Der Sound war ein Unfall: 7 Gitarrenklänge, die niemand geplant hatte

Manchmal entstehen die schönsten Dinge durch Unfälle. Das gilt auch für Gitarrensounds. Viele legendäre und wegweisende Momente auf berühmten Aufnahmen waren nicht etwa das Ergebnis von Kalkül oder Erfindergeist, sondern schlichtweg ein „happy accident“. Wir haben für euch 7 Momente der E-Gitarrenhistorie zusammengefasst, die so nicht geplant waren und dennoch einen legendären Gitarrensound zur Folge hatten.

Diese Sounds waren ein Unfall – bonedo Feature
Credits: Alamy Stock Foto / Sebastian Kautz

Die Geschichte der E-Gitarre ist eine Geschichte voller Missverständnisse

Wie kaum ein anderes Instrument ist die (verzerrte) E-Gitarre in ihrer Entstehung verwoben mit Geschichten über missglückte Einsätze, Unwissenheit und Scheitern. Lautstärke, Übersteuerung, Feedback, Verzerrer … vieles von dem, was wir heute als natürliche Bestandteile des E-Gitarrensounds kennen, ist auf Basis von Zu- oder Unfällen entstanden. Denn eigentlich sollte die elektrische Gitarre nur eine etwas lautere Akustikgitarre sein, die es mit den Bläsern einer Bigband aufnehmen kann. Das, was die meisten Menschen heute mit dem Klang einer E-Gitarre in Verbindung bringen, war in vielerlei Hinsicht so nicht geplant. Hier sind unsere 7 „happy guitar accidents“.

Jackie Brenston and his Delta Cats – „Rockett 88“

Der Song „Rockett 88“ von Jackie Brenston and his Delta Cats gilt für viele als die Geburtsstunde des Rock’n’Roll – und das gleich in zweierlei Hinsicht: Der 1951 in Memphis, Tennessee, aufgenommene Uptempo-12-Bar-Blues ist eine Art musikalische Blaupause für das, was als Rock-and-Roll-Revolution Mitte der 50er-Jahre mit Protagonisten wie Chuck Berry, Little Richard und Elvis Presley die Welt erobern sollte. Gleichzeitig gilt die energetische und leicht „schmutzige“ Aufnahme als eine der ersten Dokumentationen von Gitarrenverzerrung. 

Der in den ersten Takten gut zu hörende bröselige Gitarrensound entstand der Legende nach durch einen Unfall im wahrsten Sinne des Wortes. So soll der auf der Aufnahme verwendete Gitarrenverstärker nach einem Sturz aus dem Kofferraum mit einer beschädigten Lautsprechermembran im Studio angekommen sein. Der Sound des notdürftig mit etwas zerknülltem Papier „reparierten“ Lautsprechers gefiel Produzent Sam Phillips so gut, dass er auf der Aufnahme landete.

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Die Geschichte hinter dem Gitarrensound auf „Rumble“ von Link Wray & The Wraymen ist eine von mehreren, bei denen ein vorsätzlich beschädigter Gitarrenlautsprecher die Hauptrolle spielt. So soll Wray seine „verzerrte“ Gitarre im Studio durch das Perforieren der Speaker-Membran mit einem Bleistift erzeugt haben. Der tatsächliche Unfall, der ihn hierzu inspirierte, passierte allerdings während eines Live-Auftritts im Jahr 1958 in Fredericksburg, Virginia. Hier soll ein versehentlich zu nah am Gitarrenverstärker platziertes Gesangsmikrofon ein vollkommen übersteuertes Gitarrensignal auf die PA übertragen haben. Der Legende nach hat die „verzerrte“ Gitarre die Menge derart elektrisiert, dass die Band das spontane Instrumental zu „Rumble“ viermal wiederholen musste. Zitat Wray: „The kids just went ape!“

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Marty Robbins – „Don’t Worry“

Kaum ein „Unfall“ hatte einen so wichtigen Einfluss auf die elektrische Gitarre wie die Geschichte hinter „Don’t Worry“ von Marty Robbins, denn sie führte indirekt zur Erfindung des Bodenpedalverzerrers. Bei den Aufnahmen zu „Don’t Worry“ im Jahr 1960 sorgte ein defekter Mischpultkanal für einen seltsam übersteuerten Bass-Sound, der aus Mangel an Zeit und Alternativen auf der Aufnahme belassen wurde. Der ab Minute 1:26 zu hörende Sound gefiel dem damaligen Toningenieur Glenn Snoddy so gut, dass er beschloss, den defekten Preamp zusammen mit dem Rundfunktechniker Revis V. Hobbs als handliche Standalone-Version nachzubauen. Ihren Prototypen verkauften die beiden Ingenieure im Jahr 1962 an den Gibson-Konzern. Damit war das erste kommerziell vermarktete Verzerrerpedal der Gitarrenhistorie geboren: der Maestro Fuzz-Tone (FZ-1). 

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The Rolling Stones – (I Can’t Get No) Satisfaction

Auch wenn die Entstehung des Gitarrenriffs von „Satisfaction“ nicht direkt auf einen Unfall zurückzuführen ist, gehört seine Entstehung doch zu den wichtigsten „happy accidents“ der Rockgeschichte. Das knarzige Singlenote-Gitarrenriff wurde 1965 von Keith Richards mit einem Maestro Fuzz-Tone eingespielt. Das FZ-1 gilt heute als gesuchtes Vintage-Fuzz-Pedal, wurde nach seiner Markteinführung 1962 von der Gitarrengemeinde aber zunächst kaum beachtet. Nicht zuletzt, weil es damit beworben wurde, den Sound von Bläsern oder Streichern zu simulieren. 

So verwundert es nicht, dass Richards das legendäre „Satisfaction“-Riff zunächst auch als Platzhalter für eine Bläsersektion einspielte. Dass nach dem großen Erfolg von „Satisfaction“ jeder so klingen wollte wie „Keef“, animierte Hersteller und Gitarristen gleichermaßen zur Etablierung des Fuzz-Sounds in der Welt der E-Gitarre. Ohne diesen „happy accident“ wäre die Rockmusik der späten 60er-Jahre mit prominenten Fuzz-Nutzern wie Jeff Beck oder Jimi Hendrix und Pedalen wie dem Sola Sound Tone Bender (1965) oder dem Arbiter Fuzz Face (1966) eine andere gewesen.

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The Kinks – „You really got me“

Kaputter Speaker – die Dritte! Auch hinter dem Welthit von 1964 steckt die mutwillige Zerstörung einer Lautsprechermembran. Für den charakteristischen Gitarrensound auf „You really got me“, soll Gitarrist Dave Davies während der Aufnahmen seinen Speaker mit einer Rasierklinge bearbeitet haben. Die Folge war ein kaputter, knarziger und aus heutiger Sicht Fuzz-artiger Gitarrensound, der immer wieder als frühes Beispiel für Gitarrenverzerrung genannt wird. Über den genauen Tathergang des vorsätzlichen „Unfalls“ (Rasierklinge vs. Stricknadel) und den tatsächlichen Protagonisten (Ray vs. Dave) ist sich das notorisch zerstrittene Brüderpaar Davies nie ganz einig geworden. 

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The Beatles – „I feel fine“

Die ersten 6 Sekunden von „I feel fine“ von 1964 gelten als die erste Dokumentation von Gitarren-Feedback auf einer populären Aufnahme. Die etwas andere Lennon-McCartney-Kollaboration entstand 1964 während der Aufnahmen in den legendären EMI Studios (Abbey Road), als John und Paul gerade auf dem Weg in den Regieraum waren. Lennon hatte seine aufgedrehten Gitarren an McCartneys Bass-Amp gelehnt, woraufhin sich ein seltsamer „Voodoo“-Sound aus seinem Verstärker bemerkbar machte. Der seltsame Zufall wurde spontan für das „I feel fine“-Intro genutzt. Hier hören wir im linken Kanal ein hohes A von McCartneys Bass, gefolgt von einem Feedback der angelehnten Gitarre im rechten Kanal. Ein echter Klassiker unter den Studio-„Unfällen“.

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Dire Straits – Money for Nothing

Das Gitarrenriff zu „Money for Nothing“ (1985) ist nicht bloß ein Beispiel dafür, wie gut sich Fingerstyle und E-Gitarre vertragen. Hinter dem markanten Gitarrensound von Mark Knopfler verbirgt sich auch eine schöne Anekdote über Studiounfälle. So erinnert sich Neil Dorfsman, der Produzent des „Brothers in Arms“-Albums, in einem Interview sehr genau an den Aufbau des Gitarren-Setups für „Money For Nothing“. Die Basis bildete damals ein sogenannter Fixed-Wah-Sound über einen Laney-Combo, abgenommen mit einem Shure SM57. 

Nachdem Knopfler und Dorfsman nach vielen Versuchen endlich mit dem Ergebnis zufrieden waren, beschlossen sie, die eigentliche Recording-Session am nächsten Tag fortzusetzen. Im Studio angekommen musste Dorfsman feststellen, dass sich das Mikrofon aus der Klemme gelöst hatte und ca. 10 cm vor dem Speaker auf den Boden zeigte. Gerade als er den „Fehler“ beheben wollte, wurde er vom Aufnahmeteam zurückgerufen. Es hatte sich mittlerweile herausgestellt, dass genau dieser Sound am Tag zuvor für perfekt erklärt wurde. Ein einzigartiger „happy accident“, den Dorfsman laut eigenen Aussagen bei einem späteren Versuch in einem anderen Studio nicht mehr reproduzieren konnte.

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Fazit 

Die Geschichte der E-Gitarre, wie wir sie heute kennen und lieben, basiert zum Teil in der Tat auf einer Reihe geschichtsträchtiger Unfälle. Viele dieser wegweisenden „happy accidents“ stammen aus der Pionierzeit der Rockmusik in den 60er-Jahren und sind beim heutigen Stand der Technik kaum noch vorstellbar. Das Erbe dieser nicht geplanten Gitarrenklänge ist aber heute noch allgegenwärtig. Welche Unfälle haben bei euch schon zu einzigartigen Gitarrensounds geführt? Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen!

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