Vocals
Feature
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14.11.2018

bonedo auf dem Reeperbahnfestival 2018: Das Fremdschämen unter Fans.

Das unterschiedliche Verhalten des Publikums

- Konzert von Henrik Lindstrand im Resonanzraum Hamburg -

Es ist Samstagabend, 22. September 2018, 19.55 Uhr. Der letzte lange Konzertabend des Reeperbahnfestivals in Hamburg steht an, doch bei vielen Festivalbesuchern ist spätestens seit dem verregneten Nachmittag und Temperatursturz die Luft raus. Ich sitze in der sechsten Reihe im bestuhlten Publikumsbereich des Resonanzraums im Bunker in Hamburg. Ich bin ohne Begleitung hier und beobachte, was um mich herum passiert. Es wird gegessen, getrunken, aufs Handy geschaut, telefoniert und gequatscht.

20.00 Uhr. Das Licht im Publikumsbereich wird gedimmt. Das ist normalerweise ein sicheres Signal, dass das Konzert in den nächsten Augenblicken beginnt. Der Moderator betritt die Bühne, begrüßt das Publikum und stellt den Veranstaltungsort sowie den Künstler Henrik Lindstrand vor.

Multitasking-Momente mit Musik

Und dann geht es los - und um mich herum sind immer noch laute, kauende, trinkende, unruhige und abwesend wirkende Menschen. Mein erster Eindruck, dass nur wenige Personen tatsächlich wegen der Musik da sind, bestärkt sich. Selten ist mir das Verhalten des Publikums so (negativ) aufgefallen wie hier - und auf dem Reeperbahnfestival allgemein. Was ist passiert, dass Menschen bei einem Konzert Chips essen?!

Der Künstler Henrik Lindstrand bekommt davon wenig bis gar nichts mit - zumindest lässt er sich nichts anmerken. Und ich glaube ihm das sogar. Er sitzt seitlich zu uns, nach vorne gebeugt halb über den Klaviertasten. Was im Publikumsbereich passiert, ist von der Bühne aus noch schlechter zu erkennen oder akustisch wahrzunehmen. Er wirkt nicht unkonzentriert oder abgelenkt, ganz im Gegenteil: es scheint so, als sei er in seiner eigenen Welt und ließe uns daran teilhaben.

Zurück zu mir in die sechste Reihe: Ich bemühe mich also weiterhin, mich nicht ablenken zu lassen. Doch allein der Versuch, mich dieser Herausforderung zu stellen, nimmt mehr Aufmerksamkeit ein, als ich dem Künstler schenken kann. Viel Kapazität und Frische habe ich nicht mehr. Eigentlich die besten Voraussetzungen für ein leises und intimes Klavierkonzert. Immer wieder werde ich aus dem Rausch und der Ruhe zugleich zurück in die Realität in den Resonanzraum gerissen. Mal in hohem Maße explosiv, mal in erfahrungsgemäßer Erwartungshaltung, aber immer aufgrund von störenden Konzertbesuchern. Und das bleibt auch bis zum Ende so: es kommen auch zehn Minuten vor Konzertende noch Menschen rein und es gehen kurz vor Ende noch vereinzelt welche raus. Ständig wird nach hinten und vorne geschaut, nach rechts und links. Immer mit der Angst, dass man auf den Nebenschauplätzen etwas verpasst. Eine Freundin von mir stellt sich neuerdings bei Clubkonzerten in die vordersten Reihen. Nicht, weil sie der größte Groupie ist, sondern weil sie einfach nicht neben quatschenden oder laut lachenden Konzertbesuchern stehen möchte. Dann lieber vorne zwischen zwei blendenden Handydisplays.

Mitmach-Aktionen und keiner macht mit

Zugegebenermaßen, ich karikiere: Natürlich machen einige Konzertbesucher mit. Aber soweit sind wir von dem Zustand, dass sich das meist übersättigte und verwöhnte Publikum bald vorwiegend lieber passiv unterhalten lassen möchte, nicht mehr entfernt. Nicht nur hier auf dem Reeperbahnfestival, sondern auch auf Clubkonzerten stelle ich zunehmend fest, dass die Frontsängerinnen und -sänger mehr geben müssen, um eine Interaktion zum Publikum aufzubauen. Immer mehr Zuschauer sind zu faul oder bequem, mitzuklatschen oder mitzusingen. Erst durch den mehrmals wiederholten Appell kann sich der Frontsänger von der Bühnenkante zurückziehen und für ein paar Sekunden dem erstaunlich textsicheren Publikum zuhören.

Vor dem Graben oder neben der Garderobe

Jeder kennt dieses Phänomen auf Konzerten: Gefühlt ist überall der Gang. Auch wenn du den Platz noch mal wechselst, der Gang wechselt mit und folgt dir auf Schritt und Tritt. Diese permanente Fluktuation in deiner Nachbarschaft lenkt nicht nur ab, sondern stört. Jeder ist auf der Suche nach dem Platz mit der besten Sicht. Und solange dieser nicht gefunden ist, wird weitergesucht - am besten in einer großen Gruppe, die sich schlangenförmig Hand in Hand fortbewegt. Und wenn man dann endlich am Platz der Plätze angekommen ist, wird das Handy rausgeholt und das halbe Konzert übers Handy verfolgt. Da hat sich der weite Weg ja gelohnt.

Im Wandel und Wechsel: Der Wert an Musik im freien Fall

Natürlich liegt es nicht an der Musik oder an der Performance. Es liegt an uns. An unserer egoistischen Einstellung und an unserer unverbindlichen Haltung gegenüber Freizeitangelegenheiten. Und an der Tatsache, dass man sich gegenseitig immer zu viel zu erzählen hat - in viel zu wenig Zeit. Wo ist unsere Demut geblieben? Wo der Respekt gegenüber Künstlern und den anderen Konzertbesuchern? Ich schäme mich für das Verhalten meiner Sitznachbarn vor und hinter mir fremd. Und das nicht zum ersten Mal.

Klar, dass auf einem Festival, bei dem zahlreiche Konzerte, Vorträge, Panels, Lesungen oder Partys gleichzeitig an verschiedenen Orten stattfinden, nicht jeder von Anfang bis Ende bei ein und derselben Veranstaltung bleibt. Aber dass dieses Konzert-Hopping dazu führt, dass wir uns benehmen, als würden wir uns gerade von einer warmklingenden Akustik-Spotify-Playlist zu Hause berieseln lassen – dafür habe ich kein Verständnis. Dieses Verhalten fördert den ohnehin immer kleiner werdenden Respekt und die Wertschätzung für Musik. Dann doch bitte einfach das Musikstück oder den Song abwarten und beim nächsten Applaus unauffällig und geräuschlos den Raum verlassen.

Was von unserer 24/7-Verfügbarkeit übrig bleibt

Wir stehen ständig unter Strom. Viele von uns können nicht mehr richtig abschalten. Und nicht, weil sie es noch nie konnten, sondern weil sie nicht wissen, was ihnen guttut. Die Zeit ist zu knapp, um herauszufinden, welche Tätigkeit oder Aktivität dazu führt, dass wir uns entspannen und den Kopf frei kriegen. Stille macht den größten Lärm. Daher lassen wir uns überall und jederzeit berieseln. Da ist es nicht verwunderlich, dass wir verlernt haben, richtig zuzuhören, uns nur mit einer Sache zu beschäftigen und damit auseinanderzusetzen.

Auf dem einstündigen Konzert im Resonanzraum klingelte gleich dreimal ein Handy. Denn auch im Konzert bist du verfügbar. Das Handy wird nicht mehr auf lautlos oder Flugmodus gestellt. Abends zwischen 20-22 Uhr kommen ja ständig bahnbrechende Anrufe oder Nachrichten rein, die unser berufliches oder privates Leben schlagartig verbessern oder verändern könnten. Wie wäre es damit, einfach mal gegen oder am besten aus dem Strom zu schwimmen und der puren (digitalen) Reizüberflutung zu entfliehen?

Im Zeitalter der Generation iPhone

Ob Handys heutzutage dazugehören oder die ständige Handynutzung die Konzertatmosphäre kaputt macht, ist ein anderes Thema, welches ihr hier nachlesen könnt. Fakt ist, dass viele Konzertbesucher viele Fotos und Videos machen und größtenteils noch während des Konzertes überprüfen, ob ihr Material Posting-Potenzial hat.

Das paradoxe Problem mit devotem Verhalten

Wenn wir als Künstler auf der Bühne stehen, geben wir uns dankbar und wertschätzend für die Möglichkeit, hier spielen zu dürfen oder dafür, dass das Publikum mucksmäuschenstill ist. Wenn uns ein Veranstalter bei sich spielen lässt und mit ins finanzielle Risiko geht, ist das eine gute und erwähnenswerte Sache. Aber wo ist das aufmerksame Publikum, bei dem sich der Künstler gerade bedankt? Hier im Resonanzraum ist es nicht.

Eine Sängerkollegin hat neulich nach dem dritten Song eine Ansage gemacht, weil es einfach zu laut war. Nach dem Konzert sagte sie zu mir: "Was als Konzert angekündigt ist, ist auch eins. Da kann ich als Singer-Songwriterin ja wohl erwarten und einfordern, dass die Leute zuhören und aufmerksam sind. Sie sind für mich gekommen, wollen mich sehen und hören." Recht hat sie.

Geht mehr auf Konzerte.
Mal ohne Handy in der Hand oder ohne Begleitung.
Probiert es einfach mal aus.

Barbara

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