Gitarre Hersteller_Chandler_Ltd
Test
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11.03.2013

Chandler Limited GAV19T Test

Vollröhren-Topteil für Gitarre

Heidewitzka, Herr Kapitän!

Das Chandler GAV 19T Röhrentop im bonedo-Test - Wer in Sachen Studioequipment bewandert ist, dem ist mit Sicherheit auch der Name Chandler schon einmal begegnet. Das Familienunternehmen Chandler Limited aus Iowa hat sich in den letzten Jahren auf dem Studiosektor einen sehr guten Namen gemacht. Die High End Analogprozessoren werden mittlerweile von Produzenten und Toningenieuren in aller Welt geschätzt. Wade Goeke, seines Zeichens Chef und Mastermind des aufstrebenden Unternehmens, entwickelt zum Beispiel, basierend auf Originalbauplänen der Abbey Road Studios in London Equalizer, Kompressoren/Limiter, Mixer und Preamps.

Neu dagegen ist die Entwicklung von Gitarrenequipment. Und wenn sich eine Firma wie Chandler auf dieses Feld begibt, dann kann man davon ausgehen, dass es sich auch bei unserem Testobjekt, einem Röhren-Topteil, nicht um einen "normalen" Gitarrenamp handelt. Was mir dann allerdings tatsächlich auf den Seziertisch kam, hat mich fast umgehauen.

Details

Konzept

Beim Chandler GAV19T handelt es sich um ein handverdrahtetes Vollröhren-Gitarrentopteil mit einer Ausgangsleistung von 19 Watt. Klanglich orientiert es sich zwar an den klassischen Gitarrenamps von Vox, Selmer und Marshall, eine Kopie ist dieser Amp aber nicht. Wade Goeke ist mit dem Anspruch angetreten, diesen Amp mit den besten Eigenschaften der legendären Vorbilder auszustatten. Die Röhrenbestückung besteht aus zwei EL84 und jeweils einer ECC83, ECC803 und EZ81.

Das Besondere des GAV19T liegt unter anderem darin, dass der Amp seine Verzerrung ausschließlich mit seiner Endstufe realisiert. Der Klang einer gesättigten Endstufe gilt bekanntlich als Königsdisziplin und absoluter Ohrenschmaus. Ein Gitarrenamp, der mit einem solchen Anspruch antritt, ist mir bisher noch nicht in die Hände gefallen. Um so gespannter war ich, wie der Chandler mit den unterschiedlichen Gitarrentypen klarkommt. Keine große Überraschung ist sein Preisniveau, das sich in Boutique-Regionen bewegt - eine Tatsache, die viele Gitarrenhelden davon abhalten könnte, auch nur einen Gedanken an den Kauf dieses Schätzchens zu verschwenden. Ich musste allerdings am eigenen Leib erfahren, dass man wegen seines ausgeprägten Suchtpotenzials ganz schnell in die Bredouille kommen kann, aber dazu später mehr. Bevor wir zu seinen klanglichen Eigenschaften kommen, schauen wir uns zuerst einmal die äußeren Gegebenheiten an.

Aufbau

Obwohl der Chandler GAV19T in der Tradition klassischer Gitarrenverstärker steht und er ganz besonders gut deren Sounds reproduzieren kann, ist sein elektronischer Aufbau nicht einfach nur eine modifizierte althergebrachte Schaltung. Zur Realisierung seiner Klangvorstellungen hat Wade Goeke von ihm speziell entwickelte Schaltkreise installiert.

Die Reise des Gitarrensignals durch die Innereien des Verstärkers beginnt mit dem Einstöpseln in eine der beiden Eingangsbuchsen. Je nach Gitarrentyp und gewünschtem Sound wird man sich für High oder Normal entscheiden. High eignet sich nicht nur zum Anschluss ausgangsschwacher Vintagegitarren wie Stratocaster oder Telecaster, sondern auch für Humbuckergitarren oder Instrumente mit aktiven Pickups. Die Normal-Buchse bringt im Gegensatz zum High-Eingang einen dumpferen und cleaneren Ton, wobei das Wort "clean" beim GAV19T eigentlich unangebracht ist, da der Amp keine wirklich cleanen Sounds erzeugen kann.

Der erste Regler widmet sich dem sogenannten Bias. Hier hat man es mit einem Drehstufenschalter zu tun, der in fünf Positionen die Vorspannung und den Klang der Vorstufenröhren auf unterschiedliche Art und Weise beeinflusst und färbt. Position eins besitzt den einen etwas erhöhten Bias-Wert. Die Position zwei orientiert sich am Bias von Marshall-Amps, während man in der dritten Position in den Genuss eines Selmer-Bias kommt. Die beiden verbleibenden Positionen haben niedrigere Werte und verleihen dem Amp je nach Gitarre und persönlichem Geschmack eine spezielle Note - Experimentieren ist angesagt. Mit dem Input-Poti wird die Eingangsstufe an die Ausgangsleistung der Gitarre angepasst.

Die Klangregelung

Kommen wir zur Klangregelung. Sie besteht aus je einem Bass- und einem Treble-Regler und arbeitet mit Baxandall-Filtern, im Fachjargon wegen ihrer charakteristischen Filterkurve auch als "Kuhschwanzfilter" bekannt, und einer ECC803 Röhre. Sie beeinflusst laut Wade Goeke den natürlichen Klang des Verstärkers weitaus weniger als gewöhnliche Schaltungen und ähnelt eher einem Treble Booster. Hier lässt sich nicht nur der Frequenzgang, sondern auch die Zerrstruktur beeinflussen. Wie schon erwähnt, findet die eigentliche Verzerrung beim GAV19T nicht in der Vorstufe statt, sondern wird - im Gegensatz zu anderen Gitarrenverstärkern - ausschließlich von der Endstufe realisiert. Um diese gezielt anzufeuern, stehen zwei Drehstufenschalter zur Verfügung. Der Tone-Schalter bietet neben der ersten neutralen Out-Position vier Presets, um die Verzerrung der Endstufe je nach Geschmack auf unterschiedliche Art und Weise zu gestalten. Position 2 arbeitet wie ein Treble Booster und fügt dem Sound feine Obertöne hinzu, Position drei mit der Bezeichnung "thick" boostet das gesamte Frequenzspektrum, allerdings mit herausgefilterten Tiefbassanteilen. Damit wird ein Mulmen speziell bei stark verzerrten Sounds verhindert. In der vierten "aggressive"-Position werden die oberen Mitten betont, während die letzte "mids"-Position den unteren Mittenbereich unterstützt. Das Maß, mit dem die Endstufe angeblasen wird, lässt sich mit dem Boost-Drehstufenschalter einstellen. Ein Normal-/Intense-Schalter sorgt für eine leichte Ungleichheit in der Gegentakt-Schaltung. Auch hier ändert sich der Sound, je nach Gitarre und der Stellung des Input-Reglers teilweise drastisch.

Die Rückseite

An seiner Rückseite verfügt das rote Topteil über zwei Lautsprecherbuchsen für 8 bzw. 16 Ohm Gitarrenboxen. Ein Netzanschluss und die dazugehörige Sicherung runden das Bild ab. Einen Einschleifweg sucht man hier übrigens vergebens, da er mit dem Konzept der endstufenbasierten Verzerrung auch nicht funktionieren würde.

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