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22.06.2018

Die 7 häufigsten Anfängerfehler beim Klavier lernen

Muss aller Anfang wirklich immer schwer sein?

Vermeide diese Fehler und du lernst leichter und schneller Klavier zu spielen!

Aller Anfang ist schwer, sagt das Sprichwort. Aber muss das immer so sein? Oder kann man eine so spannende, aber auch anstrengende Reise wie Klavier spielen lernen nicht auch deutlich leichter gestalten? Die folgenden Anfängerfehler habe ich, bis auf wenige Ausnahmen, bei so gut wie jedem Schüler gesehen, der seinen Klavierunterricht bei mir aufnahm. Auch Schüler, die bereits einiges gelernt hatten und erst dann zu mir kamen, zeigten oft dieses Verhalten. Viele Dinge tun wir eben unbewusst, weil wir nicht wirklich verstanden haben, wie genau lernen funktioniert.

Auch du wirst dich wahrscheinlich im einen oder anderen Punkt wiederfinden. Wenn du also gerade anfängst, Klavier zu lernen, dann lasse dir von mir helfen und vermeide die folgenden Fehler. So lernst du schneller und leichter und das macht einfach viel mehr Spaß. Los geht’s!

1. Die „ich-hatte-diese-Woche-keine-Zeit-zu-üben“-Ausrede

Das kennt wahrscheinlich jeder Klavierlehrer. Die Tür geht auf und der Schüler kommt herein. Und kurz nach dem Hallo oder während noch die Jacke aufgehängt wird, erklärt der Schüler: „Ich hatte diese Woche leider keine Zeit Klavier zu üben“. Das klingt natürlich besser als zu sagen, man sei einfach zu faul gewesen. Und man fühlt sich nach der anfänglichen Beichte wahrscheinlich erleichtert. Spätestens aber, wenn ein siebenjähriger Junge von zu wenig Zeit spricht oder dieser Satz über längere Zeit in jeder Stunde fällt, sollte einem klar werden, dass es sich dabei um eine Ausrede handelt. Und Ausreden benutzt man, um besser da zustehen.

Eigentlich müsste der Schüler sagen: „Es war mir diese Woche einfach nicht wichtig genug“, oder „Ich war einfach zu faul“. Aber so etwas gesteht man sich selbst nicht so leicht ein, geschweige denn vor dem Klavierlehrer. Denn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben finden wir eben immer Zeit. Essen, die Zigarette zwischendurch, das Telefonat mit einer Freundin oder mal eben fünf Minuten Facebook checken, dafür ist komischerweise immer Zeit. Und auch duschen geht immer, obwohl man schon spät dran ist, weil es einfach sein muss. Nur das Instrument bleibt oft auf der Strecke.

Warum erzähle ich dir das? So abgedroschen es auch klingen mag, ohne Fleiß nun mal kein Preis. Und das ist wirklich einer der häufigsten Anfängerfehler. Viele glauben, man kann etwas lernen, ohne es zu tun. Aber das funktioniert natürlich nicht. Du würdest ja auch nicht Mitglied im Fußballverein werden, nur um den anderen beim Trainieren zuzuschauen, ohne selbst mitzumachen. Bei jedem Mannschaftssport würde so sehr schnell auffallen, dass sich alle außer dir weiterentwickeln und du würdest die Lust am Sport schnell verlieren und den Verein wieder verlassen.

Gerade bei einem Instrument, wie dem Klavier, fehlt aber oft der Kontakt zu anderen Musikern. So fällt nicht so schnell auf, dass man sich seit einigen Monaten eigentlich nicht weiter entwickelt hat. Und man kann sich ganz leicht selbst belügen, und die letzte Woche, in der man wieder einmal nicht eine Minute am Klavier saß, schönreden. Und die Woche davor usw. Aber Unterricht macht eben nur dann Sinn, wenn man das im Unterricht Erlernte anwendet und damit umgeht. Einmal die Woche beim Lehrer zu erscheinen reicht leider nicht. 

Was kannst du ändern?

Frage dich einfach, was du erreichen willst. Wenn du richtig gut Klavier spielen willst, muss es dir wichtig sein. Und du wirst wohl regelmäßig etwas Zeit und Anstrengung investieren müssen, so wie es die machen, die ein Ziel erreichen möchten. Ein Instrument zu spielen ist eine komplexe Angelegenheit. Willst du sie meistern, musst du regelmäßig Üben. Du musst bei einem Instrument ja nicht nur sehr viel lernen, du musst vor allem viele Fähigkeiten aufbauen. Und das geht nur durch regelmäßiges Üben und Geduld. 

*  Mache dir klar, dass du nicht in einer Woche zum Pianisten werden musst. Teile alles in kleine Abschnitte ein und gehe dann einen Schritt nach dem anderen. Sonst wirkt das Ganze vielleicht einschüchternd und du lässt es lieber gleich.

*  Plane das Üben und halte dich daran. Stelle dir zum Beispiel einen Wecker, immer zur gleichen Zeit. Wenn er klingelt, setzt du dich sofort ans Klavier und übst zehn Minuten. Oder, immer, wenn du nach Hause kommst, übst du erst Klavier, bevor du etwas Anderes machst. Berufstätige können einfach zehn Minuten früher aufstehen und üben, bevor sie zur Arbeit gehen. So oder so kommst du dann immer auf dein Pensum. Und glaub mir, das wird sich lohnen. Außerdem wirst du vor Stolz auf dich fast platzen, wenn du das einige Zeit durchziehst!

*  Lass das Wochenende nicht ungenutzt verstreichen. Du verschwendest sonst zwei Tage, an denen du den ganzen Tag Zeit hast und in Ruhe jeweils 20 Minuten Klavier üben könntest. Gerade wenn du unter der Woche mal wieder „nicht dazu gekommen“ bist, musst du Samstag und Sonntag unbedingt was tun. 

*  Wenn du dich, warum auch immer, einfach nicht zum Üben überreden kannst, dann spiele wenigstens ein altes Stück, übe ein paar Kadenzen oder improvisiere. Nach einiger Zeit musst du dich auch nicht mehr zum Üben überreden. Du machst das dann ganz automatisch. Und die sich einstellenden Fortschritte werden dich zusätzlich motivieren. Auf jeden Fall muss dir das Klavier wichtig werden, damit du immer einen Grund zum Üben hast. Sei fleißig!

2. Schaue auf die Noten

Viele Anfänger schauen beim Klavier spielen permanent auf die Hände. Und natürlich ist das verlockend, schließlich sieht man beim Klavier im Vergleich zu anderen Instrumenten eben alles und kann es ausgiebig beobachten. Das ist aber aus mehreren Gründen keine gute Idee. 

Zum einen lenkt das nur von den wichtigen Dingen ab. Nehmen wir zum Beispiel einen Fußballer. Der schaut auf dem Platz ja auch nicht auf seine Füße. Er würde dann seine Mitspieler nicht sehen und könnte ihnen den Ball auch nicht zuspielen. Er würde heranstürmende Gegenspieler nicht sehen und wüsste im Endeffekt nicht einmal genau, wo das Tor steht. Oder denke an Rad- oder Autofahren. Was passiert, wenn du für längere Zeit nicht nach vorne schaust? Du wirst über kurz oder lang einen Unfall bauen. Natürlich schaut man mal kurz nach links oder macht einen Schulterblick. Das ist auch völlig ok, aber hauptsächlich muss man die Straße beobachten. Und genau so ist das beim Klavier spielen. Konzentriere dich auf die Noten. Sie zeigen dir den Ablauf. Durch sie weißt du, was als nächstes kommt. Natürlich kannst du bei einem Sprung auch mal kurz auf die Tasten schauen. Bewegt sich die Hand aber gar nicht, ist das völlig unnötig. 

Zum anderen verhinderst du dadurch, dass sich deine Hände entwickeln. Diese müssen lernen, sich selbstständig über die Klaviatur zu bewegen, ohne, dass jemand auf sie aufpasst. Das wiederum ist vergleichbar mit Kindern, die lernen müssen, sich frei im Leben zu bewegen. Ist die Mutter bei allem dabei und überwacht alles, kann sich das Kind nicht vollständig entwickeln. Oder denke an den Chef einer Firma. Ab einer bestimmten Zahl von Angestellten, kann eine Person alleine nicht mehr alle Abläufe überwachen. Deshalb werden Menschen eingestellt und darauf vertraut, dass sie ihre Arbeit gewissenhaft erledigen.

Und genau das können auch deine Hände für dich tun, wenn du sie lässt. Mache sie zu deinen Angestellten und lasse sie unbedingt mithelfen! Schaust du beim Klavier spielen aber ständig auf deine Hände, verhinderst du diese Entwicklung. Meine Erfahrung zeigt, dass sich Schüler sehr oft verspielen, wenn sie sich nicht auf ihre Hände verlassen. Vertrauen sie aber darauf, dass diese genau wissen, was zu tun ist, klappt das Stück direkt meist völlig fehlerfrei. Schaue dir dazu auch meinen Artikel 8 Tipps zum Üben wie die Profis genauer an. Darin erkläre ich dir ausführlich, worauf es beim Üben eigentlich ankommt. 

Am besten übst du anfangs so, indem du alle Finger spielen lässt, ohne dabei auf die Hände zu schauen. Lege deine Hände einfach irgendwo auf die Tasten, schließe die Augen und dann spiele alle zehn Finger. Steuere sie nur über deine Gedanken, nicht aber über deine Augen, an. Danach entscheidest du immer durch Zufall und erst kurz vorher, welcher Finger gespielt werden soll. So lernst du in kurzer Zeit, alle Finger direkt anzusteuern, ohne sie davor anschauen zu müssen.  

Und wenn du ein neues Stück beginnst, versuche die Töne doch erst einmal zu finden mit dem Blick ausschließlich auf den Noten. Du wirst erstaunt sein, wie gut das geht. Triffst du nicht, schaust du dir die genaue Distanz an und vollziehst sie dann mit deiner Hand mehrfach nach. So lernen deine Hände Distanzen einzuschätzen. Nach einiger Zeit musst du dann überhaupt nicht mehr runter schauen. Blinde Pianisten wie Stevie Wonder beweisen ja, dass es auch so funktioniert.

Außerdem musst du so deine Stücke nicht immer komplett auswendig lernen, das ist dann viel weniger Arbeit. So kommt es auch nicht ständig zu Denkpausen, weil dir der nächste Ton oder Akkord gerade mal wieder nicht einfällt. Und das führt uns zum nächsten Punkt.

3. Lesen, nicht raten!

Verspielt sich ein Schüler im Unterricht, frage ich immer erst einmal nach dem Namen des Tones. Meistens erhalte ich dann in deutlich weniger als einer Sekunde eine Antwort, die fast immer falsch ist. Oft merkt man schnell, dass sie dazu komplett geraten war. Und genau hier liegt das Problem. Rätst du den Namen eines Tones, übst du leider nicht Noten zu lesen. Gehe nicht den leichten Weg, denn der bringt dich nicht weiter. Antworte nicht schnell, sondern immer überlegt. 

Noten lesen ist kein Hexenwerk. Hast du damit auch Probleme? Dann lies am besten meinen Artikel Notenlesen verständlich erklärt. Dort findest du eine genaue Anleitung und alles Wichtige zu diesem Thema. Halte dich an den dort beschrieben Ablauf beim Noten lesen und gib das Raten auf! Dann gehörst du auf diesem Gebiet schnell zu den Profis.

4. Du bist was du denkst

Ich erlebe oft, dass Schüler bei ausbleibendem Erfolg frustriert sind, sich aufregen, oder gar wütend werden. Manche antworten auf eine ihnen gestellte Aufgabe auch mit: „Ich glaube ja nicht, dass das jetzt klappt“. Und dabei begehen sie einen riesigen Fehler. Dein Mindset *, wie du beim Lernen mit dir selbst sprichst, was du denkst, was du von dir erwartest und was du am Instrument erreichst hängt natürlich alles direkt damit zusammen. Auch hier solltest du an Sport denken. Sagt der Boxer vor seinem Kampf zu sich: „Heute werde ich sicher heftig einen auf die Mütze bekommen“? Oder denkt der Sprinter vor dem Rennen daran, dass er keine Chance hat und Letzter werden wird? Du kannst dir sicher vorstellen, welche Auswirkungen das auf seine Leistung hätte.

* Der Begriff "Mindset" ist ein englischer Begriff, der vielfältig übersetzt werden kann. Im Allgemeinen hat er folgende Bedeutung:  Denkweise - Einstellung - Gesinnung - Haltung - Lebensphilosophie - Mentalität - Orientierung - Weltanschauung

Denke positiv und versuche Fehler ganz nüchtern zu sehen. Sie zeigen dir nur, wo du dich noch verbessern kannst und wo du noch üben musst oder dass du dich vielleicht einfach besser konzentrieren musst. Vielleicht hast du den Fehler beim Üben einfach überhört, aber der Lehrer bekommt ihn im Unterricht natürlich mit. Dann solltest du aufmerksamer sein, immer wieder überprüfen, ob du das Stück genau so spielst, wie es notiert ist. Hab‘ einfach Spaß, auch beim Üben! Ich persönlich habe mir zum Beispiel angewöhnt über Fehler einfach zu lachen. Danach übe ich die Stelle einfach so, dass der Fehler nie wieder auftritt. Falls doch, lache ich wieder darüber und gehe noch einmal an diese Stelle. Egal wie hartnäckig sich ein Stück wehrt, bleibe unbedingt positiv!

5. Der Weg ist das Ziel

Unterschätze nicht die Zeit, die es braucht, um ein Instrument zu lernen. Verschiedenste Anforderungen ergeben zusammen eine äußerst komplexe Tätigkeit. Sei fleißig und geduldig. Und mache dir immer wieder klar, warum du das alles auf dich nimmst. Musik macht Spaß! Auch beim Üben macht man Musik, deshalb kannst du das Üben doch einfach genießen. Du investierst Zeit und Mühe in dich und deine Zukunft. Die wirklich guten Dinge im Leben bekommt man oft nicht einfach so, ohne etwas dafür zu tun. Man muss sich erst ein bisschen anstrengen. Aber genau deshalb ist es dann auch so schön, wenn man sein Ziel erreicht. Erfreue dich an Teilerfolgen. Sei stolz auf dich, wenn du in drei Tagen vier Takte deines Stückes gelernt hast. Und dann, auf zu den nächsten vier Takten! Musik ist einfach wundervoll, das solltest du niemals vergessen. Genieße deine musikalische Reise in vollen Zügen, auch beim Üben.

6. Benutze deine Ohren

All die Noten, die du lesen und die Dinge, die du beim Klavierspielen bedenken musst, sollten dich nicht vergessen lassen, worum es beim Musizieren eigentlich geht. Es geht dabei um den Klang, um die Musik selbst. Nutze deine Ohren, höre dir alle Töne genau an. So entdeckst du Fehler in deinem Spiel, die dir beim reinen Lesen und Abspielen der Musik sonst entgehen. Und du minderst die Gefahr, alles zu zerdenken und deine Musik zu einer reinen Lese- und Rechenaufgabe zu machen. Ein geübter Zuhörer bekommt das nämlich sofort mit. Verbinde den Klang der Musik, die du spielst, außerdem mit Erlebnissen, Geschichten oder Bildern. Dann erzeugst du ein holistisches Erlebnis, das alle Sinne stimuliert.

Du lernst Stücke dadurch auch viel schneller, weil du dabei stets weißt, was du ausdrücken möchtest. Und der Zuhörer erlebt etwas, das über die Töne hinaus geht. Du erzählst eine Geschichte. Das ist es, worum es in der Musik geht.

7. Richtig Üben

Zum Schluss möchte ich dir ganz kurz noch ein paar grundlegende Tipps zum Üben geben. Diese drei Punkte sind besonders wichtig.

1.  Wenn du zu schnell übst, erzeugst du nicht den wichtigen Übe-Effekt, egal was, oder wie viel du übst. Außerdem machst du so viele Fehler, die sich in dein Gehirn einprägen. Unterfordere dich anfänglich immer und steigere erst dann dein Tempo. So lernst du viel schneller und direkt richtig, anstatt dein neues Stück fehlerhaft einzustudieren, um die Fehler dann mühsam wieder zu korrigieren.  

2.  Wiederholung ist die Mutter des Lernens. Auch Dinge, die du schon richtig gespielt hast, können durch Wiederholungen nur noch sicherer werden. Übst du nur eine Hand, musst du auch wiederholen. Kommt die zweite Hand dann wieder dazu, gibt es Probleme. Ohne Wiederholungen bist du nur in der Lage, das Stück zu verstehen, kannst es aber nicht spielen. Das führt uns zu Punkt 3.

3.  Verwechsle verstehen nicht mit können. Wissen muss nur verstanden werden. Aber ein Instrument zu spielen ist eine Fähigkeit. Diese muss trainiert werden. Theorie ist die Basis der Praxis. Aber ohne Praxis ist Theorie nutzlos. Konzentriere dich deshalb beim Üben auf die Bewegungen deiner Hände und Arme, diese speichert dein Gehirn. Sie lassen dich dein Stück dann irgendwann auswendig, sicher und frei spielen.

All das und noch viel mehr kannst du sehr ausführlich in meinem Artikel 8 Tipps zum Üben wie die Profis nachlesen.

Ich wünsche dir viel Erfolg!

Tipp:  Weitere interessante Themen rund um das Klavier lernen und spielen findet ihr in unserem Artikel: Klavier lernen – Tipps für Anfänger und Profis

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