Hersteller_AKG
Test
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28.01.2010

Praxis

Nix Plastik! Das eisblau gebürstete Mikrofon liegt schwer und wertig in der Hand, die Verarbeitung – auch die des Speiseteils – wirkt ordentlich. Das Vorurteil “China” scheint also erst einmal nicht zu greifen. Bezüglich der Materialien und Fertigungsgenauigkeiten sollten die chinesischen Autohersteller eventuell auch einmal Spione in die Fabrik entsenden, die dieses Mikrofon hergestellt hat. Auch am Speisenetzteil gibt es nichts zu mäkeln. Ob die gebürsteten Oberflächen und die Farben als “edel” oder “überdesignt” angenommen werden, darf jeder selbst entscheiden. Ich persönlich mag den kühlen “Badezimmer-Look” derartiger Audiogeräte nicht sonderlich, aber ich habe auch eine ausgeprägte Liebe zu echtem Vintage und zurückhaltender Zeitlosigkeit (à la Wagenfeld oder Jacobsen). AKGs Spinnen können ebenfalls als “Soll” herhalten, das zum “Ist” einiger anderer Hersteller eine doch oft recht hohe Differenz aufweist: Sie sind leicht, funktionell und haltbar. Doch was sollen diese Anmerkungen, es geht schließlich bei einem Mikrofon in erster Linie um Wesentlicheres, den Sound!

Nix Plastik! Auch diesen Absatz kann ich getrost so anfangen, denn das 820 Tube klingt definitiv nach einem echten Röhrenmikrofon! Es “drückt” das Signal ein wenig mit sanfter Pegelkennlinie, fügt bei höherpegligen Signalen zunehmend deutlich Harmonische hinzu, die jedoch schnell genug mit einer Signalspitze wieder verschwinden, um nicht ungewolltes Schmieren hinzuzufügen. Daher wird auch transientenreiches Material –hörbar vor allem an den S- und T-Lauten – ohne Zerstörung übertragen. Dies ist im Allgemeinen ein Hinweis auf eine hochwertige Kapsel und eine durchdachte Schaltung ohne viel Firlefanz. Angenehm ist zudem die geringe Popp-Anfälligkeit des Schallwandlers, die Sängerin musste für das File schon annähernd forciert P-Laute erzeugen (Aufnahmen ohne Popp-Filter). Das Vocal-File bei Nierencharakteristik bestätigt das Frequenzgang-Diagramm. Die sanfte Anhebung der Präsenzen und des Bereichs um die 12 kHz steht den meisten Vocals sehr gut. Dadurch eignet sich das Perception im Nierenbetrieb vor allem für die Aufzeichnung der menschlichen Stimme.

Für manche Instrumente mag dies etwas kontraproduktiv sein, doch geht das 820 moderat zu Werke – nichts, was sich nicht mit einem ordentlichen EQ (falls gewünscht) wieder ausgleichen ließe. Wer von mir etwas pauschaler eine Aussage zur “Wärme” dieses Mikrofons haben möchte, dem kann ich sagen: “Ja, ist da.” Das liegt allerdings nicht zuletzt am Frequenzgang des Mikros. Wenn man aber den Pad-Schalter betätigt, ist sie sogar etwas deutlicher als bei manchem anderen Röhrenmikrofon, aber eben ohne viele oft ungewünschte oder in vielen Situationen unpassende Nebeneffekte. Von “Vintage-Charakter” möchte ich hier aber nicht sprechen, denn dafür ist das Mikrofon dann doch zu offen, zu schnell, zu modern und zu brillant.

Die unterschiedlichen Klangcharakter würde ich mir gerne noch extremer wünschen. Wäre das Pad noch eine Schippe "heißer" gefahren, würde man mit dem 820 bei Bedarf einen richtigen Soundmacher haben. Das summierte Signal der beiden Nierenkapseln – die Kugel also – verhält sich erwartungsgemäß, der nach Polardiagramm recht späte Einbruch der Charakteristik-Konstanz hat in der Praxis keinerlei wesentliche Effekte – andere Mikros verhalten sich mehr oder weniger gleich. Die Delle unterhalb von 5 kHz ist zu verschmerzen. Manchen Signalen tut eine Abschwächung hier sogar recht gut (dem Altsaxophon etwa), anderen fehlt dadurch etwas Biss. Die Acht ist eine Acht, wie sie sein sollte: „eckig“ und präsent. Die akustischen Einflüsse der Kapsel selbst wirken erst bei enorm hohen Frequenzen auf den Frequenzgang, sodass die angegebene Konstanz der Empfindlichkeit auch tatsächlich erreicht wird. Für eine stark präsente Stimme, die dennoch ausreichend luftig ist, ist die Acht nicht nur bei diesem Mikrofon mein Favorit für Gesang – vor allem bei Raps. 

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