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sE Electronics RNT Test

Praxis

Das Netzteil sieht gut aus …

Man soll ja weder vom Äußeren auf die inneren Werte schließen noch ist es sinnvoll, als Produkttester das altbekannte China-Fass aufzumachen – dass das Land nicht nur als Produktionsstätte, sondern auch in Forschung und Entwicklung nicht mehr ganz nackt dasteht, muss man in der Audiobranche sicher nicht mehr in aller Ausführlichkeit erklären. Allerdings fällt auf, dass es bezüglich der Verfügbarkeit von Materialien, in der Qualität der Ausführung und vielleicht auch im Fertigungsanspruch durchaus noch kleine, aber feine Unterschiede gibt. Ich habe auch schon an Mikrofonen von mitteleuropäischer, schwedischer oder japanischer Herkunft kritisierbare Punkte gefunden. Aber wenn ich mein Microtech Gefell UM 92.1S gegen das etwa gleich teure sE RNT halte, dann weiß ich, wer von mir einen Punkt für Wertigkeitsgefühl bekommt. Nichts Schlimmes (so manches englische oder amerikanische Mikrofon wirkt ja sogar durchaus „grob“ ausgeführt), aber bei einer nicht unerheblichen Investition finde ich das nicht ganz so tofte, wenn nicht alles wirklich absolut top-notch wirkt. Und, na ja, also so richtig „schön“ finde ich die Formgebung auch nicht. Das Netzteil mit seinem Rupert-Neve-Designs-Look und dem Hammerschlag hingegen stelle ich mir gerne gerne ins Blickfeld.

Hinten: Recht schönes Netzteil. Vorne: Mikrofon.
Hinten: Recht schönes Netzteil. Vorne: Mikrofon.

Nicht kreuzbrav, aber auch nicht warm und wohlig

In jedem Fall ist das sE RNT ein groß und edel klingendes Mikrofon. Rupert Neve scheint hier etwas spendabler als in seinen aktuellen Geräten mit dem klanglichen Farbeimer zu hantieren. Und die „Sprache“ der Rupert-Neve-Serie bei sE Electronics erscheint schlüssig, stimmig und homogen. Denn genau wie bei den von uns getesteten sE RN17 klingt es ein wenig so, als habe man ein sehr hochwertiges Mikrofonsignal nicht mit einem kreuzbraven, sondern mit einem etwas rock’n’rolligen Preamp in den mittleren bis oberen Bereichen der Trafosättigung verstärkt. Im Ergebnis entsteht dadurch ein Klang, der beispielsweise auf Stimmen und auch Akustikgitarren für den edlen Glanz sorgt, den man auf vielen Signalen gerne hat. Wirklich schwer, warm und „beefy“ ist der Sound aber nicht. Eigentlich etwas schade, denn ein bisschen höhere Anreicherung auf tieffrequenten Signalen hätte dem sE RNT gut zu Gesicht gestanden, wie ich finde. Die Färbung ist aber in jedem Fall gut berechenbar und schon Bestandteil des Signals bei geringen Pegeln. Diese Konstanz über den abbildbaren Pegelbereich sorgt auch dafür, dass bei hohen Pegeln die Harmonischen nicht überschlagen oder die Dynamik gedrückt wirkt. Besonders deswegen möchte ich das RNT-Mikrofon als wirklich pegelfest loben. Und bei allen Dynamikstufen, vom sehr homogenen, unauffälligen und dunklen Rauschteppich bis nach ganz oben ist die Detailabbildung wirklich gut!  

Audio Samples
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RNT_10N.wav RNT_30N.wav RNT_70N.wav RNT_10N_HPF.wav RNT_30K.wav RNT_30A.wav RNT_30N45.wav RNT_30N_m12.wav RNT_30N_p12.wav UM92_310N.wav UM92_30N.wav UM92_70N.wav UM92_30K.wav UM92_30A.wav UM92_30N45.wav

Acht gefällt besser als Kugel und Niere

Niere und Kugel wirken etwas entfernter als die Acht, welche deutlich präsenter und „in your face“ rüberkommt – und mir deswegen auch besser gefällt als die anderen Polar Patterns, die ein wenig reservierter, aber auch kantiger, bissiger und kälter klingen. Die Acht des RNT klingt dadurch auch mehr nach klassischem Röhrenmikrofon, näher, etwas dichter und griffiger. Vor allem Vocals lassen sich so besser im Mix platzieren. Doch auch die Zwischenstufen zur Niere, also Super- und Hypernierenstellungen, können von diesen Eigenschaften sehr profitieren. Bezüglich der Konstanz der Richtcharakteristik zeigt sich das sE Electronics RNT als klassisches Doppelmembranmikro. Es besitzt zwar auch die typische Achtneigung der Kugel in den Höhen, aber überall sind die starken Pegeländerungen im Rahmen. Einzig der vielleicht doch recht schmale „Beam“ der Kapseln zwingt bei wichtigen Signalanteilen im zweistelligen Kilohertzbereich zur sehr genauen Ausrichtung und guten Mikrofondisziplin. Allerdings ist die Übertragung der höchsten Höhen etwas gedämpft, wie man es von Großmembranern gewohnt ist. Doch auch hier: Der Höhenabfall ist recht konstant und berechenbar, die Spotwirkung der Polar Patterns ebenso. Was ich vorhin leicht mokiert habe, zeigt sich als Vorteil bei naher Besprechung: Selbst in geringem Abstand bleibt das RNT knackig und neigt nicht zum Schwimmen oder Wummern. 

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