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13.11.2018

Besser mischen bei schlechter Raumakustik

FOH-Workshop: Hallige Räume in den Griff bekommen

Der Winter naht mit unaufhaltsamen Schritten und es kommt die Zeit, in der Tontechniker viel Zeit in Mehrzweckhallen, den Beton gewordenen Alpträumen des Mischens, verbringen. Viele dieser Betonbunker haben eine derart lausige Akustik, dass es dem FoH-Techniker regelmäßig den Spaß an der Arbeit vergrault. Während es unsereins graust, erwartet das Publikum jedoch – völlig zu recht – einen transparenten, professionellen Sound. Was tun? Bondeo präsentiert eine Reihe von Praxistipps, um klangliche Katastrophe abzuwenden, heute geht es um das mischen bei schlechter Raumakustik.

Besser mischen bei schlechter Raumakustik Quick Facts

Manchmal ist der FoH-Arbeitsplatz des Toningenieurs ein akustischer Albtraum. Doch warum klingen manche Räume schlecht und was kann man dagegen tun? Nicht selten liegt die schlechte Akustik es am Geld, denn kostengünstiges Bauen und trockene Raumakustik sind schwer miteinander vereinbar. Bauten aus Beton und Glas, in denen Wände und Decken im rechten Winkel zueinander stehen, lassen sich schnell und kostenschonend errichten. Dass man dabei Räume schafft, die so gut wie keine Schall absorbierenden Flächen besitzen und Schall auf direktem Weg in den Raum zurückwerfen, erleichtert die Aufgabe des Tontechnikers kaum. Unser Workshop "Besser mischen bei schlechter Raumakustik gibt euch" einfache Tipps an die Hand, mit denen ihr auch in schwierigen Räumen souverän den Gig übersteht.

Was ist schlechte Akustik?

Es gibt mehrere Parameter, mit denen sich die Akustik eines Raums erfassen lässt. Zu den bekanntesten zählen die kryptischen Abkürzungen RT60 und STI. RT60 beschreibt die Nachhallzeit eines Raums. Diese definiert sich als das Zeitintervall, bei dem der Schalldruck nach Verstummen der Schallquelle um 60 dB gesunken ist. Der Speech Transmission Index, kurz STI, ordnet die Qualität der Sprachübertragung zwischen 0 (unverständlich) bis 1 (ausgezeichnet) ein. Die Tücke liegt wie immer im Detail, denn welches die optimalen RT60- und STI-Werte sind, ist programmabhängig.

So kommt ein klassisches Orchester in einem Raum mit langer RT60-Zeit (über zwei Sekunden) und niedrigem ST-Index (unterhalb 0,5) deutlich besser zurecht als eine Rockband mit PA. Der Auftritt einer Iron-Maiden-Coverband in einem historischen Konzerthaus stellt also eine tontechnische Herausforderung dar. Doch nicht nur klassische Konzerthäuser oder Sakralgebäude, auch moderne Mehrzweckhallen scheinen oft vielen Zwecken zu dienen – nur nicht dem, verstärkter Musik eine brauchbare Akustik zu bieten.

Ich sehe einige Ansatzpunkte, wie ihr den Sound in derart problematischen Räumen dennoch in den Griff bekommen könnt.

1. Raumakustische Maßnahmen

Zuviel Nachhall klingt furchtbar, das weiß jeder. Unser Ziel ist es also, möglichst viele direkte Reflexionen zu unterbinden. Dabei muss man Reflexionen durch PA und Bühne unterscheiden. Unsere Arbeit beginnt auf der Bühne, denn Reflexionen erschweren es den Musikern, sich deutlich zu hören. Dies wiederum verleitet die Musikanten dazu, ihre Amps lauter zu drehen, lauter zu spielen und als Konsequenz einen lauteren Monitorsound einzufordern. Der FoH-Techniker gibt also mehr Dampf auf die Monitore und gleichzeitig mehr Pegel auf die PA. Das Ergebnis ist ein unnötig lauter FoH-Sound, der weitere Reflexionen erzeugt.

Sofortmaßnahme Nummer 1: Die Bühne soll möglichst viel Direktschall und möglichst wenig Reflexionen erzeugen. Aber was tun, wenn es klingt wie in der Donnerkuppel? Eine kostengünstige Lösung ist es, die Bühne an den Seiten und über die komplette Breite der Rückseite mit möglichst schwerem Stoff abzuhängen. Natürlich dürfen nur schwer entflammbare Stoffe zum Einsatz kommen.

Üblicherweise wird dazu Bühnenmolton verwendet. Noch besser ist Bühnensamt. Je schwerer, desto besser. Zudem sollte man den Stoff mit etwas Abstand zu den Wänden befestigen und nicht glatt ziehen, sondern in Falten aufhängen. Dies bewirkt, dass nicht nur hohe, sondern auch mittlere Frequenzen absorbiert werden. Idealerweise wird auch die Decke über der Bühne mit Stoff abgehängt. Noch besser: Es kommen professionellen Absorber oder eine Akustikdecke zum Einsatz. Letzteres ist Sache des Hallenbetreibers und nicht der tourenden Band.

Die Idee dahinter ist, auf der Bühne eine Open-Air-ähnliche Akustik zu erzeugen. Dort löst sich der Backline-Lärm im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auf, da es keine reflektierenden Raumbegrenzungen gibt. Hängt man die Bühne an den Seiten, an der Rückwand und der Bühnendecke großzügig mit Molton ab, erhält man ebenfalls eine reflexionsärmere Umgebung. Die Musiker hören sich besser und sind nicht versucht, über Lautstärke die Raumakustik auszutricksen. Auch der FoH-Sound profitiert, da er durch die leisere Bühne mehr Gestaltungsmöglichkeit erhält.

In der Regel ist es nur bei großen Profi-Touren möglich, auch im Zuschauerraum möglichst viele schallharte Oberflächen abzuhängen. Hat man allerdings noch einige Stoffbahnen übrig, kann man in kleineren Räumen versuchen, die Hallenrückseite an neuralgischen Punkten abzuhängen, dort wo die PA in direkter Linie einschlägt. Zumindest im Mitten- und Hochtonbereich verhält sich der Schall wie Licht: Einfallswinkel = Ausfallswinkel. Durch den Molton an der hinteren Wand werden erste Reflexionen deutlich gedämpft, was auch das gefürchtete Flatterecho auf der Bühne mildert. Das beschert den Musikern wiederum mehr Definition im Bühnensound.

2. Auf- und Einstellen der PA

Die RT60-Kurve einer großen Kirche oder nackten Betonhalle zeigt, dass die Nachhallzeit mit sinkender Frequenz steigt. Sprich: Low-Mids und Bässe stehen besonders lange im Raum und überlagern gerne den wichtigen Stimmbereich. Außerdem: Je tiefer die Frequenz, desto aufwändiger wird es, eine Richtwirkung mit Lautsprechern zu erzielen. Dennoch ist eine möglichst gezielte Schallverteilung wichtig, vor allem um effektiv die einzig nennenswerte große Absorberfläche zu nutzen, die uns ab Einlass zur Verfügung steht: Das Publikum, in Fachkreisen auch liebevoll Dämmfleisch genannt.

Die Topteile sollten nur den Publikumsbereich abdecken und nicht Wände oder Decken anregen. Am einfachsten geht das bei einer geflogenen PA, bei der Topteile oder Line-Array auf den Publikumsbereich ausgerichtet werden. Ist das keine Option, sind Boxenschrägsteller oder neigbare Flugbügel für die Tops empfehlenswert. Subwoofer reduziert ihr hingegen auf ein Minimum und arbeitet am besten mit einem gerichteten Array. Mit einer Cardioid- oder Endfire-Aufstellung lässt sich das Bassgewummer auf der Bühne kompensieren. Eine Taktik der kleinen Schritte. Vorsichtig sollte man mit extremem System-Equalizing sein, vor allem wenn die Halle beim Soundcheck leer ist. Überdeutliche Raummoden kann man mit einem Summen-EQ in der Summe absenken, darüber hinaus wird es schwierig.

Natürlich wäre es schön, wenn sich eine schlechte Raumakustik mit dem EQ begradigen ließe. Aber damit behandelt man nur die Symptome und nicht die Ursache. Zudem mag der Sound an der FoH-Position mittels massivem EQ-Einsatz besser werden, verlässt man aber seinen Mischpulthafen, stellt man oft fest, dass im Nahfeld der PA zu viele Frequenzen fehlen. Ein klarer Fall für Delay-Lines: Die Front-PA erhält Unterstützung durch zusätzliche, zeitverzögerte Boxen, die den hinteren Teil der Halle mit einem direkteren Signal versorgen. Dadurch kann die Haupt-PA leiser gefahren werden und regt so den Raum weniger an.

3. Rückwärts mischen

Rückwärts ist das neue Vorwärts, zumindest beim Mischen in akustisch schwierigen Räumen. Das Hauptproblem ist, einen nicht zu lauten Mix zu erstellen, der dennoch eine akzeptable Definition besitzt. Und das steht und fällt mit dem Gesang. Ist der nicht zu verstehen, dauert es in der Regel nicht lange, bis man Rede und Antwort am FoH-Platz stehen darf. Daher bietet es sich an, beim Soundcheck mit dem Gesang zu beginnen.

Wir benötigen einen Gesangssound, der verständlich und ausreichend laut für das jeweilige Genre ist. Bei extrem schlechter Akustik ist der Telefonhörer-Sound oft die letzte Rettung. Man nutzt dazu großzügig den Low-Cut (gerne bis 200 Hz) und dreht den Hi-Cut (bis 9 kHz) soweit rein, dass der Gesang gerade nicht zu dumpf klingt. Dann baut man die Band um die Vocals herum. Ganz wichtig: Haben wir die Vocals gecheckt, lassen wir die Gesangsmikrofone offen, während wir den Rest der Band einpegeln.

Das Übersprechen in die Gesangsmikrofone entscheidet, ob wir beim Band- bzw. Bühnen-Setup optimieren müssen. Dazu mehr im letzten Punkt. Grundsätzlich empfiehlt sich ein schlanker Mix. Ihr nutzt den EQ also eher dazu, störende Frequenzen abzusenken, anstatt Frequenzen breitbandig zu boosten. Schwierig in halligen Räumen sind tieffrequente Sounds. Auch hier gilt: Der Low-Cut ist dein Freund! Er bildet eine Allianz mit Gates und Transient-Designer Plug-ins.

Perkussive Sounds solltet ihr möglichst kurz halten und deren Ausschwingen dem Raum überlassen. Den Trick habe ich beim Tontechniker Ian Bond (u. a. Porcupine Tree) abgeschaut. Der nutzt beispielsweise auf der Bassdrum in schwierigen Räumen extrem kurze Release-Zeiten bei den Gates. Teilweise ist es nur 70 ms geöffnet. Was Open Air wie ein Klick klingen würde, kommt in besagten Umgebungen dennoch fett rüber, da der kurze Impuls ausreicht, um den Bauch der Bassdrum im Raum auf natürliche Weise zu generieren. Ein Transient-Designer kann ebenfalls durch Griff zum Sustain-Poti das Ausklingen verkürzen.

4. Dynamiksektion

Auch ein Blick in die Dynamiksektion ist hilfreich. DJs haben es in schwierigen Räumen oft einfacher, einen transparenten Klang anzubieten, als eine Band. Das liegt daran, dass fertig produzierte Musik meistens stark komprimiert wurde und wenig Restdynamik vorhanden ist. Somit gibt es kaum eine Stelle, an der eine Snare oder Vocals prominent aus dem Song hervorstechen. Genau diese Impulse regen aber einen akustisch problematischen Raum nachhaltig an. Es entstehen Reflexionen, die sich mit dem Direktsound mischen und so den Sound verschlechtern.

Abmildern lässt sich dieser Effekt mit der Dynamiksektion. Anstatt etwa Schlagzeug, Bass und Gesang mit moderater Ratio (3:1 oder 4:1) und hoher Gain-Reduktion zu bearbeiten, solltet ihr eher Limiter-Einstellungen wählen. Eine Ratio von 10:1 und niedrige Gain-Reduktion (3 bis 4 dB) liefern in halligen Räumen häufig gute Ergebnisse. Dazu noch einen Kompressor auf die Summe, der mit klassischer Mastering-Einstellung (z. B. Ratio 2.5:1, Attack 30 ms, Release 100 ms, Gain Reduction 2 - 3 dB) den Gesamtmix etwas abschleift und die Einzelsignale zusammenklebt. Einzelne Signalspitzen werden so weiter abgeschwächt.

Bei herkömmlicher Kompression (niedrige Ratios, hohe Gain-Reduktion) besteht zudem die Gefahr, den Raumanteil der Mikrofone weiter hervorzuheben. Ein letzter Tipp: Hallgeräte oder Plug-ins bleiben in einer halligen Umgebung natürlich aus. Um den Gesang aufzupeppen, könnt ihr besser ein Delay verwenden.

5. Was die Band tun kann

Den größten Einfluss auf den Sound haben die Ausführenden. Arrangement und Tempo der Songs haben ebenfalls einen nicht unwesentlichen Anteil am guten Sound. Manche Bands glänzen daher in einer halligen Arena mit gutem Sound, andere hinwiederum nicht. Da große Räume im Bassbereich teilweise über mehrere Sekunden ausklingen, sind sie der natürliche Feind von Metal-Bands mit durchgängigen Double-Bass-Attacken. Die Musik von Pink Floyd hingegen scheint geradezu für die schlimm klingenden Arenen dieser Welt komponiert zu sein: Langsame Songs mit transparentem Arrangement, in dem sich nur wenige Instrumente in die Quere kommen. Somit kann die Song-Auswahl Einfluss auf den Sound nehmen. "Mehr Balladen, weniger Ballerstücke" ist also kein schlechter Gedanke. Darüber hinaus freut sich der FoH-Mann über eine möglichst niedrige Bühnenlautstärke. Denn: Weniger Übersprechen = weniger Raumanregung.

6. In-Ear-Monitoring statt Floor-Wedges

Benutzt lieber In-Ear-Monitoring als Floor-Wedges und setzt Plexiglasscheiben vor das Drum Set. Gitarrenboxen oder -combos könnt ihr umdrehen und in den Backdrop strahlen lassen anstatt ins Publikum. Ein Kemper-Amp oder AxeFX ist oft die bessere Wahl als ein Fullstack von Marshall. Das aber muss natürlich der Musiker entscheiden. Immerhin wollen die Zuhörer den typischen Sound der Band hören. Daher sind die hier vorgestellten Tipps und Tricks als Anregung für den Notfall zu verstehen.

Happy mixing!

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