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27.08.2021

Bass Drum Rumble & Rattle for Techno

"Dynamisches Scheppern" als Stilelement für die Kick Drum

Workshop/Tutorial: Vom einfachen Effekt zum gelayerten Soundmonster – Bassdrum-Sound im Industrial Techno

In den letzten Jahren hat sich in düsteren Techno-Genres, wie etwa dem im Industrial Techno, ein böses Donnern im Bassbereich breitgemacht: Bass-Drum-Rumbles oder auch Kick-Drum-Rattles nennt sich dieses Phänomen. Wie ihr diesen Sound ganz einfach mit den Effekten eurer DAW selbst herstellt, wie ihr ihn komplexer macht und wie ihr ein gigantisches Rumble-Monster erschafft, zeigen wir euch in drei Stufen. 

Das Sounddesign der Rumbles findet in diesem Workshop zwar in Ableton Live 11 statt, das Tutorial ist allerdings so angelegt, dass ihr mit den Hausmitteln eurer DAW genauso zum Ziel kommt. Das wütende Donnern um den Four-to-the-Floor-Rhythmus der Kick entsteht dabei grundsätzlich durch eine Effektkette, vor der jedes Mixing-Tutorial Reißaus nimmt: Delay und Reverb. Richtig gelesen: Das Wabern der Rumbles entsteht durch Raumeffekte auf einem Kickdrum-Rhythmus, von denen durch ein dahinter gestelltes Lowpass-Filter nur der Bassbereich zu hören ist. 

Bei Tracks von Acts wie SNTS ist das Rumble essenzieller Teil der Klangästhetik:

Bass Drum Rumble – die Basics im Sounddesign in Ableton Live

Das Erste, was ihr braucht, ist ein kurzes, knackiges Kick-Sample. Also ein Sample, das kurz genug klingt, um beim Four-to-the-Floor-Rhythmus kein Überlappen der Schläge zu hervorzurufen. Je nachdem, ob euer Track 128, 135 oder 140 BpM hat, wird ein anderes Kicksample passen. Nehmt euch ausgiebig Zeit, genau das Sample auszuwählen, das zu eurem Tempo passt. 

Ist die gewünschte Kick gefunden, gibt es beim Erzeugen des Rhythmus zwei Workflow-Schulen. Die einen werfen das Sample in einen Sampler und programmieren MIDI-Noten im gewünschten Rhythmus. Die anderen legen das Sample direkt in einer Audiospur so im Raster ab und kopieren es dann. Wenn ihr den Rhythmus fertig programmiert habt, packt ihr in der Reihenfolge Delay, Reverb und Filter/EQ auf die Spur. 

Soll das Rumble eher rhythmischen Charakter haben, muss mehr Delay und weniger Reverb zugemischt werden. Die Anteile stellt ihr über die jeweiligen Dry/Wet-Regler ein. Soll es eher düster-rumpelnd sein, braucht es weniger Delay und einen hohen Reverb-Anteil. Das Filtern der hohen Frequenzen am Ende der Kette erzeugt aus dem akustischen Störfeuer aber erst das düstere Brodeln. Setzt den Cutoff im Low-Pass-Filter-Effekt oder die Frequenz im Low-Pass-Band im EQ auf ca. 250 Hz als Ausgangspunkt. Experimentiert mit der Frequenz: Euer Ohr wird euch sagen, wo es passt. 

Bass Drum Rumble Advanced – Distortion, Paralleleffekte und Sidechaining

Sind die Basics vorhanden und rumpelt es schön im Hintergrund, ist es Zeit für mehr Detail im Sounddesign. Stichwort Detail: Durch die Effektkette im ersten Teil kann es passieren, dass von der eigentlichen, mühsam ausgewählten Kickdrum wichtige Details wie der Transient und der Punch an Definition verlieren. Außerdem geht das rhythmische Wabern bei zu tief eingestelltem Filter oft verloren. Ist das Filter aber zu weit auf, zerstören die Echos den Rest des Arrangements. 

Wir brauchen also eine trockene Kick ohne Effekte. Hier gibt es drei Ansätze: Entweder man legt die drei Effekte statt auf die Kick-Spur auf einen Return-Kanal (auch Aux-Kanal in manchen DAWs genannt), dupliziert die Kick-Spur und legt die Effekte auf das Duplikat oder erzeugt eine Gruppierung wie das Audio-Effect-Rack in Ableton. Beim ersten Weg schickt ihr das Kick-Signal zusätzlich über einen Send-Regler in den Return, auf dem ihr die drei Effekte liegen habt. Nachteil dieser Lösung: Falls ihr viel mit Instrumentengruppen, also beispielsweise einer Drum-Gruppe, arbeitet, kann es je nach DAW verzwickt werden, falls ihr den Rumble-Return mit in diese Gruppe routen wollt. 

Audio Effect Racks für Kick Rumbles

Version zwei, das Duplizieren der Spur, bietet euch alle Vorteile, die eine separate Spur eben bringt: eigene Automation, eigener Rhythmus, eigenes Routing. Das kann bei vielen Spuren unter Umständen schnell unübersichtlich werden. Und falls ihr etwas am Rhythmus in der Hauptspur ändert, müsst ihr immer aufpassen, dass ihr das auch auf die Effektspur kopiert.

Wer sich bereits an die Racks in Ableton oder ähnliche Kombinations-Devices in anderen DAWs gewagt hat, dem sei der dritte Weg ans Herz gelegt: Hier bleibt alles in einer Spur. Das Kick-Signal läuft doppelt durch das Rack, einmal mit Effekten, einmal ohne. In Ableton Live legt ihr ein Audio-Effekt-Rack auf die Kickspur und zieht einen der Effekte hinein. Öffnet dann die Kettenliste (siehe Bild), klickt mit rechts in den leeren Bereich und wählt „Kette erzeugen“. Nun habt ihr zwei Effektketten: eine ganz ohne, auf der eure Kickdrum ohne jede Veränderung zu hören ist, und eine zweite mit dem Rumble. 

Distortion und Sidechaining bei Bass Drum Rumbles 

Wer mit dem Rumble grundsätzlich noch nicht so ganz zufrieden ist, dem empfehlen wir Verzerrer (Overdrive, Distortion, Fuzz) und Gitarrenverstärker-Plugins. In Ableton Live 11 ist der „Pedal“-Effekt ein hervorragend klingender und äußerst dynamisch reagierender Verzerreffekt. Neben der Auswahl des passenden Verzerrers macht es einen enormen Unterschied, an welcher Stelle in der Effektkette der Effekt liegt: 

  • Vor dem Delay, dann ist die verzerrte Kick durch Echo und Hall stark verwaschen. 
  • Nach dem Delay, dann ist der Rhythmus des Delays deutlicher hörbar. 
  • Nach dem Reverb, dann wird das Verwaschene, Große vor dem Filter noch einmal verzerrt und ist damit deutlicher zu hören.
  • Nach dem Filter, dann werden durch das Filter entfernte Obertöne neu erzeugt.

Trotz allen Paralleleffekten kann der originale Kick-Sound wieder an Definition verlieren, wenn er zusammen mit dem Rumble zu hören ist, da sich Frequenzen überlagern. Hier hilft Sidechaining, also das Dämpfen der Lautstärke der Effektspur in dem Moment, in dem das Original zu hören ist. Legt in der Effekt-Kette auf dem Send-Kanal, auf der duplizierten Spur oder im Audio-Effect-Rack HINTER alle Effekte einen Kompressor. Stellt ihn so ein, dass sein Sidechain-Input auf die Kickspur hört. 

Bass Drum Rumble Expert – MIDI Rumble, Multiband und Automation

Wer immer tiefer in die Welt der Rumbles und Rattles kommt, wird irgendwann mehr Kontrolle über die Sounds und Effekte haben wollen. Der Rumble-Rhythmus, der eigentlich immer von der Geschwindigkeit des Delays abhängt, kann beispielsweise als MIDI-Clip programmiert werden. Und wer neben dem düsteren Rumble auch noch einen rasselnden Rattle erzeugen möchte, der muss das Kick-Signal mit einer ganz einfach zu erzeugenden Frequenzweiche in verschiedene Bereiche splitten. Und wem diese Effektketten und Gruppierungen zu statisch sind, für den sind Automationen der Richtige Weg zu mehr Bewegung im Klangbild. 

Der erste unserer Expertentipps stammt aus einem YouTube-Tutorial von Julien Earle. Was simpel wirkt, bietet die ultimative Kontrolle über den Sound. Statt eines Delays hat Julien den Rumble-Rhythmus auf einer separaten Spur in einem MIDI-Clip erzeugt. Nutzt ihr also einen Sampler, um euer Kick-Sample zu triggern, dupliziert ihr einfach eure Kick-Spur und erzeugt im Duplikat einen neuen MIDI-Clip, in den ihr den Rumble-Rhythmus programmiert.

Hier zeichnet ihr beispielsweise Sechzehntelnoten ein, von denen vor allem die auf den großen Zählzeiten sehr kleine Velocity-Werte haben. Hinter den Sampler legt ihr nicht mehr den Delay-Effekt, allerdings wieder Reverb, Distortion und Filter und stellt alles wie gewünscht ein. Vor allem wenn ihr ungerade, stolpernde oder geswingte Rhythmen im Rumble möchtet, kommt ihr mit dieser Lösung schnell zum Ziel.

Multiband-Racks für komplexe Rumbles und Rattles

Wie ihr Frequenzweichen in Ableton und Bitwig erstellt, lest ihr in unserem DIY- Multiband-Workshop. Für andere DAWs gibt es wieder andere Lösungen. Das kann ganz simpel der Einsatz von mehreren Return-Spuren sein – bei dieser Variante wird auf jeder Spur ein EQ in einem anderen Bereich eingegrenzt und anschließend werden dahinter Delay, Reverb, Distortion und Filter unterschiedlich eingestellt. Daneben gibt es aber auch Multiband-Splitter wie Klevgraend Gaffel, die auf mehrere Spuren verteilt werden können. Das Tool erkennt die anderen Instanzen und lässt auf der jeweiligen Spur nur den jeweils eingestellten Frequenzbereich durch.

Allein, wenn im Bassbereich Achtelnoten, um den Mittenbereich Sechzehnteltriolen und in den Höhen gerade Sechzehntelnoten im Delay eingestellt sind, ergibt sich bereits eine gigantische rhythmische Spielwiese. Verteilt man nun noch verschiedene Verzerr- oder Hall-Effekte, lassen sich äußerst komplexe Rumbles erzeugen.

Vergesst auch bei den Multiband-Spielereien nicht, am Ende jeder Kette eines Bandes einen Kompressor mit Sidechain-Trigger durch das Original-Kick-Signal zu legen. 

Automation für mehr Abwechslung bei Kick Rumbles 

Ob ihr nach all dem noch eine Stufe weiter ins individuelle Sounddesign wollt oder euch bei den Basics vielleicht einfach ärgert, dass das Rumble so statisch ist: Um Automation kommt ihr beim elektronischen Produzieren nicht herum. Samples, die immer gleich getriggert werden und immer gleiche Signalanteile in die immer gleich agieren Effekte schicken, klingen früher oder später zu statisch. Grundregel beim Automatisieren: Weniger ist mehr – und zwar nicht, was die Menge und Vielfalt der Automationen betrifft, sondern die Intensität.

So kann eine um 1 bis 2 dB variierende Lautstärke des Send- oder Parallelsignals VOR den Effekten zusammen mit einem leichten Auf und Ab an den Dry/Wet-Reglern von Delay und Reverb innerhalb eines Acht-Takte-Loops oder zwischen Track-Parts bereits für wesentlich mehr Musikalität sorgen. 

Das Sounddesign durch Automation kann hier auch ganz einfach durch Trial-and-Error verlaufen: Loop abspielen, die Parameter sämtlicher Effekte während des Abspielens auf der Spur bewegen und dabei jede Bewegung, die gefällt, aufnehmen.

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