Jonny Greenwood: „Musik zu canceln ist wie Bücher zu verbannen“

Radiohead Gitarrist Jonny Greenwood spricht mit der spanischen Tageszeitung EL PAÍS über kulturelle Boykotte, die Zukunft seiner Band und die Frage, ob Musik wegen politischer Konflikte gecancelt werden sollte. Während er mit Ranjha ein neues Album mit Shye Ben Tzur und The Rajasthan Express veröffentlicht, steht vor allem seine Haltung zur Zusammenarbeit mit israelischen Künstlern im Fokus.

michell zappa from São Paulo, Brazil, CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0, via Wikimedia Commons

Jonny Greenwood, Radiohead und die Boykott Debatte

Jonny Greenwood war lange vor allem als Gitarrist von Radiohead bekannt. Inzwischen ist der 54 Jahre alte Musiker aus Oxford auch als Filmkomponist, klassisch ausgebildeter Musiker und Mitglied von The Smile etabliert. Er schrieb Soundtracks für Paul Thomas Anderson, wurde mehrfach für den Oscar nominiert und bewegt sich seit Jahren zwischen Alternative Rock, klassischer Musik und internationalen Projekten.

Doch aktuell geht es bei Greenwood nicht nur um neue Musik. Im Mittelpunkt steht seine Haltung zu kulturellen Boykotten. Wegen seiner Zusammenarbeit mit dem israelischen Musiker Dudu Tassa wurde Greenwood wiederholt kritisiert. Geplante Konzerte in Großbritannien wurden nach Boykottaufrufen abgesagt. Propalästinensische Gruppen kritisieren Auftritte mit israelischen Künstlern, weil sie darin eine kulturelle Aufwertung Israels trotz des Kriegs in Gaza und der Besatzungspolitik sehen. Greenwood widerspricht dieser Sicht deutlich. Für ihn ist musikalische Zusammenarbeit keine Zustimmung zu einer Regierung. Die Songs, die er mit Tassa spielt, reichen aus seiner Sicht weiter zurück als viele heutige Staaten und Konflikte. Musik wegen der Herkunft eines Künstlers zu verbannen, vergleicht Greenwood mit dem Entfernen von Büchern aus Regalen.

Warum Greenwood gegen das Canceln von Musik ist

Greenwood versucht, zwischen Regierung und Kunst zu unterscheiden. Er betont, keine Loyalität gegenüber der israelischen Regierung zu haben. Gleichzeitig sagt er, dass er Respekt für Künstler habe, die in Israel geboren wurden. Für ihn ergibt es keinen Sinn, eine musikalische Zusammenarbeit abzubrechen, nur weil ein Künstler aus einem politisch umstrittenen Land kommt.

Diese Haltung ist diskussionsbedürftig. Befürworter kultureller Boykotte sehen darin ein Mittel, politischen Druck aufzubauen. Greenwood sieht Boykotte kritisch, weil sie seiner Meinung nach auch nach hinten losgehen können. Eine Regierung könne sie nutzen, um zu sagen: „Alle sind gegen uns.“ Dadurch könne sie ihre harte Linie noch leichter rechtfertigen. Wie angespannt das Thema ist, zeigte sich auch im Interview selbst. Als es um Palästina, Israel und mögliche Diskussionen innerhalb von Radiohead ging, bat ein Vertreter des Labels BMG darum, das Gespräch wieder auf Musik zu beschränken.

Wie geht es mit Radiohead weiter?

Neben der Debatte um Cancel Culture bleibt die Zukunft von Radiohead das große Thema. Nach sieben Jahren Pause stand die Band zuletzt wieder gemeinsam auf der Bühne. Für Greenwood war die Rückkehr ein besonderer Moment. Er habe Thom Yorke singen gehört und erneut gespürt, welche Kraft diese Stimme und diese Songs noch immer haben.

Konkrete Pläne für ein neues Radiohead Album gibt es allerdings nicht. Greenwood sagt, die Band sei schlecht darin, langfristig zu planen. Thom Yorke arbeitet derzeit an eigener Musik, danach werde man weitersehen. Auch weitere Radiohead Konzerte sind möglich, aber nicht absehbar. Wie so oft bleibt bei Radiohead alles offen.

Gerade diese Unberechenbarkeit gehört zur Geschichte der Band. Radiohead haben ihre Karriere nie nach klassischen Erwartungen organisiert. Ob neues Album, Tour oder längere Pause, die nächsten Schritte entstehen offenbar erst, wenn alle Beteiligten bereit sind. Für Fans heißt das: Radiohead sind nicht abgeschlossen, aber auch nicht konkret zurück.

Ranjha als Nebenprojekt mit größerer Bedeutung

Mit dem neuen Album Ranjha mit Shye Ben Tzur und The Rajasthan Express zeigt Greenwood, wofür er nach eigener Aussage steht: für musikalischen Austausch statt Abgrenzung. Die Songs verbinden indische Devotionalmusik, Sufi Gesang, hebräische Poesie und experimentelle Klänge zu einem offenen, grenzüberschreitenden Sound.

Für Greenwood ist genau das entscheidend. Musik soll sich über Grenzen hinweg bewegen dürfen, auch wenn die politische Gegenwart kompliziert ist. Ob man seine Haltung teilt oder nicht, sie berührt eine zentrale Frage der Musikbranche: Wo endet politischer Protest, und wo beginnt das Ausschließen von Musik aus dem öffentlichen Raum?

Jonny Greenwood beantwortet diese Frage klar. Kunst darf kritisiert werden, Regierungen erst recht. Doch Musik pauschal aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, hält er für gefährlich. Für Radiohead hat diese Debatte besonderes Gewicht, weil die Band seit jeher mit künstlerischem Anspruch und gesellschaftlicher Sensibilität verbunden wird. Und ihre Zukunft bleibt offen: nicht beendet, nicht planbar, aber weiterhin möglich.

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