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Test
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14.05.2014

Avid Sibelius 7.5 Test

Notationssoftware

Frischzellenkur

Die Notationssoftware Avid Sibelius ist mit dem jüngsten Update bei der Versionsnummer 7.5 angekommen. Im Bereich der professionellen Musiknotation ist das Programm der Hauptkonkurrent des langjährigen Marktführers MakeMusic Finale, das ebenfalls vor Kurzem ein Update bekam (hier geht’s zum Testbericht). Wer kann das ewige Kopf-an-Kopf-Rennen im Jahr 2014 für sich entscheiden?

Landläufig gilt Sibelius meist als das etwas intuitivere, einfacher bedienbare und leichter zu erlernende der beiden Programme – eine Einschätzung, die ich aus eigener Erfahrung bisher teile. Dem gegenüber steht Finale mit seinen weitreichenden, exakten Einstellmöglichkeiten und dem Bonus des Platzhirschen, der lange Zeit als das Nonplusultra in Sachen Musiknotation am Computer galt. Vor allem an vielen Hochschulen und bei vielen Verlagen wird nach wie vor auf Finale gesetzt. Kann Sibelius mit der neuen Version weiter Boden gut machen? Wir haben uns die neuen Funktionen der Software angesehen.

Details

Konzept

Der Hauptzweck einer Notationssoftware ist schnell umrissen: Im Vordergrund steht die Erstellung von Partituren und Auszügen in professioneller, druckreifer Qualität. Natürlich bietet Sibelius nicht erst seit diesem Update verschiedene Verfahren zur Eingabe und Bearbeitung von Noten und sonstigen Elementen wie Artikulationen, Ausführungszeichen, Akkordsymbole, Liedtext, Sondernotationen etc. sowie zur Erstellung eines druckreifen Layouts. Hinzu kommt die automatische Erstellung von Auszügen für Einzelinstrumente, die dynamisch mit der Partitur verknüpft werden, sodass sich Änderungen an der Partitur automatisch auch im Auszug wiederfinden und umgekehrt. Umfangreiche Im- und Exportfunktionen ermöglichen die Bearbeitung von Ausgangsmaterial in verschiedenen Formaten (Import: MID, MusicXML, PhotoScore/AudioScore) und das Bereitstellen der fertigen Partitur im jeweils erforderlichen Dateityp (Export: PDF, verschiedene Grafikformate, MID, MusicXML, Audio, Video, Avid Scorch).  

Es gehört bei Sibelius zum Konzept, dass die Software quasi „intelligent“ mitdenkt und vieles automatisch macht, etwa in Sachen Kollisionsvermeidung oder Seitenlayout. Man muss sich allerdings keine Sorgen machen, individuelle Gestaltungswünsche nicht umsetzen zu können – auf Wunsch kann man fast alles einstellen und selbst definieren. Im Vergleich zu Finale wirkt Sibelius bei Konzept und Arbeitsweise für mein persönliches Empfinden etwas „musikalischer“ – die Automatik funktioniert in den allermeisten Fällen unauffällig und macht ihre Sache ausgezeichnet, sodass man nur selten korrigierend Hand anlegen muss. Finale kommt im Vergleich eher „wissenschaftlich“ daher, mit zahlreichen Dialogfenstern voller Werte, die sich bis in den Mikrometerbereich hinein justieren lassen. Vielleicht liegt darin ein Grund für die häufig anzutreffende Ansicht, Sibelius sei die intuitivere Software. Letztlich muss das jeder anhand der persönlichen Vorlieben selbst entscheiden, aber die meisten werden mir wohl in einer Behauptung zustimmen: Schwieriger zu erlernen und zu bedienen als Finale ist Sibelius jedenfalls nicht. Die Qualität der Notation ist dabei für mein Empfinden auf Augenhöhe.

Hauptsächlich als akustische Kompositions- und Arrangementhilfe – mittlerweile aber durchaus auch zur Produktion von Demos bzw. „Mock-Ups“ – enthält Sibelius eine 36 GB große Soundlibrary, die fast alle denkbaren Instrumente umfasst und in Sachen Größe die ca. 2 GB große Klangbibliothek der Konkurrenz mühelos hinter sich lässt. Auf das Wiedergabeverhalten in Bezug auf die verschiedenen Notationselemente (Dynamik, Artikulationen etc.) kann bis ins Detail Einfluss genommen werden. Die meisten dieser „Standards“ gehören schon lange zum Arsenal und haben sich gegenüber der Vorgängerversion nicht verändert. Ich möchte daher auch auf den bonedo-Testbericht zu Sibelius 7 verweisen, in dem auf einige Grundlagen eingegangen wird. Im Folgenden widme ich mich den Neuerungen der Version 7.5.

Neue Funktionen

Der Versionssprung um eine halbe Nummer – von 7 auf 7.5 – lässt bereits erahnen, dass das Update dieses Mal keine Radikalkur ist wie der Sprung auf Sibelius 7 vor etwa zwei Jahren, der unter anderem ein Redesign der gesamten Bedienoberfläche beinhaltete. Stattdessen ist die neue Version eher als Produktpflege zu verstehen und bringt hauptsächlich Detailverbesserungen, von denen einige allerdings recht vielversprechend sind. Am Bedienkonzept und an der Oberfläche hat sich hingegen nichts geändert – mit einer wichtigen Ausnahme.

Dieses bei der täglichen Arbeit mit der Software wahrscheinlich auffälligste neue Feature birgt gleichzeitig das größte Potenzial für einen verbesserten Arbeitsfluss. Die Rede ist von der neu hinzugekommenen Zeitleiste (Timeline). Dieses neue Fenster – eine Art Navigator Deluxe – lässt sich ins Hauptfenster integrieren oder wahlweise frei auf dem Bildschirm positionieren und stellt Informationen wie Tempo-, Takt- und Tonartwechsel, Studierzeichen und verwendete Instrumente entlang einer Takt- bzw. Zeitleiste dar, wie man sie aus den gängigen DAW-Programmen kennt. So lassen sich bestimmte Stellen in einer Partitur ohne langwieriges Suchen mit einem Mausklick „anfahren“. Vor allem bei umfangreichen Werken dürfte das eine sehr willkommene Arbeitserleichterung ergeben.  

Außerdem enthält Sibelius 7.5 eine neue Video-Exportfunktion. Sie erstellt ein Video der Partitur inklusive Wiedergabe. Mit den ebenfalls neuen Anbindungen für Facebook und Youtube kann ein solches Video direkt auf diese Plattformen hochgeladen werden. Auch für Soundcloud wurde eine Uploadfunktion integriert – in diesem Fall für Audiodateien. Außerdem kann man Partituren direkt aus Sibelius per E-Mail versenden oder auf der Plattform ScoreExchange.com digital veröffentlichen. Schließlich wurde eine Exportfunktion für die iPad-App Avid Scorch integriert, die Partituren automatisch für den Bildschirm des Tablet-Computers optimiert.

Die übrigen Neuheiten dienen überwiegend einer realistischeren und lebendigeren Wiedergabe. Unter anderem gibt es einen überarbeiteten Espressivo-Algorithmus, der automatisch leichte Variationen in der Wiedergabe erzeugt, und weitreichende Bearbeitungsmöglichkeiten für das Rhythmic Feel bis hin zu komplett selbst erstellten Rhythmus-Mappings. Neu ist auch die so genannte „Metric Emphasis“, mit der sich die betonten Zählzeiten automatisch leicht hervorheben lassen. Außerdem wurde das Wiedergabe-Lexikon um neue Funktionen ergänzt, die unter anderem erstmals die korrekte Wiedergabe vieler Verzierungen (Pralltriller, Doppelschläge) sowie einiger Symbole wie Atemzeichen und Zäsuren ermöglichen.

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