Zwischen alten Göttern und neuen Sternzeichen fügt sich SPLs neuster Mastering Kompressor elegant ein. Aus DNA des IRON gebrütet, ist Venos ein verfeinerter Stereo-Prozessor für die letzten Quäntchen Verdichtung. Als moderner Vari-Mu mit reichlich Sidechain-Optionen und verstellbaren Gleichrichter ausgestattet, präsentiert er sich geneigten Connoisseuren als Feinschmecker-Besteckt – mit bemerkenswert gereiften Bedienkonzept!

- sehr unauffällige, saubere und kontrollierte Kompression
- exzellenter Glue ohne klangliche Überformung
- hohe Präzision und perfekter Stereo-Gleichlauf
- schneller Workflow, ideal für Sweetspot-Vergleiche
- negative Kompression als kreatives Werkzeug und “Refresher”
- Germanium-Rectifier neigt etwas früh zu hörbaren Verzerrungen

Was ist Variable Bias bzw. Vari-Mu ?
Der SPL Venos ist ein Stereo-Bus-Kompressor für 19-Zoll-Racks auf 3-HE zu einem Gewicht von 8,5 kg. In Rot und Schwarz erhältlich, arbeitet er nach dem “Variable Bias” Konzept. Zur Gain-Reduktion wird die Gittervorspannung (Bias) einer Röhre moduliert, die über variablen Sperrbereich verfügt (12AU7/ ECC82). Fehlt eigentlich nur die Farbe Gold, um seinem “Made in Germany” extra zu huldigen.

Die Ein- und Ausgänge werden SPL-typisch mit 120-Volt OpAmps gepuffert, es kommen also keine weiteren Röhren abseits der beiden Remote-Cutoffs zum Einsatz. Die Ein- und Ausgangsübertrager sind vom SPL IRON, die Stromversorgung erfolgt klassisch, linear und mit dicken Ringkerntrafo.
Da sich bei diesem Regelungskonzept die effektive Verstärkung (μ sprich mu) der Cutoff-Röhre dynamisch und unter Einfluss des Sidechain ändert sprich man auch von einen Vari-Mu-Kompressor. Kurz gemerkt: Bias wird erhöht → μ sinkt → Pegelreduktion.
Der Begriff Vari-Mu ist insofern historisch gewachsen und mir Variable Bias faktisch identisch. „Variable Mu“ hingegen ist ein konkretes Produkt von Manley und als Markenname geschützt. Die technische Bezeichnung wird aber bereits seit den 1940er herstellerübergreifend von Fairchild, RCA oder Altec genutzt.
Hier wird nicht gefummelt!
SPL geht mit seinem aktuellen Design insgesamt deutlich über klassische Vintage-Konzepte hinaus. Der Venos präsentiert sich straffer, feiner abgestimmt in seinen Optionen und klar auf moderne Mastering-Workflows ausgelegt. Das übersichtliche 3-HE-Layout überzeugt, wird konsequent ausschließlich im Stereo-Betrieb gefahren und erweist sich in der Praxis als ausgesprochen flink und intuitiv.
Gerade beim Vergleichen der zahlreichen Sweetspots spielt das Bedienkonzept seine Stärken aus: Threshold und Rectifier lassen sich präzise und gleichzeitig umschalten, wodurch unterschiedliche Regelcharaktere schnell und reproduzierbar gegeneinander getestet werden können. Auch der Recall gestaltet sich entsprechend unkompliziert.

Lediglich ein kleiner Kippschalter ist verblieben, der den bekannten AirBase- und Tape-EQ aktiviert. AirBase erzeugt dabei eine dezente 2-dB-Badewannencharakteristik, während Tape den leichten Höhenabfall einer Bandmaschine simuliert – beides Funktionen, die man bereits vom IRON kennt. Eine LED zur Quittierung wäre allerdings hilfreich. Der Bias wiederum war beim IRON in nur drei Stufen anpassbar, hier gibt es nun sogar ein eigenes, dickes Poti!
Dicke Regler, saftige Schalter
Ansonsten fährt SPL beim Venos konzeptionell deutlich zurückhaltender als beim IRON. Dessen enorme Funktionsvielfalt galt vielen Anwendern als überladen, und trotz der massiven 4-HE-Bauhöhe wirkten die zahlreichen Kippschalter nicht selten etwas fummelig. Beim Venos präsentiert sich das Bedienkonzept nun wesentlich aufgeräumter – alle Bedienelemente sind angenehm groß dimensioniert und klar zugänglich.
Die zentralen Regler sind als gestufte Potentiometer mit jeweils 41 Rastpositionen ausgeführt und steuern Input, Threshold, Output sowie das Bias-Offset. Sämtliche dieser Parameter wirken stets stereogekoppelt auf beide Kanäle – der IRON war Dual-Mono konzipiert.

Die übrigen Funktionen sind konsequent über Drehschalter realisiert; so stehen für Attack und Release jeweils sechsstufige Zeitkonstanten zur Verfügung, die eine schnelle und reproduzierbare Einstellung ermöglichen.
Ein Rectifier wandelt das Audiosignal in eine Gleichspannung um, mit der der Bias der Röhre geregelt wird. SPL setzt hier gleich auf drei unterschiedliche Gleichrichter-Netzwerke, die nicht nur das Regelverhalten, sondern auch Parameter wie Attack, Release und den effektiven Threshold beeinflussen.
Zur Auswahl stehen Germanium, Silizium und Silicon. Die klanglichen und regelungstechnischen Unterschiede lassen sich dabei nur bedingt theoretisch beschreiben – letztlich sind sie klar hörbar und müssen im praktischen Einsatz erlebt werden.
Sidechain-Optionen: Venos kann auch negativ
Der Venos bietet insgesamt sechs Sidechain-Optionen inklusive einen XLR-Anschluss für externe Sidechain-Filterung. Neben den drei Filtern Linear, Modern und Vintage stehen erstmals auch zwei neue Hyper-Modes namens Punch und Focus zur Verfügung. Diese arbeiten bewusst gegenläufig zur klassischen Sidechain-Filterung: Ab einem bestimmten Pegel fällt die Regelspannung wieder ab, wodurch es zu einer negativen Kompression kommt. Auf diese Weise lässt sich selbst stark verdichtetem Material gezielt wieder mehr Dynamik und Leben verleihen.

Die klassischen Modi Linear, Modern und Vintage arbeiten hingegen konventionell, indem sie bestimmte Frequenzanteile aus dem Sidechain entfernen. Dadurch wird der Kompressor in diesen Bereichen weniger stark getriggert.
Der Linear-Mode war in ähnlicher Form bereits vom IRON bekannt, wo er als OFF bezeichnet wurde. Technisch handelt es sich um einen sehr dezenten Low-Cut unterhalb von etwa 20 Hz, der vor allem tieffrequente Energie aus dem Regelkreis fernhält.
Der Vintage-Filter entspricht funktional dem früheren EQ4 des IRON. Er greift primär in den Mitten ein und lässt sich gut mit dem AirBase-EQ kombinieren, um das Regelverhalten gezielt zu formen.
Der Modern-Mode erinnert klanglich an eine Mischung aus EQ2 und EQ3 des IRON: ein stärker ausgeprägter Low-Cut, verringert um den leichten Bass-Bump, der den Kompressor weniger sublastig, aber dennoch druckvoll reagieren lässt.


