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2
11.09.2015

B.log - Kugel + Acht = Niere

Richtcharakteristik mit zwei Mikros selbst einstellen

Hallo allerseits.

Wenn man das Signal eines Achtermikrofons und das eines Kugelmikrofons zu gleichen Pegeln (nach Gain) zusammenmischt, erhält man die Richtcharakteristik Niere. Danach hatte ich in meinem letzten B.log-Eintrag gefragt und auch schon die richtige Antwort erhalten. Logisch: Die beiden "positiven" Vorderseiten der Richtcharakteristik addieren sich, also die Auslenkung der frontal besprochenen Kugel und die der Acht. Bei der Acht ist jedoch das Signal in der Phase invertiert, wenn es von der anderen Seite besprochen wird. Gemeinsam mit dem positiven Ausschlag der Kugelmembran bei rückseitiger Besprechung ergibt sich bei 180° also rechnerisch kein Signal – wie bei einer Niere. Und ebenfalls wie bei einer Niere nimmt die Empfindlichkeit bis zu 0°, also der Front, stetig zu: Der Einfluss der "negativen" Acht wird bis 90°/270° stetig geringer und nimmt dann bis zur 0° weiter zu. 

Freie Einstellbarkeit der Richtcharakteristik mit zwei Mikrofonen

"Na toll, und was ist daran jetzt so besonders?" wird vielleicht jemand fragen. Das ist berechtigt, denn schließlich gibt es Nierenmikrofone wie Sand am Meer. Nun, man kann die Pegel der beiden Mikrofone natürlich variieren. Was dann mit der resultierenden Charakteristik passiert, ähnelt dem, was passiert, wenn eine Braunmühl-Weber-Doppelkapsel mit ihren beiden um 180° verdrehten Nieren mit gleichen oder unterschiedlichen Polaritäten zusammengemischt wird: Man kann über den Pegel die Richtcharakteristik stufenlos von Acht über Niere bis zur Kugel einstellen. Cool? Cool. Ein Mikrofon, das seine Richtcharakteristik mit je einer Kugel- und einer Acht-Kapsel "zusammenrechnet", ist das beknieenswerte Sanken CU-41/44X. Einstellbare Richtcharakteristiken auf diesem Prinzip ermöglicht das Josephson C700. Aber natürlich lassen sich auch einfach einzelne Mikrofone verwenden, etwa aus Schoeps' Colette-Modularserie. 

Interessant in diesem Zusammenhang: Einzelmembran-Kugeln sind in den Höhen sowieso nierenähnlich, was natürlich einen Unterschied von Theorie zu Praxis zur Folge hat. Doppelmembran-Kugeln sind im oberen Frequenzbereich eher achtermäßig. Und: "Echte" Kugeln sind Druckempfänger, Achterkapseln in jedem Fall Druckgradientenempfänger. Diese technischen Unterscheidung haben zur Folge, dass die beiden Kapseln vor allem in den extremeren Frequenzbereichen sehr unterschiedlich reagieren. Ich nutze gerne die Extremversion dieser Eigenschaften, nämlich die Kombination aus einem DPA 4009 (hier als Referenz zu sehen und zu hören) mit UA0777 Nose Cone und den englischen Kauz-Bändchen Coles 4038. Damit habe ich nicht nur die Richtcharakteristik unter Kontrolle, sondern auch sehr unterschiedliche Klangcharakter. Ein bisschen Historie: Das Western Electric / Altec 639 war ein Mikrofon, das unter anderem in den HMV-/EMI-/Abbey-Road-Studios rege Verwendung fand. Hier waren ein Ribbon-Element und eine wie bei Funkberater PGH und Sennheiser MD 21 als Tauchspule (!) ausgeführte Druckempfänger-Kugel verbaut. Das 639A konnte über einen dreistufigen Wahlschalter Ribbon ("R", Acht) oder dynamisches Element ("D", Kugel) oder eben eine Kombination ("C" wie "Cardioid") zur Verfügung stellen. Das 639B ermöglichte insgesamt sechs Settings, also auch Zwischenstufen. Und noch dazu sah das 639 mindestens so sexy aus wie Shures 55 Unidyne

Richtcharakteristik und Stereobreite erst im Mixdown einstellen

So. Fein. Es geht aber noch weiter: Wenn ich zwei Signale mischen will, die von zwei Mikrofonen kommen, dann zwingt mich doch niemand, das Mischungsverhältnis und somit die Richtcharakteristik direkt einzustellen. Deswegen: Erst aufnehmen, dann nachträglich das Polar Pattern wählen! Das ist es, was auch Mikrofone wie das Microtech Gefell UM 930 twin oder das Sennheiser MKH 800 TWIN so interessant macht. Und bei der Einstellung der Richtcharakteristik im Mixdown ist der Spaß noch lange nicht zu Ende, denn mit Tief- und Hochpassfiltern kann man stark frequenzselektive Richtcharakteristiken einstellen. Die strammen, neutralen Bässe einer Druckempfänger-Kugel mit den sämigen Höhen eines englischen oder amerikanischen Bändchen-Mikrofons? Top!  

Wenn man jetzt noch hingeht und eine weitere Acht quer zur Hauptachse legt… dadurch hätte man ein S-Signal, welches sich, ebenfalls nachträglich, mit einer MS-Matrix auf L/R dekodieren lässt. Freie nachträgliche Einstellung von Richtcharakteristik, Wählbarkeit der Klangcharakteristik, Bestimmung der Stereobasis? Sonst noch Wünsche? Ich finde, man kann mit drei Mikrofonen breiter aufgestellt sein als so manches Soundfield. Und, ach ja, Surround… da wird es ja erst richtig lustig… 

Wollt ihr selber experimentieren (und dazu möchte ich euch unbedingt ermuntern), dann achtet auf eine größtmögliche Nähe der Membranen zueinander und einen nicht zu kleinen Abstand zur Schallquelle, um nicht im Höhenbereich Phasenprobleme zu bekommen. Sinnvoll ist die oben beschriebene Vorgehensweise beispielsweise bei Vocals und Akustikgitarren, um Raumanteile zu bestimmen und die Vorne-/Hinten-Positionierung auf der Mischbühne zu regeln und beim Drumset, um die Balance zwischen Signalefreistellung und natürlichem Klang steuern zu können. Und da sag' noch einer, Mikrofonierung wäre "langweilig".

 

Beste Grüße,

Nick Mavridis (Redaktion Recording)

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