Test
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15.12.2016

Praxis

Bevor der/das Kastle – in Stuttgart würde man wohl „Käschtle“ sagen und damit den Nagel auf den Kopf treffen – einen Ton von sich gibt, muss er mit drei AA-Batterien gefüttert werden. Diese liegen übrigens nicht bei und die Anleitung rechtfertigt das mit dem Hinweis, dass man auf dem Weg zum Laden 50 Kalorien verliert und im Übrigen ja auch gleich Pokémon fangen könnte. Dem kann man nichts entgegensetzen, auch wenn der eigentliche Grund darin liegt, dass es einfach umweltfreundlicher ist.

Sind die Batterien erst einmal eingesetzt, schaltet man den Synthesizer über den silberfarbenen Kippschalter ein und eine LED blinkt im Tempo des LFOs. Sehr schön, damit sind doch schon zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Man weiß, das Gerät ist an und man sieht auch gleich den LFO. Flugs einen Kopfhörer an den Ausgang angeschlossen, hört man auch schon den Oszillator, der zunächst mal im Modus „Phasenmodulation“ steht. Ohne die Anleitung zu lesen, kann man jetzt schon ein paar Sachen sehen: Es gibt OSC Pitch und OSC Timbre und Waveshape und wenn man daran dreht, ändert sich auch der Klang. So richtig weit kommt man damit aber noch nicht, aber was man jetzt schon hört, ist der Charakter des Kastle: Lo-Fi Synthese für den digitalen Krautrocker.

Relativ schnell ist dann auch klar, wie man den LFO einsetzt. Dieser bietet Puls- und Dreieckschwingung und wenn man eine Steckverbindung vom LFO zum Pitch-, zum Timbre- oder zum Waveshape-Modulationseingang legt, dann passiert das Erwartete: Bei Pitch ändert sich die Tonhöhe, bei Timbre und Waveshape der Klang. Was genau passiert und welche Schwingungsformen die Oszillatoren haben, hängt von der Syntheseart ab, die über das Steckfeld eingestellt wird. Dazu nimmt man also eine der Steckverbindungen und steckt die eine Verbindung in das „Mode“ genannte Steckfeld. Wenn kein Signal anliegt, hören wir Phasenmodulation, was beim Kastle bedeutet, dass es zwei Sinusoszillatoren gibt, die miteinander phasenmoduliert werden. Und jetzt wird es ein wenig verwirrend, denn mit dem „Osc Pitch“-Regler bestimmt man die Tonhöhe des ersten Oszillators, mit dem „Osc Timbre“-Regler die des zweiten Oszillators und mit dem „Waveshape“-Regler die Modulationsstärke. Die Bezeichnungen neben den Reglern sind also nur recht ungefähr und bedeuten je nach Modulationsart etwas anderes. Dazu kommt, dass ohnehin alles nur sehr ungefähr und eben Lo-Fi ist, denn wenn man die Modulationsstärke ganz auf null stellt, heißt das beim Kastle noch lange nicht, dass sie dann auch ganz aus ist. Was man an diesem Beispiel ganz gut sieht ist Folgendes: Der Bastl Kastle ist mehr ein Gerät zum experimentieren und sich überraschen lassen. Und Überraschungen gibt es viele, denn teilweise gibt es große Sprünge und wo eben noch ein Ton war, ist im nächsten Moment ein Rhythmus zu hören. Das soll aber nicht heißen, dass der Kastle ein Spielzeug wäre, bei dem man nie weiß, was herauskommt und der nur als Krachmaschine zu gebrauchen sei – ganz im Gegenteil! Gleiche Einstellungen zeigen immer das gleiche Ergebnis und die Ergebnisse sind meistens nicht unbestimmter „Krach“, sondern eine definierte Klangfarbe oder ein definierter Rhythmus. Der Kastle lässt sich also durchaus geplant einsetzen. Aber die besten Ergebnisse bekommt man beim Bastl Kastle eher durch mehr oder weniger geplantes Herumspielen als durch einen vorsortierten Zugang und das unterscheidet ihn von den meisten „handelsüblichen“ Synthesizern und zeigt seine Herkunft aus der Modularwelt.

Der „Complex Oscillator“ besteht also immer aus zwei miteinander verkoppelten Oszillatoren („Osc Pitch“ und „Osc Timbre“), die sich selbst modulieren und die von einem dritten Parameter („Waveshape“) moduliert werden. Dabei werden die beiden Oszillatoren und der Waveshaper von drei Drehreglern gesteuert und alle drei Parameter können auch über die Steckverbindungen moduliert werden. Diese Modulation ist bei den beiden Oszillatoren regelbar, beim Waveshaper allerdings nicht. Dabei stehen drei Synthesearten zur Verfügung, nämlich Phase Modulation, Phase Distortion und Track & Hold Modulation. Diese werden über das „Mode“-Steckfeld ausgewählt, das auf hohe, tiefe oder keine Signale bzw. die Nulllinie regiert. Für permanent hohe und tiefe Signale gibt es das +/- Steckfeld. Wenn man das „+ Signal“ mit dem Mode Steckfeld verbindet, hört man die Track & Hold Synthese, wenn das „- Signal“ anliegt, die Phase Distortion. Wer bei Phase Modulation an die Yamaha DX und bei Phase Distortion an die Casio CZ Synthesizer denkt, liegt natürlich grundsätzlich richtig, allerdings sind Konzept und Charakter des Kastle doch ganz anders, wie man an den folgenden Klangbeispielen hören kann:

Als Modulator steht zum einen der LFO zur Verfügung, der von 30 Sekunden langen Schwingungen bis in den Audiobereich reicht. Dreieck und Rechteck sind als Quellen gleichzeitig abrufbar, wobei man diese Bezeichnungen wie alles am Kastle sehr großzügig sehen muss: Das Dreieck ist sicher kein wunderschön gezeichnetes Dreieck und auch hier kann man durch Steckverbindungen eine ganze Anzahl anderer Schwingungsformen schaffen. Die meisten Steckverbindungen sind mehrfach ausgelegt, so kann man zum Beispiel die Oszillatoren durch bis zu drei Quellen modulieren. Da kann man sich ja mal überlegen, was man bekommt, wenn man Dreieck und Rechteck gleichzeitig einsteckt. Auch die Geschwindigkeit des LFOs kann im übrigen moduliert werden und ein Restart-Steckfeld gibt es auch.

Natürlich kann man den LFO jetzt für die üblichen Verdächtigen einsetzen, zum Beispiel für Vibrato oder die Veränderung der Pulsbreite. Aber wie bei einem modularen System üblich, kann man natürlich auch ganz andere Sachen damit machen. Wenn man den LFO zum Beispiel mit dem Oszillator Mode Eingang verbindet, also dem Eingang, der für die Syntheseart zuständig ist, kann man per LFO zwischen den drei Synthesearten umschalten:

Eine weitere Modulationsquelle ist die Rechteckschwingung des Hauptoszillators und auch die kann man natürlich an den „Mode“-Eingang anschließen. Das bedeutet, dass wir mit Audiogeschwindigkeit zwischen den drei Synthesearten wechseln können. Das führt bei so einfachen digitalen Schaltkreisen zu Unregelmäßigkeiten, wie man sie eigentlich nur analogen Schaltungen zuspricht. Am Anfang und am Ende des folgenden Beispiels wurde kein Regler mehr angerührt:

Wie man inzwischen vielleicht mitbekommen hat, besitzt der Bastl Kastle keine Hüllkurven. Damit eignet er sich natürlich vor allem für Drones, die man durch den LFO dann rhythmisch gliedern kann.

Es gibt aber noch eine dritte Modulationsquelle und das ist ein Pattern Generator, dessen Geschwindigkeit über den LFO geregelt wird. Der Pattern Generator ist „inspiriert“ von der Rungler-Schaltung von Rob Hordijk. Wem das nichts sagt: Rob Hordijk ist (zu Recht) eine Art Halbgott in Modularsynthesekreisen und der Rungler ist ein Modul für Euroracks. Der Pattern Generator oder „Stepped Generator“ kann entweder Ketten von 8 oder 16 Werten oder reine Zufallsketten erzeugen. Das funktioniert ähnlich wie beim „Mode“-Eingang der Oszillatoren: Liegt kein Signal an, werden 16 Schritte generiert, ist das Signal tief, werden acht Schritte generiert und ist es hoch, so liefert der Pattern Generator reine Zufallswerte. Man muss nicht weit denken, um auf die Idee zu kommen, auch da den LFO anzuschließen, das Resultat ist dann semi-randomisiert.

So klein der Kastle ist – schließlich besteht er nur aus dem „Complex Oscillator“, einem LFO und einem Pattern Generator – so flexibel ist er durch die vielen möglichen Verschaltungen. Wenn wir uns das einmal als Liste anschauen, dann haben wir an Modulationseingängen:

 

  • den Synthesemodus (Mode)
  • Pitch Modulation, Timbre Modulation, Waveshape für den Oszillator
  • LFO Rate und Restart
  • die Modi für den Patterngenerator

und an Modulationsausgängen:

 

  • die Summe des Audiosignals
  • die Rechteckschwingung der Oszillators
  • LFO Dreieck und Rechteck
  • Pattern Generator
  • +/- für statische Signale

Fast alle Ein- und Ausgänge sind dabei mehrfach vorhanden und können von verschiedenen Signalen gleichzeitig moduliert werden. Was hier auf dem Papier beim LFO nach „entweder Rechteck oder Sägezahn“ aussieht, sind konkret ziemlich viele verschiedene Schwingungsformen, denn man kann mit dem Sägezahn das Rechteck modulieren oder andersherum, der LFO kann seine eigene Frequenz modulieren und alles zusammen dann den Pattern Generator steuern, der dann auch wiederum die LFO-Geschwindigkeit verändern kann. Und weil das alles auf einem System läuft, das dadurch auch leicht mal aus dem Takt kommt, hat man am Ende vielschichtige digitale Klänge, die sich öfter mal überstürzen und so typisch „analoge“ Artefakte herstellen.

Eine entscheidende Sache fehlt aber noch: der zweite Ausgang des Bastl Kastle, der wie alle anderen Komponenten über die Steckverbindungen bespielt werden kann. Das funktioniert so, dass man ein Steckfeld mit der Bezeichnung L/R hat, in das je ein Signal geleitet werden kann, also zum Beispiel der LFO in L und der Pattern Generator in R. Der zweite Stereoausgang des Kastle fungiert dabei als Zwei-Kanal-Verbindung und am besten steckt man in diesen Ausgang ein Y-Splitter-Kabel. Dann hat man zwei Kabel und kann zum Beispiel ein eventuell vorhandenes Eurorack System mit dem LFO und Pattern Generator beglücken. Das Ganze geht aber auch anders herum, denn das L/R-Steckfeld fungiert gleichzeitig auch als Eingang und so kann ein externes Signal auch den Kastle steuern. Auch eine Verbindung in beide Richtungen ist möglich, indem man einen Kanal als Eingang und einen als Ausgang verwendet. Der Kastle eignet sich wirklich hervorragend als Multifunktionstool für alle Arten von schrägen Patterns, als LFO-Quelle und natürlich als zusätzlicher Oszillator – zu einem Preis, bei dem die Eurorack-Welt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich fragt, wie das denn möglich ist.

Klar ist natürlich, dass der Spaß am Experimentellen im Vordergrund steht und der Bastl Kastle so etwas wie eine Black Box ist, die man immer wieder aufs Neue erforschen kann. Wenn es Kritik gibt, dann vielleicht am ehesten an der Lo-Fi-Qualität des Sounds. Es kann nämlich schnell passieren, dass der Kastle anfängt, ein wie ich finde unangenehmes digitales Hintergrundrauschen zu erzeugen, was sich dann durch alle Klänge hindurch zieht. Schaltet man ihn frisch ein, ist das nicht zu hören, aber bei bestimmten Verbindungen ist es deutlich vernehmbar, sobald man einmal darauf aufmerksam gemacht worden ist. Dieses Rauschen ist dann leider auch kein dauerndes leises Hintergrundrauschen, sondern eines, das sich verändert und so immer die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Hier zwei Aufnahmen davon, eine nur vom Rauschen und eine im Vergleich zum Klangpegel:

Das ist natürlich schade, liegt aber vielleicht in der Natur der Sache: Eine Schaltung, die Artefakte erzeugt, ist im Zweifel auch fast zwangsläufig eine, die Rauschen erzeugt. Insofern muss man sich entscheiden: Will ich einen einfachen Signalweg mit sicheren, aber auch ausgetretenen Pfaden oder möchte ich etwas, das mich inspiriert und auf neue Ideen bringt? Der Bastl Kastle ist perfekt für das Letztere und das für ausgesprochen kleines Geld.

Ein letztes Wort noch zur Bedienungsanleitung: Zunächst einmal sei erwähnt, dass es sie gibt und dass sie ausgedruckt mit im Karton liegt. Auf der einen Seite des Leporello werden alle Elemente des Kastle erklärt, auf der anderen Seite gibt es eine Einleitung, Tipps und die Erklärung der Synthesearten. Ganz ohne Vorkenntnisse ist das nicht unkompliziert und manche Sachen musste ich auch mehrmals lesen. Alles in allem ist die Anleitung aber vorbildlich und der Kastle ist halt auch eine komplexe Sache, die nicht nur „erlesen“, sondern ausprobiert werden will. Insofern gibt es hier nichts zu meckern und auch hier hat Bastl gepunktet.

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