in Die Geschichte der elektronischen Musik #2 – aber ein Problem der additiven Synthese war schon immer, dass man die sehr vielen Einzeltöne erst einmal generieren muss. Und wenn diese vielen Einzeltöne dann erst noch mechanisch erzeugt werden wie bei der Hammond-Orgel, wird das Instrument schnell sehr groß und schwer. Zwar gab es seit Anfang der 1930er Jahre schon die Basiselemente der subtraktiven Synthese, also Oszillator, Filter, Hüllkurve (Envelope) und ein paar Effekte, aber weder war der Ausgangsklang obertonreich genug, um wirklich viel filtern zu können, noch waren die Filter ausgereift genug, um wirklich musikalische Filterverläufe zu erzeugen. Ein Theremin zum Beispiel hört sich sowieso schon ähnlich an wie ein Sinuston, also ein Ton ohne Obertöne. Da gibt es also von vornherein nichts zu filtern. Beim Ondes Martenot war das nicht anders, weshalb man sich ja auch andere Sachen der Klangveränderung einfallen ließ – beim Ondes Martenot zum Beispiel vier verschiedene Lautsprecher, um den Klang wenigstens so noch ein bisschen beeinflussen zu können.

Natürlich stürzten sich die Instrumentenbauer auf die neuen Techniken und es wurden viele Instrumente gebaut, aber die meisten hatten doch einen recht dünnen und wenig ausdrucksstarken Klang und sind heute in Vergessenheit geraten. Aber die Namen sind bis heute toll: das Rhythmicon von 1930 zum Beispiel, die erste Drummachine. Terpsitone, Saraga-Generator, Syntronic Organ, Photona, The Singing Keyboard sind weitere obskure Instrumente aus den 1930er Jahren. In den 1940ern hießen die Instrumente dann Univox, Solovox und Tuttivox, Ondioline und Clavioline oder Monochord, Melochord und Polychrom. Nicht vergessen werden soll auch das Oramics von Daphne Oram, ein Instrument aus der Gattung der optoelektronischen Musikinstrumente, wie wir sie in Die Geschichte der elektronischen Musik #4 besprochen haben. Manche dieser Instrumente hatten eine zeitlang Erfolg, aber inzwischen sind sie ziemlich in der Vergangenheit versunken. Das größte Problem war nämlich, dass die Instrumente so gut wie alle monophon waren – und das macht einen Pianisten traurig. Wozu hat man so lange Klavier geübt? Die Lage war schwierig.

In dieser Situation trat Laurens Hammond auf den Plan, vor allem mit seiner Hammond Organ, aber auch mit dem Novatron, dem ersten kommerziellen, polyphonen „all-in-one“ Synthesizer, auf den wir auch noch einmal zu sprechen kommen werden. Aber es ist dem riesigen Erfolg der Hammond Organ zu verdanken, dass sie die Konkurrenz auf den Plan rief, die sich den Kopf zermarterte, auf der Suche nach ähnlichen neuen, irgendwie transportablen und vor allem polyphonen Instrumenten. Und so wurde eine ganze Gattung von neuen Musikinstrumenten geboren: die elektroakustischen Musikinstrumente.

Jetzt ist es bei der Einteilung von Musikinstrumenten in Gruppen ein bisschen wie in der Biologie: Es ist am Ende immer ein bisschen willkürlich, ob man die Beinchen abzählt oder doch nach der Farbe der Flügel kategorisiert. Ist eine Orgel ein Tasten- oder ein Blasinstrument? Und wird sie mit elektrischer Luftzufuhr auf einmal zu einer E-Orgel? Musikwissenschaftler können sich herrlich daran abarbeiten, aber wir ignorieren das komplett und packen hier mal ganz robust ein paar Instrumente in einen Sack, deren Sound und Namen auf der Zunge zergehen: Wurlitzer, Fender Rhodes, Hohner Clavinet, … herrlich! Fantastische Instrumente. Und leider inzwischen sehr teuer, weil sie alle nicht mehr gebaut werden. Aber das soll uns nicht abhalten, von ihnen zu schwärmen.

1935: Der Tonabnehmer und das Orgatron

Wie kam es dazu, dass die Hammond-Orgel so einen Einfluss hatte? Zwei Dinge kamen da zusammen, zum einen eben der große kommerzielle Erfolg der Orgel, von dem die Konkurrenz auch etwas abbekommen wollte. Und zum anderen die Erfindung des Tonabnehmers (Pickup), der in den 1930er Jahren zur Industriereife kam. Wir erinnern uns an die Erfindung des Mikrofons, wo der Luftdruck auf eine Membran trifft und die Schwingungen der Membran in elektrische Spannungsänderung umgewandelt wird. Beim Pickup ist das Prinzip ganz ähnlich, nur dass die Membran jetzt ein durch eine Spule erzeugtes Magnetfeld ist und die Metallsaite durch ihre Schwingungen in diesem Magnetfeld Spannungsänderungen erzeugt. So wird die Schwingung der Saite in elektrische Spannung „umformatiert“ und kann jetzt an einen Lautsprecher weitergereicht werden. Allerdings auch hier erst wieder über den Umweg eines Verstärkers, denn die in der Spule induzierte Spannung ist zunächst einmal viel zu gering. Nachdem dieses Prinzip zur Marktreife gebracht wurde, kam es wie immer: Kaum ist etwas neu erfunden, wird es an alles Mögliche angeschraubt, um zu schauen, ob es etwas taugt. Und so wurde erst einmal alles elektrifiziert, was bei drei nicht auf den Bäumen war: Gitarre, Kontrabass, Orgel, Klavier, Cembalo, Akkordeon.

Das Orgatron zum Beispiel, das ab 1935 als direkter Konkurrent zur Hammond-Orgel gebaut wurde, war eigentlich nichts anderes als ein Harmonium mit Tonabnehmer. Ein was? Genau, ein Harmonium. Dieses heute fast verschwundene Instrument hat tatsächlich einmal den Markt beherrscht wie der Yamaha DX7 die 1980er Jahre. Um 1900 wurden doppelt so viele Harmoniums verkauft wie Klaviere und allein in Deutschland wurden weit mehr als eine halbe Million Harmoniums gebaut (zum Vergleich: Vom DX7 wurden 200.000 Exemplare gebaut). Ein Harmonium ist so etwas wie eine kleine Orgel für den Hausgebrauch. Statt der Orgelpfeifen werden durchschlagende Zungen benutzt, also die gleiche Tonerzeugung wie bei einer Mundharmonika oder einem Akkordeon. Der benötigte Luftdruck wird mit den Füßen erzeugt, die zwei Blasebälge treten. Kaum hatte man ein bisschen Strom zur Verfügung, wurde die Erzeugung des Luftstrom natürlich auf elektrischen Betrieb umgestellt. Und schon kann man anfangen zu diskutieren: Haben wir es jetzt mit einem elektrischen Musikinstrument zu tun? Beim Orgatron auf jeden Fall, denn hier kam noch hinzu, dass man einen Tonabnehmer auf die durchschlagenden Zungen gesetzt hatte. Im Prinzip war das Orgatron also ein E-Harmonium, genauso wie aus einer Gitarre eine E-Gitarre wurde.

Das Orgatron wurde 1935-1941 von der Everett Piano Company gebaut, während des Krieges wurde die Produktion allerdings eingestellt. Nach dem Krieg wurde der Produktionszweig dann an die Wurlitzer Company abgegeben und die „elektrostatischen Orgeln“ unter der Marke Wurlitzer vertrieben, während Everett später an Hammond und dann an Yamaha verkauft wurde.

Bei der Wurlitzer Company muss man aber aufpassen, dass man nicht die unterschiedlichen Instrumente verwechselt. Wurlitzer hat einige richtig berühmte Instrumente gebaut, zum Beispiel riesige Theaterorgeln, Musikautomaten, elektrische Klaviere und später E-Orgeln. Wenn man also irgendwo den Namen Wurlitzer liest, heißt das nicht, dass damit automatisch die „elektrostatischen“ Orgeln gemeint sind – eher verbindet man die Marke heute mit dem berühmten E-Piano. Und wenn einem heutzutage ein Sound namens „Wurly“ über den Weg läuft, dann sind damit sicher nicht die Orgeln gemeint, sondern das liebevoll „Wurly“ genannte Wurlitzer Electronic Piano.

1954-1984: Wurlitzer und (Fender) Rhodes

Das Wurlitzer 200A, das von 1954-1984 gebaut wurde, war ein Klavier mit einer richtigen Klaviermechanik und mit Filz ummantelten Holzhämmern. Allerdings schlagen die Hämmer nicht auf eine Saite, sondern auf eine Metallzunge, deren Vibrationen dann durch einen Pickup aufgenommen werden.

Das war auch das Prinzip des schon vorher entwickelten legendären Rhodes Pianos, das aber erst vier Jahre später auf den Markt kam. Sein Erfinder, Harold Rhodes, wollte eigentlich Architektur studieren und hatte dafür auch ein Stipendium bekommen. Als aber 1929 die Wirtschaftskrise einschlug, musste er auf sein Studium verzichten und begann Klavier zu unterrichten, um seine Familie zu unterstützen. Als Klavierlehrer entwarf er eine eigene Unterrichtsmethode, die Rhodes-Methode, nach der übrigens heute noch unterrichtet wird und die klassischen Klavierunterricht mit Jazzimprovisation ergänzte. Diese Rhodes-Methode wurde ziemlich bekannt und er bekam 1942 den Auftrag, verwundeten Soldaten durch Klavierunterricht in ihrer Therapie zu helfen. Das Problem war aber, dass er gar nicht so viele Klaviere auftreiben konnte. Eine Armee, aber keine Klaviere – was tun? Rhodes entwarf ein elektrisches Klavier, das aus Armee-Bestandteilen gebaut werden konnte. Fertig war die erste Version des Rhodes Pianos, das eine relativ einfache Tastatur mit einem Gummihammer hatte und nicht wie oft kolportiert auf Metallplättchen schlägt, sondern auf eine unsymmetrische Stimmgabel. Eine was? Genau, eine unsymmetrische Stimmgabel.

Wir sehen im Bild eine auf der Seite liegende Stimmgabel: Oben ist der kupferfarbene größere Zinken, unten der kleine, runde, silberfarbene andere Zinken. Ziemlich unterschiedliche Zinken, muss man sagen, weshalb es eine unsymmetrische Stimmgabel ist. Beim Rhodes Piano schlägt der Gummihammer auf den kleinen Zinken, dessen Vibrationen durch die Metallverbindung links auf den größeren Zinken übertragen wird. Die Vibrationen des größeren Stimmhammers werden vom Pickup abgenommen. Gestimmt wird das Ganze durch die kleine Feder, die am unteren Zinken sitzt, befestigt wird die Konstruktion mit den Schrauben ganz links.

Nach dem 2. Weltkrieg wandte sich Rhodes wieder seiner Profession als Klavierlehrer zu. 1959 ging er dann ein Joint Venture mit dem Gitarrenbauer Leo Fender ein, um die Instrumente in Serie herzustellen. Fender wollte erst einmal mehr Bass, weshalb man 1959 gleich mal den Piano Bass baute, ein Rhodes Piano mit nur zweieinhalb Oktaven im Bassbereich. Später wurden beide Instrumente in eines integriert – und fertig war das Fender Rhodes, wie wir es heute kennen. Und wer sich wundert, weshalb es das Fender Rhodes in so vielen Farben gab: Die typische Haube aus Fiberglas kam von einem Bootsbaulieferanten, der immer die Farbe lieferte, die gerade übrig war.

Der Rest ist Geschichte: die "Silver-Top Models" (1965-1969), Fender Rhodes Mark I (1969-1974), Rhodes Mark I (1975-1979 – das Wort Fender wurde nur gelöscht, damit die Verkäufer nicht gleichzeitig E-Gitarren von Fender verkaufen mussten), Rhodes Mark II & III (1979-1982).

Problematisch wurde es dann Anfang der 1980er Jahre. Das 1981 erschienene Rhodes Mk III EK-10 war eine Kombination aus Fender Rhodes und Synthesizer und kam zu einer Zeit auf den Markt, als es schon einige polyphone Synthesizer gab. Mit deren Klangvielfalt konnte das Fender nicht mithalten. 1983 folgte dann das kurzlebige Rhodes Mark IV und 1984 das letzte Keyboard, das Rhodes Mark V. Wie das Mk III hatte auch das Mk V ziemlich Probleme mit der Qualitätskontrolle und war einfach nicht billig zu produzieren. Gleichzeitig kamen von Kurzweil die ersten gesampelten Klaviere auf den Markt und der letzte Sargnagel war dann der Yamaha DX7 mit seinem beliebten DX7 Rhodes Klang. Obwohl er mit einem Rhodes kaum etwas zu tun hatte, wurde dieser Klang so populär, dass die Firma, die den Sound überhaupt erst erfand, 1985 ihre Produktion stilllegte.

1987 brachte Roland, das die Firma Rhodes inzwischen übernommen hatte, das rein elektronische Roland Rhodes MK 80 heraus, was dem Firmengründer Harold Rhodes übrigens überhaupt nicht passte. 1997 kaufte er seine Namensrechte zurück, aber bevor etwas passieren konnte, starb Rhodes im Jahr 2000. 2007 folgte mit dem Rhodes Mark 7 dann der bislang letzte Versuch, unter der Marke Rhodes ein Rhodes Piano alten Stils zu fabrizieren. Heute baut die US-amerikanische Firma Vintage Vibe E-Pianos nach dem Rhodes-Prinzip. Weitere Instrumente, wie zum Beispiel der Waldorf Zarenbourg oder das Korg SV-1, zitieren zwar die Optik des Fender Rhodes, besitzen aber eine rein elektronische Klangerzeugung. Sowohl auf Hardware- als auch auf Software-Ebene versuchen zahlreiche Hersteller, dem Klang des originalen Fender Rhodes immer näher zu kommen – nachzulesen in unserer Geschichte der E-Piano Clones.

1958-1982: Hohner Cembalet, Pianet und Clavinet

So, bis jetzt hatten wir also zwei Orgeln sowie das Rhodes und das Wurlitzer, die beide eine Klaviermechanik mit Hämmern verwendeten. Aber es gibt ja noch andere Tasteninstrumente, z.B. das Cembalo, das könnte man doch auch mal elektrifizieren. Gesagt, getan – und hier schlägt die große Stunde des Dipl. Ing. Ernst Zacharias, Entwickler bei der Firma Hohner in Trossingen. Hohner Clavinet, Hohner Pianet, Hohner Cembalet, Hohner Guitaret, Claviola, Honerola, Minetta, Electra-Melodica –was soll man sagen: Der Mann hatte Ideen! Für uns wichtig sind Hohner Cembalet, Pianet und Clavinet, wobei Cembalet und Pianet die beiden Varianten sind, deren Saiten wie beim Cembalo angezupft werden.

Fangen wir an mit dem Cembalet, das 1958 an als erstes auf den Markt kam. Das Cembalet ist, wie der Name schon suggeriert, wirklich so etwas wie ein E-Cembalo, allerdings auch ohne Saiten, sondern mit Metallzungen, die von einem Plektrum angezupft werden. Und obwohl das Cembalet immer etwas im Schatten der beiden anderen Instrumente stand, wurde es immerhin bis Anfang der 1970er Jahre in verschiedenen Ausführungen gebaut.

Berühmter wurde allerdings das Pianet, das von 1962 an fabriziert wurde. Auch das Pianet arbeitet mit Metallzungen, die erst angehoben werden, um dann beim Loslassen ins Vibrieren zu kommen. Aber wie das Anheben beim Pianet vor sich geht, ist eigentlich eine völlig wahnwitzige Idee, nämlich durch Klebstoff. Während die Metallzunge beim Cembalet von unten durch das Plektrum angehoben wird, geschieht das beim Pianet durch einen mit Klebstoff beschichteten Anheber, der die Metallzunge nach oben zieht, bis sie sich vom Anheber löst und dann vibriert. Man könnte denken, dass sich das im Endeffekt ja ganz ähnlich anhören sollte, aber Form der Metallzunge, Art der Anregung und wie die Vibrationen überhaupt in elektrische Spannung umgesetzt werden, ändern den Klang enorm, und so hören sich Pianet und Cembalet auch völlig unterschiedlich an. Ausgesehen haben die beiden allerdings in den 1960er Jahren fast genau gleich, weil beide Instrumente von Hohner in das gleiche Gehäuse eingebaut wurden. Das führte und führt bis heute zu ziemlich viel Konfusion.

Wer sich heute ein Pianet kauft, muss wissen, dass es zwei ziemlich unterschiedliche Sorten Pianet gab, nämlich die Modelle, die von 1962 bis 1977 produziert wurden, und die ab 1977 gebauten letzten Modelle Pianet T, Pianet M und das Pianet/Clavinet Duo. Ähnlich wie bei den Fender Rhodes gelten die späteren Modelle nicht mehr als die „wahren“ Pianets, weil sie anders gebaut wurden und dadurch einen viel weicheren Klang hatten. Und obwohl sich diese letzten Pianets auf dem Heimmarkt noch ganz gut verkauften, läutete für das Pianet 1982 das Todesglöckchen.

Das dritte berühmte elektroakustische Tasteninstrument von Hohner, das Hohner Clavinet, hatte wieder Saiten und war eine Art E-Clavichord. Ein Clavichord ist eine seltsame Angelegenheit, bei der die Saite nicht mit einem Hammer, sondern mit einer Tangente angeregt wird. Die Tangente bringt dabei nicht nur die Saite zur Schwingung, sondern teilt sie auch in einen schwingenden und einen nicht-schwingenden Teil auf. Beim Clavinet gibt es dann auch noch einen Amboss, auf den die Saite gedrückt wird, also eine vertrackte Sache. Heraus kommt aber ein ganz bestimmter berühmter Staccato-Sound, der bis heute in keiner E-Piano-Soundbank fehlen darf und beispielsweise von Stevie Wonder und Herbie Hancock berühmt gemacht wurde. Hergestellt wurde das Clavinet von 1964 an und verschwand dann wie das Pianet 1982 mit dem Pianet/Clavinet Duo.

1976-1985: Yamaha CP-70 und CP-80

Man muss sich ja mal überlegen: Wieso kamen alle diese Instrumente eigentlich alle zu einer bestimmten Zeit auf den Markt und vor allem: Wieso verschwanden sie dann alle so plötzlich wie die Dinosaurier von der Erde? Die Anfänge sind relativ klar: Es gab eine technische Entwicklung und irgendwann wurde diese Entwicklung eben auch auf Musikinstrumente angewendet. Und bei allen besprochenen Instrumenten bis auf die Hammond-Orgel, die wirklich eine revolutionär neue Klangerzeugung besaß, war die Entwicklung ja auch relativ direkt: Es wurden schon vorhandene Instrumente elektrifiziert, meistens im Hinblick darauf, sie lauter und tragbarer zu machen. Die Hersteller brachten Geräte auf den Markt, die schon vorhandene Instrumente nachahmen oder sogar ersetzen sollten. Aber hört sich eine Hammond Organ wie eine Kirchenorgel an? Ein Clavinet wie ein Clavichord? Ein Fender Rhodes wie ein Klavier? Gerade der letzte Punkt, nämlich die Suche nach dem transportablen Klavierklang, ist auch heute noch Gegenstand unzähliger neuer Instrumente, Sample Librarys, virtueller Klaviere – der Klaviersound scheint so etwas wie der heilige Gral der elektronischen Klangerzeugung zu sein, an dem sich alle abarbeiten. Und keines der bisherigen Instrumente kam wirklich daran heran, bis Yamaha Mitte der 1970er Jahre – also relativ spät in dieser Geschichte – seine CP-Reihe auf den Markt brachte, die mit elektromechanischen Instrumenten begann und bis heute in Form der digitalen Stagepianos CP1, CP4 STAGE und CP40 STAGE weiterlebt (der Bindestrich wurde irgendwann aus den Modellbezeichnungen gestrichen).

Das Yamaha CP-60 und die verschiedenen CP-70- und CP-80-Modelle besaßen echte Saiten und echte Klaviaturen und kamen einem authentischen, transportablen Klaviersound näher als alles andere zuvor. Wobei das mit dem „transportabel“ so eine Sache ist – ein CP-80 wiegt um die 130 Kilogramm. Und ziemlich viel Geld wurde auch vom Konto abtransportiert, zwischen 11.000 und 15.000 DM nämlich. Aber dafür bekam man dann eben auch einen bis dahin unerreicht authentischen Klaviersound auf die Bühne, was daran liegt, dass die CPs echte Klaviere waren, nur eben ohne Resonanzboden.

Wie soll man sich das also vorstellen? Vielleicht hilft am ehesten der Vergleich zwischen Gitarre und E-Gitarre: Eine akustische Gitarre ohne Resonanzboden ist so laut bzw. leise wie eine E-Gitarre ohne Strom. Und auch wenn es schwer zu glauben ist. Ein Klavier ohne Resonanzboden ist – trotz des ganzen Metalls, trotz der Hämmer, trotz seines Gewichts – sehr leise und hört sich ein bisschen an wie ein Glockenspiel. Ohne die schwere Holzplatte geht gar nichts. Und genau diese wurde weggelassen und stattdessen Piezo-Abnehmer eingebaut. Dazu kamen dann je nach Modell noch weitere Kleinigkeiten, wie MIDI-Funktionen, Tremolo-Effekt und Equalizer.

Das CP-60 mit seiner Klavierform war nicht als Bühneninstrument gedacht, es war eher eine frühe Form von einem SilentPiano. Nur das CP-70 mit 73 Tasten und das CP-80 mit 88 Tasten waren für den Transport vorgesehen und wurden in zwei Koffern geliefert – einer mit dem Klavierrahmen und der Elektronik und der andere mit der Klaviatur und der Mechanik. Von Kawai gab es übrigens ähnliche Modelle, das Kawai EP-308 in Flügelform und das EP-608 als Klavier. Aber nur die bis 1985 hergestellten Yamaha Instrumente wurden berühmt und von unzähligen Keyboardern auf die Bühne geschleppt.

Die Gretchenfrage ist natürlich: Haben sich die Instrumente denn auch wirklich wie echte Klaviere oder Flügel angehört, kann ein Klavier ohne Resonanzboden klingen wie ein Klavier? Natürlich nicht, denn es ist tatsächlich der Resonanzboden, der bei einem Klavier den größten Anteil an der Klanggestaltung hat. Auch wenn man bei einem alten Flügel alles erneuert kann – den Resonanzboden kann man nicht ersetzen und deshalb wird sich der Flügel auch „alt“ anhören, sobald der Resonanzboden an Spannung verliert. Und das können Piezo-Tonabnehmer natürlich nicht ersetzen. Dazu kamen die sehr kurzen Saiten, die viele inharmonische Obertöne produzieren, und die Hämmer, die statt mit Filz mit Leder überzogen waren. Das verschaffte den CP-Pianos aber einen ganz eigenen, wiedererkennbaren Klang und machte sie überhaupt erst zu eigenständigen Instrumenten in ihrer eigenen Liga. Und es ist ja schon witzig: Damals zahlten die Keyboarder viel Geld und schleppten 150 kg auf die Bühne, um endlich einen „echten“ Klavierklang zu haben. Heute zahlen wir viel Geld, um an ein Gebrauchtinstrument zu kommen, das sich eben nicht wie ein Klavier anhört. Aber so ist das eigentlich mit allen Oldtimern: Die Gründe, warum sie zu ihrer Zeit aktuell waren, sind ganz andere als die, warum wir sie heute verehren.

Das Ende

Zum Schluss noch mal zurück zu der oben gestellten Frage nach den Dinosauriern und warum alle diese Instrumente (bis auf die elektrostatische Wurlitzer Orgel und dem Cembalet, die schon vorher das Zeitliche gesegnet hatten) innerhalb von zwei bis drei Jahren vom Markt verschwanden. Ist ein Meteorit eingeschlagen? Ja, genau, so könnte man das sagen. Der Meteorit hieß „digital“ und kam als Doppelhammer. Zum einen in der digitalen Speicherung von Klängen, also als Sampler, die ab 1984 zu bezahlbaren Preisen erhältlich waren, zum anderen in der digitalen Klangerzeugung, und hier braucht nur ein Name zu fallen: Yamaha DX7.

Wer als Keyboarder 1983 überlegte, welches Instrument er kaufen sollte, hatte die Wahl zwischen verschiedenen schweren, mechanischen Kisten, die leicht kaputt gingen und genau eine Sorte Klang fabrizieren konnten. Wenn man dann noch vorne dabei sein wollte und auch ein bisschen Synthesizer spielen wollte, musste man sich schon noch einen Synthesizer zusätzlich kaufen. Oder man schaffte sich einen DX7 an, konnte alle gewünschten Klänge in einer für damalige Verhältnisse befriedigenden oder sogar fantastischen Qualität spielen, bekam neue ohrenschmeichelnde Sounds gleich dazu, hatte Zugriff auf sphärische-evolvierende Synthesizer-Sounds und dazu auch noch eine ganz gute Tastatur mit Aftertouch und 16-szimmige Polyphonie. Dazu kamen drei Pedalanschlüsse und wer wollte, konnte auch noch einen Blaswandler anschließen. Das Ganze gab es zu einem Spitzenpreis. Da erübrigt sich die Frage, warum sich der DX7 verkaufte wie geschnitten Brot und alle elektromechanischen Instrumente vom Markt gefegt wurden, als gäbe es kein Morgen. Sie wirkten alle auf einmal unglaublich alt und lieferten nicht mal einen Bruchteil dessen, was die neuen Instrumente konnten.

Und so ist die Ära der elektroakustischen Instrumente zu Ende gegangen und flackert zwar heute manchmal noch auf, ist dann aber auch immer schnell wieder erloschen. Mit der Patina und den Legenden, die sich um die alten Instrumente bilden, kann aber kein neues Instrument mithalten. Es sind halt Oldtimer, und die kann man nicht neu bauen.

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